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David Höner

Malcolm Lowry, 1909 – 1957: Britisches Herrensöhnchen im Kampf mit dem Drachen

»Der Konsul senkte schließlich den Blick. Wie viele Flaschen seitdem? In wie vielen Gläsern, wie vielen Flaschen seitdem? Plötzlich sah er sie, die  Flaschen mit Aguardiente, Anis, Jerez und Highland Queen. Die Gläser, einen babylonischen Turm von Gläsern, der sich immer höher türmte wie der Rauch des Zuges an jenem Tag, bis in den Himmel hinauf, und der dann fiel, so dass die Gläser purzelnd und zerschellend vom Generalife Park hinunterrollten und alle Flaschen zerbrachen.

Oportoflaschen, tinto, blanco, Pernod, und Absinthflaschen, Flaschen zersplitterten, weggeworfene  Flaschen, die dumpf aufschlagend auf Parkwege, unter Bänke, Betten und Kinositze fielen, die in Konsulaten in Schubladen versteckt wurden, fallengelassene, zerbrochene Calvadosflaschen, die in tausend Scherben zersprangen. Flaschen, [ … ] Flaschen, Flaschen, Flaschen und Gläser, Gläser, Gläser  mit Bier, Dubonnet, Falstaff, Rye, Johnny Walker, Vieux Whiskey, blanc Canadien. Die Apéritifs, die Magenbitter, die Halben, die Doppelten, die »noch eines, Herr Ober«, die et glas Araks, die tusen taks, die Flaschen, die Flaschen, die schönen Flaschen mit Tequila und die Kürbisflaschen, Kürbisflaschen, Kürbisflaschen, die Millionen Kürbisflaschen mit herrlichem Meszcal.« (Unter dem Vulkan, 1947)

10 Jahre lang schreibt Malcolm Lowry an diesem Buch, welches immerhin auf der Liste der 100 besten Bücher des 20. Jahrhunderts Platz 11 erreicht, und von dem der grosse Gabriel Garcia Marquez später sagen wird:

»Unter dem Vulkan ist der Roman, den ich wohl am häufigsten in meinem Leben gelesen habe. Ich würde ihn in Zukunft gerne nicht mehr lesen, aber das wäre unmöglich, denn ich werde keine Ruhe finden, bis ich ergründet habe, worin sein verborgener Zauber liegt.«

»Jemand warf einen toten Hund ihm nach, in die Schlucht«

10 Jahre schreibt Lowry an diesem Buch, das gerade mal einen Tag im Leben des Konsuls beschreibt, es ist dessen letzter und Allerheiligen, in einem mexikanischen Städtchen, im Schatten eines Vulkans. Das grosse, finale Lamento eines Säufers, einer gescheiterten Existenz und eines Poeten des Rausches. Verpfuschte Liebe, verknorkste Seele. Auf dem Altar der heiligen Spirituosen opfert er jedes noch so hoffnungsvolle Streben, lässt auf Grund laufen, was eigentlich mit frisch geblähten Segeln hinaus in die Welt segeln könnte. Der Konsul hat das Schiff verlassen, es und sich aufgegeben, die Welt und deren Niedergang schmähend. Freundlich, gebildet, trostlos. Irgendetwas in ihm geniesst den freien Fall, bis er sinnlos hingemordet wird von dumpfen Politdesperados. Er stürzt buchstäblich in einen Abgrund. »Jemand warf einen toten Hund ihm nach in die Schlucht.«

… dann brennt im tiefsten Winter die Hütte ab

Schon wieder einer dieser unsteten Geister, die ihrer Begabung davongelaufen, die Welt von Norden nach Süden nomadisierte und suchte und suchte – nach einer Identität, die durch Krisen und Abstürze hindurch nicht Anstalten machte, sich zu zeigen. Vom Saufen gezeichnet, lebt Malcolm Lowry in der kanadischen Wildniss. Eine Holzhütte, kein Strom, kein Wasser, studiert die Kabbala, erwartet Zeichen und Wunder. Doch dann brennt im tiefsten Winter die Hütte ab, er verdankt es Margerie Bonner, seiner zweiten Frau, die, auch Schriftstellerin, die dritte, immer noch unvollständige Fassung des Manuskriptes, vor den Flammen rettete. Scheinbar mit letzter Kraft beendet er das Werk. Es erscheint in New York, 1947, und erregt Aufsehen, höchstes Lob weht durch die Literaturzirkel, es ist praktisch sofort vergriffen. 10 Tage (sic!) nach der Ersterscheinung lässt der New Yorker Verlag Reynal und Hitchcock eine dritte Auflage durch die Druckerpressen rattern.

Flucht nach vorn

Jetzt erst wird Malcolm Lowry bewusst, dass er wirklich ein Schriftsteller ist. Der Sohn eines mittelständischen Unternehmers, in seiner Jugend Golfmeister und eher kränklich, hatte an verschiedenen Univeritäten studiert. Im deutschen Bonn, im englischen und amerikanischen Cambridge. Zwischendurch arbeitete er 6 Monate lang als Kammersteward auf einem Segler auf Grosser Fahrt. Das veranlasste ihn, seine Erlebnisse im Roman Ultramarin zu verarbeiten, der 1933 wenig beachtet wurde. Er schloss die Univerität ab, blieb aber nicht im staubigen Schulbetrieb sitzen, sondern begann unruhig zu reisen.

Der Einsame ist am einsamsten allein

Seine Alkoholsucht ist nicht geprägt durch Selbstzweifel, Depressionen. Er trinkt einfach. Masslos.
Der Rausch ist sein gewöhnlicher Zustand, der alles um sich herum, wenn nicht zerstört, so doch in heftige Mitleidenschaft zieht. Er hat genügend Geld, ist geistreich, gutaussehend und lässt Liebe, Verpflichtungen, Freundschaften, Loyalität oder Nähe versinken im egoistischen Delirium.

Der Konsul sein Alter Ego? Autobiografisch?

Aber sehr!

Sterben – Schlafen

Sein Roman ist von grosser sprachlicher Eleganz und Kraft geprägt. Was für eine Tragödie! Er spiegelt sich selbst im Kampf gegen den Alkohol und lässt nie Zweifel daran, wer der Sieger sein wird. Davonlaufen geht nicht, nicht in den Städten, nicht in der Wildnis. Saufen geht.

Am 27. Juni, zuhause in England, begeht Malcolm Lowry Selbstmord. 48 Jahre alt. Mit Schlaftabletten.

Der amerikanische Filmregisseur John Huston, selber auch nicht gerade ein Abstinenzler, verfilmt den Roman 1984 mit Jaqueline Bisset und einem grossartigen Albert Finney als Konsul.

 

Clarence Lowry, Unter dem Vulkan

 

»Unter dem Vulkan«

Clarence Malcolm Lowry

Verlag: Rowohlt Taschenbuch Verlag, 2. Auflage (14. März 2010)

Sprache: Deutsch

ISBN-10: 3499135108

 

 

 

 


 

Francis Scott Fitzgerald, 1896 – 1940: Ein Tanz am Rande des Vulkans

 

David Höner, geboren 1955 in der Schweiz, ist freier Journalist und arbeitet seit einigen Jahren mit seinem eigenen Hilfswerk in verschiedenen Ländern. Als gelernter Koch begleitet ihn das Thema Essen seit vielen Jahren. Er ist verheiratet mit der Filmemacherin Iris Disse und lebt mit seiner Familie in Ecuador und in der Schweiz.

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