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Willy Alvero

Zigarre: Defekte und Effekte

Wie bei jedem handgefertigten Produkt können auch bei Zigarren Fehler oder Mängel auftreten. Diese Fehler oder Mängel haben ganz unterschiedliche Ursachen. Wird beispielsweise der Boden, auf dem die Tabakpflanzen angebaut werden, nicht richtig bewirtschaftet, kann sich das sehr nachteilig auf das Endprodukt auswirken. Und wird eine Zigarre schlampig gerollt, so hat sie beim Rauchen einen schlechten Zug.

Bei unsachgemäßer Lagerung wiederum können sich Käfer einnisten, es entsteht eventuell auch Schimmel, und bei der Trocknung bilden sich unter bestimmten Bedingungen auf dem Deckblatt Flecken, während bei Verpackung und Transport der Zigarren Risse entstehen können. Schließlich führt eine unsachgemäße Fermentation zu einer verminderten geschmacklichen Qualität der Zigarre.

Bei jedem einzelnen Schritt im komplizierten Herstellungsprozess einer Zigarre können die unterschiedlichsten Mängel auftreten. Einige davon, wie etwa Risse, sind unwesentlich und wirken sich nur geringfügig auf das Rauchvergnügen aus; andere, wie etwa Käfer oder schlechter Zug, sind für eine Zigarre geradezu »tödlich«. 

Auch über die mechanischen Fehler, die bei der Herstellung einer Havanna passieren können, berichtet Willy Alvero, ehem. Generalvertreter von ›Habanos S.A.‹.

SCHLECHTER ZUG

Lange Zeit bestand der größte Nachteil kubanischer Zigarren in ihrem schlechten Zug. Einem unerfahrenen Roller dürfte es reichlich schwerfallen, die richtige Menge für die Vitola bzw. das Format abzuschätzen. Nimmt er zu wenig, ist die Zigarre nicht fest genug gerollt, was sofort auffällt. Um dem vorzubeugen, wird er wahrscheinlich etwas mehr nehmen in der Hoffnung, die Presse werde der Zigarre schon die rechte Form geben. Dadurch wird das Rauchen allerdings erheblich erschwert.

Ein schlechter Zug kann aber auch daher rühren, weil der Roller die Blätter zusätzlich befeuchtet hat. Feuchter Tabak läßt sich wesentlich leichter verarbeiten; allerdings können die Blätter verkleben, wodurch beim Rauchen die Luftzirkulation gestört wird.

Zu »strenges« Rollen betrifft jedoch ausschließlich die besten kubanischen Zigarren, da nur sie aus langen Blättern per Hand gerollt werden. Bei Zigarren, die maschinell gefertigt sind (wobei kurze Blattstücke Verwendung finden), stellt sich dieses Problem nicht, da die Maschinen die nötigen Mengen automatisch abwiegen.

Willy Alvero, Zigarrenkunde

Bevor eine Zigarre geraucht wird, sollte in jedem Fall die Schnittstelle geprüft werden: Ist sie zu fest gerollt, zieht die Zigarre schwer

 

Im Jahr 1999 wurden beispielsweise 19 Millionen Zigarren an  kubanische Hersteller zurückgegeben. Mittlerweile hat man auf Kuba längst eine Lösung für dieses Problem gefunden: Es wurden spezielle Maschinen zur Überprüfung des Zugwiderstands eingeführt. Die namhaftesten Zigarrenhersteller Kubas, wie El Laguito oder Partagás, testen sogar jede einzelne Zigarre, während sich andere auf Stichproben beschränken.

Allerdings werden heute nach wie vor kubanische Zigarren verkauft, die bereits vor 10 oder 15 Jahren gerollt wurden, zu einem Zeitpunkt also, zu dem es noch keine derartigen Prüfinstrumente gab. Passionierte Zigarrenraucher kaufen dennoch bevorzugt diese lang gelagerten und damit gehaltvolleren Zigarren  – und gehen damit das Risiko ein, an  eine Zigarre mit schlechtem Zug zu geraten.

In jedem Fall lohnt es sich, die Aufschrift auf der Zigarrenkiste zu lesen, denn mittlerweile werden auf Kuba auch die länger gelagerten Zigarren überprüft. Wurden die Zigarren getestet, findet sich auf der Unterseite der Zigarrenkiste der Vermerk ›Revisado‹ sowie das Datum der Prüfung.

 

Villy Alvero, Zigarrenkunde

Die Aufschrift ›Revisado‹ auf der Unterseite einer Zigarrenkiste bedeutet, dass die Zigarren auf ihren Zugwiderstand getestet worden sind

SCHIMMEL

Schimmel ist ein Pilz, der bei erhöhter Feuchtigkeit auf der Oberfläche der Zigarre entsteht und sich rasch vermehrt. Solange diese Mikroorganismen lebendig sind, bilden sie einen weißlichen Film. Grundsätzlich sind sie für die Zigarre ungefährlich; allerdings ist solch ein Film für den unerfahrenen Zigarrenraucher sehr irritierend. Der Pilz kann mit einer kleinen Bürste oder einer Serviette vorsichtig entfernt werden (was den Rauch­genuss nicht beeinträchtigt). Einige Aficionados behaupten sogar, der Schimmelpilz ver­leihe der Zigarre ein zusätzliches Aroma. Von Noten wie Unterholz, Moos, Gras und Erde sowie feuchtem Laub wird berichtet.

Die optimale absolute Feuchtigkeit einer Zigarre beträgt 13%  – genau so viel Feuchtigkeit, wie im Tabak enthalten ist. Das entspricht einer relativen Luftfeuchtigkeit von 75%. Die Entstehung von Schimmel hängt in hohem Maße von der Verpackung der Zigarren ab. Bei Zigarren in Tubos, also Aluminiumhülsen, bildet sich der Schimmelpilz bei einer absoluten Feuchtigkeit von 16%, in herkömmlichen Kisten dagegen bei 17,5% absoluter Feuchtigkeit, was einer relativen Luftfeuchtigkeit von 80 bzw. 85% entspricht. Die Zigarren müssen daher nach dem Rollen mindestens 1,5 Monate im »Escaparates« gelagert werden, einem schwach gekühlten Schrank, wo sie die überschüssige Feuchtigkeit verlieren und ihre optimale Beschaffenheit erreichen.

 

Villy Alvero, Zigarrenkunde, Schimmel

Der weiße Schimmelpilz bildet sich nur auf Zigarren, die aus hochwertigem Tabak gerollt worden sind. Er ist absolut ungefährlich für die Zigarre und kann mit einer kleinen Bürste oder einer Serviette vorsichtig entfernt werden

Willy Alvero, Zigarrenkunde

 

Um wirtschaftliche Vorgaben, wie beispielsweise Lieferzusagen, erfüllen zu können, versenden manche Zigarrenhersteller ihre Produkte zur Lagerung weiter, die den »Escaparates« nicht durchlaufen haben. Solche Zigarren sind besonders anfällig für Schimmelpilze. Um zu vermeiden, dass Zigarren mit Schimmel in den Handel gelangen, werden sie in den zentralen Lagerhallen mit Hilfe einer speziellen Maschine geprüft, die der zur Kontrolle des Zugwiderstands nicht unähnlich ist. Fallen hier Zigarren auf, die einen erhöhten Feuchtigkeitsgehalt haben, werden sie nicht zum Verkauf freigegeben: Zigarren in Tubos werden an den Hersteller zurückgesandt, wo sie in die »Escaparates« gebracht werden, während Zigarren, die in Kisten verpackt worden sind, einfach länger vor Ort gelagert werden.

Ein Edelschimmelpilz kann jedoch auch mutieren. Werden sehr feuchte Zigarren extrem trocken gelagert, das heißt bei einer relativen Luftfeuchtigkeit von weniger als 60%, beginnt sich der Pilz zu zersetzen, färbt sich grün und verströmt einen unangenehmen Geruch, der sich in der Zigarre festsetzt. In diesem Fall wird die Zigarre un(b)rauchbar. Daher ist es ratsam, bei jedem Kauf einer Zigarre auf Schimmel zu achten.

KÄFER

Einer der größten Feinde der kubanischen Zigarren ist der Tabakkäfer. Er kommt vorrangig auf Kuba vor, da dort zur Bekämpfung der kleinen Plagegeister im Gegensatz zu anderen cigarrenproduzierenden Ländern auf den Einsatz von verschiedenen Gasen gesetzt wird, nicht jedoch auf Schockgefrierung. Schockgefrierung ist zwar wesentlich effektiver, aber auch kostenintensiver, da hierfür spezielle Gefrierkammern notwendig sind.

Die Tabakparasiten durchlaufen vier Entwicklungsstadien: Ei, Larve, Puppe, Käfer. Abgesehen vom Ei-Stadium, ist die Ausräucherung mit Gas in allen Stadien wirksam. Um die Eier abzutöten, werden die Zigarren in spezielle Container geschoben, in denen der Druck um einige Atmosphären gesenkt wird. Infolgedessen platzen die Eier. Allerdings bietet diese Methode keinen hundertprozentigen Schutz vor den Käfern, denn einige Eier können selbst den Druckverlust überleben.

Werden die Zigarren bei 18 bis 20°C gelagert, können aus den überlebenden Eiern keine Larven schlüpfen. Es ist schlicht zu kalt. Die Larven schlüpfen erst bei einer Temperatur von 22 bis 23°C. Am wohlsten fühlt sich der Schädling bei einer Temperatur von 27°C. Gelingt es einer Larve, aus dem Ei zu schlüpfen, frißt sie sich im Handumdrehen durch die Einlage der Zigarre.

 

Willy Alvero, Zigarrenkunde, Zigarrenkäfer

Frost ist das einzige wirkungsvolle Mittel gegen den Tabakkäfer, der warme Temperaturen liebt. Alle anderen Methoden sind nur wenig effektiv

 

Tabakkäfer  – sie entwickeln sich innerhalb von 45 Tagen  – vermehren sich rasend schnell. So kann ein Weibchen mehrere Dutzend Eier in einer einzigen Zigarre ablegen. Innerhalb kürzester Zeit zerstören die Larven und die späteren Käfer alle Zigarren in der Kiste. Hier ist der Name auch Programm: Es sind eben Tabakkäfer.

Als Zigarren noch verschifft wurden, konnten sich die Käfer hervorragend vermehren. Heute werden die Havannas vorrangig mit dem Flugzeug in Containern transportiert, in denen eine Temperatur zwischen 16 und 17°C herrscht.

Im Herbst 2005 wurde in Havanna ein neues Zigarrenlager gebaut, an  das auch eine Gefrierkammer angeschlossen wurde. Dort werden alle Zigarren, die für den Export bestimmt sind, für 5 Tage bei minus 25°C gelagert. Bleibt also zu hoffen, dass damit das Problem mit dem Tabakkäfer ein für allemal gelöst ist.

Entdeckt der Zigarrenliebhaber beim Kauf seiner Zigarren kleine Löcher oder rötlichen Staub, sollte er dankend ablehnen. Oftmals wird der Schädling aber erst nach dem Kauf der Zigarren aufgespürt. In solchen Fällen wird der Tabakhändler die Zigarren wohl kaum zurücknehmen. Deshalb ist es ratsam, sich die Zigarrenkiste noch im Geschäft zeigen zu lassen. In Spanien beispielsweise würde niemand auf gut Glück eine ungeöffnete Zigarrenkiste kaufen, obwohl alle Havanna-Kisten von den Importeuren geöffnet und geprüft werden, bevor sie an die einzelnen Händler gehen. Nur dann, wenn der Inhalt einer Kiste in einwandfreiem Zustand ist, wird das Behältnis wieder verschlossen und mit einer Garantiemarke versehen.

»GESPRENGTE« ZIGARREN

Zigarren sprengen normalerweise nur dann, wenn die Lagerbedingungen nicht eingehalten oder wenn sie unsachgemäß transportiert worden sind. Müssen die Zigarren lange auf ihre Verladung warten oder liegen sie über Gebühr bei der Zollkontrolle, besteht die Gefahr des Austrocknens. Das Deckblatt wird brüchig und kann die Einlage nicht mehr fest genug umschließen. Werden solche Zigarren dann wieder unter (scheinbar) optimalen klimatischen Bedingungen gelagert, nehmen sie zu schnell zu große Mengen an Feuchtigkeit auf. Die Einlage beginnt aufzuquellen und sprengt schließlich das Deckblatt. Befindet sich der Riß am Zigarrenende, so wird das Rauchvergnügen in keiner Weise beeinträchtigt sein. Wahre Zigarrenliebhaber schenken solchen Rissen keinerlei Beachtung. Lediglich Risse in der Mitte oder an der Zigarrenspitze machen das Rauchen unmöglich.

 

Willy Alvero, Zigarrenkunde

Ein Riss an der Schnittstelle stört die Ästhetik einer Zigarre, aber nicht deren Genuss. Entsteht ein Riss in der Mitte der Zigarre, zieht das gute Stück nicht mehr. Abhilfe schafft ein neues Deckblatt oder ein kleiner Flicken 

Willy Alvero, Zigarrenkunde

 

Willy Alvero, Zigarrenkunde

Ein Riss, der durch unsachgemäßen Transport entstanden ist. Dagegen hilft nur eines: die Zigarre abschneiden

 

Während des Transports kann es durchaus vorkommen, dass Kartons zu Boden fallen. Waren die Zigarren nicht ordnungsgemäß in den Kisten verpackt, können sie dabei brechen. Es gibt zwar die Auflage, daß Zigarrenkisten in den Transportcontainern immer horizontal verstaut werden müssen, aus Platzgründen werden einige Kisten jedoch auch vertikal verpackt. Besonders gefährdet sind die Figurados, deren spitz zulaufende Enden leicht abbrechen können.

Mittlerweile bestehen nicht wenige Importeure darauf, dass die unterschiedlichen Façons auch in unterschiedlich großen Kartons transportiert werden. Damit soll gewährleistet sein, dass auch alle Kisten horizontal verladen werden. Auf diese Weise wird der Ausschuß auf ein Minimum reduziert.

FLECKEN

Manchmal lassen sich auf dem Deckblatt kleinere kreisförmige weiße oder hellgrüne Flecken feststellen. Sie entstehen meist dadurch, daß sich bei dem Trocknungsvorgang noch kleine Wassertröpfchen auf den Tabakblättern befunden haben. Es kann sich aber auch um Spuren kleiner Insekten handeln. Für die Herstellung hochwertiger Zigarren werden solche Blätter aussortiert. Sie werden meist von weniger bekannten Marken oder für Zigarren verwendet, die in Tubos verpackt werden, da die Flecken bei Zigarren in Tubos nicht sofort ins Auge stechen.

Willy Alvero, Zigarrenkunde

Oben: Kleinere Wasserflecken
Unten: Flecken, die in Folge unsachgemäßer Fermentation entstanden sind

Willy Alvero, Zigarrenkunde

 

Grünliche Flecken können aber auch in Folge schlechter Fermentation entstehen. Wird der Fermentationsprozeß nicht zu Ende geführt, das heißt bis zu dem Punkt, an dem aus dem Tabak die Zigarre gerollt wird, setzt sich der Prozess in der Cigarrenkiste fort. Dann verändert sich die Farbe des Deckblatts und wird fleckig. Eigentlich dürften derartige Flecken nicht vorkommen, aber wenn es sich lediglich um einige wenige handelt, haben sie keinerlei Auswirkungen auf Geschmack und Aroma der Zigarre.

Willy Alvero, Zigarrenkunde

Ölflecken können sich auf dem Deckblatt der Zigarre bilden, wenn das Zedernholz, mit dem der Tubo ausgeschlagen ist, nur unzureichend getrocknet worden ist

VERMEINTLICHE MÄNGEL

Einige Zigarren können kleine Druckstellen aufweisen. Betroffen sind davon zumeist Havannas, die in Kisten mit Schiebedeckel verpackt sind. In solchen Kisten werden die Zigarren zusätzlich von einem Band zusammengehalten, das ungefähr 2 cm Zentimeter breit ist und die Zigarren etwas quetschen kann. Genau genommen kann hier nicht von einem Defekt die Rede sein. Die Zigarre läßt sich relativ leicht glätten und sollte einfach etwas länger im Humidor verbleiben. In derartige Kisten werden übrigens nur die besten Zigarren verpackt.

Ein weiterer vermeintlicher Mangel ist eine leicht flachgedrückte Form der Zigarren. Dies rührt daher, dass eine klassische Zigarrenkiste sehr knapp bemessen ist, damit die Zigarren im Inneren der Kiste nicht hin und her rollen können. In den Fabriken werden die Kisten mit Hilfe spezieller Pressen verschlossen. Zigarrenfälscher verfügen in der Regel nicht über diese professionellen Maschinen, weshalb solche Zigarren stets ihre runde Form beibehalten.

 

Willy Alvero, Zigarrenkunde

Durch das Band können kleinere Druckstellen an den Zigarren auftreten, die sich allerdings rasch wieder glätten lassen. Nur hochwertige Zigarren werden mit derartigen Bändern umschlossen

 

Grundsätzlich muss das Deckblatt glatt sein. Lassen sich dennoch dicke Adern erkennen, so zeugt dies entweder von der Nachlässigkeit des Rollers oder davon, dass es sich bei den betreffenden Zigarren um Fälschungen handelt. Einzige Ausnahme sind die ›Ediciónes Limitadas‹. Für diese limitierten Serien werden nur die obersten Blätter der Tabakpflanze verwendet, die dunkler und stämmiger sind und deren Adern deutlich hervortreten.

Neben den äußerlichen und technischen Mängeln können natürlich auch geschmackliche Unzulänglichkeiten auftreten. Ein »nichtssagender« Rauch, ein zu kurzer oder gar nicht vorhandener Nachgeschmack, eine schwache Rauchdynamik oder die fehlende Entwicklung des Bouquets … Doch dies würde uns zu weit führen und soll an anderer Stelle erzählt werden.


Dieser Text erschien im Original im © Cigar Clan Nr.3 ( 2-2006)

Photos: Alexander Batiru


 


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