Andy Shauff im online-offline-Modus

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Die Tür schloss sich mit einem metallischen Schnapper, Füße und Pfoten scharrten über die Treppenstufen und ein undeutliches Stimmengewirr wurde langsam leiser. Schnell war es ruhig um mich herum und ich genoß den abrupten Wechsel von geselligem Lärm und Beisammensein zu Ruhe und Stille. Ich war für mich, wie man so schön sagt. Alleine sein ist etwas anderes, wenn man für sich ist, ist man bewusst alleine und füllt die Situation mit etwas, das man gerne tut. Ich rauche gerne Zigarre und trinke Whisky, wenn ich für mich bin. Ich lege auch andere Musik dafür auf, ja, ich lege sie auf, obwohl ich sie eigentlich anklicke. Gefällt mir besser, wollte ich schreiben, stimmt aber nicht, ich bin es einfach gewohnt, auflegen dazu zu sagen. Andy Shauff ist so einer, den man auflegt. Meine meiste Musik ist sozusagen eher Auflegemusik. Andy Shauff ist so einer, der oft mit vielen Doo-ah-doo’s und Doo-Doo’s arbeitet. Das darf nicht jeder bei mir, ich bin ein Fan von guten Lyrics. Andy Shauff hat kurze Texte – einprägsam, aber nicht erzählend. Deshalb mag ich ihn besonders, wenn ich für mich bin und Zigarre rauche und Whisky trinke. Man bekommt einen kurzen Anstoß und kann den Rest zu Ende denken. Was für eine schöne Beschäftigung. Auch wenn es dieses Mal anders kommen sollte.

 

 

Do you find

it gets a little easier each time you make it disappear?

Oh fools, the magician bends the rules,

as the crowd watches his every move.

Ich hatte mich gerade mit einer CAO Traviata niedergelassen, einer Amatista, die es vor Jahren mal im Porzelanjar gab und hatte mir dazu einen bretonischen Whisky eingeschenkt. Genau einen bretonischen Whisky, er heißt Armorik und komplett unbekannt. Schon deshalb gefällt er mir, und auch weil er wirklich sehr gut schmeckt. Er wird von rotfruchtigen Aromen getragen, ein bischen Schokolade schwingt mit und er mag die gereifte Nicaraguanerin wirklich gerne. Das denke ich mir gerade, als ich versuche, die ersten Worte des Liedtextes zu verstehen und mir einen eigenen Reim darauf zu machen.

Der Rauch wabert durch den Raum und hinterlässt am Gaumen einen nußigen und würzigen Geschmack, der Whisky schwappt förmlich drüber, fegt den Geschmack aber nicht beiseite. Er arbeitet sich wieder durch die raßen, nur leicht süßlichen, etwas holzigen Aromen hindurch und dann gehen alle Geschmäcker eine Einheit ein. Es entsteht etwas Ausgewogenes, sehr Stabiles. Andy Shauff war schon wieder ins Doo-doo übergegangen und mir gefiel die Vorstellung, etwas mit Leichtigkeit verschwinden zu lassen und Regeln zu beugen. Wenn etwas nachlässt, wird es nicht nur weniger, man spürt auch wie und manchmal warum es weniger wird. Regen zum Beispiel, oder ein sensorischer Eindruck oder ein Geisteszustand. Der zweite Schluck Whisky ist weniger eindrucksvoll, weil mein Gaumen sich an die 46 Volumenprozent gewöhnt haben. Er schmeckt aber besser, runder, man ist vorbereiteter. Mit der Zigarre bleibt er harmonisch wie vorher.

Sidesteps to a death-defying feat,

wait for him to reappear.

Look close, you’ll see him sweat the most,

each time his options disappear.

Der Gedanke wollte gerade ein definiertes Bild werden, als mich ein seltsam metallisches Klingeln aus meinen gerade magisch werden wollenden Gedanken riss. Face-Time. Ein Face-Time Anruf am späten Abend von meinem Freund Marcus. Marcus darf zu jeder Tages- und Nachtzeit anrufen, das haben wir beibehalten aus Zeiten, in denen es wichtig war, zu jeder Tages und Nachtzeit jemanden zu haben, den man anrufen kann. Und wer sollte das sein, außer der »Beste«? Face-Time ist neu. Nicht neu für mich und für Marcus sowieso nicht, aber für uns, am späten Abend. Ich drehte den Laptop, der abgewendet von mir auf dem Schreibtisch stand, und klickte auf den grünen Hörer. Sofort erschien ein grinsender Marcus auf meinem Bildschirm. Mit Zigarre im Mund und prostete mir mit einem Whiskytumbler zu.

Just a shaking hand without a concrete plan.

Just a shaking hand without a concrete plan.

I’m a shaking hand without a plan,

doo doo doo doo, doo doo doo

Wir plauderten ein wenig und verglichen unsere Whiskys und Zigarren. Marcus hatte sich für ein torfiges Monster entschieden und eine kubanische Robusto. Er beschrieb den Whisky und schwärmte wie eine faszinierende Süße den ersten Ansturm von Torf am Gaumen bereinigen würde. Ich verstand, was er meinte. Genau diese Süße würde eben auch gut zu der kubanischen Grundnote der Zigarre passen, weil die Erdigkeit und die Würze darin so schön aufgehoben wären. Auch das klang logisch. Schwerer wurde es, als ich versuchte, die Sherrynoten und die rotfruchtig-schokoladige Allianz meines Bretonen und den etwas dezenteren Tabaknoten. Trotzdem ein Moment der neuen Erfahrungen. Auch für mich, der in diesem Fall der Erklärende war. Wir beschlossen uns nächstes Mal mit den selben Zigarren und Getränken per Face-Time zu verabreden und zu verkosten. Per Skype könnten sogar noch mehr Aficionados und Freunde teilnehmen.

Trotz dieser angenehmen Erfahrung der Sinnesschärfung und der Armenartikulation war uns dann nach etwas mehr Greifbarem und real Teilbarem. Wir bekamen Lust auf eine weitere Zigarre und einen Mojito. Weder Marcus noch ich hatten crushed ice und Limetten im Haus, gegenseitig aushelfen konnten wir uns ohnehin nicht über den Bildschirm. »Also dann bis gleich, in der Casa del Habano in der Fasanenstrasse, die machen einen grandiosen Mojito und die haben auch die neuen H. Upmann Añejados.« »Ok, ich bin in 10 Minuten da.« »Ich brauche eine Viertelstunde!«

 

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