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Marc André

Zigarrenlagerung: Einen kühlen Kopf bewahren

Wenn man durch die Vielzahl deutscher und englischer Tabak-Online-Foren surft, begegnet man oft der Behauptung, dass Zigarren gekühlt bei einer Temperatur von 16 – 18°C gelagert werden müssten, da sie ansonsten an Aroma verlieren würden. Dass dieses Argument immer wieder aufs Neue aufgekocht wird, liegt meines Erachtens zu einem Gutteil an der Tatsache, dass diverse Hersteller von Weinklimaschränken das Thema Zigarrenlagerung für sich entdeckt haben und nun eine Kaufalternative zu konventionellen Humidoren anbieten wollen. Aber ist der Aufwand für eine gekühlte Zigarrenlagerung legitim?

Häufig wird der umtriebige Tabakkäfer als Grund genannt, eine solche Anschaffung zu rechtfertigen. Die Larven des lasioderma serricorne, auch Zigarrenkäfer genannt, können Zigarren zu wahren Blockflöten verwandeln. Weitere Argumente, die als Gründe für eine gekühlte Lagerung angeführt werden, sind, dass dies der beste Schutz vor Schimmel sei, dass so ein möglichst langer Aromenerhalt des Tabaks gewährt werden kann, dass damit die optimale Voraussetzung für Langzeitlagerung geschaffen wird und dass eine Neigung zur Blütebildung auf der Zigarre verringert werden kann.

In diesem Beitrag möchte ich einigen Argumenten auf den Grund gehen und näher betrachten, ob und wann eine gekühlte Zigarrenlagerung sinnvoll ist.

Argument 1: Aromenerhalt

Die vielfältigen Aromen des Tabaks haben unterschiedliche Eigenschaften. Es gibt flüchtige, weniger flüchtige und resistente Aromen. Frische Zigarren haben häufig einen leicht stalligen, animalischen Geruch, welcher auf den im Tabak enthaltenen Ammoniak zurückzuführen ist. Ammoniak ist ein recht flüchtiger Stoff, der bereits nach ein bis 2 Jahren Lagerung in der Kiste weitgehend verflogen ist. Werden Zigarren offen im Humidor gelagert, so verflüchtigt sich Ammoniak schneller, als wenn die Zigarren beispielsweise in einem Porzellan- oder Glas-Jar gelagert werden.

Niedrigere Temperaturen bewirken ein langsameres Abdampfen des Ammoniaks. Dies kann durchaus gewünscht sein, wenn man Zigarren im Sinne des Cigar-Aging für viele Jahre einlagern möchte und den Aromenumbauprozess im Tabak durch ein möglichst langsames Abdampfen des Ammoniaks in eine bestimmte Richtung beeinflussen möchte. Allerdings sollte man dann auch die relative Luftfeuchtigkeit auf Werte zwischen 60 – 65% zurückfahren.

Für all diejenigen, die ihre Zigarren in einem Zeitraum von 5 bis 10 Jahren konsumieren wollen, ist das Argument einer gekühlten Lagerung zum Zwecke des Aromenerhalts jedoch wenig sinnvoll.

Schauen Sie sich doch mal in den zigarrenproduzierenden Ländern um, ob Sie dort auf eine gekühlte Lagerung treffen. Da können Sie lange suchen.

Argument 2: Schutz vor Schädlingen

 

Tabakkäfer

Es heißt, dass, wenn Zigarren unter 20°C gelagert werden, sich der Tabakkäfer nicht fortpflanzen könne und dies schütze die Zigarren vor Käferbefall. Hierzu muss man feststellen, dass nicht der Käfer die Zigarren zerstört, sondern die Käferlarve. Sofern die Zigarre mit der lebenden Larve »infiziert« ist, bringt auch eine Lagerung bei 15°C rein gar nichts. Erst bei Temperaturen unter 5 – 6°C wird die Larve inaktiv, hört also auf, zu fressen und verhungert. Zwar ist es korrekt, dass sich der Käfer bei niedrigeren Temperaturen nicht fortpflanzt, jedoch bedarf es dazu dann eines Käfermännleins und eines Käferweibleins, die im Humidor Hochzeit halten. Und dies ist wirklich äußerst unwahrscheinlich. Abgesehen davon frisst die Larve und nicht der Käfer die Zigarre auf, sodass der Schaden sowieso schon entstanden ist.

Da der Käfer selbst irrelevant ist, muss die Larve getötet werden.

Das wird dadurch erreicht, dass nahezu jeder Importeur seine Zigarren vor Auslieferung an den Handel bei minus 30 – 40°C frostet. Erfolgt dieses Einfrieren schnell, so überlebt die Larve das nicht. Werden die Zigarren zu langsam eingefroren, so bildet die Larve des Zigarrenkäfers eine Art Frostschutzmittel und stirbt nicht.

Bei aus dem Ausland selbst mitgebrachten Zigarren ist daher Vorsicht geboten. Um vorzubeugen, sollte aus diesem Grund immer die gesamte Kiste in eine Plastiktüte eingepackt und im Gefrierschrank einzeln eingefroren werden. Stapelt man mehrere Kisten übereinander, so erfolgt der Temperaturabfall bei den mittleren Kisten zu langsam und die Larve kann durch ihren Frostschutztrick überleben.

 

Zigarrenlagerung, Tabakkäfer

 

Argument 3: Schutz vor Schimmel

Eine warme und feuchte Umgebung – also der Humidor im Sommer bei Temperaturen von über 25°C – bewirke eine erhöhte Schimmelgefahr, so die These. Gespeist wird dieses immer wiederkehrende Argument durch die Tatsache, dass Zigarren bei höherer Temperatur leichter zur Blütebildung neigen. Diese Blüte sieht zwar aus wie Schimmel, ist aber keiner.

 

 

Zigarrenlagerung: Zigarrenschimmel

 

Ein einfaches Experiment: Nehmen Sie ein Stück Käse und lagern Sie es bei Temperaturen von 25°C und 70% relativer Luftfeuchte. Sie werden beobachten können, dass der Käse zwar langsam aber sichtlich vertrocknet, jedoch nicht verschimmelt. Wo aber verschimmelt der Käse am schnellsten? Im kalten, feuchten Kühlschrank, weil Schimmel dort eine optimale Wachstumstemperatur zwischen 5 – 15°C hat. Genau aus diesem Grund ist es praktisch unmöglich, bei Temperaturen über 22°C Schimmel auf einer Zigarre wachsen zu lassen,
allenfalls dann, wenn die relative Luftfeuchte auf Werte von weit über 80% steigt und selbst dann ist es noch immer unwahrscheinlich.

Ein Kunde hatte mir vor einiger Zeit völlig verschimmelte Zigarren zum Test überlassen. Der Schimmelbefall war nicht nur sichtbar, sondern man konnte ihn auch riechen. Es war eindeutig Schimmel, wie die Analyse der Sporen unter dem Mikroskop ergab. Während der Sommermonate wollte ich in meinem ziemlich feuchten Natursteinkeller – im Sommer nie unter 80% relativer Luftfeuchte und ca. 18 – 22°C – den Schimmel auf den Zigarren züchten, um dann Makroaufnahmen der Schimmelsporen zu machen. Nach einigen Wochen war der Schimmel jedoch nicht weiter gewachsen, sondern war vollkommen zurückgegangen. Mittlerweile sehen die Zigarren sogar völlig normal aus, als wäre nie etwas gewesen.

 

Zigarrenlagerung

 

Rauchen werde ich die Zigarren zwar trotzdem nicht mehr, aber dieses Experiment zeigt, wie sich Schimmel bei Wärme verhält. Eine gekühlte Lagerung schützt also keinesfalls vor Schimmel, sie bewirkt sogar genau das Gegenteil. Aus diesem Grund muss man bei gekühlter Lagerung auch die relative Luftfeuchte reduzieren, da ansonsten Schimmelgefahr droht.

Argument 4: Geringere Neigung zur Blütebildung

Wer zum ersten Mal Zigarren in Blüte erlebt hat und nicht weiß, womit er es zu tun hat, ist schnell dabei, seinen gesamten blühenden Bestand zu entsorgen, weil er die Blüte fälschlicherweise für Schimmel hält. Interessanterweise beginnen die Zigarren meist in den Monaten März, April, Mai, Juni verstärkt Blüte zu bilden. Ob das mit der »inneren Uhr« des Tabaks zu tun hat, vermag ich nicht zu sagen, wohl aber findet man Ausblühungen auch auf den Zigarren, die in einer gekühlten Umgebung gelagert werden. Hier konnte ich bislang keinen Unterschied feststellen.

 

Zigarrenlagerung

Zigarrenlagerung: Punktförmige Blüte

Beispiele für unterschiedliche Ausblühungen

 

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Woraus besteht eine gute Zigarre? Alles über Rauch und Asche.

 

Marc André ist passionierter Zigarrenraucher und leidenschaftlicher Humidorbauer, hat verschiedene Befeuchtungselektroniken für Humidore entwickelt und ist beratend im Bereich Humidor-Sonderserien und Individualanfertigungen tätig. Er betreibt die Webseite www.humidorbau.de und hält Vorträge zum Thema Humidorbau und Zigarrenlagerung.

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