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Katharina Ryzhkova

Zigarren-Herstellung: In 35 Schritten erklärt

170 – das ist die Anzahl der Schritte, die jede Zigarre auf dem Weg vom Gewächshaus bis zum Ladentisch durchläuft. Dabei markiert diese Zahl die Untergrenze, ist also eher ein Indiz für faule und pflichtvergessene Zigarrenproduzenten. Bei renommierten Unternehmen steigt die Anzahl der Schritte im Handumdrehen auf 250. Wir reden hier von 250 Schritten ohne maschinelles Eingreifen. Hinter jedem Produktionsschritt steht eine Person. Einige dieser Personen sind so spezialisiert, dass es unmöglich ist, ihrem Beruf eine Bezeichnung zuzuordnen. An dieser Stelle wollen wir zumindest versuchen, den aufwendigen Herstellungsprozess in 35 Schritten zu erklären. 

1.

Manuel Peralta, Davidoff ZigarrenGute Zigarren macht in erster Linie guter Tabak aus. Man kann also ohne Übertreibung behaupten, dass die Schlüsselfigur bei Davidoff nicht der Präsident des Unternehmens, der das Head-Office in der Schweiz leitet, und auch nicht der Guru Hendrik Kellner, der die Produktion überwacht, sondern ein bescheidener, überaus gebildeter, freundlicher und fast niemandem bekannter Mann namens Manuel Peralta ist. Dieser Mann ist für den Tabakanbau zuständig. Seine gesamte Freizeit verbringt Peralta damit, Tabaksorten zu kreuzen und mit neuen Samen zu experimentieren. Die besten Kreationen werden als Tabak für Davidoff-Zigarren verwendet. Einen Teil der Saat pflanzt Peraltа auf Davidoffs eigenen Plantagen. Den Rest verteilt er unter Plantagenbesitzern überall im Land. Damit niemand denselben Tabak aber selbst reproduzieren kann, sorgt Peralta dafür, dass die Hybridkeime steril sind.

2.

Tabaksorten. Wie man eine Zigarre herstellt.Nachdem ich mein unverfälschtes Interesse für den Tabakanbau unter Beweis gestellt habe, erlange ich Zutritt zum Allerheiligsten des Unternehmens – zu Peraltas Kühlschrank, wo er die gesamte Samenbank und die experimentellen Arten aufbewahrt. Der Kühlschrank ist mit einem Vorhängeschloss gesichert. Im Inneren befinden sich gefühlt Millionen Gläser, Behälter und Gefäße mit Samen. Peralta beobachtet das Wachstum und die Entwicklung neuer Keime, und wenn er mit dem Fortschritt zufrieden ist, lässt er die ausgewählten Sorten im Gewächshaus und anschließend auf den Plantagen weiter wachsen. Im Durchschnitt dauert es etwa 14 Jahre, bis eine neue Tabaksorte entwickelt ist.

3.

Tabakblume. Zigarren HerstellungDie Tabakblume birgt in sich das weibliche Element – die Staubblätter – und das männliche Element – die Stempel. Damit ist sie eine klassische fertile Art und kann sich selbst befruchten. In einer sterilen Blume dagegen fehlen die Staubblätter und damit auch die Samen. Um eine solche Blume zu befruchten und eine Ernte zu erzielen, muss man an die sterile Blume eine fertile halten. Als Peralta diesen Prozess erklärt, führt er eine Liebesszene zwischen der sterilen und der fertilen Blume auf.

4.

Die Tabaksamen werden mit Asche vermischt und mittels einer perforierten Blechdose in flache Tabletts mit Torf gesät. Die Asche wird als Farbkontrast zum Torf benötigt, um eine gleichmäßige Verteilung der Samen auf dem Tablett zu gewährleisten. Anschließend wird der Torf mit einer Schicht Reisschalen bedeckt – als Windschutz für die Samen.

Tabaksamen und Asche, vermischt

5.

Sobald die Saat durch die Reisschalen dringt, wird sie in tiefe Container umgepflanzt, je ein Keim pro Fach. Diese Container heißen Raufe. Das Umpflanzen der Keime ist eine Schweißarbeit, die in der Regel von Frauen ausgeführt wird. Das Prozedere ist einfach: Mit einem Stock wird eine Vertiefung ausgekerbt und der Samen eingepflanzt. Gearbeitet wird in Handschuhen, und hin und wieder werden die Hände in eine Desinfektionslösung getaucht.

Zigarren Herstellung: Umpflanzung der Saat in Container

6.

Während des Wachstums in den Fächern wird der Tabak ständig beschnitten. Die Blätter werden vorsichtig abgeschnitten, ohne dass die Wachstumszone berührt wird. Das ist notwendig, damit die ganze Wachstumsenergie in die Wurzeln gehen kann.

Zigarren Herstellung: Tabakblätter

Damit jedes Tabakpflänzchen in sein eigenes Fach umziehen kann, muss viel Platz vorhanden sein. Daher gibt es auf den Plantagen sehr viele Gewächshäuser oder sogenannte »Grüne Häuser« (green houses), in denen der Tabak seinen langen Weg zu einer guten Zigarre beginnt.

Zigarren Herstellung: Tabak-Gewächshaus

7.

Der Tabak entwickelt in den Fächern ein mächtiges Wurzelnetz. Die Form der Fächer sorgt dafür, dass die Wurzeln beim Umpflanzen des Tabaks auf die Plantage nicht beschädigt werden.

Zigarren Herstellung: das Umpflanzen der Tabakpflanze

8.

Die kleinen Sträucher werden auf Plantagen im ganzen Land verteilt. Überall herrscht ein anderes Mikroklima und jedes einzelne Stück Land hat seine individuellen Eigenschaften. Der Tabakbauer muss also berücksichtigen, welche Eigenschaften eine bestimmte Tabaksorte hat und wie diese Eigenschaften durch den Boden beeinflusst werden. So wirkt beispielsweise die dominikanische Tabaksorte Olor am stärksten auf den hinteren seitlichen Zungenbereich, der für den Säuregeschmack verantwortlich ist. Wenn der Anteil dieser Sorte in der Mischung groß ist, wird viel Speichel produziert, was sich positiv auswirkt, da sich die Brennstoffe im Speichel auflösen. Man kann den Boden natürlich durch Zufuhr von Mineralien und Nährstoffen beeinflussen, und so den Säure-Basen-Haushalt regulieren. Aber je mehr der Boden beeinflusst wird, desto weniger authentisch ist der Geschmack des Tabaks.

Zigarren Herstellung: Tabakplantagen

9.

Nun ja, die meisten Plantagenarbeiter können sich um derartige Feinheiten nicht kümmern. Die Ernte ist ein saisonales, hartes und schlecht bezahltes Unterfangen. Auf den Plantagen (zumindest den dominikanischen) arbeiten vorwiegend Haitianer. Die Plantagenarbeiter mögen nicht besonders qualifiziert sein, sind aber dennoch sehr wichtig. Sie gießen den Tabak, reißen die Blüten ab (diese stehlen den Blättern Spurenelemente), düngen den Boden und bekämpfen Schädlinge.

Zigarren Herstellung: Tabakplantage

10.

Peralta bestimmt für jede Plantage den optimalen Erntezeitpunkt. Auf sein Zeichen hin werden die Blätter von unten nach oben – Volado, Seco und schließlich Ligero – gesammelt und zum Trocknen abtransportiert. Die Arbeit beginnt mit dem Sonnenaufgang, denn bereits mittags ist die Hitze unerträglich. Es muss schnell gearbeitet werden, da der Tabak sonst überreifen kann.

Zigarren Herstellung: Abtransportieren der Tabakblätter

Ein wachsames Auge für alles, was innerhalb der Produktionskette geschieht: von den Gewächshäusern bis zu den Lieferungen an die Fachhändler. Kellners Mannschaft besteht aus etwa 30 Personen: Peralta, Eladio Diaz (Master-Blender), 7 Manager (der eine ist für die Arbeit mit den Deck- und Umblättern verantwortlich, der andere für die Einlage, der Dritte für die Verpackung etc.), und etwa 20 Personen arbeiten im Back-Office. Diese Mannschaft beaufsichtigt einige Tausend Plantagen- und Fabrikarbeiter.

Zigarrenherstellung: Hendrik Kellner

11.

In den Tabaktrockenschuppen verwandeln sich die saftigen, kräftigen und rauen grünen Blätter in aromatisches, elastisches und seidiges »Material«. Hier arbeiten sowohl Frauen – sie reihen die Blätter auf dünne Fäden auf und befestigen diese an langen Balken – als auch Männer, die diese Balken ihrerseits auf einer mehrstöckigen Konstruktion aus Trockenstangen befestigen. In Abhängigkeit von der Reifestufe der Tabakblätter werden die Balken von einer Ebene zur nächsten bewegt, bis sie schließlich die Decke des Tabakschuppens erreichen. Die Arbeiter in den Tabakschuppen könnte man daher ruhigen Gewissens als Tabak-Alpinisten bezeichnen.

Zigarren Herstellung

12.

Die Blätter darf man keineswegs ihrem Schicksal überlassen: Der Trocknungsvorgang wird strengstens überwacht. Der Tabak muss langsam braun werden, sich also des Chlorophylls entledigen. Der Prozess verläuft von den Rändern nach innen bis zur Mittelrippe. Im Tabakschuppen müssen stets optimale Lagerbedingungen aufrechterhalten werden: die richtige Temperatur und ein optimales Feuchtigkeitsniveau.

Muss die Temperatur erhöht werden, machen die Arbeiter Lagerfeuer; soll der Schuppen abgekühlt und getrocknet werden, reißen die Arbeiter die Türen auf; und wenn nicht genug Feuchtigkeit vorhanden ist, wird Wasser über den Boden gegossen und die Türen werden verschlossen.

Zigarren Herstellung: Trocknung der Tabakblätter

13.

Wenn das Blatt den Tabakschuppen verlässt, muss es gleichmäßig braun, ölig und elastisch sein. Es darf nicht trocken und bröselig werden, was der Fall wäre, wenn die Blätter ohne Aufsicht trocknen würden.

Zigarren Herstellung: Tabakblatt verlässt den Schuppen

14.

Der nächste Schritt, den der Tabak durchläuft, ist äußerst kompliziert und heißt Fermentation. Um nochmals zu den Gerüchen zurückzukehren: Da Tabak während der Fermentation Ammoniak und andere unerwünschte Elemente freisetzt, kann man sich in dieser Produktionshalle nicht ohne Maske aufhalten. Auch die Augen tränen hier. Die hiesigen Arbeitsbedingungen sind alles andere als komfortabel. Dabei erfordert die Arbeit in dieser Halle die Genauigkeit eines Juweliers. Wie Senior Kellner gerne sagt: »Guten Tabak zu verderben ist einfach; schlechten zu verbessern dagegen unmöglich.« Verdorben wird der Tabak übrigens am häufigsten gerade in den Fermentationshallen.

Zigarren Herstellung: Tabakblätter in der Fermentationshalle

Der Duft in dem Tabakschuppen ist wahrscheinlich das Einzige, was man nicht in Worte fassen kann. Es ist ein strenger und angenehmer Geruch aus Backpflaumen-, Zimt- und Blumenaromen. Es gibt nur einen Ort in der Fabrik, an dem es besser riecht als hier im Schuppen, und das ist der Aging Room … Aber ich will nichts vorweggreifen.

Zigarren Herstellung: Der Duft der Zigarrenblätter bei der Fermentation

15.

Die Fachkräfte, die für diese komplexe und im Grunde wichtigste Aufgabe innerhalb der Produktionskette verantwortlich sind, haben mit unzähligen Schwierigkeiten zu kämpfen. Die Fermentation verlangt wie kein anderer Produktionsschritt strenge Kontrollen, denn jede Stunde kann für das Schicksal des Tabaks entscheidend sein. Die Arbeiter müssen dafür Sorge tragen, dass der Tabak sich sämtlicher unerwünschter Stoffe entledigt, dabei aber nicht zu viel Öl verliert. Der Tabak muss weniger bissig werden, ohne dass das Aromenbukett verschwindet.

Zigarren Herstellung: Fermentation

Darüber hinaus verläuft die Fermentation bei unterschiedlichen Tabaksorten, ja sogar bei Tabakblättern von unterschiedlichen Ebenen des Tabakstrauchs unterschiedlich. Die Fermentation von Deckblättern muss ebenfalls anders erfolgen als die von Einlageblättern. Es ist extrem wichtig, den richtigen Zeitpunkt für die Unterbrechung des Fermentationsprozesses zu bestimmen. Der Verantwortliche muss für diese Aufgabe sehr kompetent sein, schnell begreifen und reagieren, sonst sieht es für den Tabak schlecht aus.

16.

Nach der Fermentation – manchmal durchläuft der Tabak auch 2 oder 3 Fermentationen, je nachdem, wie fanatisch der Produzent ist –, wird der Tabak in Säcken in die Fabrik transportiert. Hier stellen sich zwei neue große Herausforderungen – die innerbetriebliche Logistik und die Inventur. Nicht der gesamte Tabak wird auf Davidoff-Plantagen angebaut. Ein Großteil wird in anderen Ländern eingekauft, und genau in diesem Stadium wird der zugekaufte Tabak in Umlauf gebracht.

Ligero, Seco, Volado kommen alle aus unterschiedlichen Ländern, Regionen, aus Ernten verschiedener Jahrgänge, es gibt Tabake für Deckblätter, Umblätter etc. Dabei sind die Säcke mit dem Tabak alle gleich. Jeder Sack trägt ein Etikett mit einem Strichcode, in dem die ganzen Informationen hinterlegt sind. Selbstverständlich verläuft die Bestandsaufnahme in allen Fabriken längst EDV-gestützt. Aber stellen Sie sich vor – allein in dem Raum auf diesem Bild sind 2.700 Säcke. Die wenigen Personen, die für die Lagerräume verantwortlich sind, beherrschen perfekt die Zahlensprache, lesen im Vorbeilaufen jeden Code ab und haben im Kopf, welche Ernte dort in der staubigen Ecke rechts oben lagert. Nebenbei bemerkt, können sich die wenigsten Produzenten derartige »Tabakbanken« leisten …

Zigarren Herstellung: Tabaklagerung in Säcken

Die minimale Lagerungsfrist beträgt 6 Monate. Das Gros der Säcke lagert hier jedoch zwischen 3 und 4 Jahren. Beim Schlendern durch das Lager kann man auf Säcke stoßen, die auf das Jahr 2000 und früher datiert sind. Hier werden aber nicht einfach nur die Rohstoffe gelagert; während der Lagerungsphase durchlebt der Tabak wichtige Metamorphosen. Keiner kann diese Prozesse genau beschreiben, aber man kann mit Sicherheit das Ergebnis feststellen. Der Tabak wird milder, weniger impulsiv, »tiefgründiger« und edler. Selbst eine nicht ausreichende Fermentationsdauer kann durch eine lange Lagerung teilweise kompensiert werden.

Aber auch hier gilt es nicht zu übertreiben. Einige Tabaksorten verbessern ihre Eigenschaften, erreichen ihren Höhepunkt und verharren in diesem Optimalzustand. Andere dagegen können überreifen und verfaulen. Alles hängt von der Sorte und der Lage der Blätter auf der Tabakpflanze ab. Alle 45 Tage findet in den Räumlichkeiten eine Fumigation (Vergasung) statt. Wenn der Tabak in einem luftdichten Raum gelagert wird, unterzieht man diesen komplett dieser Prozedur, anderenfalls werden die Tabaksäcke mit Schutzplanen bedeckt und unter die Planen wird Gas gesprüht.

17.

In diesem Produktionsstadium kommt die dritte Schlüsselfigur des Unternehmens ins Spiel: der Master- Blender Eladio Diaz. Wenn man Peralta als Drehbuchautor und Kellner als Produzent ansieht, so ist Diaz zweifelsohne der Regisseur. Der Tabak in den Lagerräumen ist sein Arbeitswerkzeug. Mit Hilfe der Vorräte des Unternehmens erreicht er die Konsistenz im Geschmack. Die Mischung für eine Zigarre für die Ewigkeit zuzubereiten ist nicht möglich, denn die Tabake ändern sich von Ernte zu Ernte. Trotzdem schafft es der Master-Blender, dass der Geschmack einer Zigarre von Jahr zu Jahr unverändert bleibt.

Zigarren Herstellung: Davidoff Master-Blender Eladio Diaz

18.

Nachdem der Tabak ausgepackt wurde, beginnen die Spielereien mit der Feuchtigkeit. Die Blätter werden für diverse Machenschaften etliche Male befeuchtet und getrocknet. Als Erstes wird der Tabak für die Sortierung und die Entfernung der Mittelrippe vorbereitet. Zieht man diese aus einem trockenen Blatt heraus, wird es bröseln. Daher muss das Blatt vorher befeuchtet werden. Die Bündel mit den fragilen Deckblättern werden nur mit dem Blattstiel ins Wasser getaucht, denn er reguliert die Feuchtigkeit im Blatt. Umblätter werden dagegen gänzlich ins Wasser getaucht.

Zigarren Herstellung: Feuchtigkeitsregulierung

Nach dem Wasserbad hängen die Bündel 2 bis 3 Tage in einem Raum mit hoher Luftfeuchtigkeit. In diesem Raum riecht es neutral, es ist nicht heiß und insgesamt recht komfortabel.

19.

Die Tabakblätter können unzählige Male befeuchtet und getrocknet werden. Zum Zeitpunkt der Verarbeitung sollte die Einlage 14 %, die Umblätter 17 % und die Deckblätter, die maximal elastisch sein müssen, 25 % relative Feuchtigkeit haben.

Zigarren Herstellung: Optimale Feuchtigkeit der Tabakblätter

20.

Einige Tabakblätter erfordern größeren Aufwand als andere. So sind die Tabakblätter, die in Säcken aus Zentralamerika kommen, zu sehr befeuchtet und stark zusammengepresst. Diese Blätter müssen zuerst einige Zeit auf Siebregalen in mehrstufigen Lattengestellen gelagert werden.

Zigarren Herstellung: Tabakbätter-Lagerung auf Siebregalen

21.

Nun kommt die Aussortierung. Diese Aufgabe obliegt meistens Frauen. Und obwohl die erste Sortierung kein Adlerauge erfordert, da die Farb- und Größenunterschiede der Blätter für jeden offensichtlich sind, gilt immer noch, dass Frauen dieser Aufgabe besser gewachsen sind als Männer. Es heißt, sie hätten  mehr Sitzfleisch und seien für eintönige mechanische Aufgaben besser geeignet.

Zigarren Herstellung: Aussortierung der Tabakblätter

In der Reihenfolge, in der die Tabakblätter geerntet werden – zunächst die kräftigen von der unteren Ebene des Strauchs (Volado), dann die mittelstarken aus dem Mittelbereich (Seco) und schließlich die milden von der obersten Blätterschicht (Ligero) –, so werden sie auch voneinander getrennt weiterverarbeitet. Die Sortierhalle ist keine Ausnahme.

22.

Nach der Sortierung ziehen die Blätter weiter zur Entfernung der Mittelrippe. Die Entfernung der Mittelrippe aus den Deck- und Umblättern erfolgt mithilfe einer Maschine. Das Blatt wird auf eine Trommel gewickelt, in deren Mitte sich zwei Klingen befinden, die die Rippe beidseitig beschneiden. Da dieses Gerät oftmals ungenau funktioniert, müssen die Fransen per Hand entfernt werden.

Zigarren Herstellung: Entfernung der Mittelrippe bei Tabakblättern

Die Mittelrippe des Einlagetabaks wird per Hand entfernt. Die Arbeiterinnen tragen einen Fingerhut mit einer kleinen scharfen Schneide. Diese wird im ersten Drittel des Blatts reingestochen, und zwei Drittel der Mittelrippe werden entfernt. So kann ein Teil des Tabaks bei dieser Prozedur eingespart werden.

23.

Anschließend werden die Deckblätter mittels eines Zerstäubers erneut befeuchtet und in Stapel à 25  Blatt aufgeteilt. Wenn die Blätter bis zur Weiterverarbeitung mehr als eine Woche gelagert werden müssen, stellt man die Stapel in luftdichten Behältern in einen Kühlschrank bei Temperaturen von 12–17 Grad. Das ist notwendig, damit die Blattfarbe erhalten bleibt – nicht verschwommen und nicht dunkler wird.

Zigarren Herstellung: Deckblätter in Stapeln

Die Umblätter werden – genauso gestapelt – in nicht-hermetischen Schachteln gelagert. Die Einlage wird dagegen in die Werkhalle transportiert, wo an der Mischung gezaubert wird …

24.

Diese Werkhalle erinnert an einen Ameisenhaufen: Etwa 5 Personen nehmen die Einlage aus den Kisten, weitere 5 verteilen sie auf den Tischen, jeweils eine Person pro Tisch ist für das Wiegen und Komplettieren des Tabaks verantwortlich. Alle diese Aufgaben werden von Männern verrichtet, während eine Frau die Aufsicht hat. In ihrem Notizbuch sind sämtliche Rezepturen aufgeschrieben. Sie weiß, welche Einlage in welcher Menge für welche Zigarre vorgesehen ist. Sie erstellt einen Tagesplan und codiert die Mischungen.

Zigarren Herstellung: Tabakblätter verteilen

Streng genommen wissen die Arbeiter gar nicht, mit welchem Tabak sie arbeiten. Sie lesen lediglich den Code ab: 20 % des X-Tabaks, 35 % vom Y-Tabak und 45 % des Z-Tabaks. Wenn eine Mischportion fertig ist (eine Portion reicht in etwa für 500 Zigarren), wird diese in einen Plastikbeutel verpackt und darauf ein Etikett mit dem jeweiligen Zigarrennamen aufgeklebt. Nun machen sich Einlage, Deck- und Umblätter auf den Weg zum »Supermarkt« – einem kleinen Vorraum vor der Produktionshalle, in dem die Zigarren gerollt werden. In diesem »Supermarkt« tauschen die Roller  Tabakmarken gegen den Tabak, den sie für ihre Tagesnorm benötigen.

25.

Die Zigarrenmacher arbeiten paarweise – die Puppenmacher stellen die Einlage her und die Roller wickeln diese in das Deckblatt ein. Die Zigarrenmacher haben keine festen Arbeitszeiten, da sie nach der Anzahl der gerollten Zigarren bezahlt werden. Die Partner sind voneinander abhängig: Falls der Puppenmacher nicht zur Arbeit erscheint, bleibt der Roller ohne Tagesgage. Wenn der Roller eine mangelhafte Zigarre herstellt, werden ebenfalls beide bestraft. Dabei macht der Roller die erste Qualitätskontrolle.

Zigarren Herstellung: Puppenmacher

 

Die Einlage zu machen ist keine leichte Aufgabe. Zum einen muss die Tabakdichte über die gesamte Zigarrenlänge gleichmäßig sein, zum anderen haben die Tabake unterschiedliche Stärke und müssen richtig verteilt werden, um einen gleichmäßigen Abbrand zu gewährleisten. Ligero brennt zum Beispiel langsamer als Volado. Je komplizierter die Form einer Zigarre ist, desto größer ist das Gehalt des Puppenmachers. Eigentlich sind Puppenmacher und Roller die beiden bestbezahlten Jobs in der Fabrik. Sie verdienen bis zu 20.000 Pesos im Monat. Ein dominikanischer Peso entspricht in etwa 0,018 Euro.

26.

Die Fehler des Rollers sind offensichtlicher als die des Puppenmachers, denn ein schlechtes Deckblatt fällt sofort ins Auge. Es gibt aber Feinheiten zu beachten: Der Roller schneidet nach dem Rollen den Zopf ab. Zusammen mit dem Puppenmacher muss er die Puppenlänge so bestimmen, dass die Zigarre am Kopf gut gerollt ist und nicht aufgeht, gleichzeitig aber nicht zu viel Tabak abgeschnitten wird. Die Norm liegt bei einem halben Inch. Die Abfälle des Puppenmachers und des Rollers werden gewogen. Wenn es zu viel Verschnitt gibt, mischt sich der Supervisor ein, um die Ursachen zu klären.

Zigarren Herstellung: Roller

27.

Ist sich der Roller nicht sicher, ob der Puppenmacher seinen Job gut gemacht hat, lässt er die Puppe durch eine Ringmaßschablone gleiten. Gleitet die Zigarre zu leicht durch, ist sie zu fest gerollt. Passt die Zigarre gar nicht hindurch, ist sie zu locker oder es wurde zu viel Tabak eingerollt.

Zigarren Herstellung: Ringmaßschablone

28.

Auf 24 Arbeiterpaare kommen 2 Supervisors. Der eine kontrolliert die Puppenmacher, der andere die Roller. Der Supervisor trägt viel Verantwortung: Wenn er eine mangelhafte Zigarre zur nächsten Stufe der Qualitätskontrolle durchlässt, wird er und nicht die Arbeiter bestraft. Der Supervisor muss den gesamten Umfang an gerollten Zigarren schnell und mit bloßen Augen und Händen auf Mängel überprüfen: Ist das Gewicht zu groß oder zu klein? Ist die Zigarre zu fest oder zu locker gerollt?

Zigarren Herstellung:Supervisor

29.

Unabhängig vom Schwierigkeitsgrad des Zigarrenformats bekommen die Arbeiter nur dann Boni, wenn weniger als ein Prozent der Zigarren Mängel aufweisen.

Zigarren Herstellung: Roller

30.

Heutzutage ist es nicht üblich, die Rollerfertigkeiten vom Vater zum Sohn weiterzugeben. Diese Tradition wird heute durch Rollerschulen ersetzt. Bei Davidoff werden einige Dutzend Roller und  Puppenmacher ausgebildet. Das kostet viele Rohstoffe, viel Geld und viel Zeit. Damit ein Schüler an einen Arbeitstisch gesetzt werden kann und man ihm das Rollen von Zigarren der Standard-Serien anvertrauen kann, ist eine Ausbildungszeit von 3 Monaten bis zu 1 Jahr notwendig.

Zigarren Herstellung: Ausbildung zur Zigarrenrollerin

31.

Die erste Stufe der Qualitätskontrolle ist die Mängelprüfung des Deckblatts. Dafür reicht ein schneller Blick auf die Zigarre aus. Wenn die Supervisors gut gearbeitet haben, finden die Kontrolleure keine Mängel. Dann wird die Zigarre auf ihre Länge und ihren Durchmesser hin überprüft. Das ist eine mechanische Arbeit: 25 Zigarren werden in eine Reihe gelegt und es wird geprüft, ob alle Zigarren dieselbe Länge haben und ob die Summe der Durchmesser aller Zigarren von der Norm nicht mehr als um 5 Millimeter abweicht.

Zigarren Herstellung: Qualitätsprüfung

Die letzte Qualitätsprüfung ist das Wiegen. Lediglich eine Abweichung von 15 Gramm vom vorgesehenen Gesamtgewicht von 50 Zigarren lassen die Kontrolleure zu. Die Aufgabe des Wiegens ist die schwierigste, denn wenn eine Zigarre auf dem Tisch des Gewichtskontrolleurs landet, bedeutet es, dass sowohl ihre Länge als auch ihr Durchmesser stimmen – das Problem muss in der Puppendichte stecken.

Der bei Davidoff für die Gewichtskontrolle Verantwortliche arbeitet hier bereits seit über 25 Jahren. Er kann bestimmen, ob mit dem Gewicht alles in Ordnung ist, schlicht indem er eine Zigarre in die Hand nimmt. Sämtliche Supervisors sind nebenbei bemerkt verpflichtet zu rauchen, denn das gehört zur Qualitätskontrolle genauso wie das Wiegen und das Vermessen.

32.

Jene Zigarren, die die Qualitätskontrolle passiert haben, werden der Farbe nach sortiert. Bei dieser vorläufigen Sortierung müssen die Sortiererinnen lediglich 8 bis 10 Farbnuancen unterscheiden können. Anschließend werden die Zigarren in Holzkisten verpackt, die Schichten werden voneinander mit Papier getrennt und die Zigarrenzöpfe mit Schaumstoff geschützt. Jede Kiste hat einen Strichcode. Am Ende des Tages werden sämtliche Kisten durch den Hauptsupervisor gescannt. Er vergleicht die Anzahl der gerollten Zigarren mit der Menge des ausgehändigten Tabaks. Von hier aus machen sich die Zigarren auf den Weg zum Reifen …

Zigarren Herstellung: Sortierung der Zigarren nach Farbe

33.

Im sogenannten Aging Room verbleiben die Zigarren mindestens 21 Tage. Dieser Zeitraum reicht aus, damit die Einlage und das Deckblatt in Sachen Feuchtigkeit gleichziehen. Selbstverständlich verweilen die meisten Zigarren hier wesentlich länger. Hier finden allerdings keine derart aktiven Prozesse wie in den Tabakblättern statt. Wenn also von »einer reifen Zigarre« die Rede ist, sollte man im Hinterkopf behalten, dass eine Zigarre aus gereiftem Tabak nicht dasselbe bedeutet wie eine Zigarre, die längere Zeit im Aging Room verbracht hat.

Nichtsdestotrotz findet während des Lagerungsprozesses eine »Vermählung« statt: Die Mischung wird ausgewogener, die Tabake gewöhnen sich aneinander, und ein Teil der Öle geht verloren, was einen besseren Abbrand gewährleistet.

Zigarren Herstellung: Aging Room

Sowohl der Aging Room als auch das Lagerhaus werden der Vergasung unterzogen. Phosphortabletten werden ihren luftdichten Plastikverpackungen entnommen und über die Regale verteilt. Anschließend wird der Raum verschlossen. Die Tabletten verdampfen, und am dritten Tag fangen die Dämpfe an sich abzusetzen. Die Zigarren sind dabei durch Schutzpapier und Schaumstoff bestens geschützt. Zwei weitere Tage später wird der Raum geöffnet und gelüftet. Die Arbeit der Vergaser gilt nicht als schädlich – sie tragen Schutzmasken und halten sich an Sicherheitsvorkehrungen –, aber auch als angenehm kann man diesen Job nicht gerade bezeichnen.

34.

Nach der Reifelagerung werden die Zigarren noch einmal nach Farbe sortiert. Dieses Mal ist die Aufgabe viel anspruchsvoller: Frauen mit 20jähriger Berufserfahrung können Farbnuancen unterscheiden, die für das bloße ungeschulteAuge nicht zu erkennen sind. Trotzdem nimmt man an, dass nur absolut farbidentische Zigarren in einer Zigarrenkiste die nötige ästhetische Begeisterung hervorrufen können – auch wenn die meisten Konsumenten keinen Farbunterschied erkennen würden.

Zigarren Herstellung: Sortierung nach Farbe, die Zweite

Einige Fabriken ordnen die Zigarren innerhalb einer Kiste selbst nach der sorgfältigsten Sortierung noch einmal: vom dunklen bis zum hellen Farbton von links nach rechts. Eine weitere wichtige Person in Sachen Farbsortierung ist der Marketingleiter des Unternehmens. Er ist derjenige, der darüber entscheidet, was mit Zigarren mit gleichem Deckblatt, aber unterschiedlichen Farbnuancen geschieht.

35.

Die letzte wichtige Stufe der Qualitätsprüfung ist die Verpackungshalle. Die Packerin wird niemals den Ring über eine Zigarre ziehen, die ihr minderwertig erscheint. Die Packerinnen verdienen wenig. Sie sind leicht zu ersetzen, denn ihre Aufgabe ist nicht besonders schwierig. Und dennoch bestimmen sie das »Gesicht« der Zigarre – ihre Schokoladenseite. Kellner sagt: »Die Krawatte trägt man auch nicht auf dem Rücken. So hat der Ring ebenfalls an der richtigen Stelle zu sein.« Der Ring muss befestigt werden, ohne dass das Deckblatt mit dem Kleber beschädigt wird. Danach werden die Zigarren cellophaniert.

Zigarren Herstellung: Die Zigarrenringe

Die einzige Person, die in der Verpackungshalle hoch geschätzt wird, ist der Hallenleiter. Er muss sich an strategische Marketingvorgaben des Head-Office anpassen und entscheiden, wie und mit welchem Band ein sechskantiger Zigarrenstapel gebunden werden muss, ohne dass er auseinanderf.llt, und wie man Zigarren mit demselben Farbton aus verschiedenen Serien für eine limitierte Geschenkedition zusammenstellt.

Für die Recherche an diesem Beitrag wurde nicht zufällig Davidoff ausgesucht. Die Fabrik ist ein vertikal integriertes Unternehmen. Diese wichtige Tatsache ermöglichte es mir, den gesamten Produktionszyklus mitzuerleben, ohne die Grenzen einer einzelnenFabrik zu verlassen. Und für Sie bedeutet das eine Qualitätsgarantie, denn die Produktion wird über alle Produktionsstufen hinweg strengstens kontrolliert – vom Tabakanbau über die Kistenproduktion bis hin zur Auslieferung an die Tabakfachhändler.

Davidoff Zigarren Fabrik

Viel Freude beim Rauchen!


 

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