Bar zum Krokodil, Entstehungsgeschichte 1:

Die Ahnen

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Die Ahnen

Die Bar zum Krokodil. Die Ahnen.

Max war jüngster Spross der Tuchhändlerfamilie Petermann. Seine beiden Brüder Oskar und Jens waren älter, und bereits im väterlichen Kontor an der Hafenstrasse 32 in das Unternehmen eingebunden. Sie trugen Stehkragen und dreiteilige Anzüge. Peter Petermann war Witwer. Seine Frau, die Mutter der drei Söhne, verstarb kurz nach der Geburt des Jüngsten an Tuberkulose.

Petermann exportierte bedruckte Baummwollstoffe mit bunten Mustern nach Südamerika. Seine Haupabnehmer hatte er in Argentinien, die tangotanzenden Mädchen auf der anderen Seite des Atlantiks trugen aus seinen Stoffen selbstgeschneiderte Kleider. Im Hafenkontor der Firma Petermann, er beschäftigte zeitweise bis zu sechs Commis und Kontoristen, wurden Frachtpapiere ausgefüllt, Rechnungen und Bestellungen verschickt, Stückgutverträge mit den Reedereien ausgehandelt.

Zwischen hohen Regalen standen schwere Schreibtische aus edlen Tropenhölzern, die Schreibmaschienen und Rechenschieber blieben selten ungenutzt, es wurde fleissig geschäftet. Ein bescheidener Wohlstand erwirtschaftet. Man rauchte türkische Zigaretten, der Patron Petermann liess seine Pfeife kaum kalt werden. So haftete den Petermannschen Stoffen, die in den Lagerräumen hinter dem Kontor auf die Reise warteten, immer ein feiner Geruch nach edlen Tabakwaren an. Ein Geruch den Max bis ins hohe Alter begleiten sollte. Er hatte sich das Rauchen von Vater und Brüdern früh abgeschaut. Der ovalen Laurens Orient, filterlos und blond blieb er treu.

»Bitte einen Linienaquavit und ein Pils!« 

Der erste Weltkrieg kam. Jens und Oskar, die älteren Söhne des Unternehmens meldeten sich gegen den Widerstand des Vaters freiwillig beim Infanterie-Regiment „Hamburg“ um in den vaterländischen Kampf zu ziehen. Der Krieg nahm das Unternehmen in die Zange, deutsche Handelsschiffe wurden versenkt, mit Mann und Maus und Baumwolltuch von den Wellen verschlungen. Eine nordatlantische Seeblockade, britischerseits, war zu umgehen. Max glühte vor patriotischer Begeisterung, wollte, so bald es Alter und Vater erlaubte, ebenfalls in das grosse Schlachten springen.

Peter Petermann traute nicht dem Krieg, und dem Kaiser auch nicht. Er war im Herzen ein heimlicher Anhänger „roter“ Ideen und sass traurig und rauchend am Schreibtisch. Er vermisste das Klappern der Schreibmaschienen, der Rechenschieber, die hohen Bürohocker blieben unbesetzt und im Hafen tuteten Kriegsschiffe. Der Krieg war in vollem Gange. 1916, nutzte er die die Gelegenheit seinen Jüngsten, mit einer letzten grossen Fracht, beinahe sein ganzer Lagerbestand wurde verpackt, auf die Reise nach Buenos Aires zu schicken. Aus Kostengründen wurde dafür ein Stückgutvertrag mit der Reederei Schlohbeck, die noch mit Frachtseglern arbeitete, ausgehandelt.

Im Sommer 1916 legte die Theodora ab. Die Reise, mit Zwischenhalten und Flauten dauerte zwar fast drei Monate, verlief ansonsten ohne offensichtliche Zwischenfälle. Doch in Buenos Aires angekommen stellte man fest, dass die Tuchballen Petermanns, tief im Frachtraum verbunkert, durch ein kleines Leck mit Salzwasser gesättigt und nicht mehr zu gebrauchen waren. Max war im Hafen La Boca angekommen und besass gerade noch das, was er in der Tasche hatte.

 

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