Bar zum Krokodil, Teil 6:

Vor dem Schuss

Es war in all den Jahren der zweite Schuss, der in der Bar zum Krokodil abgefeuert wurde. Die beiden Schüsse sind jedoch auf geradezu schicksalhafte Weise miteinander verbunden.

Schatten der Vergangenheit

Vor mehr als 8o Jahren hatte der sturzbetrunkene SA-Mann Karl Knoll auf seinen Gegenspieler, den Hafenarbeiter Eimerweis vom Spartakusbund, einen solchen abgefeuert. Daneben zum Glück, die Kugel wurde vom gestopften Kaiman aufgefangen. Klaus, der sich auf Knoll stürzte, ihm die Pistole entwand und ihm dabei die Nase brach, verhinderte den zweiten Schuss, rettete Piet Eimerweis zum erstenmal das Leben. Ein zweites Mal später, als er den vor der Gestapo flüchtenden Sozialisten als blinden Passagier nach Mexiko verfrachtete. Doch das ist eine andere Geschichte.

Es war Max Petermann, der das kleine Loch im ledernen Bauch des ausgestopften Maskottchens mit einem braunen, extrareissfesten Nähgarn stopfte. Damals wurde der Vorfall unter den Tisch gewischt. Max und Klaus wollten sich nicht in die Unruhen zur Entstehung des tausendjährigen Reiches verwickeln lassen. Knoll fiel später im Krieg, in der Kesselschlacht von Smolensk. Eimerweis blieb der Bar zum Krokodil sein Leben lang verbunden, wurde im fernen Mexiko zum Orchideenzüchter und als solcher Geschäftspartner von Max und Klaus.

Als er nach Deutschland zurückkehrte, anfangs der 60er, verkehrte er regelmässig bei seinen Freunden und Gastgebern. Als sich die Bargründer vom Geschäft zurückzogen, Oskar und Otto die Wirtschaft übernahmen, war er ein betagter, geschichtenerzählender, zigarrenrauchender Stammgast, der es sich nicht nehmen liess, seine Geschichte den jüngeren Besuchern zu berichten. Er begann immer mit einem Hinweis auf die kaum sichtbare »Narbe« im Balg des Kaimans. Von diesem Anhaltspunkt aus konnte er das Garn seiner abenteuerlichen Lebensfahrt weiterspinnen. Ja, er hat Trotzki getroffen, Frida Kahlo bewundert, mit ihr getrunken und eine Orchidee nach ihr benannt. Heute ist auch er nicht mehr unter uns. Doch auch das ist eine andere Geschichte.

Der unscheinbare Terrorist

So war es kein Zufall, dass an dem Abend als Xaver Hausmann mit wenigen Freunden und fast vergessenenen Weggefährten seiner Zeit des »Deutschen Herbstes« ein stilles Wiedersehen feierte, auch Marx Eimerweis, der Sohn des ehemaligen Hafenarbeiter, sich mit im Rauchsalon des Krokodils aufhielt. Es wurden halblaute Gespräche geführt, Rum und Cola getrunken, geraucht. Die Scheu des entlassenen Terroristen wog gleich viel wie die Scheu der Gäste, mit dieser Legende des bewaffneten, linken Kampfes ein Gespräch über seine Untaten und Taten zu führen. Xaver ist ein gebildeter und informierter Mann. Aber seine Meinungen zum Zeitgeschehen behält er für sich, zündet sich lieber eine Roth-Händle ohne Filter an, hört zu. Staunend, und offenbar der Gewohnheit entwöhnt, inmitten von Rauchschwaden stürmische Grundsatzdiskussionen zu führen. Er sitzt inmitten des Gemurmels sich wiedererkennender alter Genossen, trägt einen blauen Rollkragenpullover, braune Manchesterhosen und ist so unscheinbar wie kaum Einer.

Bedenken

In den Tagen zuvor diskutierten Otto und Oskar hart an der Grenze eines Streits.

»Wie kommst Du darauf …« so Otto, »uns in diese Sache hineinzuziehen? Was zum Teufel haben wir mit diesem Hausmann, einen verurteilten Mörder und Rote-Armee-Fraktionisten zu tun?! Die Asche dieser Zeit ist noch heiß genug, sich daran die Finger zu verbrennen!«

»War halt ein netter Kerl der Sohn, der Ernesto, und immerhin ist es kein gewöhnlicher Krimineller … gibt ja immer noch Leute, die ihn für eine Art Robin Hood halten«. »Schwachsinn … gibt auch genug Leute, die den Hausmann gerne für immer und ewig hinter Gittern gesehen hätten«. »Ist aber nicht so, und er hat lange genug gesessen«.

»Erklär das mal der Familie des Direktors, der drei Wochen in einem Kleiderschrank eingesperrt war und den sie erschossen haben wie einen Hund. Oder den Söhnen und Töchtern der zwei Leibwächter, die beim Überfall auf die Wagenkolonne gestorben sind. Mann Oskar, die leben ja auch alle hier in der Stadt. Und wenn die kommen? Was sagst Du dann, hä?«

»Ob der Xaver den Vorstandschef erschossen hat, weiss man nicht. Es gibt genug Hinweise darauf, dass er bei dem Befreiungungsversuch von einer Polizeikugel getroffen wurde. Xaver wurde ja auch angeschossen …« Oskar schüttelt den Kopf. »An Rachegelüste bei den Hinterbliebenen glaub ich nicht … lass uns das Ganze unauffällig über die Bühne bringen. Wird schon nichts passieren, ist ja ewig her …«

Otto seufzt: »Du bist einfach ein sentimentaler Knochen, aber ich halte an dem Abend die Augen offen und empfehle dir das auch zu tun, fehlte noch …«

Schicksalsgeflecht

Was weder Oskar noch Otto wussten, war, dass einer der Söhne Knolls während der blutigen Entführung zur Leibwache des Pharmadirektors gehört hatte. Nein, erschossen wurde er nicht an jenem heissen Sommernachmittag, aber getroffen doch. Ein komplizierter Bauchschuss machte ihn zum Invaliden. Zwar blieb er am Leben, Frührentner mit 45 Jahren, abhängig von Medikamenten und Alkohol. Seine Ehe ging zugrunde, er wurde geschieden und starb an den Folgen dieser Verletzung in den frühen 80er Jahren. Sein einziger Nachkomme, Erwin, der Enkel von SA-Mann Knoll, geriet bereits als Jugendlicher auf die schiefe Ebene, saß mehrere Male im Gefängnis, war ein Dealer und unbegabter Einbrecher, der sich von der Gesellschaft ausgeschlossen fühlt.

Seine Misère führte er auf diesen Überfall zurück, der damals seinen Vater aus der Bahn geworfen hatte. Als er, wieder mal bei seiner Mutter in der Dachmansarde hausend, von der Entlassung Hausmanns in der Tagesschau hörte, löste diese Nachricht einen zornigen Gefühlsschub aus. Erwin Knoll sah in der Rache einen Weg aus der eigenen Unzufriedenheit. Eine 08 Pistole aus dem Nachlass des Grossvaters fand sich in einer Kiste auf dem Dachboden, dazu ein paar Patronen, schon leicht grünspanig und ob sich noch damit schiessen lässt, ist fraglich. Trotzdem, die alte Pistole, deutsche Wertarbeit, wird gereinigt, geölt und geladen.

Erwin steckt sich das Ding in die Manteltasche und zieht los, kaum hat er eine Ahnung, wohin und was er eigentlich machen will. Aber losziehen muss er, hinaus ins Viertel mit grimmigem Blick. Von Bar zu Bar nährt er seine Wut mit Pils und Korn, erzählt, schwadroniert und schimpft. Schon geht es gegen Mitternacht, Erwin wieder auf der Strasse, da sieht er am nächsten Eck das Krokodil. Er ist dort weder Gast noch wird er auf Bekannte treffen, doch, wie er gehört hatte, dort sind sie. Dort sitzen sie, die alten linken Schweine, so meint er jedenfalls, und warum nicht dort nachschauen, es kommt ja nicht drauf an.

Besuch aus der Nacht

Die Stimmung ist lockerer, der gute Rum tut seine Wirkung, die Stimmen sind lauter geworden, ab und zu wird gelacht. Oskar bringt Runde um Runde, man isst Buletten und Kartoffelsalat, derweil Otto hinterm Tresen bleibt. Mit Geschirrtuch und Gläsern hantiert, mit den anderen Gästen plaudert – schliesslich ist es keine geschlossene Gesellschaft, die da im Rauchsalon mehr und mehr auftaut.

Er wirft ab und zu einen Blick auf die Eingangstür, ganz wohl ist ihm nicht.

Draussen, im Novembernieselregen gibt sich Erwin einen Ruck.

»Schauen wir mal!«

Und nur leicht schwankend geht er auf den gelberleuchteten Eingang zu, eine Hand in der Tasche, mit der anderen wischt er sich die Nase ab.

 

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