Carolina Otéro

Geliebte, Gespielin, Grande Dame

Sie galt als die schönste Frau im Paris der Belle Époque. Sie beherrschte das Spiel mit der Leidenschaft wie ein Meisterpianist die Tastatur. Sie verführte die Männer und betörte sie mit ihrer diabolisch-weiblichen Sinnlichkeit. Trotz allem war sie dabei kalt und berechnend: La Belle Otéro.

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»Könige«, so sagte die Otéro einmal, »sind im allgemeinen nicht sehr großzügig, aber ich habe sie alle gelehrt, von ihrem Reichtum etwas abzugeben.« Sechs gekrönte Häupter zählten zu den Liebhabern Carolina Otéros. Sie war eine der berühmtesten Tänzerinnen ihrer Zeit und zugleich weltbekannte und begehrte Kurtisane. Bei ihr gaben sich die Reichen und Berühmten jener Epoche die sprichwörtliche Klinke in die Hand. Industrielle und Künstler lagen ihr zu Füßen und überhäuften sie mit kostspieligen Geschenken. Aber wie wird man zu einer der berühmtesten Kurtisanen einer Zeit? Und: Welche geistlichen und kulturellen Strömungen waren charakteristisch für die Belle Époque und machten es möglich, dass sich allein sechs Könige beinahe selbstverständlich die Gunst einer einzigen Frau teilten? Schließlich: Welch wahres Gesicht steckt hinter der Kunstfigur Carolina Otéro?

Die Legenden um Carolina Otéro

Carolina Otéro machte zeit ihres Lebens durch spektakuläre Geschehnisse von sich reden. Liest man ihre Memoiren, so gewinnt man den Eindruck, als hätte das Schicksal ihr Leben von Beginn an mit sicherer Hand geführt. Und es scheint dabei nicht vergessen zu haben, dass das Leben nur dann aufregend ist, wenn man ihm von Zeit zu Zeit einen Hauch des Skandalösen verleiht.

Was erzählt man sich über die Otéro? Ihre Mutter Carmen ist eine feurige und temperamentvolle, aus Andalusien stammende Zigeunerin, ihr Vater ein Offizier namens Carasson. Carasson entreißt Carmen einer Zigeunersippe aus Sevilla und bringt sie in den Nordwesten Spaniens, in das kleine galizische Dorf Ponte Valga. Doch das Wesen ihrer Mutter ändert sich auch an diesem zurückgezogenen und ruhigen Ort nicht; sie bleibt eine unzähmbare Wilde. Mit diesem unbezwingbaren Temperament treibt Carmen ihren Ehemann zur Verzweiflung – und letztendlich an den Spieltisch, an dem er hoffnungslos dem Glücksspiel verfällt. Nachdem Carasson völlig am Ende ist, tröstet sich seine Frau inzwischen in den Armen eines reichen Geliebten. Dieser Geliebte wird einige Jahre später Carolinas Vater töten, nachdem letzterer den Liebhaber wegen der Untreue seiner Frau zum Duell gefordert hat.

Als wäre das noch nicht genug, heiratet Carmen den ehemaligen Duellanten ihres Gatten. Mit ihm aber kommt Carolina nicht aus, schon ihres Vaters wegen nicht, den sie angebetet hat. Es folgen zahlreiche Auseinandersetzungen, woraufhin sie in ein strenges Mädchenpensionat geschickt wird, in dem die frommen Schwestern dem Kind arg zusetzen. Nachdem sie eine Möglichkeit findet, heimlich und unerlaubterweise das Internat für ein paar Spaziergänge zu verlassen, begegnet ihr auch schon die erste Liebe ihres Lebens  – in Gestalt eines Jungen namens Paco Coll. Gemeinsam brennen sie durch, und eine Zeitlang begleitet er sie. Carolina ist damals 12.

Karriere und Affäre

Carolina Otéros Darstellung ihres Werde­gangs ist gespickt mit phantasievollen Geschichten über großzügige Gönner. In einem Hotel beispielsweise lernt sie per Zufall einen Theaterintendanten kennen, der ihr sogleich ihrer Schönheit und ihres Talents wegen eine Solistenrolle anbietet. Ein anderes Mal, bei einem Bummel durch die Stadt, kommt sie beim Betrachten der Auslagen eines Juweliergeschäfts mit einem reichen Bankier in Kontakt. Kurz darauf ist sie stolze Besitzerin eines wunderschönen Diamantkolliers, eines Diadems, eines Ringes, eines Armbands und natürlich der dazu passenden Ohrringe.

Ihr Debüt als Tänzerin gibt sie 1889 im ›Eden Musée‹ in New York, einem der bekanntesten Varietétheater dieser Zeit. Ihr Auftritt wird von den Zuschauern und Kritikern bejubelt; man nennt sie »Gräfin Otéro«, da sie, so wird gemunkelt, adliger Abstammung sei, diesen Umstand aber verschweigen wolle. Mit solch einer Gloriole lässt sich gut nach oben kommen: Der Zutritt zu den »Oberen Vierhundert« Amerikas gelingt ihr denn auch mit Leichtigkeit. Dort lernt sie unter anderem William K. Vanderbilt kennen, ihren ersten »Liebhaber von Rang«.

William Vanderbilt

Vanderbilt macht Carolina auserlesene Geschenke, darunter ein Perlenkollier aus dem Besitz der Kaiserin Eugenie und eine Yacht. Auch Geliebte mit nicht so schwerer Brieftasche sind Carolina willkommen: Besuche bei den Nachmittagstees und Wohltätigkeitsveranstaltungen der Damen verbindet sie sehr geschickt mit Besuchen in dem einen oder anderen Schlafzimmer eines Ehemanns. Die Großzügigkeit Vanderbilts dagegen erhält sich die Otéro über mehrere Jahre aufrecht.

William K. Vanderbilt folgt eine Reihe angesehener und vor allem betuchter Liebhaber, die sie bei ihren Auftritten kennenlernt. Verträge mit angesehenen Häusern führen sie nach Amsterdam, Brüssel und Paris, nach Berlin, London und Wien, aber auch nach St. Petersburg, um nur einige der Metropolen zu nennen, in denen sie ihre Tanzkunst zeigt. Bei jedem ihrer Auftritte wird sie nach der Vorstellung von Verehrern mit Geschenken überhäuft. Sie läßt sich fortan auf ihren Reisen von einem Juweliermeister begleiten; der kennt den Geschmack der Dame sehr genau und berät ihre Liebhaber bei der Auswahl der Pretiosen.

Wer es sich leisten kann, bittet sie als Tänzerin zu einem privaten Dinner. Für den Schluss dieser Vorführungen bewahrt sie sich immer eine ganz besondere Überraschung auf: Wenn die Nacht sich anschickt, allmählich dem Tag zu weichen, steigt sie auf den Tisch und bezaubert die Gäste durch einen extravaganten spanischen Tanz. Dort, hoch oben auf dem Tisch, wirkt sie auf ihre Bewunderer wie ein märchenhaftes Wesen.

Berühmt wird sie vor allem mit ihrer »Silbertablett-Szene« im ›Cafe Cuba‹ in St. Petersburg. Dort präsentiert sie sich den etwa 30 anwesenden Offizieren auf einem Silbertablett als zweite Nachspeise, bekleidet mit einem transparenten Schleier, geschmückt lediglich mit ein paar kostbaren Ringen an den Fingern und den Zehen. Mit dieser und ähnlichen Eskapaden macht die Otéro in Russland, später aber auch weltweit in der Presse von sich reden.

Albert von Monaco

Von ihrem ersten gekrönten Liebhaber, Albert I. von Monaco, lässt sie sich im wahrsten Sinne des Wortes angeln. Obwohl sie in ihren Memoiren anmerkt, dass sie ihn nicht besonders attraktiv fand und auch seine Qualitäten als Liebhaber zu wünschen übrig ließen, war das wohl kein Grund, seine Großzügigkeit abzuweisen. Von ihm bekommt sie gleich beim ersten Treffen eine achtreihige Perlenkette; später folgen Smaragde, Saphire und Juwelen in großer Zahl.

Albert-I.-von-Monaco

Durch Albert von Monaco lernt sie auch ihren zweiten königlichen Galan kennen: Leopold II. von Belgien. Was sie an ihm fasziniert, ist sein immenser Reichtum: Belgisch-Kongo befindet sich damals noch im Besitz des Königshauses, bevor es der Monarch gezwungenermaßen dem belgischen Staat vermachen muß. Leopold schenkt ihr, neben diversen Schmuckstücken, eine Villa in Oostende direkt am Meer.

Leopold II. von Belgien

Eduard VII.

Der nächste auf ihrer Liste blaublütiger Liebhaber ist Eduard VII. Den Prinzen von Wales, der als »Botschafter britischer Eleganz« in die Geschichte eingegangen ist, bezeichnet sie als sehr humorvollen Menschen. Aber auch als denjenigen ihrer hochadligen Verehrer, der am wenigsten großzügig gewesen ist. Das hat vielleicht daran gelegen, daß ihn seine Mutter, Königin Viktoria, recht kurz hält und er mit einer jährlichen Zuwendung von 50.000 Pfund über die Runden kommen muss.

Eduard,-Prinz-von-Wales

Wilhelm II.

Wilhelm II., der deutsche Kaiser, ist ebenfalls auf ihrer Liste zu finden; er nennt sie »seine kleine Wilde«. Ihm gefallen ihre Wutausbrüche, bei denen sie mit böhmischen Kristalleuchtern um sich wirft. Während einer gemeinsamen Fahrt auf der kaiserlichen Yacht soll sie sogar einmal aus Wut ein Mitglied der Besatzung über die Reling gestoßen haben.

Kaiser-Wilhelm-II

Nikolaus II.

Zar Nikolaus II. von Rußland darf nicht vergessen werden; ihn lernt sie durch einen gemeinsamen Freund kennen. Mit dem letzten absolutistischen Herrscher des Vielvölkerreichs trifft sie sich auf einer Datscha, einer Jagdhütte des Zaren. Er beeindruckt sie bei ihrem ersten Treffen nicht sonderlich, später aber, so erklärt sie, habe sie ihn schätzen gelernt – sicher nicht zuletzt auch wegen seiner großzügigen Geschenke.

Nikolaus II

Alfons XIII.

Die blaublütige Galanreihe wird durch Alfons XIII. von Spanien komplettiert. Damals noch sehr jung an Jahren, soll er von ihr in die amourösen Künste eingeweiht worden sein.

Alfons-XIII.-von-Spanien

Neben den gekrönten Häuptern ließe sich die Liste sehr großzügiger und vor allem reicher Liebhaber fast unendlich fortsetzen. Schätzungen oder genaue Angaben über die Höhe ihres gesamten Vermögens sind schwierig anzustellen; fraglos aber zählt Carolina Otéro zur Zeit der Jahrhundertwende zu den wohlhabendsten Frauen der Welt.

Spielsucht

Aber auch hier findet eine alte Weisheit ihre Bestätigung: Wie gewonnen, so zerronnen. Denn die Otéro hat eine wirkliche Leidenschaft: das Spiel. Das Glücksspiel in den Casinos der großen Welt gehört damals zum allgemeinen Zeitvertreib. Zu spielen beginnt die Otéro nach eigenen Angaben eher zufällig: In einem Casino läßt sie aus Versehen ein paar Jetons auf Rot liegen. In der Folge kommt die Farbe Rot nicht weniger als dreiundzwanzig Mal! An diesem Abend gewinnt sie auf einen Schlag 150.000 Francs. Und das zu einer Zeit, als sie noch nicht so berühmt und reich ist. Doch schon sehr bald verläßt sie das trügerische Anfangsglück: Die Unsummen, die Carolina Otéro in den Casinos verspielt, sprengen alle vorstellbaren Grenzen. Schließlich verliert sie alles, was sie hat: ihre Juwelen, ihre Häuser, beinahe sogar die Yacht. Mit fünfundvierzig Jahren zieht sie sich aus dem öffentlichen Leben zurück, um ihrem Publikum auf dem Höhepunkt ihres Könnens und ihres Glanzes in Erinnerung zu bleiben.

Aber, Ironie des Schicksals, die Otéro wird das stolze Alter von 96 Jahren erreichen. Die zweite Hälfte ihres Lebens verbringt sie völlig verarmt, von einer winzigen monatlichen Rente lebend, die ihr ein unbekannter Gönner zukommen lässt. Diese Unterstützung reicht gerade für das Lebensnotwendige.

Das wahre Leben der Carolina Otéro

Die Legenden um die »Schöne Otéro« sind eine Mischung aus Wahrheit und Fiktion. Wie sich später herausstellt, entspringen die in den Memoiren der Otéro dargestellte Kindheit und Jugend ihrer wohldurchdachten Phantasie. Die Beweggründe für ihren Erfindungsreichtum liegen auf der Hand: Sie lügt nicht etwa, weil sie romantisch oder eingebildet, sondern weil sie praktisch veranlagt ist. Die Otéro hat recht schnell erkannt, wie wichtig es ist, eine faszinierende Persönlichkeit zu sein. Und zu einer solchen Persönlichkeit gehört eine ergreifende Kindheitsgeschichte nun einmal dazu.

Was für eine Frau war die Otéro aber nun in Wirklichkeit? Wie und wo verbrachte sie ihre Kindheit und Jugend? Carolina Otéro hieß in Wirklichkeit Agustina Otéro Iglesias und stammte tatsächlich aus einem galizischen Dorf namens Ponte Valga in der Provinz Pontevedra. Ihre Mutter hieß zwar Carmen, war aber keine Zigeunerin, sondern im Alter von vierundzwanzig Jahren bereits mit sechs Kindern von verschiedenen Männern gestraft. Laut Geburtsurkunde ist der Name des Vaters der Otéro nicht bekannt.

Für die Geschichte über ihre Mutter ließ sich die Otéro nach eigenen Angaben von der Figur der ›Carmen‹ aus der gleichnamigen Novelle des französischen Schriftstellers Prosper Mérimée inspirieren, jener Figur, die später die Grundlage für George Bizets 1875 uraufgeführte und weltberühmte Oper bildete. Carmen: Das ist die feurige Andalusierin, die während der Arbeit in einer Zigarrenfabrik Sevillas die Liebe eines jungen Unteroffiziers erlangt. Blind im Liebestaumel, lässt der sich erst auf ein freies Gaunerleben mit ihr ein, möchte sie dann aber aus diesem Umfeld befreien. Das Ganze endet tragisch tödlich. Wie könnte es auch anders sein?

Aber zurück zu Carolina Otéro. Gemeinsam mit ihrer Mutter und den Geschwistern lebte sie in einer erbärmlichen Hütte von gerade einmal 36 m², in der unten die Schafe und Schweine, oben die Familie zusammengepfercht hausten. Forscht man weiter in ihrer Kindheitsgeschichte nach, stößt man auf ein schreckliches Ereignis: Agustina Otéro wurde im Alter von gerade einmal 10 Jahren in den Pinienhainen nahe des Dorfes von einem Mann aus der Nachbargemeinde auf brutalste Weise geschändet.

Nur durch ein Wunder, wie die Anwohner damals erzählten, überlebte das Kind die schrecklichen Verletzungen. Aber damit nicht genug: Nach mehreren Monaten zwar körperlich genesen, musste sie auch noch das Gerede der Leute ertragen, für die zur damaligen Zeit der Verlust der Unschuld an sich ein Verbrechen und ihrer Meinung nach das Kind daran nicht schuldlos war. Denn das einzige Vergnügen in dem harten und entbehrungsreichen Leben des Mädchens war nun einmal das Tanzen in den Pinienhainen. Schon damals müssen ihre Bewegungen, so behaupteten es zumindest die Dorfbewohner, sehr aufreizend gewesen sein. Tanzen, sagte sie einmal, sei schon immer ihr Leben gewesen …

Der Beginn ihrer Karriere

Ernest Jurgens, damals Geschäftsführer des ›Eden Musée‹ in New York, spielte im Leben der Otéro eine bedeutende Rolle. Ihm hat sie viel zu verdanken, war er es doch, der ihre Karriere »machte«. Denn anders kann man es nicht bezeichnen: Er formte aus einer unbekannten und, wie böse Zungen behaupteten, völlig untalentierten Tänzerin und Prostituierten aus einer drittklassigen Marseiller Bar einen »Stern« am Glamour-Himmel – erst am amerikanischen und dann am weltweiten Firmament.

Aber beginnen wir von vorn: Ernest Jurgens war für das ›Eden Musée‹ auf der Suche nach einer Attraktion für die kommende Saison. Man schrieb das Jahr 1889. Er reiste dafür eigens nach Frankreich. Denn eines zeigte sich in den Varietés in Amerika und Europa ganz deutlich: Es machte alles Furore, was einen exotischen und folkloristischen Touch hatte. Jurgens stand unter Druck, denn der größte Konkurrent des ›Eden Musée‹ in der Millionenstadt am Hudson River, das Varieté ›Koster & Bials‹, damals weltberühmt, hatte einen Star namens Carmencita. Daß dieser spanische Star die Tochter eines polnischen Maurers war, spielte keine Rolle – das Publikum war von ihr begeistert.

Jurgens hatte bereits die »Tanzenden Hunde aus Sibirien« und den »Wundersamen Chinesen mit den tanzenden Tellern« unter Vertrag genommen. Das war allerdings keine sehr gute Ausbeute für eine solch aufwendige Reise. Er unternahm deshalb einen letzten Versuch, etwas Ansprechendes zu finden, und so suchte er in den Cabarets der Provinzen nach einem »ungeschliffenen Diamanten«. Dabei stieß er auf Carolina Otéro. Er erkannte sofort, was ihre Faszination ausmachte: die Kombination aus ungezügeltem Temperament und Laszivität.

Noch bevor Carolina Otéro amerikanischen Boden betrat, hatte Jurgens, ein Meister der Öffentlichkeitsarbeit, alle ihm zur Verfügung stehenden Ressourcen ausgeschöpft, um die Otéro als eine der hochrangigsten Attraktionen des internationalen Varietés anzukündigen. Derart »gebrieft«, berichteten Journalisten bereits im Vorfeld begeistert von ihr, und es waren sogar Gerüchte über eine mögliche adlige Abstammung der Otéro im Umlauf. Ihre Ankunft in New York war einfach perfekt inszeniert. Von diesem Moment an nahm ihre tänzerische Karriere einen rasanten Verlauf.

Die Otéro: Ein Statussymbol

Die berühmten Tänzerinnen und Künstlerinnen machten aber nicht nur auf der Bühne Karriere, sondern auch und vor allem im Negligé und unter Daunenfedern. Eine der begehrtesten Kurtisanen der Zeit zu werden war keine einfache Sache: Der Konkurrenzkampf wurde hart geführt, gab es doch zahlreiche hübsche Mädchen, die zu vielem und noch mehr bereit waren. Nach Ansicht nicht weniger Zeitgenossen benötigte man Skrupellosigkeit, Schönheit und eine gehörige Portion Glück. Aber das war noch nicht alles. Es brauchte auch vornehmlich Intelligenz und ein sicheres Gespür für alle Feinheiten des gesellschaftlichen Umgangs. Mit besagtem Gespür mußten sich besagte Damen die richtigen Liebhaber auswählen und sich deren Gunst eine Zeitlang erhalten. Diese Fähigkeit bestimmte den »Marktwert« einer Kurtisane.

Die Attraktivität und die wirtschaftliche Macht eines Mannes wiederum maß man am Ansehen der Halbweltdame an seiner Seite. Sie diente dem Mann nicht in erster Linie zum Vergnügen, sondern als Statussymbol. Die Zeit der Belle Époque war in Amerika auch die Glanzzeit der Mitglieder des »New Money«, jener derart genannten Neureichen. Gemeint waren Familien, die ihr Geld in der Industrie und im Bankwesen und nicht wie der alte Landadel durch Grundbesitz erworben hatten. Zu ihnen zählten Familien wie die Vanderbilts und die Morgans. Sie wurden vom alteingesessenen Adel zwar nur von oben herab angesehen, aber der Drang nach Höherem treibt den Menschen bekanntlich voran. Die Neureichen wollten dazugehören und akzeptiert werden. Dafür mussten sie sich einen Ruf erwerben.

Zum guten Ton gehörte es damals, seinen Reichtum zu zeigen. Man tat das ohne Gewissensbisse: beim Polo, beim Segeln – und auch bei den Frauen. Damit waren beileibe nicht die Ehefrauen gemeint. Seinen Reichtum ließ man in der Regel Sängerinnen und Grazien aus Künstlerkreisen zuteil werden. Vor allem wohl diesem Umstand verdankt die »Schöne Otéro« ihren beinahe einzigartigen Aufstieg, ihre Position in der Gesellschaft und ihren materiellen Wohlstand. Die Otéro beschrieb ihre Stellung – oder nennen wir es Funktion – in diesem Spiel einmal sehr treffend: »Ganz einfach«, bemerkte sie in ihren Memoiren, »wird ein Herr mit mir zusammen gesehen, stärkt das seinen guten Ruf, denn dann gilt er als extrem reich.« Denn eine Mätresse wie die Otéro musste man sich leisten können. Sie war nicht irgendeine Frau; sie hatte ihren Preis, und der war nicht gering. Die Gunst der Otéro konnte man nur erlangen, wenn man in der Lage war, diesen Preis zu zahlen.

Don Pepin

Nicht nur um die Gunst der Otéro war es einigen bestellt. Manchmal erhielt sie auch Angebote anderer Art. José Rodríguez Fernández beispielsweise, genannt »Pepin«, vermögender Zigarrenhersteller aus Havanna, der »Vater« der legendären Marke ›Romeo y Julieta‹, überquerte extra den Atlantik, um sie um die Erlaubnis zu bitten, eine seiner Marken nach ihr benennen zu dürfen. Auch ihm teilte die Otéro unumwunden mit, dass alles im Leben seinen Preis habe. Pepin gehörte zu den zahlungsfähigen Männern: Eine eigens kreierte Zigarrenmarke nannte sich fortan ›Flor de Otéro‹.

Verlockung der Selbstmörder

Eindeutig nicht in der Lage, den Preis zu zahlen, waren diejenigen, die Carolina Otéro den Titel »Verlockung der Selbstmörder« einbrachten. Ernest Jurgens, ihr erster Agent, wollte mehr sein als nur ihr Agent und machte den Fehler, sich in sie zu verlieben. Da er ihr gegenüber nicht die allgemein übliche Forderung stellte, ihn prozentual an ihrem Erfolg zu beteiligen, wohl aus Angst, er könnte sie verlieren, veruntreute er statt dessen Geschäftsgelder, um davon kostspielige Geschenke für sie zu erwerben, und schließlich verließ er seine Familie, verschuldete sich bis über beide Ohren, wurde gar per Haftbefehl wegen Unterschlagung gesucht und mußte die Vereinigten Staaten verlassen. Die genannten Begleiterscheinungen passten Carolina Otéro nicht; sie entzog ihm ihre Zuneigung. Außerdem hatte zu diesem Zeitpunkt der Mohr seine Schuldigkeit bereits getan. Um Jurgens loszuwerden, machte die Otéro ihm eine Szene und beschuldigte ihn, sie mit einer anderen betrogen zu haben. Der Unglückliche drehte daraufhin in einem heruntergekommenen Pensionszimmer, seiner letzten Bleibe, den Gashahn auf.

Ein anderer Verehrer bot ihr 10.000 Franc, um eine Nacht mit ihr verbringen zu dürfen. Er erhielt die Antwort, die Señorita nehme keine Almosen. Der verschmähte Verehrer setzte daraufhin seinem Leben ein Ende. Und ein französischer Aristokrat erschoß sich in der Toilette des Spielcasinos von Monte Carlo. In seinen Taschen fand man die Nachricht, dass er sich umbringe, weil es nichts mehr gebe, was er ihr zu bieten habe. Schließlich sprang ein Italiener, den die Schöne offenbar nicht einmal kannte, aus seinem Zimmer im vierten Stock eines Hotels. In seiner Hosentasche fand man die Mitteilung, dass er nicht den Wunsch habe, länger zu leben, wenn sie nicht den Wunsch hege, ihn zu sehen. Diese Aufzählung mag genügen. Auf jeden Fall gab es noch weitere Verehrer der Otéro, die den Freitod wählten, glaubten sie doch allesamt, ohne ihre Zuneigung nicht länger leben zu können.

Der Weg ins königliche Bett

Welche Faszination übte die Otéro aber auf ihre gekrönten Liebhaber aus? Wie schaffte sie es, Maitresse einer ganzen Reihe königlicher Häupter zu werden?

Einerseits hatte Carolina Otéro Kontakte in gesellschaftliche Kreise, die ihr den Weg bis hin zu den Mächtigsten dieser Welt bereiteten. Die meisten ihrer königlichen Bettgenossen lernte sie kennen, weil sie ihnen von anderen angesehenen Bewunderern vorgestellt wurde. Noch dazu pflegten die Oberhäupter der blaublütigen Häuser zur damaligen Zeit offenbar recht unkomplizierten privaten Umgang miteinander. So erzählt man sich, dass zum 30. Geburtstag der Otéro im ›Maxim’s de Paris‹ alle ihre sechs königlichen Liebhaber unter den Gästen waren.

Andererseits liegt eines auf der Hand: Auch Könige amüsieren sich gerne. Das hat seine Ursachen in den besonderen Umständen dieser außergewöhnlichen Zeit. Denn sie muss eine schöne Zeit gewesen sein, die Belle Époque. Eine Zeit, in der man den Müßiggang pries und gleichzeitig immer auf der Suche nach Attraktionen und Zerstreuungen war. Man wollte sich amüsieren und ausgelassen sein. Die Belle Époque, die Jahre um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert, war eine zwar kurze, aber durch einen besonderen Geist geprägte Ära, modelliert von Usancen, die vielen heutigen Zeitgenossen schwer zugänglich sind.

Krieg und Entbehrung sowie daraus resultierendes Elend und Leid hatten die Menschen über viele Jahrzehnte geprägt. Nach Beendigung des Deutsch-Französischen Krieges von 1870/71 kam erstmals wieder eine Phase, in der das Leben eine relativ stabile materielle Sicherheit zu besitzen schien. Kunst und Kultur erblühten, besonders in der Zeit von 1890 bis 1914, dem Jahr, in dem der Erste Weltkrieg ausbrach. In wohl keiner anderen Zeit haben in Europa, bezogen auf die Bevölkerungszahl, mehr bedeutende Künstler und Wissenschaftler gleichzeitig gelebt und Großes vollbracht. Dies verspürte man besonders in den europäischen Metropolen, auf den Boulevards, in den Cafés, den Ateliers und Galerien, den Cabarets und Varietés. Ein faszinierendes Flimmern lag in der Luft.

Carolina Otéro

Paris spielte damals eine besondere Rolle. Die Weltausstellung von 1889 war vorbei, der ›Eiffelturm‹ als ihr sichtbarstes Zeichen symbolisierte ungehemmten Fortschritt. Die Kapitale an der Seine war die Stadt mit den ersten Automobilen, erfuhr auch als erste den Segen der Elektrizität, aber Paris war auch eine Stadt voller Optimismus und extravaganter Vergnügungslokale, in denen Arme und Reiche ganz selbstverständlich aufeinandertrafen. Ein solcher Ort war im Paris der Jahrhundertwende das ›Bal Tabarin‹, in dem die Otéro auftrat, eine damals noch unbekannte Künstlerspelunke, die aber im Laufe der Jahre zu großer Berühmtheit gelangen sollte. Obwohl die Otéro zu dieser Zeit schon internationales Ansehen genoss, galt es als schick, auch in derartigen Etablissements präsent zu sein. In dieser Absteige traf sich allerhand Volk, aber wie es zu dieser Zeit sehr beliebt war, mischten sich auch angesehene Persönlichkeiten unter die Besucher. Unter ihnen war beispielsweise Albert von Monaco, Carolinas erster gekrönter Liebhaber. Er öffnete ihr das Tor zur könig­lichen Welt.

Das Spiel: Der Otéro einzige und wahre Leidenschaft

Ihren Liebhabern gegenüber galt Carolina Otéro immer als kalt, berechnend und un­erbittlich. Sie spielte mit den Männern ganz nach Belieben: Die Schöne erteilte ihnen ihre Gunst und entzog sie ihnen auch wieder. Sie äußerte einmal, dass sie bei Männern nie Leidenschaft empfunden hätte. Ihre legendär gewordenen Wutausbrüche aufgrund ihrer unbeherrschbaren Eifersucht waren wohl einfach nur gut gespielt. Wie sie selbst zugab, erwarteten alle wegen ihrer andalusischen Abstammung ein überschäumen­des Temperament. Sie aber setzte diese Wutausbrüche sehr geschickt und vor allem gezielt ein  – nicht selten, um einen Liebhaber abzuservieren.

Ihre einzige und wahre Leidenschaft galt dem Glücksspiel. Sie bevorzugte das Roulette, mochte aber auch Baccara. Carolina Otéro sagte einmal, es gebe für sie nur zwei Vergnügen auf dieser Welt: zu gewinnen und zu verlieren. Und das tat sie. An den Spieltischen der großen Casinos der Cote d’Azur verlor sie innerhalb weniger Jahre ihren gesamten Besitz.

Im Jahre 1914 zog sie sich offiziell von der Bühne zurück. Damals besaß sie noch einen Rest ihres Vermögens, der es ihr gestattete, in einer eigenen Villa mit Hausangestellten zu residieren. Aber auch diesen letzten Besitz verspielte sie, im verzweifelten Versuch, das Glück ein weiteres Mal herauszufordern.

Letztendlich zog sie sich in ein, euphemistisch formuliert, bescheidenes Zimmer im ›Hotel Novelty‹ auf der Rue d’Angleterre in Nizza zurück. In diesem winzigen und ärmlich eingerichteten Raum lebte die Otéro bis zu ihrem Tod im Jahre 1965. Doch ihr Stolz verließ sie all die Jahre nicht – bis zuletzt wahrte sie den Schein und versuchte, ihre Armut zu verbergen.

Ihr letzter großer Auftritt

Carolina Otéro war die Bedeutung einer guten Inszenierung immer bewußt. Bereits viele Jahre vor ihrem Tod kaufte sie eine Grabstelle in exponierter sonniger Lage auf dem Ostfriedhof von Nizza mit wundervollem Blick über das gesamte Tal. Sie wählte eine Marmorplatte aus, ebenso das Make-up, das die Totengräber für ihr Gesicht verwenden sollten. Bis ins kleinste Detail bereitete sie ihr Begräbnis vor. Dafür gab sie auch den letzten Rest ihres einstmals so großen Vermögens aus: 250.000 Francs soll das Begräbnis gekostet haben. 

Ihr letzter großer Auftritt muss ihr sehr wichtig gewesen sein. Der Abgang einer Grande Dame …

 

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