Absinth, Wermut, Kaffee, Champagner & Zigarren

Typische Getränke der Goldenen 20er Jahre mit Zigarren verkostet.

Ich stehe auf und wanke ins Berliner Zimmer. Viel zu viel Licht, denke ich, und übergebe mich auf das alte Klavier. Als ich meine verklebten, tränennassen Augen öffne, sehe ich, dass ich auf den Küchentisch gekotzt habe. Das Klavier steht ja jetzt am Fenster. Darauf verteilt Absinth- und Wermutflaschen und ein vergessener Hut.

Besser als mein Mageninhalt, denke ich, und wundere mich kaum, als ich meine Couch in der Küche finde. Wir haben die Schönheit im Liegen gemalt. Sie ist weg, die Klamotten hat sie mitgenommen, nur ein abgetragener Damenschuh zeugt von der Session. Ich stolpere ins Treppenhaus und ins Klo auf der halben Treppe, und muss mich erneut übergeben, als die Witwe Schmolke von oben durch die geschlossene Tür schimpft. Sie will die Miete und keine nächtlichen Störungen.

Die Miete hab ich versoffen …

Als ich fertig bin, ist sie längst weggeschlurft, und ich schleppe mich ich meine Wohnung. Ich setze mir einen Mokka auf. Auf der Ablage finde ich Kokainreste, die ich mir für später aufhebe. Ich gebe viel Zucker in den schwarzen Kaffee und sinke auf die Couch, zünde mir eine filterlose Zigarette an und versuche, die Fragmente des Abends zusammenzufügen.

Der Franzose hatte im »Riorita« gefeiert und großzügig Runden spendiert, weil er ein Bild an einen Bankier verkauft hatte. Mit dem Türsteher und meinem ehemaligen Frontkameraden Willy gingen wir zu mir, wo später noch ein Teil der Kapelle aus dem »Riorita« aufschlug.

Ich hatte seit Längerem ein Auge auf die kurzhaarige Saxophonistin geworfen, und es war mir, als hätte ich kleine Erfolge eingefahren, wenn auch nicht den großen Sieg. Nachdem der Franzose anfing, aufgeregt seine Muse zu malen, werden die Bilder unscharf. Die Polente war da und sorgte dafür, dass das Fenster geschlossen wurde, während irgendjemand auf dem Klavier klimperte. Später zogen die Musiker weiter, und irgendwann war Willy auch weg. Dann war ich alleine mit der verrauchten und versauten Bude.

… und die Saxophinistin hab ich verpasst.

Nach ein paar weiteren Zigaretten ziehe ich mich an und statt aufzuräumen gehe ich aus dem Haus. Im  »Josty« treffe ich den Franzosen und ein paar seiner Freunde. Die Muse ist natürlich auch da, sieht aber nicht so schön aus wie gestern. Sie trinken alle Champagner und rauchen Zigarren. Der Franzose glaubt wohl, er verkauft jetzt jeden Tag ein Bild.

Ich frühstücke ein Solei und eine Bulette, spüle alles mit Champagner runter und fange an, mich besser zu fühlen. Sie servieren dominikanische und kubanische Zigarren. Als der Champagner alle ist, scheint sich der Franzose zu besinnen: Er bestellt Cocktails. »Americano«, »Negroni« und »Manhatten«. Wermut und Rauch benebeln meine Sinne angenehm, während draußen langsam die Berliner Gräue einsetzt.

Wir ziehen weiter ins »Haus Vaterland«, wo es die beste Absinthauswahl gibt. Wir schwanken schon ein wenig und singen einen Gassenhauer. Als wir in der Köthener Straße ankommen, ist es dunkel und kalt. Der süße Absinth wärmt und öffnet die Augen immer weiter, obwohl ich langsam alles doppelt sehe. Der Franzose schwärmt von seiner Kunst, die Muse stimmt besäuselt zu. Ich kann es nicht mehr hören, sage aber nichts, denn er zahlt immerhin die Rechnung.

Der Absinth geht auf den Franzosen …

Sie hat wieder beide Schuhe an, fällt mir kurz auf, und ich vergesse es sofort wieder. Leute kommen und gesellen sich zu uns, die ersten planen den Rest des Abends. Ich bin gelangweilt und träume vor mich hin, von der Saxophonistin und von den guten alten Tagen. Der Absinth wirkt vor sich hin, die Lippen der Menschen bewegen sich nicht mehr im Takt, das Licht wird diesig, und in den Rauchschwaden sehe ich Gestalten, die tanzen. Die Musik stolpert durch den Raum, um sich wieder zu finden und wieder zu verlieren. Die ersten beginnen zu tanzen, und ich lehne mich weiter zurück und ziehe genüsslich an meiner langen schlanken Zigarre.

… und Willy kümmert sich ums Koks.

Irgendjemand füllt mein Glas auf, und bevor ich es austrinken kann, ruft die Muse: Wir gehen ins »Riorita«! Auf einmal ist Willy da und nimmt meinen Arm, während wir aufbrechen. Auf Willy ist immer Verlass. Irgendetwas zieht sich in mir zusammen, als mir das klar wird. Ich trinke das Glas mit der milchiggrünen Flüssigkeit aus, damit das Gefühl verschwindet. Ich lasse das Glas am letzten Stehtisch zurück, und wir treten in die Kälte hinaus. Eine halbe Stunde später kommen wir durchgefroren im »Riorita« an. Der Türsteher tritt grinsend zur Seite und schiebt uns ins Warme. Ein weiches Saxophonsolo kommt an meinem Ohr an und erinnert mich, dass ich heute noch etwas vorhabe. In einem Séparée ruft eine warme Damenstimme: Kokaiiiin.

So oder so ähnlich könnte ein Tag im Leben eines Bohemien ausgesehen haben, irgendwann in Berlin zwischen 1924 und 1929. Kokain stand der Shmckr-Redaktion aus nachvollziehbaren Gründen nicht zur Verfügung, als sie sich auf die Spuren der Berliner Bohème machte und typische Getränke der Goldenen Zwanziger Jahre verkostete.

Die legalen Drogen Kaffee, Champagner, Wermut und Absinth reichten völlig aus, um einen kleinen sensorischen Einblick zu bekommen, wie man sich vor einem knappen Jahrhundert benebelte, um Wirtschaftskrise, Weltkriegstrauma und nationale Identifikationsstörungen zu verwinden. Und natürlich Tabak, diesmal nicht nur in Form von edlen Longfillern, sondern auch als filterlose Zigaretten ohne Zusätze. Hier ohne Abbildungen, denn Werbung wollen wir dafür nicht machen.

Die Getränke

Schwarzer, süßer Kaffee

»C-A-F-F-E-E, trink nicht so viel Kaffee«, lehrt uns ein altes deutsches Lied. Allerdings gibt es nach einer durchzechten Nacht wenig Belebenderes als einen heißen, süßen Mokka oder Espresso. Der Zucker regelt den Elektrolythaushalt, und ein Glas Wasser hilft gegen Dehydrierung. Kommt eine filterlose Zigarette dazu, nennt man das »Prostituiertenfrühstück«. Wenn der übersäuerte Magen es aushält, ist die Welt danach wieder einigermaßen in Ordnung.

Als Genussmittel funktioniert Kaffee seit seinem Einmarsch in Europa dank den Türken, die an den Mauern Wiens scheiterten, aber das schwarze Gebräu zurückließen, von wo aus es seinen Siegeszug gen Norden weiterführte. Ob klein, schwarz, stark oder mit Milch in verschiedenen Konsistenzen, Kaffee ist wie Kakao oder Tee ein guter Begleiter für Zigarren. Aber: Süß muss er sein.

Black-coffee

Champagner

Lily Bollinger in London, um Bollingers 1955er Jahrgang zu präsentieren. Legendär ist ihre Antwort auf die Frage eines Reporters von Daily Mail, zu welchen Gelegenheiten sie denn Champagner trinke:

»Ich trinke Champagner, wenn ich froh bin und wenn ich traurig bin. Manchmal trinke ich davon, wenn ich allein bin; und wenn ich Gesellschaft habe, dann darf er nicht –fehlen. Wenn ich keinen Hunger habe, mache ich mir mit ihm Appetit, und wenn ich hungrig bin, lasse ich ihn mir schmecken. Sonst aber rühre ich ihn nicht an, außer wenn ich Durst habe.«

Jeder Barkeeper wird – auch wenn er lieber mixt, schüttelt, rührt und stirrt – unterschreiben, dass es sich bei Champagner um einen wunderbaren Pick-me-up-Drink handelt. Kommen Zigarren ins sensorische Spiel, sollte der Champagner so weinig und komplex wie möglich sein. Deshalb entschied sich die Redaktion für den außergewöhnlichen Jahrgang 2003 der Premiummarke Dom Pérignon.

Champagner

Wermut

Wermut oder auch Vermouth ist ein aufgespritetes und mit verschiedenen Kräutern aromatisiertes süßes oder trockenes Getränk auf Weinbasis. Es gibt ihn handels-üblich in Weiß und Rot. Wermut verträgt sich besonders gut mit anderen Getränken auf Kräuterbasis.

Das Getränk ist Bestandteil vieler klassischer Cocktails, wie »Manhatten«, »Americano«, »Negroni« oder »Martini«. Für das Bohème-Tasting wurde ein »Negroni« verkostet, zu gleichen Teilen aus Gin, Campari und einem besonders ausgewogen komponierten roten Wermut, der zu den gereichten Zigarren recht gut passte. Essentielles Aroma im Wermut ist nebenbei bemerkt das Wermutkraut
(Artemisia absinthium).

Wermut

Absinth

Absinth oder auch Absinthe ist das Getränk der Bohème. Anfang des 19. Jahrhunderts im Schweizer Val de Travers erstmals gebraut, wurde es schnell zum Künstlergetränk. Einige abgeschnittene Ohren und Familiengemetzel später wurde es aufgrund des in ihm enthaltenen Thujons, das in seiner Wirkungsweise den halluzinogen Cannabinoiden ähnelt, verboten, um knapp 100 Jahre danach wieder legalisiert zu werden.

Absinth wird mit relativ hohem Alkoholgehalt hergestellt und mit eiskaltem Wasser und Zucker nach Gusto serviert. In der Verkostungssituation wurden bei den Teilnehmern keinerlei Halluzinationen festgestellt, allerdings waren einige Kombinationen mit den caribischen Longfillern durchaus bewusstseinserweiternd.

absinth

Die Zigarren

Vegueros Especiales No. 1

Herkunft: Kuba

An einem späten Oktobertag 1998 stand ein junger Steward unglücklich an Bord eines Kreuzfahrtschiffes, das am Hafen von Havanna vorbeifahren musste, weil es keine Genehmigung zum Anlaufen bekam. Er kam später mehrfach wieder und fand eines Tages in einem kleinen Humidor in Cienfuegos eine Kiste »Vegueros Especiales No. 2« aus genau diesem Herstellungsmonat. Bei dem Bohème-Tasting wurden die letzten Exemplare dieser absoluten Rarität verkostet.

16 Jahre Lagerung stehen der schlanken Laguito No. 1 sehr gut. Das Deckblatt ist rau und ledrig, mit deutlichen Adern. Die Verarbeitung erscheint hastig und hemdsärmelig. Der Geruch allerdings ist delikat unterholzig und erdig. Antiker Tabak ehrlicher kubanischer Natur. Zug und Brandverhalten sind akzeptabel, der Geschmack ist himmlisch. Viel Tiefgang von Anfang des Rauchverlaufs, delikate Bitternoten auf der Zunge und eine raffinierte Pfefferschärfe, die die süßlich-erdige Grundnote wunderbar konterkariert. Die drei Drittel werden sensorisch fein eingehalten. Im zweiten Drittel kommt eine faszinierende Dynamik auf, die vielen alten Zigarren fehlt. Im letzten Drittel überzeugt eine Vollmundigkeit, der kein Gramm Frische und Eleganz fehlt. Schade, dass die Kiste jetzt endgültig leer ist …


Format: Laguito No. 1

Länge: 192 mm

Ringmaß: 38 (15,1 mm)

Deckblatt: Kuba

Umblatt: Kuba

Einlage: Kuba

Stärke: ◉◉◉◎◎

Aroma: ◉◉◉◉◎

Rauchdauer: ca.1 Std.

Einzelpreise: € n. V.


SCHWARZER, SÜSSER KAFFEE

Augen auf Morgens sicher ein Wagnis, die Kombination öffnet die Augen aber auch nachmittags nach der Siesta.

CHAMPAGNER 2003 Dom Pérignon

Too bubbly Die Kohlensäure des mächtigen 2003er »Dom Pérignon« sträubt sich ein wenig. Geschmacklich allerdings fein!

NEGRONI

Würzige Ergänzung Die Gewürze, vor allem der frische Anis und die Wacholdernoten aus dem Gin, passen wunderbar zur bittersüßen »Vegueros«.

ABSINTH

Wasserspiel Das Spiel mit Alkohol, Wasser und Zucker begleitet die Drittelteilung sehr gut. Je später, desto süßer!

Davidoff Nicaragua Diadema

Herkunft: Nicaragua

Die zweite Ausnahmezigarre in dieser Runde ist eine stattliche »Diadema« aus dem Premiumhaus Davidoff. Als Puro – nur aus nicaraguanischen Blättern gerollt – gibt es diese Zigarre seit 2014 auf dem deutschen Markt.

Das Rosado-Deckblatt ist superfein und samtig. Die Verarbeitung ist gewohnt perfekt, die Zigarre liegt mit ordentlichem Gewicht in der Hand und riecht angenehm würzig und wohlig nach sauberen Tabakaromen, Kakao und warmem, dunklem Holz. Der kalte Zug ist süßlich-schokoladig.

Angezündet präsentiert sich die »Diadema« anfangs verhalten und sehr ausgewogen. Der Zug ist perfekt, der Abbrand einwandfrei. Zum Ende des ersten Drittels hin erfolgt der erste Quantensprung in Richtung Kraft, ohne dass die Zigarre an sensorischer Eleganz verliert. Sehr weicher Rauch, der immer fülliger wird, tanzt auf der Zunge.

Durchgängig mittelkräftig begleitet das zweite Drittel alle Getränke durch seine süßliche Cremigkeit wunderbar. Feine Pfefferaromen passen gut zur ehrlichen nicaraguanischen Grundnote. Nussige und erdige Aromen bestimmen den weiteren Verlauf, bis zum Ende hin noch ein sensorischer Kraftschub erfolgt. Den übersteht das Gesamtbild ohne Probleme.

Die Zigarre kann bis zum schwarzen Ring, der ebenso für 100-prozentige Zigarrenqualität steht wie der weiße, und darüber hinaus geraucht werden. Chapeau, Davidoff!


Format: Diademas

Länge: 165 mm

Ringmaß: 50 (19,8 mm)

Deckblatt: Rosado Nicaragua

Umblatt: Nicaragua

Einlage: Nicaragua

Stärke: ◉◉◉◎◎

Aroma: ◉◉◉◎◎

Rauchdauer: ca. 1 Std.

Einzelpreise: € 18,30


SCHWARZER, SÜSSER KAFFEE

Wo ist der Kuchen … der diese Kombination perfekt ergänzen würde? Schwarzwälder Kirschtorte, nicht sehr bohèmisch, aber sehr lecker!

CHAMPAGNER 2003 Dom Pérignon

Fruchtig  Der monströse Champagner kitzelt der Zigarre noch ein wenig Fruchtigkeit heraus. Großartig, vor allem im ersten Drittel!

NEGRONI

Seltsam  Die Wermutnoten sträuben sich ein wenig zu sehr, eine Allianz mit dem ausgewogenen Tabakrauch einzugehen. Wird bitter.

ABSINTH

Wunderbar anstrengend  Jeder Schluck und jeder Zug lassen sich aufeinander abstimmen. Kein »laid-back-smoke«, aber sehr faszinierend.

León Jimenes Petit Corona

Herkunft: Dominikanische Republik

Ganz gerecht mag es nicht erscheinen, eine »Dreifuffzich-Zigarre« neben die anderen beiden Pretiosen zu stellen. Ziel war es aber, eine möglichst reale Bohème-Situation nachzustellen. So mancher Bohemien gibt seine – manchmal durchaus begrenzten Geldmittel – nämlich nicht vorrangig für den Tabakgenuss in Form von Premium-Longfillern aus.

Die kleine Corona überzeugt optisch durch ein sehr hochwertiges, seidiges Deckblatt und ansprechende Verarbeitung. Sie duftet nach hellem Tabak, Heu und ein wenig Akazienhonig. Der kalte Zug wirkt allerdings etwas trocken und staubig. Ebenso kühl und zurückhaltend wirken die ersten Züge.

Hat die kleine Zigarre die nötige Temperatur erreicht, ist sensorisch zwar schon fast alles passiert, der Einklang aus cremig-heuigen und feinbitter-würzigen Noten mit einer leichten Ahnung von Leder und Erde ist aber sehr schmackhaft. Zu jeder Tages- und Nachtzeit unkompliziert rauchbar, verzichtet die »León Jimenes Petit Corona« auf größere Wandlungen oder Quantensprünge, nicht aber auf eine langsame und stringente Steigerung. Auch kurz vor dem Ablegen treten keinerlei Misstöne oder sensorische Ausreißer auf.

Bis zum Schluss ein etwas eindimensionales, aber keineswegs ärgerliches Raucherlebnis für das kleinere Zeitfenster.


Format: Petit Corona

Länge: 102 mm

Ringmaß: 40 (15,9 mm)

Deckblatt: Connecticut Shade

Umblatt: Dominikanische Republik

Einlage: Dominikanische Republik

Stärke: ◉◉◎◎◎

Aroma: ◉◉◉◎◎

Rauchdauer: ca. 30 Min.

Einzelpreise: € 3,50


 

SCHWARZER, SÜSSER KAFFEE

Callboy-Frühstück Als Alternative zur Filterlosen durchaus zu empfehlen, gerne auch am frühen Morgen.

CHAMPAGNER 2003 Dom Pérignon

Sanft unterlegen Zwar spült der opulente Champagner die kleine Zigarre erbarmungslos vom Gaumen, aber der nächste Zug macht umso mehr Spaß.

NEGRONI 

Aperitivo Beide passen wunderbar in die vorabendliche Aufwärmsituation. Erfrischende zwanzig Minuten am Tresen.

ABSINTH

Leicht übertrieben Mit Kanonen auf Spatzen geschossen. Sensorisch nicht verkehrt, situativ aber eher Unsinn.

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