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David Höner

Ernest Hemingway, 1899 – 1961: Der Bärtige mit dem traurigen Blick

Wer sich eine Liste der schreibenden Schluckspechte anschaut, stellt fest, mit angenehmen Schaudern, dass sich darunter nicht wenige der ganz großen Literaten finden. Einer derselbigen soll mit den folgenden Zeilen gebührend gewürdigt werden. Ernest Miller Hemingway. Er hat nicht nur den Nobel- und den Pulitzerpreis gewonnen, sondern das männliche Weltbild des 20. Jahrhunderts maßgeblich mitgeprägt. Er kommt aus Oak Park Illinois. Immerhin, nicht weit von Chicago. Sowas wie eine Agglomeration mit Eigenheiten: Zum Beispiel hat sich das amerikanische Alkoholverbot in dem Städtchen überlang, bis 1973 (sic!), halten können. Seit der Gründung des Gemeinwesens, kein Alkohol innerhalb der Stadtgrenzen. Ab 1973 in bescheidenem Rahmen, in Restaurants oder Bars ab und zu ein Bierchen oder ein Glas Wein. Seit 2002 gibt es nun auch Schnapsläden, spezial bewilligt, wo den Eingeborenen die Erlaubnis gegeben wird, verpackten Branntwein zu verkaufen. Wir kennen sie, die braunen Tüten, in denen es gluckert und aus denen sich so mancher ein Lächeln saugt.

Hemingway also!

Es bleibt ihm nichts anderes übrig als in die Welt zu ziehen. Zuvor wohlbehütet, der Großvater ein Held des Sezessionskrieges, Papa ist Arzt, die Mutter – Tochter aus einer englischen Messerdynastie, Opernsängerin. Man darf vermuten, dass kulturelle Inhalte groß geschrieben wurden im Hause Hemingway, einer rotblütigen, der kaukasischer Rasse angehörenden, amerikanischen Großbürgerfamilie.

Ernest Hemingway mit seiner Familie

Die Hemingway Familie in 1905 (von links): Marcelline, Sunny, Clarence, Grace, Ursula, und Ernest

Zwischen den Fronten

Wie’s so geht, will der junge Ernest schreibenderweise ins Erwachsenenleben eintreten. So wird er erst mal Lokalreporter. Da bricht der Erste Weltkrieg aus. Der 18-jährige freiwilligt sich, kommt nach Italien an die Front, wird verwundet und entdeckt das Frauenkarussell, auf das er begeistert auf- und abspringt, je nach Lust, Laune und Möglichkeit. Zeit seines Lebens wird er, der viermal verheiratet war, dem anderen Geschlecht viel Zeit und Energie widmen. Treue ist nicht seine Stärke.

Ernest Hemingway; By EH2723PMilan1918.jpg: Portrait by Ermeni Studiosderivative work: Beao and Fallschirmjäger (talk) - EH2723PMilan1918.jpg and John F. Kennedy Presidential Library, The Ernest Hemingway Collection

Seine Stärke ist das Abenteuer. Er jagt Löwen und Elefanten in Afrika, treibt sich als Kriegsreporter zwischen den Fronten diverser Kriege herum. Er trinkt in der zerstörten Stadt Madrid, in einem zerschossenen Hotel, Champagner mit seiner Geliebten. Später prahlt er damit, in den Weltkriegen insgesamt 122 deutsche Soldaten getötet zu haben. Man vermutet Kriegsverbrechen, er wird verhört, später entlastet. Ob und wie er ein Kämpfer war? Genaues weiß man nicht. Er behauptet, eine Gruppe der Résistance in Frankreich kommandiert zu haben und kann abendliche 17 Daquiries in Habanna trinken oder Wiskey in Key West. Da multiplizieren sich die Kämpfe.

Ein Mann allein

Spanien hat es ihm angetan. Eines seiner intensivsten Werke ist eine Art Sachbuch zum Stierkampf, den er liebt und deren Protagonisten er heldenhaft verklärt. Mit seiner Entourage von cocktailgewohnten, amerikanischen, reichen Mitgliedern der »Lost Generation« zieht er von Arena zu Arena, von Stadt zu Stadt. Er treibt sich auf der ganzen Welt herum, beschreibt ein wollüstiges Panorama der Machowelt und des Trinkens als männliche Tugend. Verlierer als Gewinner. Harry Morgan, der Held seines Romans »Haben und Nichthaben«, ein Schmuggler und Hochseefischer vor Kuba, schmuggelt Menschen, Schnaps und Waffen, bis er erkennen muss, dass «ein Mann allein keine verfluchte Chance hat«.

Oh Ernest! Gibt Gas, stapelt hoch, ein 100-prozentiger Egomane, verrät seine Frauen und am Ende steht er, depressiv, vor den Trümmern seiner Existenz, schießt sich selber tot, an einem Wintermorgen im Windfang seines Hauses in Ketchum, Idaho.

Schöne, wilde und gerechte Welt

Und dennoch, seine Bücher sind ein Hammer! Inmitten der ständig entgleisenden, gewalttätigen Geschichten drängen sich die Sehnsüchte nach Liebe, Verständnis, Glaube an das Gute und letztendlich die Hoffnung auf eine schöne, wilde und gerechte Welt an die Oberfläche. In seinem Roman »Wem die Stunde schlägt« ist es eine zarte Liebesgeschichte in den Bergen, inmitten der  furchtbarer Grausamkeiten des spanischen Bürgerkrieges, die den Leser überzeugt. In »Der alte Mann und das Meer« zelebriert er ein Heldentum im Kampf mit einem grossen Fisch. Am Ende zerrinnt der Erfolg dem Tüchtigen in den Händen, triumphiert der Verlust … aber fast hat man’s geschafft, fast ist der maskuline Traum in Erfüllung gegangen, den man(n) träumt.

Er schreibt wie ein Bildhauer den Stein bearbeitet. Kraftvoll. Er lässt dem Leser Raum:
»Wenn ein Prosaschriftsteller genug davon versteht, worüber er schreibt, so soll er aussparen, was ihm klar ist. Wenn der Schriftsteller nur aufrichtig genug schreibt, wird der Leser das Ausgelassene genauso stark empfinden, als hätte der Autor es zu Papier gebracht. Ein Eisberg bewegt sich darum so anmutig, da sich nur ein Achtel von ihm über Wasser befindet.«

Ein individueller Anarchist

Ernest war kein politischer Mensch. Zwar vertritt er durchaus linke Ansichten, doch bleiben diese Meinungen ungelebt. Er ist auch kein Rechter, dazu fehlt das demagogische, das belehrende Element in seinen Texten. Hemingway ist ein individueller Anarchist, der sich das Recht nimmt, eigene moralische Gesetze zu schaffen, die sich mal mitten drin, mal weit ausserhalb der Gesellschaft ansiedeln. Persönlich ist er ein Grenzgänger, überlebt zwei Flugzeugabstürze, Tausende von Promillen, Liebesdramen und pfeifende Kugeln. Doch der Krug geht bekanntlich zum Brunnen, bis er bricht. Ernest kommt in Schieflage, stürzt, wird elektrogeschockt, chemotherapiert, taumelt von Klinik zu Klinik – bis er erkennt, dass der Siberstreif am Horizont ganz schmal geworden ist. Sein Selbstmord ist schlüssig, traurig und folgerichtig. Sich selbst ist er treu geblieben. Bereits zu Lebzeiten ein Klassiker, hochgelobt und bewundert, wohlhabend, hat er das Ende seines Weges erkannt und gesetzt.

Bücher, eine Auswahl:

Ernest Hemingway, Haben und nicht haben

HABEN UND NICHT HABEN

Ernest Hemingway

Verlag: Rowohlt Taschenbuch Verlag

Auflage: 30. (Juni 1995)

Sprache: Deutsch

ISBN-10: 3499106051

 

 

 

 

Ernest Hemingway, Wem die Stunde schlägtWEM DIE STUNDE SCHLÄGT

Ernest Hemingway

Verlag: FISCHER Taschenbuch

Auflage: 41. (1. August 1983)

Sprache: Deutsch

ISBN-10: 3596204089

 

 

 

Ernest Hemingway, Tod am Nachmittag TOD AM NACHMITTAG

Ernest Hemingway

Verlag: Rowohlt Taschenbuch Verlag 1999

Auflage: 6. (1. Juli 1999)

Sprache: Deutsch

ISBN-10: 349922609X

 

 

 

Als Hemingway mich liebteALS HEMINGWAY MICH LIEBTE

Naomi Wood

Auflage: 10. März 2016

Verlag: HOFFMANN UND CAMPE VERLAG GmbH

ISBN-10: 3455405592

 

 

 

 

 


 

Francis Scott Fitzgerald, 1896 – 1940: Ein Tanz am Rande des Vulkans

 

David Höner, geboren 1955 in der Schweiz, ist freier Journalist und arbeitet seit einigen Jahren mit seinem eigenen Hilfswerk in verschiedenen Ländern. Als gelernter Koch begleitet ihn das Thema Essen seit vielen Jahren. Er ist verheiratet mit der Filmemacherin Iris Disse und lebt mit seiner Familie in Ecuador und in der Schweiz.

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