Conquista und Reconquista:

Der Tabak und seine kolonialen Verflechtungen

3,992

Entdeckung und Eroberung: Der Tabak und seine kolonialen Verwandten und Verflechtungen

Tabak hat eine Geschichte. Tabak hat eine transatlantische Geschichte. Tabak hat eine koloniale Geschichte. Der Tabakkonsum der Europäer ist vergleichsweise jungen Datums. Er nahm seinen Anfang und Aufschwung erst mit der Entdeckung der Neuen Welt. Das Jahr 1492, als Christoph Kolumbus die Segel setze, um im Dienste des spanischen Königshauses über den Westen den Seeweg nach Indien zu erkunden, war ein weltgeschichtlicher, aber auch ein genussgeschichtlicher und kulinarischer Wendepunkt. Der Tabak, wie auch der Kaffee, der Kakao, das Zuckerrohr (der Zucker), die Kartoffel, der Paprika, die Tomate, der Mais oder die Baumwolle waren Zufallsfunde in der Neuen Welt. Sie waren Begleiterscheinungen des beginnenden Kolonialzeitalters.

Gesucht wurden ursprünglich edle Gewürze und edle Metalle, Gold und Silber, weniger neue Genuss-und Nahrungsmittel. Gold, vor allem aber Silber wurden tatsächlich gefunden und brachten das gesamte europäische Währungsgefüge ins Wanken. Die Entdeckung neuer Pflanzen und Nahrungsmittel revolutionierte aber am Ende doch auch die Speisekarte, den Genuss und den Geschmack der Europäer. Diese kulinarische und geschmackliche Revolution gründete auf einer veritablen politischen und sozialen Revolution, einem Umbruch der Verhältnisse, der sich seit Ende des 15. Jahrhunderts vollzog, im 16. Jahrhundert rasant an Fahrt aufnahm und unsere sich immer noch globalisierende Welt bis heute formt und bestimmt.

Der Tabak wurde zu einer neuen Droge, so dass Wein und Bier fortan Konkurrenz bekamen.

DIE EUROPÄISCHE ZEITENWENDE VON 1492

Die europäische Welt um die Zeitenwende von 1492, jene Zeit, in der der Tabak aus der Neuen in die Alte Welt kam, war eine Zeit des Übergangs und des Aufbruchs. Die Welt des Mittelalters und das Weltbild des Mittelalters lösten sich auf. Es standen große Änderungen bevor. Neue Kontinente wurden entdeckt. Gegen den Widerstand der noch vorherrschenden katholischen Kirche setzte sich ein heliozentrisches, naturwissenschaftlich korrektes Bild der Welt und des Kosmos durch. Ein Vierteljahrhundert nach Kolumbus’ gescheitertem, aber auf andere Weise dennoch erfolgreichem Versuch, den Seeweg nach Indien über den Westen zu erkunden, sollte die kirchlich-politische Welt Europas zudem auch noch durch die Reformation erschüttert werden.

Das Mittelalter ging damit unwiderruflich zu Ende. Die Ordnung der vergangenen siebenhundert bis tausend Jahre, die durch die Kirche, den Kaiser, eine überwiegend bäuerliche Wirtschaft und die Herrschaft des Adels über die abhängigen Bauern bestimmt war, löste sich auf. Das neue Zeitalter der Moderne begann. Der Aufbruch in neue Welten wurde zum Zeichen dieser Zeit: ein Aufbruch zu neuem Wissen, ein Aufbruch zu neuen politischen und konfessionellen Ordnungen und natürlich ein Aufbruch zu neuen Kontinenten, die – aus der Perspektive der Euro- päer – »entdeckt« wurden. Dieser Aufbruch führte zu vielschichtigen Umbrüchen, auch wenn es keine Revolution im eigentlichen und engeren Sinne war.

Conquista & Reconquista

Der »Entdecker« Kolumbus war eine Symbolgestalt für diesen Umbruch – genauso wie Nikolaus Kopernikus und Galileo Galilei, die die Welt mit ihren Neuerungen und Erkenntnissen gegen starke politische und kirchliche Widerstände revolutionierten. Die Kenntnis der neu entdeckten geografischen Welten, die als Neue Welt tituliert werden sollten, brachte in der Tat zahlreiche Neuerungen. Es war für das sich technisch und wissenschaftlich im Aufbruch befindliche Europa fast wie eine Zeitreise in die Vergangenheit. Man nahm die einheimischen Gesellschaften Amerikas, das so noch nicht hieß, als rückschrittlich oder gar primitiv wahr. Dieser Überlegenheitsduktus war dem Verhältnis zur »indianischen« Urbevölkerung von Beginn an eingeschrieben. Das Ungleichgewicht, das nicht zuletzt auch ein Machtungleichgewicht war, sollte die ursprünglichen Kulturen des neu entdeckten Kontinents radikal verändern und zu einem großen Teil auch vernichten.

Dabei war die Vernichtung gar nicht einmal immer beabsichtigt oder der vorrangige Zweck der Kolonialherren mit ihren überlegenen Waffen und ihrer fortschrittlichen Technik. Das eigentliche Ziel war ja die wirtschaftliche Ausbeutung der neu entdeckten Gebiete, nicht die Zerstörung und Vernichtung von Mensch und Natur. Doch führte die Begegnung der Kulturen unbeabsichtigt gerade dazu. Die indigene Bevölkerung wurde rapide dezimiert, teils durch die Waffengewalt der Eroberer, ganz mehrheitlich aber als Folge von Krankheiten, die bislang unbekannt waren. Pocken, Grippe, Masern und Typhus rafften zahllose Menschen, insbesondere in Mittel- und Lateinamerika, dahin. Das Immunsystem der autochthonen Bevölkerung war nicht auf diese Krankheiten eingestellt. Man schätzt heute, dass allein in Amerika ca. 50 Millionen Menschen den Keimen und Viren zum Opfer fielen, die die Europäer mit in die Neue Welt brachten.

KOLONIALWAREN UND KOLONIALER HANDEL

»Kolonialwaren« und »Kolonialwarenladen« waren für die Generation unserer Großeltern und Ur-Großeltern noch stehende Begriffe der Alltagssprache. In Kolonialwarenläden kaufte man natürlich nicht nur koloniale Produkte. Es handelte sich in der Regel ganz einfach um den Tante-Emma-Laden, dem Vorläufer moderner Supermärkte. In diesen Kolonialwarenläden erstand man Lebensmittel für den alltäglichen Konsum. Kolonialwarenläden waren aber auch jener Ort, an dem »exotische« Produkte erstmals feilgeboten wurden, woraus sich der Name erklärt.

EIN NEUER SPEISEZETTEL: DER ERWEITERTE GENUSS UND GESCHMACK FÜR EUROPA

In Kolonialwarenläden konnte man Kaffee, Schokolade, Paprika, Kartoffeln, Tomaten, später auch Ananas und sonstige exotische Früchte (»Südfrüchte«)kaufen. Der Begriff Kolonialwarenladen verweist schon auf die außereuropäische Herkunft eines Teils dieser Waren. Mit der Entdeckung neuer Kontinente durch die Europäer und die Kolonialisierung der Welt entwickelte sich ein reger Handel, auch mit Lebensmitteln, zwischen den europäischen Metropolen und den kolonialen Peripherien. Einige der neuen Pflanzen fanden sofort das Interesse der Europäer und wurden stark nachgefragt. Andere setzten sich – regional durchaus unterschiedlich – erst im Laufe der Zeit, manche erst in den letzten fünfzig bis siebzig Jahren durch. Zu den von Anfang an erfolgreichen Neuentdeckungen gehörten das Zuckerrohr, die Baumwolle und der Tabak, während es die Kartoffel anfänglich schwer hatte, in Europa Akzeptanz zu finden. Die Tomate fand erst im 19. Jahrhundert, in vielen Teilen Deutschlands gar noch später, nämlich nach dem Zweiten Weltkrieg, weite Verbreitung.

Conquista & Reconquista
Foto: »Sequoyah« von Lithographer Lehman and Duval. Painter: Henry Inman

Den Tabak, die Baumwolle und das Zuckerrohr einten mindestens zwei Dinge. Erstens ersetzten – oder besser: ergänzten – sie eine bestehende, noch nicht sehr vielfältige europäische Warenwelt. Der Tabak wurde zu einer neuen Droge, so dass Wein und Bier fortan Konkurrenz bekamen. Die Baumwolle war begehrt, da sie auf dem Markt der Textilien eine willkommene und kostengünstige Erweiterung für die traditionellen Produkte Hanf, Leinen und Wolle darstellte. Und der aus Zuckerrohr gewonnene Rohrzucker – die Produktion von Rübenzucker wurde erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts entwickelt – versüßte als »süße Macht« (Sidney Mintz) das Leben von nun an auch in Europa, das bislang auf den knappen, kostbaren und teuren Honig angewiesen war.

Es erlaubte auch die Produktion von Rum, an den sich die Europäer – jeder Piratenfilm greift noch heute gern auf diese Tatsache zurück – schnell gewöhnten. Zweitens – und das ist wirtschaftsgeschichtlich und politisch von nicht zu unterschätzender Bedeutung – wurden Tabak, Baumwolle und Zuckerrohr seit dem 16. Jahrhundert von europäischen Handelsgesellschaften und Unternehmern auf dafür neu angelegten Plantagen angebaut.

Die Globalisierung ist kein junges Phänomen.

UMBRUCH DER WIRTSCHAFTSWELT: DER TRANSATLANTISCHE HANDEL

Mit der Einführung der Plantagenwirtschaft wandelten sich die Landwirtschaft, die ländlich-koloniale Gesellschaft und die Sozialstrukturen in der Neuen Welt fundamental. Auf den Plantagen wurden nun Produkte für einen Weltmarkt bzw. für europäische Konsumenten angebaut. Plantagenwirtschaft war aber arbeitsintensiv. Der Versuch, die indianische Bevölkerung für die Plantagenarbeit heranzuziehen, scheiterte. Also verfielen die Europäer der Idee, Arbeitskräfte aus Afrika zu »importieren«. So entwickelte sich in Kooperation zwischen europäischen Kolonisatoren und afrikanischen Stammeshäuptlingen ein bis ins 19. Jahrhundert anhaltender transatlantischer (Menschen-)Handel. Er führte ca. 15 Millionen afrikanische Frauen, Männer und Kinder in die Sklaverei nach Nord-, Süd- und Mittelamerika sowie in die Karibik. Der dritte Pfeiler dieses Dreieckshandels – Baumwolle aus Amerika nach Europa, Sklaven aus Afrika nach Amerika – bestand im Export europäischer Fertigprodukte nach Afrika, um diese dort wiederum gegen Sklaven einzutauschen. Meist waren es Waffen, Alkoholika (Rum, Branntwein) und zu Stoff verarbeiteter Baumwolle.

Die zentralen Akteure und Gewinner dieses Systems befanden sich in Europa, das seinen Aufbruch in die Moderne so finanzierte und beschleunigte. Der koloniale Aufbruch Europas führte mithin zu einer globalen Revolution von Produktion, Arbeit und Machtverhältnissen. Das Wechselverhältnis von Europa zu seinen ehemaligen Kolonien spiegelt sich auch heute noch in der wirtschaftlichen und politischen Welt. Sei es in den nach wie vor ungleichgewichtigen Handelsbeziehungen oder in der Konsumorientierung der Europäer. Auch die Frage nach der Globalisierung der Welt erscheint in diesem Licht anders. Die Globalisierung ist kein junges Phänomen, das erst nach dem Ende des Kalten Kriegs 1989/1990 einsetzte. Vielmehr handelt es sich um einen Prozess, der sich spätestens seit dem 16. Jahrhundert voll entfaltete, zwischen dem Ende des Ersten Weltkriegs und dem Ende des Kalten Kriegs nur langsamer verlief.

BILDER DES KOLONIALEN: PHANTASIEN DES FREMDEN

Es waren aber nicht nur die nun mit Kolonialwaren gedeckten Tische, die sich in Europa veränderten. Kartoffel und Mais, Rohrzucker und Tabak, Kakao und Schokolade beflügelten und beeinflussten auch die künstlerische, ästhetische und soziale Bilderwelt der Europäer. Zuerst einmal zeigte sich dies ganz praktisch in der bildenden Kunst, insbesondere in der Malerei. Das Stillleben, das sich Anfang des 17. Jahrhunderts in Europa als eigenes Genre entwickelte, ist voll von kolonialen Motiven und Anspielungen. Die Bilder üppig gedeckter Tische flämischer Künstler, Vorreiter der Stilllebenmalerei, kamen nicht ohne die Abbildung roter Tomaten, gelber Bananen, reifer Ananas oder anderer exotischer Früchte aus.

Conquista & Reconquista
Foto: Abraham van Beijeren (circa 1620/1621–1690), via Wikimedia Commons

Gleiches gilt insgesamt auch für die museale Repräsentation kolonialer Welten. Die Europäer schufen sich mit der Errichtung von Völkerkundemuseen eigene Orte und Räumlichkeiten. In diesen wurde die Kunst und Kultur von außerhalb Europas – soll man es Raubkunst nennen? – einem neugierigen und staunenden Publikum gezeigt. Lange ersetzte der Gang in die Wunderkammern der Kunst- und Völkerkundemuseen dem gebildeten Publikum, das sich die Fernreise noch nicht leisten konnte, den Traum von der Flucht in die Fremde, wie sie heutzutage im Zeitalter des Massentourismus gang und gäbe ist.

Es war aber nicht nur die hohe Kunst, in der sich diese fremden Bilderwelten zeigten. Ganz alltäglich spiegelte sich die koloniale Welt – oder das, was man dafür hielt – auch in der Werbung und der Unterhaltungsliteratur. So wurde die Figur des edlen Wilden, eine europäische Erfindung und Projektion, durch Schriftsteller wie den Ur-Sachsen Karl May, der sein Lebtag nie in Amerika war, popularisiert. Winnetou lässt grüßen. Der Sarotti-Mohr, eine Ikone der Schokoladenwerbung, wie auch viele Zigarren- und Zigarettensammelbildchen, die Jungenherzen über Generationen erfreut haben, bevor Fußballerbildchen aufkamen, gehören in diese Kategorie. Die Europäer entdeckten nicht nur die Neue Welt. Sie schufen sich auch eine Vorstellung davon, die mit der Wirklichkeit nicht immer viel zu tun hatte.

So wurde die Figur des edlen Wilden eine europäische Erfindung und Projektion …

 

Kommentare sind geschlossen, abertrackbacks und Pingbacks sind offen.