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Dominik Pförringer

Bobos – Individualismus in einer nur vermeintlich identitätslosen Zeit

Der Bohemien – ein der Bohème Zuzuschreibender. Die Bohème, ein künstlerisches Milieu, das sich teilweise dadurch definieren lässt, dass es sich nicht an bürgerliche Konventionen hält. So oder ganz ähnlich formulieren es die Enzyklopädien dieser Welt. Doch halt! Definieren lässt er sich nicht oder nur sehr ungern, der Bohemien, bestenfalls umschreiben, am liebsten wahrscheinlich beschreiben.

Das Unangepasste, das keiner Konvention Zugehörige und damit vermeintlich Individuelle war und ist dem wahren Bohemien stets zu eigen. Doch ist es keineswegs alles, was ihn ausmacht.

Der klassische Bohemien pflegt seine Exzentrik und seinen Selbstverwirklichungstrieb oft mit großer Passion. Ja, sich zu verwirklichen, das versuchen in der Tat viele, gelingen tut es den wenigsten. Im eleganten England fand ich hierzu den mehr als treffenden Satz an einem Strand: »When it is warm, please wear clothes that suit your body, not the body that you want.«

Wer heutzutage durch die vermeintlich hippen Läden europäischer Großstädte flaniert und dies mit dem wachen Blick des neugierigen Beobachters tut, der sieht viele Menschen, die sich exzentrisch zu geben versuchen. Die einen stark gewollten, doch in den seltensten Fällen erreichten Individualismus zur Schau stellen.

Da finden sich gerade in den letzten Jahren die Lumbersexuals, die legitimen Nachfolger der Metrosexuals. Sprich diejenigen Männer, die Bart, Holzfällerhemd und die grobe Jeans als tagtägliche Bestandteile ihres Auftrittes sehen. Doch wer sich das Gros dieser Clowns im Detail betrachtet, sich die Zeit nimmt, sie ins Gespräch zu verwickeln, der wird eine traurige Kohorte an Trittbrettfahrern und Mitläufern erkennen. Viele Mittelfeldler, viel betonierte Durchschnittlichkeit und leider oft der Mangel an jeglicher Kreativität, der Mangel an Mut zur Wahl des eigenen Outfits treten rasch zutage.

Hier werden Stil und Style allzu oft vermischt.

Es wird peinlich genau darauf geachtet, die Kleidungstipps mittelmäßiger Männerzeitschriften zu beachten. Die Wanna-be-Ergebnisse rollen dann auf Vintage-Bikes zum Latte macchiato, um dort eindrucksvoll unter Beweis zu stellen, dass nicht jeder seine Zigaretten selbst drehen sollte.

Die Bobos, die Bourgeois-Bohemiens, sind die neuen materialistischen Hippie-Yuppies. Ja, all das vereint der Begriff, all diese Lebensformen lassen sich in diesem Neologismus zusammenfassen. In Berlin (wo sonst) vorgelebt, in Paris aufzufinden, um die Welt unterwegs. David Brooks, der The-New-York-Times-Kolumnist, beschreibt in seinem Buch »Bobos in Paradise« die »Kapitalisten der Gegenkultur«. Er belächelt deren omnipräsente Ratio, die Unvereinbarkeit von Reichtum und Rebellion und stellt sich die Frage nach der Daseinsberechtigung dieser neu geschöpften soziologischen Fraktion.

Der Dandy, der Player, der Chauvi, der Beau, das Kind im Mann – sie alle haben ihre Daseinsberechtigung. Sie alle gestalten den Zoo des Lebens bunter und verleihen ihm in unserer gezähmten Welt ein wenig Dschungelhaftigkeit.

Gerade die Paradiesvögel, ja die Exoten, jene, die aus der Reihe tanzen, machen das Leben interessant und unseren Alltag zum Erlebnis.

Gäbe es einen Christoph Tophinke in Berlin nicht, der unsere Kleiderschränke mit seinem grell-bunt snobistischen Feuerwerk bereichert, wie grau wäre unser Alltag? Würde ein Michael von Hassel die Photographie nicht in Frage stellen und dabei für sich neu erfinden, wie trist blieben viele Wände?

Selbst das Finden der Suchenden, das Stilikonentum nimmt uns heute das weltweite Netz ab. Die selbsternannten Trufflediggers wühlen für uns in den Sphären der Modewelt und präsentieren uns die Highlights. Denken Sie neu, denken Sie um, jedoch tun Sie sich und mir den Gefallen: Denken Sie bitte primär selbst nach, statt den Seiltanz nur in den vorgeformten Fußstapfen anderer zu exerzieren.

Variatio delectat, werter Leser, genießen Sie dieses Schauspiel, leben Sie so individuell, wie es Ihnen Spaß macht. Finden Sie Ihren Stil und lassen Sie sich bitte dabei keineswegs von der Seite anquatschen. Und verfallen Sie nicht gar der Versuchung, mit der Masse zu laufen. Es wird stets ein wenig anstrengender sein, gegen den Strom zu schwimmen. Jedoch begegnen Sie so bedeutend mehr neuen, bunten Fischen und erleben den Geschmack völlig andersartiger Strömungen.

Keep swimming and fight to keep the fire burning!


Für Bobos und solche, die nie welche werden wollen:

Chelsea Farmers Club (Berlin – Schlüterstraße)

Die Truffledigger – gelebter, geliebter Individualismus


Von der Vergänglichkeit oder: Ein Single Malt, den Sie getrunken haben, kann Ihnen keiner mehr nehmen

Auf den verwischten Spuren des Dandy

 

 

Dr. Pförringer ist jüngster Spross einer altbayerischen Medizinerdynastie ist bekennender Aficionado, passionierter Wortspieler und im täglichen Leben Arzt und Gesundheitsmanager.

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