Brücken über Brücken

Teil 3

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Eine Brücke ist ein Symbol des Übergangs, sie stellt einen Fortschritt dar. Der Mensch wird unabhängiger, wenn es eine Brücke gibt. Hierbei muss der Übergang nicht nur den Übergang in etwas Neues symbolisieren, man hat auch die Möglichkeit, zeitweise zurückzukehren. 

DIE AUTOBAHNBRÜCKE

Ecuador ist eine Bananenrepublik. In den letzten 20 Jahren war das Bild des Staates ein solches. Es gab gestürzte Präsidenten, es wurde geputscht, die Korruption trieb alltägliche Blüten, Skandale und Bankrotte waren an der Tagesordnung. Bis Raffael Correa Präsident wurde. Seit 2007 ist er oberster Würdenträger und hat in Angriff genommen, was unter anderen Präsidenten im Anfangsstadium stecken geblieben ist. Die Verfassung wurde erneuert, Gesundheits- und Bildungswesen reformiert und die bürgerliche Revolution, die Revoluciòn Ciudadano, zum gesellschaftlichen Motor erklärt.

Nicht zuletzt unternahm man in den letzten 7 Jahren ungeheure Anstrengungen, um das marode Straßennetz zu erneuern. Schluss jetzt mit von Schlagloch zu Schlagloch humpelnden Reisen, die die Autos Stück für Stück zerlegen. Sausewind – von der Küste bis zu den Andenpässen in 4 Stunden. Von null Metern auf 4500, das Autozeitalter hat nochmals begonnen. Und der neue Flughafen Mariscal Sucre liegt mitten im Valle de Tumbaco.

NEUE BRÜCKEN BRAUCHT DAS LAND!

Das »Provisorium« hat ausgedient. 2011 schrieb man den Auftrag für eine Autobahnbrücke international aus. Ein Auftrag in der Größenordnung um 70 Millionen Dollar, der sauber erledigt werden muss. »Plazo fijo, precio fijo – fester Preis, feste Bauzeit«, sagt Gonzalo Dominguez, oberster Chef des Bauabschnittes der Ruta Viva. Dem ehrgeizigen Straßenprojekt der Stadt Quito, mit dem sich Ecuador, 70 Jahre nach Europa, ins Autobahnzeitalter katapultiert.

Die Region entlasten und die Stadt effizient mit dem Umland, dem Flughafen, verbinden. Genauer sind es zwei Brücken, eine kleinere über den Río San Pedro und eben über den Chiche. In Dominguez’ Büro türmen sich sauber geordnet vielfarbige Akten, Mappen, Ordner und Pläne aller Art. Große Fenster mit Blick auf die Stadt. An den Wänden Bilder von Brücken und Straßen. Und wer den Preis genau wissen will:

69.444.819,94 US-Dollar werden geboten. Auf den Centavo genau.

Die Herausforderung angenommen hat die spanische Baufirma Grupo Puentes. Brückenbauer weltweit: Von Angola und Namibia über Saudi Arabien nach Vietnam, nach Rumänien, über Bolivien nach Ecuador und zurück nach Polen. Ingenieure, Maschinenmeister, Bauleiter, Zementfachleute, Statiker und Buchhalter. Und wen, vor allem was, man noch braucht. Die notwendigen hochkomplizierten Maschinen bringt man mit. Rund vierzig Mitarbeiter der Grupo Puente sind ins Land gekommen, mit Sack und Pack und Kindern und Frauen.

Große Männer mit schweren Schuhen, Helmen und Leuchtwesten. Sie haben die Ärmel hochgekrempelt. »Ein paar Brücken muss man schon gebaut haben, die Erfahrung macht’s«, sagt einer, der es wissen muss. Nämlich der Chefingenieur Oswaldo Rodriguez, während er seine Marlboro im Sand austritt.

NÜCHTERNES ERGEBNIS

Die Zusammenarbeit ist gut, die Spanier sind zufrieden mit der Qualität der Arbeiter, den Fahrern, den Zulieferern. Der Zement, das Eisen, das Holz, praktisch alle Materialien kommen aus Ecuador. Nur die technischen Equipos, die sich freihändig in den Abgrund hinausarbeitenden Maschinen – Wunderwerke der Brückenbaukunst, die haben sie mitgebracht, die Spanier. Und die werden sie auch wieder mitnehmen. Irgendwohin, wo sie die nächste Brücke bauen.

Und so haben sie vor ein paar Tagen die letzte Lücke der einen Fahrbahn geschlossen. Unprätentiös, ohne Ritual und Klimbim. Arbeit wird gemacht. 210 Meter lang, sechsspurig, thront das Bauwerk hoch über der Mecano-Brücke, der Brücke des R(obert?) Wulckow. Erdbebensicher, für 5 Jahre garantiert, 40.000 Wagen pro Tag. Von Quito über den Chiche in die Welt. Der Flughafen ist gerade einmal noch 20 Fahrminuten weiter, und wer den richtigen Fensterplatz hat, sieht sie beim An- oder Abfliegen.

BRÜCKENOPFER

Josè Imaicela, ein 45-jähriger Familienvater von drei Kindern, stürzte vor acht Tagen von der Baustelle über dem Chiche. Abends, es war schon dunkel, wie es hier am Äquator immer dunkel ist um 7 Uhr abends. Es war kurz nach Schichtwechsel. Man arbeitet in drei Schichten an der Brücke. Er fiel 150 Meter tief, und blieb am steilen Abhang liegen. Die Feuerwehr, die man gerufen hat, hatte es nicht leicht, ihn zu bergen. Er starb gegen Mitternacht, im Spital.

Die Techniker sind verlegen, wenn man sie darauf anspricht. Sicherheit gilt als oberstes Gebot – und doch, dass beim Bau von Brücken Opfer dargebracht werden müssen, davon weiß auch die Sage zu berichten.

Brücken sind gefürchtete Geisterorte. Zunächst sind es Wassergeister oder ihnen ähnliche Gespenster, die dort ihr Wesen treiben. Abkömmlinge der alten Fluß- und Brückengötter. Daneben finden sich auf, unter und bei den Brücken andere Geister.

Die Gewässer stellen die Grenzen ihres Reviers dar. Hexen sollen sich gerne auf Brücken treffen. Zum Schutz soll man dreimal von der Brücke spucken. Kinder, die alleine über die Brücke ziehen, sollten ein paar Geldstücke hinunterwerfen – damit werden die Geister besänftigt. Ab und zu sollte man auf der Brücke Feste feiern, mit Musik und Tanz.

Im Dezember ist Eröffnung.

Für meinen Teil werde ich der neuen Brücke gerne ein Rauchopfer bringen.

FORTSCHRITT

Die Spuren des Kolonialismus sind unübersehbar. Viele Jahrzehnte dauerte das Ringen – und es dauert noch an – um die eigene Identität, um selbstbestimmtes Handeln. Nicht zuletzt ist – man verzeihe mir das Wort – eine neue Rasse entstanden. Die Mestizen, diese einzigartige Vermischung europäischer und indigener Herkunft. Man ist stolz darauf. Die indianischen Wurzeln der Mestizaje werden heute nicht mehr geleugnet –

»mein Ururgrossvater kam aus Salamanca!«

–, sondern der Bezug zu den Inkas, den Ureinwohnern wird gerne und oft hervorgehoben. Mächtige Indianerorganisationen sind mitbestimmend in Politik und Kultur. In der jüngst verabschiedeten neuen Verfassung Ecuadors sind Grundlagen des indigenen Denkens mit aufgenommen worden. Das Prinzip des guten Lebens, des Sumak kawsay, beruht auf der indianischen Kosmovision der beseelten Natur, der Mutter Erde, die erhalten und respektiert werden muss. Das Gleichgewicht mit der Natur wird nicht nur gesucht, sondern zur Handlungsmaxime erklärt.

DRITTE WELT WAR GESTERN

Nun ist auch in Ecuador die Einwohnerzahl um ein Vielfaches gestiegen, die Bedürfnisse der Bevölkerung sind international angepasst. Im Guten wie im weniger Guten. Man konsumiert auf Teufel komm raus. Der Bestand an registrierten Autos hat sich in den letzten zehn Jahren verdoppelt. Arbeitslosenzahlen um die 5 Prozent. Ein beständiges Wirtschaftswachstum seit dem Amtsantitt Correas, zeitweise waren es fast 8 Prozent. Der jährliche Export von eigenen Industrieprodukten steigt, wie auch die internationale Kreditwürdigkeit des Landes.

Der Analphabetismus, noch vor zwanzig Jahren ein gravierendes Problem, ist praktisch behoben.

Die Armutsrate sinkt beständig, liegt aber immer noch über 30 Prozent. In den letzten Monaten kommen vermehrt Immigranten aus Europa, just aus Spanien, weil der Arbeitsmarkt in Ecuador bessere Möglichkeiten bietet als zuhause.

Nicht fremde Konsortien oder Erdölfirmen bauen Brücken, der ecuadorianische Staat vergibt die Aufträge. Daran sollte man denken, wenn man die Nachrichten aus dem krisengeschüttelten EU-Raum oder aus den USA liest. Südamerika ist auf dem Sprung nach vorne.

Dritte Welt war gestern.

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