Bar zum Krokodil 5:

Gerührt oder erschüttert?

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Gestern im »Krokodil«

Novembernachmittag

Es ist drei Uhr Nachmittags, draußen nieselt’s, ein grauer, kühler Tag. Kaum 10 Minuten her, da hat Oskar die Tür aufgeschlossen. Die Bar ist bereit. Das Licht über dem Eingang angemacht, die Vorhänge aufgezogen und die vorbereiteten Frikadellen, die Oliven, die spanische Tortilla, den russischen Salat und den eingelegten Hering in die kleine Glasvitrine gestellt. Mit dem Studenten, der geputzt hat, wechselt er die üblichen paar Worte, drückt ihm seine 30 Euro in die Hand. Der junge Mann ist weg. Oskar hat sich die schwarze, lange Schürze umgebunden, das etwas schüttere, graue Haar mit einer Handbewegung aus der Stirn gewischt.

Gastraum mit Intarsien und Geruch

Hinten, in der durch eine Glaswand mit Schiebetür abgetrennten Raucherlounge, glitzern in den Orchideenvitrinen die Wassertropfen aus dem Zerstäuber auf den Blättern und Blüten. Unter dem Schaukasten mit dem ausgestopften Kaiman steht der tresorgroße Humidor. Intarsien, schwarze, tanzende Paare und Musikinstrumente sind in stilisierter Form in das Zedernholz eingelegt. Der stehende Lichtfunken der Bienenwachskerze, einen halben Meter hoch, dick wie der Oberschenkel eines Stabhochspringers, in der Mitte des Rauchtisches mit den drei großen, gelb-schwarzen Porzellanaschenbechern, spiegelt sich in den verglasten Bildern. Flusslandschaften aus aller Welt hängen da, in großzügigen Abständen. Hellbraune, einladende Ledersessel, feucht abgewischt.

Es riecht nach Bienenwachs und edlen Zigarren. Ein Geruch, den man, etwas schwächer, in der ganzen Bar zum Krokodil wahrnehmen kann.

Bar zum Krokodil: Flusslandschaft

»Bitte ein Pils!«

Oskar zapft das Pils an und stellte das 2/3-gefüllte Glas auf die glänzende Chromstahlunterlage, damit sich der Schaum setzen kann. Er greift nach den grünen Baumwolllappen und wischt vor dem Gast einmal über den vom Alter dunkelbraunen, fast schwarz patinierten Tresen. Dann, eine tausendmal gemachte, routinierte Bewegung, führt er das Tuch kurz der Zapfsäule aus Delfter Keramik entlang. Die holländische Flusslandschaft mit den Trauerweiden und dem Schleppkahn schimmert blau und weiss im Licht der gelben Deckenlampen. Der Gast – es ist ein breitschultriger Mann in seinen vierzigern, Arbeitskleidung, kariertes Hemd, Jeans, feste Schuhe – nickt ihm zu. Neben dem Barhocker hat er einen kleinen Koffer abgestellt.

Oskar fährt fort den Zapfhahn zu polieren, wischt die matt glänzenden Messingarmatur ab, legt den Lappen zur Seite. Er nimmt das Pils und füllt es, der weiße Schaum steht einwandfrei, nimmt einen Bierdeckel der lokalen Brauerei, stellt das Glas drauf, vor den Mann, schaut ihm kurz in die Augen:

»Neu in der Gegend?«

Der Gast blickt auf, an Oskar vorbei auf den blanken Spiegel, die drei Schnapsfässer, sein Blick gleitet über die gutassortierte Spirituosenauswahl, er nimmt das Pils und mit einem guten Zug leert er das Glas bis zur Hälfte.

»Wie man’s nimmt«, sagt er, während er das Glas abstellt. »Mein Vater kommt aus dem Viertel, Hausmann heißen wir, ist schon ’ne Weile her.«

Oskar dreht sich um, das halb gefüllte Glas in der Hand, mustert ihn kurz, tritt einen Schritt näher und hebt die Augenbrauen.

»Hausmann? Wie lange her?«

»Mehr als 30 Jahre.«, der Mann leert das Glas. »Machen Sie mir noch eins?«

»Sicher«. Oskar zögert, runzelt die Stirn. » … doch nicht etwa der Xaver. Der Hausmann!«

Der Mann zuckt die Schultern. »Ich bin sein Sohn Ernesto. Doch doch, der Xaver Hausmann, ist mein Vater. Er war früher öfters hier.«

Zweites Pils mit Tränen

Bar zum Krokodil: Pils

 

»Meine Güte«. Oskar steht da, mit halb vollem Pils in der Hand und schüttelt den Kopf.

»Das war vor meiner Zeit, das war wie Max und Klaus noch die Bar führten. Wir sind hier erst seit 1980. Das war doch grad das Jahr als er … Aber man hat’s mir erzählt, die völlig aus dem Ruder gelaufene Entführung des Direktors der Chemiewerke. Is‘ ja ein Ding«, murmelt er, dreht sich wieder um und steht wieder vor der Zapfsäule mit den holländischen Trauerweiden. Macht ein Pils, schöner Schaum.

»Machen wir’s kurz«, sagt der Mann, der Ernesto heißt, und stellt sich neben den Barhocker. Offenbar braucht er seine ganze Größe für das, was jetzt kommt:

»Ich wollte etwas fragen … nämlich … mein Vater kommt in einer Woche raus … 37 Jahre waren es, Verurteilung, dann Sicherheitsverwahrung, dann das andere Urteil wegen der Sache in Mupfhausen, dem toten Amerikaner, den haben sie ihm auch noch angehängt.«

Böse, alte Zeiten

»Ich kenn ihn kaum, eigentlich nur aus Briefen. In der Hochsicherheit gibt es keine Besuche … meine Mutter wollte es auch nicht. Aber wer vergisst schon? Ich war damals noch keine 5 Jahre alt, alles habe ich gelesen und ihm auch geschrieben … wir sind dann, meine Mutter und ich … abgehauen vom ganzen Rummel. Ich bin in einem Kaff in den Bergen groß geworden. Mutter ist seit 8 Jahren tot und ich bin der einzige Verwandte, den es gibt, vom Papa, vom Xaver. Und er kommt raus … geschrieben hat er mir immer, auch von der Bar zum Krokodil, wo er damals immer war … ich möchte …«

Dem Mann stockt der Atem, er muss Luft holen.

» … ich möchte ihn ihm ein…«, er schnieft, « … ein Willkommensfest machen, hier in Eurer Bar nämlich, hier hat er sich damals wohlgefühlt …«

Jetzt laufen ihm tatsächlich Tränen über die Wangen.

»Er war doch so lange weg. Er kennt doch niemanden mehr.«

Gastgebertugend

Oskar stellt das fertige Pils vor ihn hin. »Da, trink«.

»Mann o Mann« sagt er dann, »Der Xaver Hausmann, der muss ja heute um die 70 sein, nicht?«

Oskar nimmt den grünen Lappen und fegt über den Tresen. Dann schaut er seinem verstörten Gast in die Augen. Der schnieft vor sich hin:

»Sag’s halt gleich, dass ihr das nicht wollt, dann geh ich wieder.«

»Wann kommt er denn?«

»In 10 Tagen wird er entlassen und erwartet mich. Ich soll ihn abholen.«

»Einen ganz kleinen Tequila, ohne nix.«

Oskar nickt: »Ich muss mit meinem Partner reden, dem Otto. Aber ich denke, es geht in Ordnung. Komm heute Abend vorbei, so gegen Mitternacht. Dann weiß ich’s für sicher.«

Er dreht sich weg und schenkt sich einen Fingerhut-großen Schnaps aus dem Tequilafass ein.

»Den brauch ich jetzt. Mann, der Hausmann … ist hier berühmter als Keith Richards!«

Er kippt das winzige Schnäpschen hinunter und räuspert sich.

»Was hat er denn so getrunken damals, dein … « Oskar zögert kurz. » … dein Papa?«

»Cuba Libre!«

 

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