Brockmans Gin: Wacholder wohnt woanders

Im Jahr 2018 ist der Begriff New Western Dry Gin unter Kennern geflügeltes Wort – er steht für Gins, bei denen der Wacholder nur noch eine sensorische Nebenrolle spielt. Dieser Kunstbegriff etablierte sich in den letzten 10 Jahren und wurde eigentlich nur deshalb gestreut, um der EU-Spirituosenverordnung ein Schnippchen zu schlagen. Sie schreibt nämlich vor, dass beim Dry Gin « […] der Wacholdergeschmack vorherrschend bleiben muss.« Eine Aussage, die stutzig macht, angesichts der gewaltigen Flut von Gins mit vordergründigen Erdbeer-, Grapefruit-, Hopfen- oder Rosmarin-Aromen, ohne irgendeine Spur von wahrnehmbarem Wacholder. 

Es ist kaum vorstellbar, dass Gin vor noch gar nicht mal so langer Zeit ein Getränk war, das immer und ausschließlich nach Nadelwald roch und für alte Damen mit ausgeprägtem England-Fimmel gedacht war. Aber im Jahr 2006 gab es noch keine Flut und keinen Trend, der daran irgendetwas hätte ändern sollte. Den Ausdruck »New Western Dry Gin« gab es zwar durchaus – Hendrick’s Gin mit dem Alleinstellungsmekmal der Gurke und der zitruslastige Tanqueray No. 10 repräsentieren damals aber quasi die komplette Kategorie.

Zu einer Zeit, als eben noch nicht jedes Dorf einen eigenen Gin hatte, wagten Neil Everitt und Bob Fowkes die Expedition in dieses Brachland der Gin-Vielseitigkeit: Everitt ist ehemaliger CEO von Stock Spirits, Fowkes arbeitete Jahrzehntelang das Marketing für große Spirituosen-Marken aus. Zusammen mit zwei weiteren Freunden suchten sie sich eine Destille und feilten zwei Jahre lang am Rezept. 

»Like no other« – anders sein ist Pflicht

Ihre Ziele: Sie wollen ein Gin-Produkt erschaffen, das äußerlich durch und durch »Luxus« schreit und das gleichzeitig so mild und ansprechend sein sollte, dass man es mit Freude pur trinkt. Vor allem aber soll ihr Gin komplett anders sein als alle anderen. Wer ihn zum ersten Mal probiert, soll sich stets dieselbe Frage stellen:

[bs-quote quote=”Ist das wirklich Gin?
” style=”style-17″ align=”center”][/bs-quote]

Brockmanns GinSelbst heute, im Jahr 2018, eckt Brockmans mit dieser Ausrichtung an, vor allem bei Wacholder-Puristen. Rückblickend ein verschmerzbar kleines Feld von Kritikern: 12 Jahre zuvor mussten sie sogar gegen ihre eigenen Destillateure ankämpfen, die bis 2006 nur klassische, Wacholder-lastige Gins gebrannt hatten.

Mit Rezept-Änderungen und anderen Gewichtungen waren die Brenner vertraut – damit, dass plötzlich Blau- und Brombeeren die Hauptrolle in einem Wacholderbrand spielen sollten, nicht. Gerade im konservativsten Gin-Land der Welt war das nichts anderes als liquide Häresie, trotz der ansonsten eher klassischen Botanicals wie Zitrusschalen, Mandeln, Zimt, Koriander oder Angelika.  

Aber bei Brockmans interessierte man sich nie dafür, wie Gin laut wem auch immer zu sein hat. Das gilt für den intensiv-beerigen Geschmack mit starken Zitrusnoten und nur einem Hauch Wacholder, aber auch für die Flasche: tiefschwarzes Glas und schnörkelige Schrift transportieren eine Designsprache weitab vom Muff der Gin Tonic-Tradition des englischen Adels und der Zitronenschnitz-Picknick-in-der-Sonne-Romantik, in der viele den Brockmans geschmacklich verorten.

Stattdessen setzt die Marke auf anrüchiges: Burlesque-Shows, Nachtclub-Atmosphäre, kinky Drinks mit Handschellen als Garnitur und Models in Barschürzen und nichts drunter. Männliche und weibliche Models, wohlgemerkt. Brockmans steht auf Sexy, aber deswegen noch lange nicht auf Sexismus.

Diese Mischung aus Eleganz und Anrüchigem ist bis heute ein Alleinstellungs-Merkmal, das zusätzlich zur extrem fruchtigen Note hilft, sich vom Markt abzuheben. Mit Erfolg: Brockmans gehört heute zu den am schnellsten wachsenden Gin-Marken im hart umkämpften Spanien und ist weltweit einer der meistverkauften Gins im Premium-Bereich. Mit-Gründer Fowkes ist stolz auf sein Baby, ist aber trotzdem froh, dass Brockmans schon vor der großen Gin-Welle auf den Markt kam: »Wenn wir jetzt auf den Markt gehen würden, wenn wir keine Big Player wären – ich hätte einen ziemlich harten Job.«

Wenn »& Tonic« zur Nebensache wirdBrockmanns Gin

»Sexy & Luxus« ist bei Brockmans nicht nur bis zur Abfüllung wichtig – bevorzugt serviert man die eigenen Tonic-Drinks in großen, runden Copa Ballons, garniert mit Blaubeeren und Grapefruit-Zesten und stets mit hochwertigem Tonic. Fowkes legt Wert darauf, und das nicht nur für Brockmans Gin, das Tonic Water vorab gut zu kühlen – dadurch hält es auch im Drink die Kohlensäure länger. Was nicht rein sollte in einen Brockmans & Tonic: langweilige Zitronen und ganz sicher keine Gurken, vor allem aber kein Tonic aus der Zapfanlage; hierzulande ohnehin zum Glück nicht allzu weit verbreitet.

Generell lautet die offizielle Trink-Empfehlung für den Brockmans trotz unzähliger Signature Drinks und Fowkes Faible für Martinis: On the Rocks. Pur und auf Eis also – denn normalerweise bestehen Brockmans-Fans und viele Händler auch darauf, den Nicht-mehr-ganz-so-Wacholderbrand auch mindestens einmal pur zu probieren. Dass das trotz einer merklichen Weichheit nicht Jedermanns Sache ist, wissen die Gründer natürlich – genau deshalb haben sie ihrem Gin eine derart intensive Aromatik verpasst. Er soll schmecken »Like no other«. 

 

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