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Matthias Martens

My mind is for sale: Küchenparty am Totensonntag

Dreiminutenirgendwas.

Die Kolumne um Drinks und Musik, die sich ungefähr so lange liest, wie das Lied, um das es gerade geht.

Link öffnen, Musik hören und lesen.

Die besten Partys steigen in der Küche, weil da am wenigsten Platz ist und aus Enge entsteht Kontakt. Weil man sich in der Küche aber auch bewegen muss, entsteht aus Kontakt und Bewegung auch Reibung und daraus wiederum Kommunikation. Das ist die sehr theoretische Begründung, warum der beste Teil der Party immer in der Küche stattfindet. Die kurze und einfache Begründung ist die, dass Küchenpartys einfach am lustigsten ist.

Deshalb lade ich meistens auch nur so viele Leute ein, wie in meine Küche passen. Alle müssen mitarbeiten, dafür gibt es ausgiebig vom sprudelnden Aperitif. Es muss nicht immer Champagner sein, aber neulich hatte ich ein schlechtes Gewissen und deshalb gleich eine ganze Kiste kaltgestellt. Ich hatte mich nämlich im Datum vertan und 10 Freunde zum ersten Adventsumtrunk eingeladen. Am Totensonntag, genau eine Woche vor dem ersten Advent. Schon recht peinlich, aber als mich am Freitag vorher die Wahrheit erreichte, war es zu spät.

Gute Freunde vergeben solche Fauxpas, klopfen Schultern, haben trotzdem Mistelzweige dabei und schätzen den Charles Heidsieck gut gekühlt. Wir wünschten uns sogar öfter als üblich einen schönen ersten Advent. Aus der Stereoanlage lief Jack Johnson, ein alter Bekannter, der mir fast abhanden gekommen wäre, nachdem er mal ein nicht so grandioses Konzert geliefert hatte. Mit My mind is for sale hat er wieder alles gut gemacht.

I heard the blinker’s on, I heard we’re changing lanes 

I heard he likes to race, I heard that six or seven words he likes to use are always in bad taste…

Die besten Partys steigen in der Küche. Da riecht es am besten, auch weil man in meiner Küche rauchen darf, zumindest am Fenster. Da steht man zwar gleichzeitig der Kühlschranktür und der Spülmachinenklappe im Weg, aber man ist am sichersten vor irgendwelchen Schnibbeljobs, denn das Fensterbrett ist klein und wackelig. Schnibbeljobs sind unbeliebt. Mit Zwiebelgeruch an den Händen und Tränen in den Augen schmeckt der Champagner nicht. Wer Speck schneidet, hinterlässt fettige Fingerabdrücke am Glas und Petersilie hacken kostet nach 2-3 Glas Heidsieck schon mal eine Fingerkappe. Raucher haben es besser in der Küche.

I don’t care for your paranoid, 

us against them walls, I don’t care for your careless, me first … gimme gimme appetite at all!

Die besten Partys steigen in der Küche weil da gearbeitet und besserwisserisch kommentiert wird. Am besten gelingt das aus der sicheren Raucherplatzdistanz am Fenster, oder während man auf Wollsocken zu »gimme gimme appetite at all!« durch die Küche shuffelt. »Die Kalbfleischstückchen ein bisschen kleiner bitte und den Feldsalat gründlich unter eiskaltem Wasser putzen!« Ich nehme mir einen Moment Pause und sehe mich um. Alle sind gut gelaunt, die Bruschetta mit Tomate und Kräutern passt großartig zum Charles Heidsieck und irgendjemand lässt irgendjemand anderes hochleben. Wahrscheinlich mich, weil ich so tolle Totensonntagsparties anzettle. Es prickelt in meinem Mund und ich bin zufrieden, mir schmeckt es wieder und Jack Johnson kann es wieder.

And the truth is … 

season three will be a great reason to forget all about reality’s a slippery slope,  watch the TV scream and shout it

Die besten Partys steigen in der Küche, weil da der Champagner kreist, im Wohnzimmer stehen die Weinflaschen unkommentiert rum und keiner traut sich zuzugreifen. In der Küche wird sich gegenseitig eingeschenkt. Das Kalbsragout köchelt, die Pilze kommen als letztes dazu. Die Rösti schimmern goldgelb und die Petersilie ist fein gehackt, ohne jeden Blutverlust. Der Salat in großen Schüsseln sieht gesund und gleichzeitig appetitlich aus. Wir haben unter Champagnereinfluss einiges richtig gemacht. Die Tafel steht – festlich gedeckt aber noch einsam – nebenan. Eigentlich ist das Essen fertig, aber es hält uns in der Küche. Ich drücke also jedem eine Schüssel, einen Topf oder eine Platte in die Hand, und starte den Umzug mit drei Flaschen Charles Heidsieck in der Hand. Den gibt es heute auch zum Essen, habe ich gerade beschlossen.

Champagner ist kein Luxusprodukt, sondern eine Lebenseinstellung und die Feste muss man feiern, wie sie fallen.


 

Ich lebe immer am Strand

 

Matthias Martens, Jahrgang 1972 und geborener Münchner hat überall seine »Schnauze drin«.

Ob Weinhandel, Spirituosen-und Zigarrenhandel, Gastronomie vom Kreuzfahrtschiff bis zum Premium-Steakhaus und vom Wirtshaus bis zum Sternerestaurant wurde kaum eine Genussplattform ausgelassen.

Als Autor für verschiedene Genussmagazine und Buchprojekte konnte er auch Erfahrungen im geschriebenen Wort machen und steht Shmckr.com seit Gründung als Autor und Eventexperte zur Verfügung.


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