Bar zum Krokodil. Entstehungsgeschichte 4:

Gegen den Strom, mit dem Wind

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Die Inflation grassierte und verschluckte die von Krieg und Not bereits geschmälerten Ersparnisse der Stadt am Meer. Max und sein Freund Klaus, gerade aus Übersee zurück und voller Tatendrang, litten nicht unter der wirtschaftlichen Depression, auch waren sie nicht auf den Schlachtfeldern Europas traumatisiert worden. Die Orchideenjagd war ein erfolgreiches Unternehmen gewesen. Die seltenen Pflanzen für gute englische Pfund auf den Markt gebracht, hinterlassen ein sicheres, finanzielles Polster.

In Zeiten des Umbruchs, die Weimarer Republik entstand unter einigen Geburtswehen, der Schatten des verlorenen Krieges lag noch düster auf den Gemütern, beschlossen die beiden Freunde die Idee der »Bar zum Krokodil« nicht auf die lange Bank zu schieben.

Auf geht’s, Prost!

Die dunklen, schweren und eisenharten Büromöbel wurden von kundigen Schreinern umfunktioniert, ein langer Tresen mit einer stabilen Messingplatte darauf entstand. Platz für Kühlschränke, Schubladen und andere Ablageflächen gab es genug. Auf dem Tresen wurde eine der damals modernsten Registrierkassen platziert. Die hohen Hocker der Kontoristen passten dazu. Hinter der Bar wurde ein teurer, 3 x 2 Meter grosser Spiegel aufgezogen. Die alten Regale, links und rechts postiert, reichten bis zur hohen Decke.

Sie entfernten die wurmstichige, hölzerne Wandverkleidung. Was noch brauchbares Holz war, immerhin massive Fichte, wurde zu kleinen Tischen umgebaut, auch die Stühle entstanden so, mit dunkelbraunem, dickem Rindsleder bezogene, stahlgefederte Sitzflächen. Der Dielenboden, frisch abgeschliffen und mit Bienenwachs versiegelt, zeigte das Muster der Eichenbohlen. Man hatte vor dem Krieg nur mit besten Materialien gebaut. Die Wände, man konnte die alten Backsteinmauern mit ihren roten Ziegeln einfach abbürsten und mit Schiffslack versiegeln, hielten die Kälte draussen. Die lokale Brauerei lieferte eine ihrer schönsten Zapfanlagen, messingene Hähne und zwei mit holländischem Porzellan eingefasste Zapfsäulen.

»Ein Pils bitte«

Durch die vier grossen, zweiflügeligen Fenster, frisch geputzt, fliesst Tageslicht herein, abends das Licht der Bogenlampen der Strasse.

Das Krokodil

Aus den letzten drei hellbraunen Tuchballen des alten Lagerbestandes liessen sich doppelt genähte Vorhänge links und rechts neben diese Fenster hängen. Über der Bar drei grosse, milchgläserne Kugel mit elektrischem Licht. Von derselben Sorte hingen auch, wie hellgelbe Vollmonde, sechs Stück an der Decke. Drei grosse, langsam kreisende Ventilatoren verteilten Luft und Wärme gleichmässig. Die Eingangstür, Eiche, mit Messinggriffen blieb wie sie war. Allerdings beschriftet. »Bar zum Krokodil« stand dort, in grossen Messingbuchstaben, beleuchtet von der Eingangslampe, einer jener Vollmondkugeln, die sich im Schankraum wiederholten.

In der Stirnwand, gegenüber dem Eingang, bauten die Schreiner eine hellhölzige Vitrine, wo nun hinter dickem Glas das Krokodil seinen Schauplatz gefunden hatte. Aus dem gleichen Holz, in der gleichen Art wurde auch links über dem Krokodil ein weiterer, gläserner Schaukasten in die Wand eingelassen. Dort begann Max mit ein paar Orchideenknollen seine ganz private Zucht, eine Leidenschaft, die ihn nie mehr loslassen wird. Deren Erblühen sehnen er und seine späteren Stammgäste mit meditavier Inbrunst herbei.

»Champagner für die Blüte!«

Die englisch-brasilianischen Orchideengeschäfte hatten Klaus und Max mehr als einmal nach London geführt. Von dort wurden jetzt die zahlreichen Barutensilien, Gläser, Teller, Tassen und Aschenbecher, Cocktailshaker und was es sonst noch alle brauchte, importiert.

Wiskey, Rum und Tequila

Auf der Ablagefläche vor dem Barspiegel stapelten sich pyramidenförmig liegend, drei hölzerne Eichenfässchen mit einem Inhalt von je fünf Gallonen. In den Fassdeckeln sind kleine Hähne aus Messing festgeschraubt. Jeweils mit einem groben Brenneisen eingebrannt ein paar Buchstaben. RUM, stand auf dem Einen, WISK auf dem Zweiten, das Dritte benannte sich mit TQ. Diese drei Fässchen werden, neben dem Krokodil und den Orchideen, der dritte grosse Publikumsmagnet und wesentlich für den Erfolg der »Bar zum Krokodil« verantwortlich. Sie werden fast 100 Jahre dort stehen.

An den freien Wänden hängen jetzt und für viele Jahre Plakate der Schifffahrtslinien nach Übersee.

By Hans Bohrdt (1857–1945) (Internet) [Public domain], via Wikimedia Commons von Ajepbah (Eigenes Werk) [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], via Wikimedia Commons

Auch wenn die Gastgeber hinter der Bar in den nächsten Jahren und Jahrzehnten nicht mehr verreisen werden, so bleibt doch das Flair der weiten Welt, des Abenteuers und der Freiheit in diesem Raum, der nun selbsteigenen Welt, präsent. Und weckt Sehnsüchte, welche dazu beitragen, dass an dieser Theke noch so mancher seine grossen Reisen planen wird, sich mit guten Wünschen und Abschiedsgrüssen wohl versehen auf den Weg macht. Nicht selten kommt es dann vor, dass einer nach langen Zeiten in der Fremde sich wieder an den Tresen stellt: »Gehts gut, Max?«

»Tequila für den Weg nach Mexico, Salud!«

Welcome, Bienvenido, Willkommen … in der Bar zum Krokodil

Es dauerte fast drei Monate, bis alles an Ort und Stelle betriebsbereit war. Am Abend vor der Eröffnung, die Einladung war per Postkarte an alten Geschäftsfreunden, Lieferanten, Schulkameraden von Max und einigen wenigen Honoratoren des Viertels verschickt worden, standen Max, Klaus und der alte Petermann mitten in der Bar. Max zündet sich eine Laurens an. Es roch nach Honig, ägyptischen Tabak und Holz. Schnapsflaschen in den Regalen, im Spiegel die Weite. Er legte Klaus eine Hand auf die Schulter.

»Na?«

»Passt«, sagt dieser.

Der alte Petermann dampft Pfeifenrauch: »Wunderbar!«

 

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