CHE

Die Hauptrolle des Ernesto Guevara

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Hey, Che! Du kennst den auch, Che. Du hast ihn bestimmt schon mal auf dem Foto vom alten Korda gesehen. Genau, der Erzengel mit der Baskenmütze und dem Stern, der mit erhobenem Kopf auf den Horizont guckt.

Der abgefahrene Yankee Andy Warhol hat das Bild mit Säurefarben beschmiert. War ‘ne komische Zeit. Wir waren alle etwas daneben. Ist ja klar, Che. Und Guevara, el Medico, der chice Argentinier, der immer »che« (»ja«) sagte und dann eben »Che«genannt wurde, war auch ein bisschen durchgeknallt.

10 Jahre ließ er die Revolutionspuppen auf Kuba tanzen. »Victoria siempre!« Ließ Kugel für Kugel vorbeischrammen. Immer eine Zigarre zwischen den Zähnen, angezündet mit einem Holzscheit, und immer nach Luft schnappend. Der Dschungel ist schließlich ein toller Kurort für einen Asthmatiker.

Na, und jetzt? Sind wir alle Kommunisten. Ist doch klar, Che. Okay, wahrscheinlich gibt es doch einen Heiligen auf dieser Insel. Kannst du fragen, wen du willst. Jeder wird dir was von Santo Ernesto erzählen. Kapiert, Che?

Das ist unser Comandante.

Che

Die zwei Guevaras

Der Unterschied zwischen dem Menschen namens Ernesto Guevara und dem als Comandante Che bekannten Menschen ist größer als der Altersunterschied. Ersterer ist ein Argentinier aus der Stadt Fe, 1928 geboren, Sohn gebildeter Eltern aus einer kleinbürgerlichen Familie, Arzt mit einem Universitätsdiplom, Sportler, Reisender, Träumer, mit einem Wort: ein Mensch aus Fleisch und Blut.

Der zweite ist ein lateinamerikanischer Messias, ein Ritter ohne Furcht und Tadel, staatenlos, leidenschaftslos, wenn man die eine lodernde Leidenschaft nicht mitzählt (die für die Weltrevolution natürlich), irrsinnig gutaussehend, ein Übermensch.

Kurz gesagt eine mythologische Figur, über die sogar der scharfsinnige Philosoph Jean-Paul Sartre sagte: »… der vollkommenste Mensch unserer Epoche«, ohne zu bemerken, dass der Mensch ersetzt wurde durch ein Propagandasystem.

Ernesto Guevara spielte Che wie eine Filmrolle. Von den Rollen, die Menschen spielen, liebte er für sich am meisten die des tragischen Helden. Das ist keine Seltenheit: Immer und überall trifft man auf Menschen, die etwas suchen, worin sie aufgehen können – in der Menschheit, in der Liebe, in der Kunst, im Glauben, in der Wissenschaft …

Der Held

Ernesto Guevara jedoch spielte seinen Helden ausgesprochen gut: aufrichtig und konsequent, fanatisch und temperamentvoll. Er hatte sich die Rolle ausgesucht, weil er sich dazu berufen fühlte, und nicht, um sich einen Vorteil zu verschaffen, wie das zahlreiche »Tragiker« vor ihm exerziert haben.

Und in dieser seiner Rolle, an der er sein Leben lang gearbeitete hatte, starb er »auf offener Bühne«. Darüber staunte endlich die Welt, die sich nach einem echten Heiligen sehnte, war entzückt und bezaubert – und erstarrte und brach in Bewunderungen aus und verewigte ihn auf Stickern und T-Shirts.

Die hysterischen 60er Jahre: Studentendemonstrationen, flammende Reden über die universale Liebe, selbstzerstörerisches Pathos und schnelle Erhebung in den »Kultstatus«. Che wurde zum Pop-Idol. Sehr zum Leidwesen der linken Extremisten, die vom Exklusivrecht auf den heroischen Comandante träumten.

Pop-Idole haben immer besondere Merkmale. Che Guevara war hierin keine Ausnahme. Ein romantisches Barett auf langen Locken, stets in Khaki und zwei Zigarren: Eine raucht er, die zweite, die Reserve-Zigarre, guckt aus der Brusttasche. Es ist unmöglich, anhand dieser Merkmale Ernestito nicht zu erkennen.

Die Rippen von Rosinante

Einst badeten die fortschrittlichen Eltern von Ernestito ihren Säugling in einem sehr kalten Fluss. Die Folge davon war eine Lungenentzündung, die zu chronischem Asthma führte.

Asthma in den Tropen ist eine wahre Zumutung. Selbst in die Schule konnte Ernestito wegen der ständigen Anfälle nicht gehen. Er wuchs als Einsiedler auf, der die künstliche Luft der häuslichen Bibliothek atmete, deren tausendbändige Möglichkeiten nutzte und seit seinem vierten Lebensjahr ein Buch nach dem anderen verschlang.

Dies ging so lange, bis seine Eltern entschieden, dass es schlimmer nicht werden könne. Er wurde freigelassen wie ein Vogel aus seinem Käfig. Sofort verbesserte sich sein Gesundheitszustand.

Freiheit und Abenteuerlust

Nach allem, was er über positive Helden gelesen hatte, fing er an, sich selbst zu einem solchen zu entwickeln. Zum Entsetzen von Mama und Papa begann er, alle möglichen Sportarten zu treiben. Zusammen mit Indianerkindern erkundete er die Wälder und Berge seiner Umgebung und entdeckte seine Abenteuerlust.

Mit elf, zum Beispiel, versteckten er und sein kleiner Bruder sich heimlich im Laderaum eines Lastwagens. Die Polizei brachte sie den vor Sorge fast wahnsinnigen Eltern erst nach einigen Tagen zurück, nachdem man sie 800 (!) Kilometer vom elterlichen Haus entfernt aufgestöbert hatte.

Natürlich ist es für einen Lateinamerikaner unmöglich, sich nicht für Politik zu interessieren. Ernesto war gerade 18 geworden, als im argentinischen Politikkarussell die Zeit des Diktators Peron begann. Dreimal wurde Ernestos Mutter wegen Beteiligung an Demonstrationen gegen Peron verhaftet.

Zusammen mit Gleichgesinnten baute sein Vater Hausbomben »zum Schutz vor der Polizei«. Der Sohn begnügte sich vorerst mit Äußerungen wie diesen: »Auf die Straße gehen, um mich von der Polizei niederknüppeln zu lassen? Ich beteilige mich nur, wenn mir jemand einen Revolver in die Hand drückt.«

»Wieder fühle ich mit meiner Ferse die Rippen von Rosinante, wieder mache ich mich, gekleidet in meine Rüstung, auf den Weg.« So schreibt der verlorene Sohn jedes Mal seinen Eltern, wenn er sich auf die Suche nach neuen Abenteuern begibt.

Der argentinische Don Quixote machte Werbung für Fahrräder, um eins davon für seine ausgedehnten Reisen zu bekommen. Als Medizinstudent bereiste er alle Leprastationen Südamerikas, bereit, sein Leben der Heilung von Leprakranken zu widmen.

Che Guevara

Er heuerte als Matrose auf einem Frachtschiff an, um nach Trinidad und Britisch-Guinea zu kommen. Als Preis für seine eigene Freilassung trainierte er im Gefängnis eine kolumbianische Fußballmannschaft.

Rare Briefe an die Eltern

Währenddessen erhielten seine Eltern Briefe folgenden Inhalts: »Alberto und ich befinden uns auf einem Floß entlang des Amazonas. Falls Ihr innerhalb eines Monats keine Nachricht von mir erhalten solltet, haben uns entweder Krokodile verschlungen, oder Xibaro-Indianer haben uns aufgefressen, unsere Köpfe getrocknet und an amerikanische Touristen verkauft. Sucht also unsere wilden Köpfe in den Souvenirläden von New York.« Der nächste Brief traf gewöhnlich nach zwei Monaten ein.

Im März 1953 beendete Ernesto die Universität und ging nach Venezuela. In der Leprastation von Caracas hatte man ihm eine Stelle als Arzt mit einem Monatslohn von 800 US-Dollar angeboten.

Doch in Caracas kam Ernesto nie an. Ein zufälliger Reisegefährte hatte ihm erzählt, dass die Luft in Guatemala nach Revolution rieche, da dort ein demokratischer Präsident, Jacobo Arbenz Guzmán, regiere.

So begannen seine Reisen durch die »Vereinigten Bananenstaaten«. Ernesto arbeitete als Arzt, führte Experimente an Katzen in einem kardiologischen Institut durch, photographierte Kinder in Parks, hausierte mit Büchern und machte interessante Bekanntschaften.

Ankunft in Mexico

Nach kurzer Zeit musste er Guatemala verlassen – der Krieg hatte begonnen, Amerikaner bombardierten, Arbenz musste seinen Posten aufgeben. Ernesto kam nach Mexiko, heiratete eine peruanische Marxistin, Hilda Gadea, und, was viel wichtiger war, er lernte die Brüder Castro und andere Exil-Kubaner kennen, die ihm von ihrem mutigen, aber bisher erfolglosen Kampf gegen den Diktator Batista erzählten.

1956. Es gab relativ viele Kubaner in Mexiko. Sie nannten Ernesto »Che«, aus Liebe zu dieser argentinischen Interjektion. Nachdem sie ihre Wunden geheilt hatten, begaben sie sich in ihre Heimat zurück, um dort Revolution zu machen.

Es versteht sich von selbst, dass sich der einstige Medizinstudent Ernesto Guevara ihnen begeistert anschloss. Nach Hause schrieb er, dass er in die Truppe Castros eingetreten und auf dem Weg sei, »Kubas grüne Eidechse« zu befreien, und vielleicht nicht zurückkehre. In den nächsten zwei Jahren erfuhren die Eltern lediglich aus der Zeitung etwas über ihren Sohn.

Patriotenspiele

Che Guevara mit Fidel Castro

»Fidel verblüffte mich. Er konnte vor einem scheinbar unlösbaren Problem stehen und fanddennoch stets eine Lösung.«

Es waren heldenmütige Kämpfer. Enthusiasten. Die Hälfte von ihnen hatte ihr Leben lang kein Gewehr in den Händen gehalten, und selbst die anderen hatten keine Ahnung vom Krieg. Che selbst hatte sich seinerzeit erfolgreich vor der Armee gedrückt: Bevor er zur medizinischen Kommission ging, hatte er ein kaltes Bad genommen und damit einen sehr heftigen Asthmaanfall ausgelöst. Man erklärte ihn für wehrdienstuntauglich.

Bevor man eine Revolution beginnt, ist es zunächst erforderlich, den Partisanen das Schießen beizubringen. Fidel Castro ernannte den ehemaligen Oberst der spanischen Armee, Alberto Bayo, zum Ausbilder für die allgemeine Vorbereitung. Einen charismatischeren Lehrer konnte sich Castro nicht wünschen. Zu seiner Biographie zählten der Krieg in Marokko, Dienst in der Fremdenlegion, der Bürgerkrieg in Spanien (während dem er zu den Partisanen übergelaufen war und gegen die Franco-Truppen gekämpft hatte), Emigration nach Lateinamerika, regelmäßige Teilnahme an den »Bananenrevolten«, literarische Erfahrungen und Versuche im Möbelgeschäft.

Das wichtigste aber war, dass aus seiner Feder das Lehrbuch 150 Fragen an den Partisanen stammte. Diese Fragen deckten das gesamte Spektrum der Untergrundkämpfe ab: Brückensprengung, Gefängnisflucht, Hinterhalte, Minen, Anfertigung von Bomben und Granaten (um nur einige Punkte zu nennen).

Der Oberst war bereit, den Kurs für die künftigen Befreier Kubas für 800.000 US-Dollar durchzuführen, doch dann war er so begeistert von der Arbeit, dass er sich mit der Hälfte des Geldes einverstanden erklärte. Am Ende verkaufte er seine Möbelfabrik und gab das Geld seinen Schülern, um dadurch das Unternehmen zu unterstützen und zum Erfolg zu führen. Die »nicht-öffentliche private Militärschule« wurde auf der für wenig Geld gekauften Ranch Santa Rosa eingerichtet, 35 Kilometer von Mexiko-City entfernt gelegen. Sie schossen, warfen Granaten, maskierten sich, lernten Karten lesen, zauberten explosive Gemische, machten ermüdende Märsche.

Vorzeigeschüler

Muss man noch erwähnen, dass der Perfektionist Che der beste Schüler Don Albertos war? Darüber hinaus verpflichtete er sich als Arzt, der Truppe Grundlagen der medizinischen Hilfe beizubringen, und stellte sich selbst als »Laborratte« für praktische Übungen zur Verfügung. Während dieses medizinischen Praktikums musste er mehr als 100 unnötige Injektionen seiner Kampfkameraden über sich ergehen lassen.

Die Vorbereitungen für den großen Marsch endeten jäh: Der Polizei kamen Gerüchte über eine Partisanenschule zu Ohren, praktisch nur zwei Schritte von der mexikanischen Hauptstadt entfernt. Die Hüter der Ordnung umstellten die Ranch und verhafteten die Freiheitskämpfer. Aber sie befanden sich schließlich in Mexiko. Das Geld von Oberst Bayo tat seine Wirkung. Die meisten der Guerilleros wurden keiner ernsthaften Vergehen beschuldigt. Es dauerte weniger als fünf Monate, und die bis an die Zähne bewaffnete Truppe der Revolutionäre, die auf frischer Tat bei der Vorbereitung eines Aufstands ertappt worden war, war wieder vollzählig in Freiheit.

›Granma‹

Die kleine Motorjacht (wobei die Bezeichnung Jacht mehr als wohlwollend ist), die Fidel Castro von einem Amerikaner erworben hatte, um seine Truppe nach Kuba zu befördern, hieß Granma, »Großmutter«. Das Schiff, das von einem Dieselmotor angetrieben wurde und das für maximal 25 Mann ausgelegt war, war schon in den Jahren und benötigte eine Grundsanierung. Aber es waren weder Zeit noch Geld, noch Arbeitskräfte hierfür da.

In einer dunklen Novembernacht begaben sich 82 frischgebackene Partisanen mitsamt Waffen und Munition an Bord des gebrechlichen Kahns. Den Großteil der Munition ließen sie am Strand zurück, entweder aus Zerstreutheit oder aus Platzmangel und hofften daher, irgendwo auf Kuba Patronen zu erbeuten. Und noch etwas fehlte: Che Guevara, der zum Expeditionsarzt ernannt worden war, hatte seine Asthma-Medizin zu Hause vergessen.

Sobald die Granma auf dem offenen Meer war, zog großer Sturm auf. Sie mussten sich wie Sardinen in einer Konservenbüchse fühlen. Das Schiff war voll bis unters Deck, und die Guerilleros saßen sich buchstäblich gegenseitig auf den Köpfen. Che erinnerte sich später: »Der Anblick war tragikomisch: Die Leute saßen mit traurigen Gesichtern, hielten sich die Bäuche, die einen den Kopf im Eimer, die anderen ausgestreckt in unnatürlichen Posen. Von 82 Leuten litten lediglich zwei oder drei Matrosen und ungefähr fünf Partisanen nicht unter der Seekrankheit.« Hinzu kam, dass Ches Asthma ausbrach.

Aber dies war nur der Beginn des Abenteuers. Bald leckte das Motorboot. Der alte Kahn füllte sich allmählich mit Wasser. Die Abwasserpumpe ging kaputt, der Motor fiel aus. Es sah so aus, als ob das kubanische Befreiungskommando noch vor dem eigentlichen Beginn kläglich scheitern würde. Sie fingen an, das Wasser mit Eimern, Bechern, Händen auszuschöpfen, schmissen Ballast von Bord, fast den gesamten Vorrat an Konserven.

Che, Granma (Boot)

Fieberhaft arbeiteten sie die ganze Nacht bis zum Morgen. Als sich die ersten Sonnenstrahlen zeigten, entdeckte jemand die Ursache für das Leck – ein offener Wasserhahn im Klo. Mit einem Kraftakt gelang es ihnen, den Motor wieder zum Laufen zu bringen.

Der erste Schiffbruch

Hatte jeder der glücklosen »Seefahrer« in den ersten drei Tagen noch eine halbe Büchse Kondensmilch zugeteilt bekommen, so schrumpfte die Ration am vierten Tag auf ein kleines Stück Wurst und genauso ein kleines Stück Käse; dann gab es nur noch verfaulte Apfelsinen. Schmerzhaft wurden die über Bord geworfenen Konserven vermißt.

Roberto Nuñes war der erfahrenste Seemann. Fidel Castro hatte ihn zum Steuermann des Schiffs ernannt. An einem der letzten Tage auf See kletterte Roberto auf das Dach des Steuerhauses, um zu gucken, ob das Land noch weit entfernt sei. Augenblicklich spülten ihn die Wellen ins Meer. Es dauerte einige Stunden, bis die Mannschaft ihren Steuermann wieder aus dem Wasser ziehen konnte.

Die ›Granma‹ kam ständig vom Kurs ab. Stufe 1 des Generalplans zur Befreiung Kubas war gescheitert. Die Landungstruppe Castros sollte sich den Aufständischen um Franco País in Santiago anschließen, doch sie kam zu spät. Nach einer Woche erst erreichte das leidgeprüfte Schiff die Küste von Kuba und fuhr auf eine Sandbank auf. Die Rebellen versuchten, die einzige Schaluppe ins Wasser zu lassen, doch die ging sofort unter. Bis zum Hals im Wasser mussten sie zu Fuss bis zum Festland waten. Dort wurden sie von den Kampfbooten und Flugzeugen der Batista-Armee ausgemacht und beschossen. Dies war keine Landung, sondern ein Schiffbruch.

À la guerre comme à la guerre

Es ging dann nicht mehr ganz so chaotisch weiter. Drei Tage nach dieser mißglückten Landung waren von 82 Rebellen nicht mehr als 20 noch am Leben. Die kommunistischen Theoretiker und intellektuellen Idealisten stampften mit ihren Fü.en aufs Geratewohl durch die roten, mit einem dichten Netz aus undurchdringlichen Mangowäldern zugewachsenen Sümpfe, und versuchten, das in der Luft flackernde durchsichtige Band aus Moskitos nicht zu beachten.

Das Kriegsspiel entsprach ganz und gar nicht dem, was sich Che darunter vorgestellt hatte. Atmen konnte man nicht, zu essen gab es nichts, nur gehen konnte man, aber wohin, war unklar. Die eher zufällig herangezogenen Bauernführer fürchteten sich vor den  Regierungstruppen, und jeder andere Führer erwies sich als Verräter. Darüber hinaus verstanden sich die Batista-Soldaten sehr gut aufs Schießen, hatten außerdem genügend Patronen. Hinzu kam, dass die Füße vieler Guerilleros geschwollen und voll blutiger Blasen waren. Che, als Arzt, machte Verbände, die niemandem nützten, da man schließlich in den kaputten Schuhen und feuchten Verbänden weiterkommen musste.


Che und Waffen

Che liebte Waffen. In den Bergen hatte er eine Waffenwerkstatt eingerichtet, in der die Guerilleros Gewehre reparierten und Patronen und Minen herstellten. Dort wurde die Panzerbüchse nach seinen Entwürfen hergestellt, die Fidel Castro »die Waffe der Guerilleros« nannte.

Che Guevara im KriegRegierungstruppen, und jeder andere Führer erwies sich als Verräter. Darüber hinaus verstanden sich die Batista-Soldaten sehr gut aufs Schießen, hatten außerdem genügend Patronen. Hinzu kam, dass die Füße vieler Guerilleros geschwollen und voll blutiger Blasen waren. Che, als Arzt, machte Verbände, die niemandem nützten, da man schließlich in den kaputten Schuhen und feuchten Verbänden weiterkommen musste.


Am dritten Tag machten die gelandeten Partisanen in einem Städtchen mit dem pastoralen Namen Alegria de Pio (Heilige Freude) Halt. Unweit davon wuchs Zuckerrohr, also etwas, um den Hunger zu stillen. Fast alle Aufständischen fielen, kaum dass sie auf der Erde saßen, augenblicks in tiefen Schlaf; die Müdigkeit hatte den Sieg über sie errungen. So konnten sie auch nicht die Flugzeuge am Himmel bemerken – bis zu dem Zeitpunkt, als Regierungssoldaten damit begannen, sie aus der Luft mit Maschinengewehrsalven zu befeuern.

Ches Identitätsproblem

Dann blieb nur eins: verzweifelt ins Zuckerrohrdickicht rennen, sich dort an die Erde drücken und auf ein Wunder hoffen. Selbst in solchen Situationen zeigte Che Reaktionen, die von der Norm abwichen. Ein Kämpfer, der neben ihm rannte, schmiss in Panik einen Kasten mit Patronen weg. Che schnappte sich den Kasten, doch der Soldat schlug hysterisch um sich, da er sein Ende nahe glaubte. Ernesto Guevara schleppte schon den Medikamentenkasten mit sich, und zwei Kästen konnte er nicht tragen. Er machte Halt und »befasste« sich mit seinem Identitätsproblem: »Wer bin ich? Arzt oder Soldat?« – »Soldat«, entschied er nach einigem Nachdenken, griff sich den Patronenkasten und rannte weiter.

In diesem sogenannten Kampf wurde Che schwer verwundet und wäre beinahe getötet worden. Die Patronen retteten ihm das Leben: Die Kugel traf auf den Kasten, den er an die Brust gedrückt hatte, prallte dort ab und ging in seinen Hals. Lediglich fünf Partisanen schafften es, zusammen mit Che aus dem Zuckerrohrdickicht herauszukommen; die anderen kamen entweder um oder verstreuten sich in der Umgebung.

Der Mann und die Zigarre

Bauern gewährten den geschlagenen und gequälten Partisanen Unterkunft. In einem Bergdorf nach seinem ersten ernsthaften Kampfgefecht rauchte Che die erste Zigarre seines Lebens. Er rauchte, weil die anderen rauchten, weil die erschöpften Nerven es einforderten, weil die Zigarren die penetranten Mücken vertrieben, weil Zigarren der einzige Luxus in ihrem semimenschlichen Dasein waren – und weil Zigarren nach außen hin etwas Symbolisches vermittelten: Sie machten sie zu Männern, die sich ihre Würde bewahrt hatten.

Außerdem wurden alle Puros von Kubanern gemacht. Che entdeckte noch eine weitere, eine unerklärliche, gleichwohl wichtige Eigenschaft der Zigarren: Tabakrauch half gegen Asthmaanfälle. Che war in einem jämmerlichen Zustand. Ein Anfall nach dem anderen kam über ihn, und alle Medikamente befanden sich in Mexiko; wenn die Anfälle extrem schlimm waren, halfen auch keine Zigarren mehr. Bei einem Gefecht konnte er sich nicht mehr bewegen und nicht weiterlaufen. Ein Bauer trug ihn aus dem Gefechtsfeuer und brachte ihn zu sich nach Hause. Nachdem Che einige Zeit im Bett verbracht hatte, machte er sich mit der Geschwindigkeit einer Schildkröte daran, seiner Truppe »hinterherzujagen«. Dennoch kam er irgendwie vorwärts, nahm Gewehrkolben und Baumäste zu Hilfe, auf die er sich abwechselnd stützte. Jedes Mal, wenn Che hustete, erschrak sein Begleiter aus Angst, die Batista-Soldaten könnten sie bemerken.

Che Guevara mit Zigarre

Allmählich kam er wieder zu Kräften, und Hilda bekam in Mexiko eine optimistisch klingende Depesche: »Ich schreibe Dir diese Zeilen im Dickicht kubanischer Dornen. Ich lebe und lechze nach Blut. Es sieht so aus, als ob ich wirklich ein Soldat geworden wäre. Zumindest bin ich verdreckt, zerlumpt. Die Waffe über der Schulter, die Zigarre im Mund, schreibe ich dir auf einem Feldteller. Zigarren sind meine neue verhängnisvolle Leidenschaft.«

Von da an umgab der Geruch kubanischer Zigarren Che wie eine zweite Haut. Che und die Zigarre waren untrennbar miteinander verbunden. In jedem Partisanenlager legte er eine kleine Tabakfabrik an, in der Zigarren für die ganze Truppe gerollt wurden. Und selbst auf der UN-Vollversammlung, auf der Ernesto Guevara de la Serna in seinem immergleichen khakifarbenen Guerilla-Anzug auftrat, konnten sich alle davon überzeugen, dass in Ches Brusttasche statt eines Taschentuchs eine Zigarre steckte.

Cuba libre

»Er war überzeugt davon, dass er eines Tages nach Kuba kommt, kämpft, siegt und für immer dort bleibt. Ich teile seinen Optimismus«

Am Ende der Kubanischen Revolution setzten sich die Aufständischen durch. Der argentinische Arzt wurde zum Nationalhelden eines fremden Landes. Als erster der »Landungstruppe«, die einst mit der Granma an Kubas Küste eher strandete als landete, wurde Che mit dem kleinen vergoldeten Stern eines Comandante ausgezeichnet.

Nach der Niederlage der Batista-Armee – die entscheidende militärische Auseinandersetzung fand in Santa Clara statt, einer Provinzhauptstadt im Zentrum der Insel – verließen die Regierungstruppen Havanna, worauf Ches Einheit von 139 Mann am 1. Januar 1959 als erste in Kubas Kapitale einmarschierte.

Che Guevara

Das einzige »Hindernis« auf seinem Weg von Santa Clara in die Hauptstadt stellten Tausende von Bauern dar, die sich zu Fuß und auf Mulis aufgemacht hatten, die Aufständischen zu begrüßen und Che zuzujubeln. Sie wollten es sich nicht nehmen lassen, auf diese Weise ihren persönlichen Dank kundzutun.

Che war nicht nur wegen seiner militärischen Verdienste berühmt. In den Bergen der Sierra Maestra, wo Che zwei Jahre als Partisan gekämpft hatte, hielten ihn die Bauern für einen Zauberer: hellhäutig, spricht einen komischen fremden Dialekt, bekommt auf einmal keine Luft und schnappt wie ein Fisch ohne Wasser, dazu ist er noch Arzt. Er lehrte die Bauern lesen, hörte ihnen aufmerksam zu, erklärte die Politik, machte Scherze und ließ es auch zu, dass über ihn gelacht wurde. Die Bergbewohner liebten ihn. Viele liebten ihn sogar so sehr, dass sie aus Achtung für Che selbst Partisanen wurden.

Während dieser ganzen Zeit schaffte er es immer wieder, durch sein Auftreten und sein Handeln aufzufallen. Sein Habitus entsprach keiner Norm, und seine Gedanken waren für viele ungewöhnlich, weil neu. So ist es nicht verwunderlich, dass sich binnen kürzester Zeit ein ganzes Dickicht von Anekdoten, Geschichten und Mythen um ihn rankte. Und genau diese Anekdoten, Geschichten und Mythen machten ihn populär…

Die Geschichte vom Zahnarzt Che 

Eines Tages tauchten Zahnarztinstrumente im Partisanenlager auf. Voller Enthusiasmus suchte Che jemanden, dem er einen Zahn ziehen konnte. Es fanden sich ein paar Waghalsige, die jedoch später ihre Kühnheit sehr bedauerten. Che spielte das erste Mal die Rolle eines Zahnarztes. Betäubungsmittel gab es selbstverständlich nicht.

Che Guevara als Zahnarzt
Che Guevara musste auch als Zahnarzt arbeiten. Da kein Novocain zur Betäubung vorhanden war, wandte er eine »psychologische Anästhesie« an. Fidel Castro assistierte ihm.

Die anekdotische Geschichte, wie Ches politische Karriere begann

Auf einer Sitzung der führenden Personen, die maßgeblich dazu beigetragen hatten, dem Batista-Regime ein Ende zu machen, fragte Fidel Castro in die Runde: »Gibt es einen Ökonomen unter uns?« Che Guevara, der solchen Zusammenkünften wenig abverlangen konnte, dazu noch mehr im Halbschlaf als wach, verstand Comunist, das spanische Wort für »Kommunist«, und nicht Economista, wie »Ökonom« auf spanisch heißt.

Außerdem dachte der »ewige« Guerillero immer an die Weltrevolution. Che hob die Hand – und wurde Präsident der Kubanischen Nationalbank (später auch Industrieminister). Aus Zerstreutheit.

Die wahren Geschichten über den Ökonomen Che

Che Guevara war ein vorbildlicher Kommunist, aber keinesfalls ein Ökonom. Seine ökonomischen Ideen waren Hirngespinste, aber geradezu kurios war es, dass er versuchte, sie auch zu verwirklichen. Er war der Auffassung, dass die Nationalbank Unternehmen, die darauf ausgerichtet waren, Profit zu erwirtschaften, keine Kredite gewähren sollte. Dass bei einer Kreditvergabe die Rentabilität keine Rolle spielen dürfe. Oder dass sich die Höhe des Arbeitslohns eines Menschen nicht an der Arbeit, sondern an seinen Bedürfnissen orientieren sollte. Dass man Löhne überhaupt abschaffen und statt dessen Naturalienwirtschaft einführen sollte, da »das kommunistische Bewusstsein die Entwicklung der Wirtschaft besser fördern würde als materielle Belohnung«.

Die bitterste Erkenntnis für den »Ökonomen« Che war aber die, dass selbst die sozialistischen Bruderländer keine »kostenlosen Kredite« gewährten, sondern – wahrlich unerhört – die Rückgabe des Geldes mit Zinsen (!) forderten.


Che Guevara zu Besuch in Moskau

Im Herbst 1960 kam Che Guevara als Leiter der ersten kubanischen Wirtschaftsdelegation nach Moskau. Doch er besichtigte nicht nur die Sehenswürdigkeitender Stadt (auf dem Photo ist Che im Schwimmbad Moskau zu sehen), nahm nicht nur als Ehrengast an der Parade auf dem Roten Platz teil, sondern löste seine Hauptaufgabe, nämlich einen Käufer für den kubanischen Zucker zu finden, nachdem die Vereinigten Staaten aufgehört hatten, diesen zu importieren. Trotz allem kam es zu keinen engeren Beziehungen zur sowjetischen Führung. Der 1964 an die Macht gekommene Breschnew verfolgte eine Politik der friedlichenKoexistenz und keineswegs die einer Verbreitung revolutionären Ideen. Nach Ches Tod diskutierte  das Zentralkomitee der KPdSU mehrere Tage den Text des Nekrologs.


Die Legende über den Bienenfleiss Ches

Ernesto Guevara de la Serna, der Minister für Industrie, verbrachte seine freien Tage gewöhnlich damit, Schiffe am Hafen zu entladen oder Zuckerrohr zu roden. Die Angestellten des ›Ministeriums für Industrie‹ gaben heimlich zu, daß Che meistens als letzter seinen Lohn abholte und deshalb häufig das Geld nicht mehr für ihn reichte.

Die Geschichte von Che als Autofahrer

Ein sowjetischer Journalist fuhr einmal mit Che Guevara durch Havanna. Che saß am Steuer des Wagens. Mitten im Zentrum der Hauptstadt knallten sie mit voller Geschwindigkeit auf ein vor ihnen fahrendes Auto. Augenblicklich versammelte sich eine kleine Menschenmenge, die schnell zur Fangemeinde von Che mutierte. Alle boten sofort ihre Hilfe an. Der Fahrer des beschädigten Autos wollte davon aber nichts wissen.

Er strahlte vielmehr vor Glück und schwor, die Beule für immer zu belassen – als Erinnerung daran, den Comandante persönlich getroffen zu haben.

Die Geschichte von Che als Pilot

Am nächsten Tag sollte der sowjetische Journalist von Havanna aus in die Provinz Oriente fliegen. Als er sah, dass Che Guevara am Steuerknüppel saß, wurde ihm schlecht. Che beruhigte den Journalisten: »Bis jetzt gibt es noch nicht allzu viele Flugzeuge auf Kuba, so dass die Wahrscheinlichkeit eines Zusammenstoßes minimal ist.« Zum Glück saß den ganzen Flug über ein aufmerksamer Pilot neben Che.

Die Geschichte von Che als Schachspieler

Oft kam Che in die sowjetische Botschaft, um Schach mit einem ebenbürtigen Partner zu spielen. Selbstverständlich gewann er gegen die diplomatischen Angestellten. Er war schrecklich stolz darauf, wenn er Vertreter einer Schachgroßmacht besiegte.

Die Legende von Ches Pünktlichkeit 

Als Teil der kubanischen Delegation stattete der Minister für Industrie Moskau einen offiziellen Besuch ab. Die Kubaner waren im Hotel Sowezkaja untergebracht. Am Abend vor den Verhandlungen teilte Che der Delegation mit: »Wir treffen uns morgen um 9.30 Uhr in der Hotelhalle.« Aber zur anberaumten Zeit war er der einzige am verabredeten Treffpunkt.

Nachdem er eine Minute gewartete hatte, setzte sich Che ins Auto und fuhr ins Handelsministerium. Dort war man überaus verwundert, als statt einer Gruppe kubanischer Genossen lediglich der Comandante kam und den Vorschlag machte, anzufangen. Verlegen und außer Atem trudelten bald – einer nach dem anderen – die übrigen Kubaner ein.

Die Geschichte von den drei Kommunisten

Der Apostel Petrus beschloß, den Gerüchten nachzugehen, nach denen Sünder ins »Gelobte Reich« eingedrungen waren, das heißt Kommunisten in die kubanische Regierung. Er rief Fidel Castro, Che Guevara und Raoul Castro zu sich und befahl ihnen, durch einen Sumpf zu gehen. Die Sünder würden ertrinken und die Gerechten übers Wasser gehen. Der Apostel Petrus entfernte sich.

Bei seiner Rückkehr wurde er gewahr, dass Che verschwunden war, Raoul bis zum Bart im Wasser stand und Fidel bis zu den Knien. Er traute seinen Augen nicht und fragte Fidel, der als der größte Kommunist galt, wie es ihm gelungen sei, am Leben zu bleiben. Er antwortete, dass er auf den Schultern von Che Guevara stehen würde.

Der Tod des Che Guevara

Che Guevara, Aufruf zur Revolution

»Die Revolution ist die erste reale Verkörperung der Improvisation … Das vollkommenste Beispiel für das Weltchaos«

Wenn ein Mensch zu einem Mythos stilisiert wird, dann setzt die Mythenbildung zumeist nach dem Tod des Menschen ein, besonders dann, wenn die genauen Umstände des Todes nie, zumindest jedoch für lange Zeit nicht rekonstruiert werden können. So auch bei Che Guevara.

Im März 1965 verschwand Ernesto Guevara de la Serna zur großen Verwunderung aller plötzlich und unerwartet mit unbekanntem Ziel aus Kuba. Seine Mutter versuchte, am Telephon etwas über ihn herauszubekommen, aber seine zweite Frau Aleida antwortete nur ratlos. »Er müßte irgendwo bei der Zuckerrohrernte sein…« Bald darauf wurde Ches offener Brief verlesen, in dem er sich von der Ehrenstaatsbürgerschaft Kubas lossagte und mitteilte, er sei ausgezogen, die Idee der Weltrevolution fortzuführen.

Wie sich die Ereignisse im folgenden gestalteten, wurde erst viel später bekannt. Zunächst wandte sich Che nach Afrika und verschwendete ein halbes Jahr darauf, die Revolution im Kongo zu vollenden. Doch die Kongolesen waren untaugliche Freiheitskämpfer: Sie hatten Angst vor Gewehren, sie unternahmen nicht einen Schritt, ohne sich vorher mit ihren Medizinmännern beraten zu haben, und verstanden überhaupt nicht, was diese Kubaner von ihnen wollten. Es dauertenicht lange, und sie verzichteten auf Che Guevaras Dienste. Che begab sich auf die Suche nach einem Land, in das er die Revolution tragen konnte, und startete auf eigene Faust eine Partisanenkampagne in Bolivien.

Gescheiterte Mission

Nachdem der Kopf der ›Kommunistischen Partei Boliviens‹, Mario Monche, entdeckt hatte, dass eine kubanische Partisaneneinheit vor seiner Nase einen Krieg vorbereitete, versuchte er, Che von diesem Vorhaben abzubringen. Er erklärte, dass  die bolivianische Armee sehrstark sei, dass die bolivianischen Bauern zufrieden mit der Agrarreform seien und die Partisanen nicht unterstützen würden, dass die bolivianischen Kommunisten keine Hilfe von außen wünschten, dass Präsident René Barrientes Ortuna Soldaten amerikanischer Spezialeinheiten ins Land rufen würde.

Doch auf alle Argumentationen antwortete Che, dass dies nicht wichtig sei, dass es nur darauf ankomme, »sich auf den Kampf einzulassen und das Land durchzurütteln«. Alles weitere würde dann wie geschmiert laufen. Er führte 44 Partisanen an. Bei dieser Zahl blieb es zunächst. Lediglich zwei bolivianische Bauern sollten sich später den Guerilleros anschließen.

Es lohnt sich kaum, auf die Einzelheiten der gescheiterten bolivianischen Mission einzugehen. Die Berge, die Sümpfe, der Hunger, die überlegenen Kräfte des Gegners… Am 8. Oktober 1967 zerschlugen zwei Ranger-Kompanien und eine Schwadron bolivianischer Soldaten in der Schlucht Quebrada del Churo nahe La Higuera, einer kleinen Ortschaft in den östlichen Anden, endgültig die Reste der Partisanentruppe, nahmen den leicht verwundeten Che Guevara gefangen und hielten ihn in einem leeren Klassenzimmer des Schulgebäudes von La Higuera fest.


Chef letztes Bild

Das letzte zu seinen Lebzeiten aufgenommene Photo von Che Guevara. Nach seinem Tod wurde sein Körper öffentlich ausgestellt, damit die Ortsansässigen sich von seinem Tod überzeugen konnten. Die Indianer glaubten, der tote Che würde Christus ähneln. Sie schnitten seine Locken für Amulette ab. Von seinem Gesicht wurde ein Wachsabdruck genommen. Der Körper des »ewigen« Revolutionärs wurde unter der Startbahn des Flughafens am Rande von Vallegrande verscharrt und das Grab dem Erdboden gleichgemacht. Erst 1997 wiederentdeckt, überführte man Ches Überreste nach Kuba und setze sie im hierfür eigens erstellten Mausoleum der Stadt Santa Clara bei.

Was weiter geschah und was nicht, läßt sich heute nur noch schwerlich nachweisen. Der Überlieferung zufolge teilte der amerikanische Botschafter in La Paz dem bolivianischen Präsidenten Barrientes mit, dass es die Vereinigten Staaten für unabdingbar hielten, den Comandante zu beseitigen. Zuvor jedoch wurde Che Guevara durch den CIA-Agenten und Exil-Kubaner Felix Rodríguez verhört.


Das Unausweichliche

Am 9. Oktober, also einen Tag nach der Festnahme, erschoß Mario Terán den Comandante Che Guevara. Der Feldwebel der bolivianischen Armee war als Freiwilliger bereit gewesen, dem »Wunsch« der Amerikaner die Tat folgen zu lassen. Er bekam es jedoch mit der Angst zu tun, und erst nach mehreren Stunden und unter starkem Alkoholeinfluss sah er sich imstande, die Exekution durchzuführen. Anschließend wurde die Leiche Che Guevaras auf dem Flugplatz im etwa 30 Kilometer entfernten Vallegrande heimlich begraben bzw. verscharrt.

Einer anderen Version zufolge soll Terán am ganzen Körper gezittert haben, als er auf Che schaute. Er brachte es einfach nicht über sich, abzudrücken. Che, der nach 10 Jahren Partisanenkampf Erschießungen gewohnt war, flößte ihm Mut ein: »Schieß, hab’ keine Angst, schieß!«

Terán trank ein Glas, um Mut zu fassen, und erschoß dann Che Guevara mit einer Maschinengewehrsalve. Danach wurde die Leiche öffentlich zur Schau gestellt. Etwas später schnitten Soldaten der Leiche die Hände ab, damit die CIA die Fingerabdrücke überprüfen konnte.

Alles weitere – die lange Suche nach Ches Grab, seine nachträgliche Beisetzung auf Kuba, die Marmordenkmäler und die überdimensionalen Plakate – haben nichts mehr mit der Gestalt des Comandante zu tun. Che Guevara mit der Zigarre, Che Guevara mit dem Barett auf dem Kopf und den wehenden Haaren, den festen Blick in die Ferne gerichtet – Che Guevara ist als Teil der Massenkultur vollkommen lostgelöst von dem Menschen, der er gewesen und der für seine Ideale ein Leben lang eingetreten ist.


© Dieser Beitrag erschien im Original im Cigar Clan 1-2006

 

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