Alles muss sensorischer Tanz sein

R.E.M., Whisky und Zigarre

Manchmal hätte ich gerne drei Arme. Keine Angst, ich halluziniere nicht schon wieder und betrunken bin ich auch nicht. Es wäre nur wirklich praktisch, denn mit drei Armen hätte man automatisch auch drei Hände und könnte neben einer Zigarre in der einen und einem guten Getränk in der anderen Hand auch noch mit der dritten eine Hundeleine halten. Am anderen Ende der Leine wäre ein schöner Hund. Elegant, dunkelbraun bis schwarz, nicht ganz reinrassig, dafür sehr fein und freundlich im Charakter. Er würde locker bei Fuß gehen, mal ein paar Schritte vorauslaufen, mal aufmerksam in Gebüsch schnuppern, während ich durch den Park flaniere und Zigarre und Getränk sensorisch auf mich einwirken lasse.

Wie ich drauf komme? Sich einfach durch den Tag tragen lassen, von einer Melodie, einer bestimmten Witterung oder einem Gefühl. Die einen tanzen durch die Straßen, die anderen brauchen Schaufenster und eine belastbare Kreditkarte, um Leichtigkeit zu verspüren. Ich brauche Aromen. Vor einiger Zeit erzählte ein befreundeter Sommelier, dass er bei seiner morgendlichen Joggingrunde einen unglaublichen Appetit auf Pinot Noir entwickelt hätte, weil ihm der Geruch von Unterholz und feuchtem Rauch in die Nase stieg. Etwas später sah ich im Berliner Tiergarten ein Paar mit einer Flasche Wein und Kristallgläsern auf einer Bank sitzen, lachend, trinkend, küssend. Ich nehme gerne Champagner, Gläser, Aschenbecher und Zigarre mit ins Open Air Kino und ein Picknick mit Freunden, ist sensorisch gesehen auch etwas anderes als ein Lunch im Borchard’s. Aber heute wollte ich spazieren gehen. In Ermangelung einer dritten Hand blieb der Hund zu Hause.

 

Hey now, take your pills and
hey now, make your breakfast.
Hey now, comb your hair and off to work.
Crash land, no illusions, no collision, no intrusion
My imagination runs away.

Ordentliches Schuhwerk und eine warme Jacke, ein Tuch um den Hals, er ist noch kalt, und etwas auf den Kopf, was an die Schiebermützen der Peaky Blinders erinnert. In der Jackentasche habe ich ein kleines Snifferglas und den Flachmann, in den ich Crumbled sweets in a leather satchel abgefüllt habe. So können Whiskeys heißen, wenn sie von der SMWS, der Scotch Malt Whisky Society, abgefüllt wurden. Crumbled sweets in a leather satchel kommt aus dem Fass 5.62 und es gibt nur 240 Flaschen.

In der anderen Jackentasche habe ich in einem Lederetui eine Cohiba Esplendido, Cutter und Feuer. Ich bin kein Labelraucher, aber eine leicht gereifte Esplendido ist etwas Feines. Komplex genug, um sie draußen zu rauchen und technisch dürfte sie unkompliziert sein. Ich trete auf die Straße und spüre die Sonne im Gesicht. Blinzle und, bevor ich die Tür zuziehe, blicke ich noch etwas unentschlossen nach links und rechts, bevor ich mich entscheide rechts zu gehen. Am Wasser entlang in den Park.

 

Hey now, take the U-Bahn, five stops, change the station.
Hey now, don't forget that change will save you.
Hey now, count a thousand-million people, that's astounding.
Chasing through the city with their stars on bright.

Es riecht schnell weniger nach Stadt als nach jungen grünen Blättern und unterschwellig nasser Erde. Und nach dem etwas modrigen Etwas, das dort passiert, wo Wasser und Erde und Steine über die Monate und Jahre aufeinander treffen. Ein kleinwenig Ahnung vom dem Geruch, der entsteht, wenn die Sonne Steine erwärmt, schnappe ich auch auf. Und als ich den ersten Schluck vom Whisky direkt aus dem Flachmann nehme, schmecke ich sofort, was der Name sagen soll.

Fast renne ich gegen eine Laterne. Schokoladennoten, Kirschkuchen und Karamell, aber auch etwas Minziges und die tertiären Aromen von Leder und Tabak. Ein eher würziger als milder Kandidat mit knapp 60 Prozent, bleibt lange im Mundraum stehen und wärmt mehr als die Frühlingssonne. Links von mir riecht es nach Wasser und Holz und Erde, rechts von mir wird es animalisch. Ich habe die am Zoo gelegen Seite des Parks erreicht und muss an einen Pferdestall denken. Es sind zwar Zebras und Alpakas, also riecht es etwas weniger edel als im Haflingerstall, aber zu den anderen Aromen passt die Note sehr gut.

 

I am flying on a star into a meteor tonight,

I am flying on a star, star, star.

I will make it through the day

and then the day becomes the night.

I will make it through the night.

Ich lasse mich auf eine Bank plumpsen, strecke die Beine gespreizt weit von mir und atme tief durch. Leichtigkeit umarmt mich als ich die Spannung aus dem Körper nehme. Ich rieche an der Zigarre, nehme Trockenschuppen und milde Fermentationsnoten wahr, aber auch sonnenwarmes Heu und Baumrinde ohne Moos. Ich schneide sie an und nehme sie kalt erst mal in den Mund, während ich das Glas mit diesem abgefahrenen Whisky aus den Lowlands fülle. Dann toaste ich die Zigarre kurz an, der Rauch kräuselt sich nach oben und ich rieche Zedernholz und etwas leicht fleischiges, der erste Zug ist mild, ausgewogen und hinterlässt am vom Whisky affinierten Gaumen leichte Würzigkeit, Pfeffer und ein Hauch von Honig.

Der nächste Zug bestätigt alle Aromen, ist nur noch ein wenig voller. Ich schlendere weiter, in der einen Hand die Zigarre in der anderen Hand das Glas. In der Nase habe ich den Park, die Tiere und die tausend Aromenfetzen, die mir der laue Wind aus allen Ecken Berlins präsentiert. Am Gaumen die Kombination aus Kuba und Schottland mit wiederum ihren tausend Facetten.

Ich spaziere über kleine Brücken und finde immer wieder ein kurzes Wegstück, das ich noch nicht kenne. Ich gehe langsam und wenn ich an der Zigarre ziehe oder einen Schluck Whisky trinke, bleibe ich stehen, lasse alles auf mich wirken und die milde Sonne meine Sensorik beleuchten. So geht Leichtigkeit, wenn man Lust auf Aromen hat. Mein Hund braucht bald keine Leine mehr, dann darf er mit.

 

Kommentare sind geschlossen, abertrackbacks und Pingbacks sind offen.