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André Malinin

Habano: Der Kampf der kubanischen Tabakbauern

Die Geschichte der Habano, der berühmten, aus Havanna stammenden Zigarre, beginnt eigentlich erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts – »eigentlich«, denn Tabak wurde auf Kuba schon lange Zeit vorher angebaut, und zwar von den Vegueros. Die Geschichte dieser Tabakbauern ist von der Geschichte der Habano nicht zu trennen. Es waren die kubanischen Tabakbauern, die von 1717 bis 1817 immer wieder gegen das spanische Tabakmonopol aufbegehrten, um ihre Rechte kämpften und einige sogar mit ihrem Leben dafür bezahlten.

Abgesehen von der Tatsache, dass bereits Christoph Kolumbus bei seiner Ankunft auf der Insel Einwohnern begegnete, die einen Tabakwickel im Mund hatten und diesen rauchten, wird Tabak erstmals im Jahr 1557 offiziell erwähnt. In den Akten des Munizipalrats von Havanna findet sich ein Beschluss der Staatsregierung, wonach weibliche Sklaven mit 50 Peitschenhieben zu bestrafen waren, wenn sie »zu oft Tavernen besucht haben, in denen Tabak verkauft wird«. Dasselbe Dokument sah eine Strafe in Höhe von 2 Pesos pro Sklavenhalter vor, der es seinen Knechten erlaubte, solcherlei Lokalitäten aufzusuchen.

Die ersten Tabakplantagen

… auf Kuba legte man Anfang des 16. Jahrhunderts entlang des Río Arimao in der Provinz Cienfuegos, des Río Agabama in der Provinz Villa Clara und des Río Canasi in der Provinz Matanzas an. Zunächst war der Anbau von Tabak in der Nähe der Hauptstadt Havanna verboten. Die Gründe dafür liegen allerdings im Dunkeln. Vielleicht betrachtete man das Rauchen und den Tabakgenuss als eine heidnische, von den Ureinwohnern gepflegte Sitte und wollte diese von der Hauptstadt so weit wie möglich fernhalten. Doch das ist reine Spekulation. Am 20. Oktober 1614 jedenfalls gestattete der spanische König Felipe III. durch einen Erlass den freien Anbau der Tabakpflanze auf der gesamten Insel.

Der Großteil des geernteten Tabaks wurde nach Sevilla verschifft und von dort weiterverkauft. In Europa war es Mode, den Tabak zu schnupfen oder zu kauen. Während es in Kuba seit jeher üblich war, gerollte Tabakwickel zu rauchen, wurden Zigarren irgendwann erst in Spanien bekannt und sehr viel später im Rest Europas.

Von einer Blütezeit des Tabakanbaus auf Kuba kann man in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts sprechen. Die Anbauflächen vergrößerten sich, die Menge produzierten Tabaks wuchs enorm. So baute man beispielsweise auf nur einer Vega in Mayarí, einer 1757 gegründeten Stadt im Osten Kubas, 3,5 Millionen Tabakpflanzen an. Oriente, der östliche Teil Kubas, und die Provinz Havanna wurden zu Hauptanbauregionen. Die Preise schwankten in Abhängigkeit von der Qualität des Tabaks. Am ertragreichsten waren die Ernten der Jahre zwischen 1708 und 1715.

La Real Hacienda

Im Jahre 1700 bestieg mit Philipp V. nach beinahe 200-jähriger habsburgischer Herrschaft ein Bourbone den spanischen Thron. Spanien besaß zwar noch zahlreiche Kolonien, war jedoch infolge verfehlter Machtpolitik und des Spanischen Erbfolgekrieges stark geschwächt. Auf die Einkünfte aus den Provinzen war man deshalb ganz besonders angewiesen.

Durch einen Beschluss der spanischen Krone monopolisierte man den Tabakhandel auf Kuba und gründete am 11. April 1717 das Estanco del Tabaco Español, das spanische Tabakmonopol. Die Vegueros wurden verpflichtet, ihre gesamte Ernte an die Real Hacienda zu verkaufen. Dieses Handelsunternehmen war alleinig zum Verkauf und zum Export von Tabak berechtigt. Der königliche Beschluss regelte den An- und Verkauf in allen Einzelheiten, bis hin zur Festlegung der Preise. Damit waren die kubanischen Vegueros der Real Hacienda bedingungslos ausgeliefert.

Der Aufstand von 1717

VeguerosMit der Einführung des Tabakmonopols zeigten die Vegueros ihren Unmut über die Restriktionen ganz offen. Selbst der Klerus, der ihre Ländereien den Vegueros verpachtet hatten, protestierten, da sie Einbußen fürchteten. Von den Landbesitzern unterstützt, versuchten die Tabakbauern gegen das Tabakmonopol vorzugehen. Als das Gerücht über die bevorstehende Verschiffung des Tabaks in Havanna die Runde machte, versammelten sich in Jesús del Monte etwa 500 Vegueros, die beschlossen hatten, dies zu verhindern. Sie brachen mit Macheten bewaffnet in Richtung Hafen auf. Unterwegs schlossen sich der wütenden Menge immer mehr Einheimische an.

Die hinzugezogene Armee wurde dabei von den Aufständischen eingeschlossen. Alle Versuche der Regierung, die Aufständischen zu zähmen, scheiterten. Letztendlich floh der kubanische Gouverneur Vicente de Raja, der die Kontrolle über die Situation verloren hatte, zusammen mit der Verwaltung der Real Hacienda auf einer der Galeonen, die den Tabak transportieren sollten. Wenig später holte die Regierung zum Gegenschlag aus. Ein Expeditionskorps unter Führung des späteren Gouverneurs der Insel, Gregorio Guazo y Calderón de la Vega, sorgte bald wieder für Ordnung, Ruhe und Sicherheit. Die Real Hacienda setzte ihre Tätigkeit fort, der Aufstand der Vegueros wurde vorerst erstickt.

Der Aufstand von 1720

Doch die Vegueros gaben nicht auf. Schon 1720 brach ein neuer Aufstand aus. Die Real Hacienda weigerte sich, den Vegueros sofort den gesamten Preis für ihre abgelieferten Ernten zu zahlen. Sie versprach ihnen stattdessen Ratenzahlungen je nach Liquidität. Unter den Vegueros verbreitete sich das Gerücht, dass die Real Hacienda absichtlich so taktierte, um die Einkaufspreise für Tabak zu drücken. Zornig und bewaffnet versammelten sich die Vegueros erneut in Jesús del Monte. Es gelang ihnen, die Zulieferung von Vieh und Lebensmitteln in die damals noch kleine Hauptstadt zu unterbinden. Während der 13-tägigen Belagerung der Stadt drohten die Ereignisse von 1717 sich zu wiederholen.

Als noch einige Vegueros beschuldigt wurden, mit den Beamten der Real Hacienda unter einer Decke zu stecken, eskalierte die Lage. Aufgebrachte Tabakfarmer setzten die Häuser und Plantagen der Verräter in Brand. Nur dank der Vermittlung des wohlhabenden Gutsbesitzers José Bayona y Chacona und des angesehenen Priesters Pedro Agustín Morell de Santa Cruz y Lora gelang es, die Aufständischen zu besänftigen. Um Schlimmeres zu verhindern, wurde den Vegueros versprochen, den bereits gelieferten Tabak sofort zu bezahlen. Außerdem mussten sie ein Jahr lang keine Pacht zahlen. Und der spanische König gestattete Privatpersonen per Erlass den freien Verkauf des Tabaks, der nach Abgabe des Liefersolls übrig blieb. Die Macht des Monopols wurde dadurch entscheidend eingeschränkt.

Ein Bärendienst

Doch auch diesmal gingen die Vegueros letztendlich als die Betrogenen aus der Situation hervor. Gewiefte Händler stürzten sich ins Geschäft, kauften den Tabak zu extrem niedrigen Preisen, um ihn später mit entsprechendem Gewinn weiterzuverkaufen. Unter den Vegueros wurde gar der Ruf nach einer Rückkehr zum absoluten Monopol wieder laut.

Die Vegueros aus der Provinz La Habana einigten sich im Jahr 1723 darauf, den Tabak ausschließlich gegen Barzahlung und nur zu offiziellen Konditionen zu verkaufen. Ferner beschlossen sie, so lange keinen Tabak mehr anzubauen, bis ihnen die Preise, die sie für angemessen hielten, bezahlt würden. Einige Tabakbauern aus den Regionen Bejucal und Santiago de Las Vegas brachen allerdings die Vereinbarung.

Daraufhin beschlossen die Bauern aus San Miguel, Guanabacoa und Jesús del Monte, die Abtrünnigen zu bestrafen. Ohne auf die Androhung von Repressalien zu achten, vernichteten sie die Saat abtrünniger Tabakbauern. Die Aufständischen zählten inzwischen an die 900 Mann. Alle waren bewaffnet und fühlten sich stark genug, den gesamten Tabakbestand in Santiago de Las Vegas und Bejucal zu vernichten.

Der Militärgouverneur Gregorio Guazo y Calderón verdoppelte daraufhin die Zahl der Soldaten in den Garnisonen der befestigten Siedlungen vor Havanna und beorderte zusätzlich 200 Infanteristen und Kavalleristen dorthin. Die Armee nahm nahe Santiago de Las Vegas Stellung. Als die Aufständischen in Schussnähe kamen, eröffneten die Soldaten das Feuer. Eine Person wurde sofort getötet, viele verwundet und elf Rebellen gefangen genommen. 8 der Verwundeten erlagen am nächsten Tag ihren Verletzungen.

Sämtliche Gefangenen wurden hingerichtet und ihre Leichen an den Bäumen entlang der Straße aufgehängt. Es war ein Bild des Schreckens! Doch der Tod dieser Tabakbauern sollte nicht umsonst gewesen sein. Der spanische König erfuhr von diesem Massaker. Daraufhin gestattete er den Vegueros den freien Verkauf ihrer Ernte ohne staatliche Restriktionen.

La Real Compañia de Comercio

Doch dies sollte nicht lange so bleiben. Anstelle der Real Hacienda wurde wenige Jahre später die Real Compañia de Comercio ins Leben gerufen. Auch dieses Handelsunternehmen hatte das Ziel, den Handel zwischen Cuba und Spanien zu regulieren. Und die Real Compañia de Comercio hatte, weit mehr noch als die Real Hacienda, mächtige Unterstützer: das spanische Königspaar Philipp V. und seine Gemahlin Elisabeth höchstselbst. Als Gegenleistung für die gewährten Privilegien sollte das Unternehmen, das eng mit der Kolonialverwaltung in Havanna verbunden war, Kriegsschiffe bauen und bei der Grenzüberwachung helfen. Ab dem Jahr 1740 entschied die Real Compañia de Comercio exklusiv darüber, welche Waren und wie viel von Kuba nach Spanien exportiert wurden. Ferner war es dem Unternehmen gestattet, Sklaven, Mehl, Stoffe und andere Waren in beliebiger Menge in Kuba einzuführen.

Mehr als 20 Jahre lang genoss die Real Compañia de Comercio königliche Privilegien – und die Beamten nutzten diese zu ihrem eigenen Vorteil mehr als ausgiebig aus. Während dieser Zeit wurden etwa 5.000 Sklaven nach Kuba gebracht. Das Unternehmen hielt bewusst das Exportund Importvolumen klein, was ihr den Einkauf der auf der Insel produzierten Waren zu Tiefstpreisen und den Verkauf der Waren aus Spanien zu Wucherpreisen ermöglichte. So zahlte das Unternehmen beispielsweise für ein Fass Weizenmehl in Spanien fünf oder sechs Pesos. In Havanna hingegen wurde es für 35 oder 36 Pesos verkauft. Der Gesamterlös floss beinahe ausschließlich in die Taschen der Unternehmensteilhaber.

Der Tabakexport sank auf ein Rekordminimum. Wieder gärte es unter den Vegueros. Letzten Endes wuchs die Unzufriedenheit in so starkem Maße, dass es wieder zu einem bewaffneten Aufstand kam. Die Bewohner von Puerto Príncipe, dem heutigen Camagüey, steckten das Haus des ortsansässigen Gouverneurs in Brand und zwangen ihn, in die Hauptstadt zu ziehen. Die Regierung verhaftete daraufhin die Anstifter des Aufstandes und verbannte sie von der Insel. In der Folge gab es keine weiteren Aufstände mehr.

La Real Factoria

In der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts löste die Real Factoria die Real Compañia de Comercio ab. Diese neue Handelsgesellschaft, die das Tabakmonopol übernahm, stand erneut, im Gegensatz zur Real Compañia de Comercio, unter Aufsicht und Kontrolle der spanischen Regierung. Doch wenn einige der Vegueros sich dadurch vielleicht eine Besserung der Zustände erhofft hatten, sahen diese sich bald getäuscht. Jährlich wurde lediglich eine halbe Million Pesos für den Einkauf ausgewählter Tabakblätter bereitgestellt. Das hemmte das weitere Produktionswachstum enorm. Viele Plantagen, vor allem die, die minderwertigen Tabak anbauten, stellten den Betrieb ganz ein.

Das Zentrum des Tabakanbaus verlagerte sich in dieser Zeit westlich von Havanna in die Region Vuelta Abajo, die sich durch fruchtbare und für den Tabakanbau besonders geeignete Böden auszeichnete. Die Tabakbauern, die in diese Region zogen, begannen nun, hochwertigen Tabak mit einem unvergleichlichen Aroma anzubauen – dank dem der cubanische Tabak den Weltruhm erlangte, der ihm auch heute noch zukommt.

Hoch leben die Briten!

Als Spanien 1762 in den Siebenjährigen Krieg zwischen Großbritannien und Frankreich verwickelt wurde, eroberten die Briten Havanna und behielten die Stadt 11 Monate in ihrem Besitz. Während der Zeit der britischen Besatzung wurden die Befugnisse der Real Factoria vorübergehend außer Kraft gesetzt und in der Folge deren Macht nachhaltig geschwächt.

Diese zwar kurze Unterbrechung des Einflusses Spaniens war im Prinzip der Beginn der Auflösung des spanischen Monopols im Tabakhandel. Denn in dieser Zeit des freien Handels und der freien Wirtschaft gewannen die Menschen auf Kuba eine Vorstellung davon, wie viel sie ohne die kolonialen Fesseln Spaniens verdienen konnten. Denn das spanische Kolonialsystem reglementierte nicht nur die Produktion von Gütern, sondern lenkte den gesamten Handel über spanische Häfen und erhob sogar für den Handel der spanischen Kolonien untereinander hohe Import- und Exportabgaben.

Das Ende des Monopols

VeguerosNachdem Spanien im Frieden von Paris im Tausch gegen Florida Kuba zurückerhalten hatte, erstarkte auch wieder die Real Factoria. Allerdings hatte sich in diesem einen Jahr vieles verändert. Verwendeten die Europäer vorher den Tabak vorwiegend als Schnupf- und Kautabak, hatten sich in dieser kurzen Zeit in Havanna unzählige kleiner Chinchales etabliert, in denen Zigarren gerollt wurden. Diese Zigarren, einmal in Europa eingetroffen, erfreuten sich schnell großer Beliebtheit.

Die Real Factoria versuchte nun auch dieses Marktsegment zu regulieren, indem sie die Tabakmenge zur Herstellung von Zigarren begrenzte. Von 1808 bis 1814, zur Zeit Napoleons, befand sich Spanien unter französischer Vorherrschaft. Nachdem Ferdinand VII. von Spanien 1814 wieder an die Macht kam, konzentrierte er sich vor allem auf die Zustände in den Kolonien. Unter seiner Regentschaft wurde im Jahre 1817 das spanische Tabakmonopol in Kuba tatsächlich aufgehoben. Der König betonte in seiner Verordnung, dass nur ein freier Handel zwischen Europäern, Amerikanern und Spaniern die Entwicklung voranbringe. Ihm lag außerdem daran, den Anbau und die Kultivierung des vorzüglichen Tabaks auf Kuba zu fördern.

Nach der Abschaffung des Monopols und der Gewährung verschiedenster Privilegien an ortsansässige Vegueros erlebte der Tabakanbau auf Kuba einen enormen Aufschwung. Im Jahr 1827 gab es auf Kuba 5.500 Plantagen, 1862 waren es bereits 8.400. Diese Plantagen versorgten mehr als 500 Tabakbetriebe mit Rohtabak, die circa 15.000 Arbeiter beschäftigten. Tabakerzeugnisse machten insgesamt knapp zehn Prozent des kubanischen Exports aus.

Die heute lebenden kubanischen Vegueros kennen vielleicht weder die Geschichte ihrer Vorfahren noch haben sie je von den Aufständen gehört. Doch sie pflegen die Tradition des Tabakanbaus, die ihnen von ihren Groß- und Urgroßvätern weitergegeben wurde. Auch deshalb zählen die Habanos zu den besten Zigarren der Welt.


© Die Originalversion dieses Artikels erschien in der Zeitschrift »Cigar Clan« Nr. 4-2012


Von Regeln und dem Wort im Tabak. Und vom Wasser.


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