Auf den verwischten Spuren des Dandy

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Grafik: Philipp Tögel

Die mittlerweile fast ausgestorbenen Figur des Dandy erblickte vor gut 200 Jahren in London und Paris das Licht der Welt und verbreitete sich vor allem im 19. sowie 20. Jahrhundert auch in anderen Städten Europas und Nordamerikas. In der Gegenwart werden nur noch selten vereinzelte Exemplare dieser Gattung gesichtet, etwa der Schriftsteller Tom Wolfe oder der Modeschöpfer Karl Lagerfeld. Wir nehmen diese Entwicklung zum Anlass, an die vom Aussterben bedrohte Art des Dandys zu erinnern.

Zu einem fiktiven Gespräch haben wir drei Vertreter dieser Spezies an den virtuellen Tisch gebeten und sie um Auskunft über ihr Dasein als Lebemänner, Genießer und Provokateure gebeten.

Oscar Wilde (1854–1900) gilt wohl als der prominenteste Dandy aller Zeiten. Er wurde erst in England, dann in Europa und der ganzen Welt als Schriftsteller berühmt. Mit der Figur des Dorian Gray verewigte er den Dandy nicht nur literarisch und ästhetisch, sondern auch politisch.

Der Katalane Salvador Dalí (1904–1989) verkörperte wie kaum jemand sonst den Dandy des 20. Jahrhunderts. Als Maler berühmt, erfolgreich und gefeiert, wurde er als Person und Dandy zu einer Ikone seiner selbst.

Als Epigone des klassischen Dandys verstand sich Nicolaus Sombart (1923–2008), der im späten 20. Jahrhundert in Berlin den erfolgreichen Versuch unternahm, die Kultur des Salons und des gepflegten Salongesprächs wieder zu beleben. Seine Autobiographie »Jugend in Berlin«, ein Bestseller, zeichnet in feinen Farben die persönlichen und gesellschaftlichen Bedingungen, die ihm ein Leben als Dandy erlaubten.

Ein Leben als Dandy

  • Meine Herren, was braucht es für ein Leben als Dandy?

Wilde: Stil, Geschmack und ein eigenes sicheres ästhetisches Urteil.

Dalí: Großzügigkeit, Unabhängigkeit und einen unbestechlichen Sinn für den nötigen Luxus.

Sombart: Dem bleibt nur noch eins hinzuzufügen: Es braucht eine Gesellschaft, die sich nicht im alltäglichen Grau des Mittelmaßes verliert. Mittelmaß und Mittelmäßigkeit sind der Tod von Stil, Geschmack und Ästhetik. Die Verflachung des gesellschaftlichen Lebens hin zu Gleichförmigkeit, die Standardisierung unserer Warenwelten, die Eintönigkeit moderner Lebenswelten sind der Tod des Dandys.

Wilde: Wir waren Spötter und Freigeister, die sich an den Werten und moralischen Vorstellungen, der vermaledeiten Enge der bürgerlichen Moral stießen, sie herausforderten, gegen sie verstießen. Wir haben uns im Spiegel dieser Welt inszeniert, oft auch als deren ungezogene Kinder gegen sie und gegen ihren Kodex.

Liebe und Sex

  • Ihre Form der Libertinage, nicht zuletzt im Bereich von Liebe und Sex, sprengte die bürgerlichen Konventionen und Werte.

Dalí: Exakt, und zwar in einem Ausmaß, wie man es sich seit der sexuellen Revolution der 1960er Jahre nicht mehr vorstellen kann. Die Reaktionen auf mein Bild Der große Masturbator, das ich 1929 als junger Mann malte, waren bezeichnend. Es brauchte so wenig, um zu provozieren und einen Skandal zu erregen. Das hat sich mit der Zeit verloren. Die damalige Rigidität der Moral hat uns sehr geholfen, uns mit Gegenpositionen einen eigenen Namen zu machen und berühmt zu werden. Die Provokation war Grundlage des Erfolgs.

Wilde: In meiner Zeit brauchte es nicht viel, um gegen die strikten Normen zu verstoßen und dafür hart bestraft zu werden. Bürgerliche Ehre und Moral galten damals als zeitlos wahr und gültig. Männliche Treue zum Vaterland und eheliche Treue bildeten zwei Seiten einer Medaille. Es war aber ein Produkt der moralischen Falschmünzerei. Der nationale Kitt des Vaterlands war längst durch soziale Ungleichheit und die englische Klassengesellschaft brüchig geworden.

Und die allgegenwärtigen Bordelle und die massenhafte Prostitution Londons sprachen der bürgerlichen Ehemoral Hohn. Und was bringt schon Treue? Wer Treue bewahrt, kennt nur die triviale Seite der Liebe. Nur der Treulose kennt die Tragödien der Liebe.

Sombart: Ja, die Akte Oscar Wilde zeigt die Untiefen der öffentlichen Doppelmoral aufs Genaueste, Traurigste und auch Grausamste. Unsere recht offen gelebte Homosexualität wurde von ihm teuer mit Gefängnis und Zwangsarbeit bezahlt. Das blieb mir erspart, nicht zuletzt auch weil sich – spät, sehr spät – die Zeiten und ihre Moral liberalisiert hatten. Auf jeden Fall gehörte für uns ein offener Umgang mit der köstlichsten Spielart körperlicher Liebe, der Liebe zwischen Männern, dazu. Die Sublimation sexueller Energie und Bedürfnisse wie bei Thomas Mann widerspricht dem Lebensgefühl eines bekennenden Dandys.

Vom Ehrgeiz und der Damenwelt

  • Sie, Herr Sombart, sah man auf dem Berliner Parkett dennoch oft auch in Begleitung reizend schöner junger Frauen, die Sie umschwärmten …

Sombart: Das war ein bewusster Teil meiner Inszenierung, aber auch ein Effekt meiner erotischen Ausstrahlung. Schöne Frauen waren für mich wie edle, teure Vasen, ein unverzichtbarer Teil des Dekors, der das Leben angenehm und schön macht. Geliebt habe ich aber nur die Männer, vor allem die jungen. Ich hing sehr am klassischen griechischen Ideal der Schönheit. Die klassisch-griechische Verbindung von Ästhetik, Lust und Intellekt war stets mein Maßstab. Ich wünschte, ich hätte die eine oder andere Statue eines griechischen Adonis zum Leben und zur Liebe erwecken können.

  • Dem Dandy, Herr Dalí, mangelt es nicht an Ehrgeiz und Selbstbewusstsein. Eine gesunde Hybris scheint keine schlechte Voraussetzung für das Dandytum zu sein. In Ihrer Autobiographie liest man: »Im Alter von sechs Jahren wollte ich Koch werden. Mit sieben wollte ich Napoleon sein. Mein Ehrgeiz ist stetig gewachsen. Dann wurde ich Dalí, eine sinnvolle Steigerung.«

Dalí: Als Maler bin ich bedeutender geworden als Napoleon im politischen Feld. Dies ist eine natürliche Folge meines Talents, nicht des Ehrgeizes. In den Worten Oscar Wildes: »Die Anzahl unserer Neider bestätigt unsere Fähigkeiten.« Ich war mein Leben lang umgeben von talentlosen Neidern.

Der Dandy von heute

  • Wer sind die heutigen Dandys in Ihrer Tradition, Herr Sombart?

Sombart: Nach uns kam kaum noch etwas. In New York hält Tom Wolfe einsam die Fahne hoch, in Paris ebenso einsam Karl Lagerfeld. In Deutschland gab es in der jüngeren Generation in den 1990er Jahren den gescheiterten Versuch von Benjamin von Stuckrad-Barre, der als Möchtegern-Dandy startete und als zugekokster Gecko in einer völlig heruntergekommenen Wohnung endete und sich so auch noch filmen ließ. Ihm fehlt etwas Grundlegendes: Contenance und Haltung. Wir hingegen waren der Gegenentwurf zur Massengesellschaft. Im Grunde ist der Dandy als gesellschaftliche Figur heutzutage tot. Es fehlt wohl der gesellschaftliche Nährboden für diese Figur. Die heutige Neo-Bürgerlichkeit, die vielfach eine kleinkarierte Neo-Spießbürgerlichkeit ist, trägt dafür nicht. Da dominiert die Durchschnittlichkeit.

Wilde: Das Durchschnittliche gibt der Welt ihren Bestand, das Außergewöhnliche ihren Wert.

  • Gehören Drogen zum guten Ton des Dandys?

Wilde: Wenn Sie guten Champagner und exquisiten Wein als Droge bezeichnen wollen, sicher. Bei mir laufen diese Köstlichkeiten aber unter der Bezeichnung Genuss und Kultur. Ich putze allerdings meine Schuhe nicht mit Champagner, wie es dem Ahnherren und Urbild des Dandys, George Bryan Brummell, nachgesagt wird.

Dalí: Ich nehme keine Drogen. Ich bin die Droge.

  • Noch ein Bonmot zu gutem Essen?

Wilde: Nein, aber eines zu schlechtem: Es ist ein schlechter Trost zu wissen, dass jemand, der uns ein schlechtes Mittagessen servierte oder mit einer minderen Weinsorte aufgewartet hat, ein völlig einwandfreies Privatleben führt. Auch Kardinaltugenden entschädigen nicht für kalte Vorspeisen. Oder für Sie gern noch einmal zugespitzt: Ich habe einen ganz einfachen Geschmack: Ich bin immer mit dem Besten zufrieden. Das ist ein unausgesprochenes Leitmotiv einer erfolgreichen Existenz als Dandy. Manch einer hält diese Einstellung für snobistisch und arrogant, ich hingegen für lebensnotwendig.

Regelmäßige Arbeit und Geld

  • Was ist ihr Verhältnis zu regelmäßiger Arbeit?

Wilde: Muße, nicht Arbeit, ist das Ziel des Menschen. Nichtstun ist die allerschwierigste Beschäftigung und zugleich diejenige, die am meisten Geist voraussetzt.

Dalí: Ist Kunstschaffen Arbeit? Meine Kunst stammt aus einem großen Funken Genie, großen Ideen und handwerklichem Geschick.

Sombart: Ich verabscheue Erwerbsarbeit um ihrer selbst willen.

  • Und Ihr Verhältnis zum notwendigen Übel Geld?

Wilde: Nur ein Mann, der seine Rechnungen nicht bezahlt, darf hoffen, im Gedächtnis der Kaufleute weiterzuleben. Ich war mein Leben lang ein überzeugter und bekennender Schuldner.

Dalí: Das Intimste der Intimsphäre ist das Geld. Wenn man weiß, wie viel Geld ein Mensch hat, weiß man von ihm fast alles. Meine Kunst nährte mich gut. Am Ende war es knapp, aber das Prassen war mir ein inneres Bedürfnis und hat mir große Freude bereitet. Mein Motto lautete: Geld haben ist schön, solange man nicht die Freude an Dingen verloren hat, die man nicht für Geld kaufen kann.

Sombart: Erben hilft, dem Übel des Geldverdienens zu entgehen.

Mode und Dandy

  • Noch ein Wort zur Mode und zur modischen Exzentrik des Dandys.

Sombart: Ich würde mich gegen das Wort »exzentrisch« wehren. Sicherheit in Stil und Geschmack treffen es besser. Die Niveaulosigkeit von Jeans und T-Shirt überlasse ich gern dem Mittleren Westen. Schließlich hüte ich keine Kühe.

Dalí: Welche Exzentrik? Ohne Schnurrbart ist ein Mann nicht richtig angezogen.

Wilde: Mode ist jene kurze Zeitspanne, in der das völlig Verrückte als normal gilt. Darüber hinaus ist die Mode so unerträglich hässlich, dass wir sie alle Halbjahre ändern müssen. Dem folge ich.

  • Warum gibt es keine weiblichen Dandys?

Sombart: Es gab immer mal wieder den Versuch von Frauenzeitschriften, den Look und Stil des Dandys für Frauen zu kopieren. Aber eine Kopie bleibt eben immer eine Kopie. Aura und Authentizität lassen sich selbst im technischen Zeitalter nicht duplizieren.

Wilde: Die Frau ist eine Sphinx ohne Geheimnis. Das gilt auch für die Frauenmode, die immer eine Spur zu offensichtlich ist. Die Mode des Dandys braucht immer auch ein Geheimnis.

Dalí: Der Dandy-Look gibt Frauen etwas Androgynes, was ich schätze. Es ist ja bekannt, dass ich eine große Verehrung und mehr für die Sängerin Amanda Lear hegte. Aber die Mode macht eine Frau noch nicht zu einem Dandy. Der echte Dandy ist eben nicht nur Oberfläche und Fassade, obgleich die gepflegte Fassade für ihn überaus wichtig ist.

 

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