Chan Chan – Wenn einer eine Reise tut

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»Du, ich geh weg aus der Stadt.« Hört man nicht mehr so oft, immer seltener, kommt es mir vor. Aber wenn, gibt es mir immer einen kleinen Stich. Wahrscheinlich, weil ich irgendwie nie auf die Idee gekommen bin, wegzuziehen. Hab es nach vielen Jahren auf Tour dann doch einfach vergessen. Ich wollte vor dem Milleniumswechsel ein Jahr in Berlin verbringen. Hatte auf den Schlag Job und Wohnung und das hatte Berlin damals aus meiner Sichtweise nicht nur der Zweitoption voraus.

Lange Nächte und schöne Frauen, interessante Menschen und dieser Sommer nach diesem Winter. Katharsis pur. Die Zweitoption wäre damals Hamburg gewesen. Um den Rathausmarkt zu sauber und auf dem Kiez zu schmutzig? Man sagt, man solle in New York gelebt haben aber wieder gehen, bevor die Stadt einen zu hart gemacht hat, und in San Franzisco ebenfalls, aber gehen bevor … zu weich… und so.

Wäre Hamburg beides für mich gewesen? Wer weiß das schon, allerdings bin ich sicher, ich wäre wieder weggezogen. Berlin hat mich behalten, bis heute, bis ich einmal endgültig ans Meer ziehe. Wenn heute jemand zu mir kommt und sagt »Du, ich geh weg aus der Stadt«, freue ich mich, weil da auf einmal Bewegung ist. Ich spüre gerne die innere Aufregung der Leute, die im Aufbruch sind. Also freue ich mich weit über die Bedenken, wo meine eigene Rastlosigkeit geblieben ist, hinaus und über das Quantum weißen Neids hinweg. Und spreche meistens sofort eine Essenseinladung aus.

Die junge Dame würde Berlin vor den Feiertagen verlassen und im Süden Weihnachten schneefrei verbringen, also gab es eine Pre-X-Mas-Gans mit Rotkohl und Klößen. Die Kinder spielten nebenan und der Rotwein war lange vor der Tischzeit geöffnet. Fernwehmusik oder Abschiedsballaden wollte ich niemandem antun, also entschied ich mich für den guten alten Buena Vista Social Club.

 

De Alto Cedro voy para Marcané
Llego a Cueto voy para Mayarí

Von Alto Cedro gehe ich nach Marcané, ich komme in Cueto an und gehe nach Mayarí

 

Ich habe Ibrahim Ferrer und Cumpay Segundo noch live sehen dürfen und Ry Cooder vergöttere ich seit Paris, Texas. Aber warum musste Wim Wenders nur diesen Film drehen? Der Soundtrack und das Gesamtwerk der alten Herren verkam über die Jahre zur Fahrstuhl- und Warteschleifenmusik. Und doch kann man sich der Magie nicht lange entziehen. Lange nicht gehört und im Gänsedampf in der Küche, mit einem Glas Bordeaux in der Hand, kommt der alte Zauber wieder auf.

Das ist Kuba, singen und musizieren, um eine kleine Geschichte zu erzählen oder einfach um zu singen und zu musizieren.

In kubanischen Liedern ist es wichtig, dass Menschen von einem Ort zum anderen gehen und dann weiterziehen, denn darüber lohnt es sich zu singen. Und es ist die Ouvertüre für die Informationen aus dem Ort, von dem man kommt. Denn, wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen. Als ich das erste Mal auf Kuba war, gab es keinen Bordeauxwein, nur Spanische Massenware, die schmeckbar zu lange im Container im Hafen bei 35 Grad gelagert war. Wir haben uns damals immer für Cuba Libre mit imperialistischer Cola entschieden, kein Mensch braucht teuren Rotwein auf Kuba.

El cariño que te tengo no te lo puedo negar
Se me sale la babita yo no lo puedo evitar

Die Zuneigung, die ich zu Dir verspüre kann ich nicht abstreiten,
mir läuft das Wasser im Munde zusammen, ich kann es nicht vermeiden 

 

Wir haben uns lange nicht gesehen, sind vor Zeiten ineinander gestolpert, inzwischen ist viel passiert. Wirkliche Zuneigung vergeht nicht, manchmal muss man Dinge sortieren. Sie hat einen Film gedreht, Musik gemacht, mehrere Jobs verschlissen, ein paar Chefs beleidigt und nie ihre Vision verloren. Und so viele Menschen kennengelernt in dieser Stadt, das mir schwindlig wird, wenn sie davon spricht. Ich habe auch einiges erlebt, aber ich bin der Arrivierte, von mir werden keine aufregenden Geschichten erwartet, also genieße ich die jugendliche Euphorie und Empörtheit und das Mitteilungsbedürfnis. Die Gans ist nicht so butterweich wie erhofft, aber die Knödel der Kids sind wunderbar, Blaukraut und Soße sind Ehrensache und hier in Berlin schweißt der wunderbare Rotwein alles, alles zusammen. Der Buena Vista Social Club wird lauter, die Kinder haben sich den Regler geschnappt.

Cuando Juanita y Chan Chan en el mar cernían arena
Como sacudía el ‘jibe’ a Chan Chan le daba pena

Als Juanica und Chan Chan am Meer Sand siebten
wie sie mit dem Hintern tanzte, tat es Chan Chan in der Seele weh

 

Wer mich kennt, weiß, ich kann zwischen drei und fünf Buccaneros – übersetzt zwei bis drei Glas Haut-Medoc Wein – ganz passabel Salsa tanzen und, weil die Kinder es uns vormachen oder leicht machen, dreht sich bald das Wohnzimmer. Unsinn! Ich kann gar nicht Salsa tanzen, ich denke, meine Hüfte bricht und mein laut lachender Gast bringt nach jedem Schritt noch schnell ihren Fuß in Sicherheit, bevor ich draufsteige. So wackeln keine Hintern und vor lauter Lachen kann die Seele gar nicht schmerzen.

Ich hab die Kids gesehen auf Kuba und in Venezuela, in Kolumbien und am Strand in Panama, ihnen hingen die Windeln in den Knien und die Mundwinkel waren kurz hinter den Ohren – nur weil ein verschlissenes Radio zwischen den Reden eines Populisten durchgehend Salsa, Son und Merengue dudelte.

Bürgersteige, die Bühnen des wahren Volkes. Wir genießen den Abend bis weit nach Mitternacht, dann rufe ich das Taxi und die Jugendlichkeit verschwindet winkend im diesigen Licht des Berliner Dezembers.

Wer weiß, wer in einem Paralleluniversum in Hamburg für mich gekocht und mit mir getanzt hätte, wäre ich damals nach Hamburg und wieder weggezogen, mit den Worten »Du, ich geh weg aus der Stadt.«

 

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