Charles Bukowski, 1920 – 1994:

Der Mut zum Unfassbaren

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… mich, besoffen in meiner Unterwäsche aus dem Fenster schauend, am liebsten …

1974 erschien sein erster Roman auf Deutsch: »Der Mann mit der Ledertasche«. Fast eine Autobiografie der frühen Jahre. Charles hatte drei Jahre als Angestellter der US Post gearbeitet; er wusste, wovon er sprach. Sein Alter Ego, der Briefsortierer und Briefträger Chinaski, teilt aus. Und nicht zu knapp. Der Alkoholismus als Lebensform, das Saufen als Tour zur philosophischen Erkenntnis. Die tragischkomischen Schilderungen von bescheuerten Hausfrauen und fast gleich bescheuerten Fickpartnerinnen, vom Achselschweiss der Vorgesetzten bis zum Briefträgertrauma Hund lesen sich unerträglich leicht. Man versteht ihn, den rotzigen Süffel, der laut verkündet, ich bin auch ein Mensch.

»Ich mag Hunde lieber als Menschen. Und Katzen lieber als Hunde. Und mich, besoffen in meiner Unterwäsche aus dem Fenster schauend, am liebsten von allen.«

Das muss auch mal gesagt sein – oder nicht? Das ist die Frage. Dem Schöngeist ist der picklige deutsch-polnische Amerikaner mit seinen ungewaschenen Frechheiten kein Beispiel.

Huhu, den Mut hätte ich gerne gehabt …

War er es für mich, damals 19jährig und lebenshungrig, aus wohlbehüteten Verhältnissen, meist sauber gewaschen und gekämmt? Doch wohl schon auch, wenn’s einem auch etwas gegruselt hat.

Immerhin hat man schon die Erfahrung gemacht, dass leere Flaschen im WG-Zimmer anfangen, diesen charakteristischen Pennergeruch zu verbreiten, der Bukowskis Werk wie eine Aura olfaktorisch umwabern. Trotzdem:

»Feminismus existiert nur, um hässliche Frauen in die Gesellschaft zu integrieren.«

Huhu, den Mut hätte ich gerne gehabt, um die emanzipierten Freundinnen meiner Jugend, denen schon der Akt des »in den Mantel helfen zu wollen« als chauvinistischer Übergriff galt, damit zu schockieren. Hatte ich nicht und deshalb bewunderte ich den Schreiber dieser Zeilen, dem offenbar nichts heilig war.

Obwohl Charles Bukowski es mit den Frauen auch nicht einfach hatte. Da gibt es diese Geschichte wo er mit einer Freundin zum Feiern Delikatessen einkauft, unter anderem (Wiskey, Bier, Wein) auch Schnecken. Da hat’s der Frau nicht gefallen, das Schneckenzeug, und um ihre Abscheu zu begründen, hat sie die kleinen Arschlöchlein, welche Schnecken wohl zu haben scheinen, erwähnt. Damit ist sie an den Falschen geraten. Das Stichwort ist gegeben und der grosse Bogen zum Arschloch der Begleiterin, die wohl auch selbst ein solches habe, und den kleinen Arschlöchern der unschuldigen Schnecken wird gespannt. Aus dem abendlichen Fick ist dann nichts geworden. So hat er halt geschrieben:

»Da man aber nicht immer nur schreiben kann, gab es große Lücken zu füllen. Ich füllte sie mit Scotch, Bier, Ale und Frauen. Mit den Frauen hatte ich meistens Pech und die Folge war, dass ich mich stark aufs Trinken konzentrierte.«

… herzliches Beileid …

Underground war in den 70er und 80er Jahren des letzten Jahrhunderts ein gern gebrauchtes Wort. Avantgarde auch. Bukowski wurde dem Underground zugeordnet, Avantgarde hatte den Anspruch einer künstlerisch-radikalen Ausdrucksweise. Bukowski war Avantgarde, alleine durch seine Radikalität. Doch den blutleeren Avantgardisten setzte er seine eigenen, gelebten, unverfälschten und anarchischen Sauf- und Fickorgien entgegen, während Andy Warhol sich zwangshaft die Hände nach jedem Händedruck schrubben musste. Bukowski machte keine Zugeständnisse:

»Übrigens, das ist so eine Sache, die ich immer machen wollte, außer Boxer werden: in Bestattungsunternehmen rumlungern. Ich wollte einer von diesen Typen sein, die die Tür aufmachen und sagen: Herzliches Beileid.«

Na dann: Grüss Gott, Herr Bukowski.

Eigentlich, so richtig im Herzen, war er ein netter Kerl. Sein einziges Kind, seine Tochter Marina Louise, gibt ihm gute Noten als Vater. Liebevoll sei er gewesen. Zärtlich. Und irgendwie voller Hoffnung.

 

Auferstehen

wie Lazarus

und staunend

feststellen

dass noch

Weiber leben

und sich dann besaufen

besaufen

bis alles wieder

so traurig

in Scherben fällt. 

 

Empathie für das Unfassbare. Er beschreibt einen Mann, der einem Mädchen, einem Kind, auf der Schaukel zusieht und langsam schliddert dessen Phantasie in eine pädophile Vergewaltigung. Oh nein, Charles! Das darf man noch nicht mal schreiben!

Hat er aber gemacht. Schweinehund!

Das literarische Undergroundgenie wird berühmt, älter, weiser. Er wird gelesen, gefeiert, reist in der alten und neuen Welt herum, liest, wird zur Kultfigur. In 1976 lernt er Linda Lee Beighle kennen, sie betrieb damals ein Restaurant mit »Healthy food«. Charles beim Rote Beete Salat mit Sonnenblumenkernen? Er widmet ihr die Novelle. »Woman«. 1985 heiraten die beiden. Ab dann sind ihnen noch fast 10 Jahre vergönnt, bis Charles Bukowki, RIP, mit 74 Jahren an Leukämie verstirbt.

40 Bücher. Gedichte, Romane, Briefe. Es lohnt sich wieder mal reinzuschauen.

Bourbon dazu. Vielleicht ein Bulleit, dessen scharfer, starker Roggengeschmack beim ersten Schluck die reine, warme Bourbonseele versteckt. Ab Schluck drei umso besser.

»Das Leben ist eine Illusion, hervorgerufen durch Alkoholmangel.«

 

Charles Bukowski: Der Mann mit der Ledertasche Der Mann mit der Ledertasche

Charles Bukowski

Verlag: Büchergilde Gutenberg, 2011

Sprache: Deutsch

ISBN-10: 3763264809

 

 

Charles Bukowski: Das weingetränkte Notizbuch: Stories und Essays 1944-1990Das weingetränkte Notizbuch: Stories und Essays 1944-1990

Charles Bukowski

Verlag: FISCHER Taschenbuch, 2012

Sprache: Deutsch

ISBN-10: 3596950007

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