Das erste Rendezvous

Richtige Vorbereitung für die erste Zigarre.

Erste Vorbereitungen

Der zufällige Kontakt mit einer Zigarre kann durchaus kläglich scheitern. Ein unvorbereiteter Zeitgenosse, der zuvor niemals mit dem Zigarrenrauchen in Berührung gekommen ist, kann für lange Zeit, ja für immer jegliches Interesse an Zigarren verlieren, falls er nicht beim ersten Mal Gefallen daran findet.

Schlechte Erfahrungen lassen sich bei jedem Schritt des Rauchens sammeln. Wenn die Zigarre falsch beschnitten worden ist, wird sich das Deckblatt lösen. Wenn die Guillotine zu stumpf ist, werden lästige Tabakkrümel in den Mund gelangen. Wenn eine Zigarre zu kräftig ist, können ihr reiches Bouquet und ihre Fülle an Aromen das »Greenhorn« regelrecht überwältigen. Und wenn eine Zigarre zu leicht ist, verführt das oft dazu, allzusehr an ihr zu ziehen, wodurch dieses erste Rendezvous meist ein vorzeitiges Ende findet, da solches Tun Schwindel hervorrufen kann …

Damit das Rauchen der ersten Zigarre zum Genuss wird, sind vielgestaltige Kenntnisse vonnöten, das heißt, eine gewisse Vorbereitung ist von Vorteil, soll sich das erwartete Vergnügen auch einstellen. Die allerersten Informationen haben Sie häufig schon erhalten, ohne bewusst danach gesucht zu haben. Zum Beispiel erinnern Sie sich an ein Buch über Napoleon, in dem die Generäle und Offiziere nichts anderes tun, als Zigarre zu rauchen. Oder Sie haben einen Film gesehen, in dem sich der Hauptdarsteller in stilvoller Atmosphäre eine Zigarre anzündet. Sie könnten auch den letzten Stadtbummel vor Augen haben, bei dem Sie einen Blick in die prächtigen Vitrinen eines Tabakgeschäfts geworfen haben, mit den farbenfrohen Zigarrenkisten, den aufwendig gestalteten Humidoren, den zahlreichen eindrucksvollen Accessoires. All das hat Ihre Neugier geweckt …

Diese Informationen aus verschiedenen Quellen sammeln sich bei Ihnen an, bis sie irgendwann abgerufen werden, und zwar genau dann, wenn Sie etwas sehr Bemerkenswertes begreifen: Eine Zigarre ist etwas Besonderes. Lord Byron beispielsweise hat der Zigarre Gedichte gewidmet, Mark Twain Erzählungen über sie geschrieben, Winston Churchill sie zu seinem Markenzeichen gemacht, und Rudyard Kipling hat sich gar zu der Aussage hinreissen lassen:

Eine Frau ist eine Frau, aber eine Zigarre ist ein Erlebnis.

Das wollen wir einmal so stehen lassen …

Als nächste »Etappe« folgt die physiologische Vorbereitung. Vielleicht haben Sie Freunde, Kollegen, Nachbarn, welche Zigarre rauchen. Überprüfen Sie mit deren Hilfe Ihre organoleptischen Wahrnehmungen: Bitten Sie sie, sich in Ihrer Gegenwart eine Zigarre anzuzünden. Gefällt Ihnen das Spiel der Aromen, haben Sie den Organoleptik-Test bestanden.

Im nächsten Schritt, bei der emotionalen Vorbereitung, geht es um die Personalisierung der Zigarre. Denken Sie an große Persönlichkeiten, die Sie mit einer Zigarre assoziieren: Ernesto »Che« Guevara, Zino Davidoff, John F. Kennedy. Politiker und Militärs, Nationalhelden und Bohèmiens haben der Zigarre ein positives Image gegeben, und diesen Nimbus hat sie sich bis heute bewahrt. Sogar Ihr Chef, zu dem Sie ein gutes Verhältnis haben und der Zigarre raucht, kann ein positives Beispiel für jemanden abgeben, der sich durch seine allabendliche Zigarre als Genussmensch definiert.

Eine große Bedeutung kommt auch dem kulturgeographischen Faktor zu. In Ländern mit einer langjährigen und beständigen Tradition des Zigarrenrauchens (wie zum Beispiel Kuba und Spanien, Frankreich und Großbritannien) ist es bedeutend leichter, sich auf die erste Zigarre vorzubereiten als beispielsweise in China, wo diese Tradition immer noch erst im Entstehen ist.

Und schließlich die letzte Teilstrecke: Gut ist es, die erste Zigarre gemeinsam mit einem erfahrenen Connaisseur zu rauchen, der Ihnen zeigt, wie eine Zigarre angeschnitten und angezündet werden muß, der zudem erläutern kann, mit welcher Zigarre Sie anfangen sollten – und der nötigenfalls Fehler korrigiert.

Nicht jedem ist es gegeben, ein Zigarrenraucher zu werden, und nicht jeder wird daran Gefallen finden. Hierfür braucht es eine gewisse psychologische Veranlagung. Einerseits muss er ein Mensch sein, der Freude an den schönen Dingen des Lebens hat, andererseits ein Intellektueller, ein Denker, letztendlich ein Bohèmien. Statistisch betrachtet, sind ungefähr 70 Prozent aller Zigarrenraucher Menschen mit Hochschulbildung. Das ist kein Zufall.

Die Größe ist entscheidend

Allgemein herrscht die Auffassung vor, als erste Zigarre sei eine milde zu wählen, um nicht sofort mit einem Aroma- und Geschmacksüberfluss konfrontiert zu werden. Das mag für einen Menschen gelten, der lediglich Wert darauf legt, seinen Organismus mit Nikotin anzureichern und seine Person rauchend zur Schau zu stellen. Es spielt dann keine Rolle, mit welcher Zigarre er anfängt. Genießern jedoch ist zu empfehlen, mit gehaltvollen Zigarren zu beginnen. Warum sollten Sie auf komplexe Zigarren verzichten, welche die ganze Fülle der Perfektion bieten? Gerade eine solche Zigarre spricht die organoleptische Wahrnehmung an, und daher ist es am besten, gleich von Anfang an die eigenen Sinne zu sensibilisieren.

Gerade weil solche Zigarren über ein großes Spektrum an intensiven geschmacklichen und aromatischen Eigenschaften verfügen, ist es besonders wichtig, sich ausreichend Gedanken über das Format der ersten Zigarre zu machen. Hierbei sollten Sie einige einfache Wahrheiten beherzigen: Die Länge bestimmt die Dauer des Rauchens und das Ringmaß den Reichtum des Bouquets (je dicker die Zigarre, desto mehr unterschiedliche Tabakblätter wurden für sie verwendet und desto vielfältiger sind ihre Aromen). Aus diesem Grund sind lange und schmale Zigarren (etwa eine Panetela) für den Einstieg ungeeignet, da ihr Geschmack dürftig ist, sie viel Zeit beanspruchen und meist mit einem erschwerten Zug den wenig versierten Zigarrenraucher regelrecht quälen – und somit einen Genuss gar nicht erst aufkommen lassen.

Die Größe der ersten Zigarre ist also entscheidend. Ein unvorbereiteter Mensch ist nicht in der Lage, gleich zu Beginn eine Double Corona zu rauchen (wofür er etwa 1,5 Stunden aufzubringen hat). Einerseits könnte der menschliche Organismus Schwierigkeiten haben, eine derartige Attacke auszuhalten, und andererseits könnte jemand, der noch nicht gelernt hat, eine Zigarre zu »verstehen«, einfach ermüden. Daher sollten Sie Ihr Augenmerk auf Zigarre mittlerer Länge (etwa 100 bis 130 mm) und großen Durchmessers (ungefähr 20 mm) richten, also zum Beispiel eine Robusto wählen. Auf keinen Fall sollten Sie ein kleines (schmales) Format einer kräftigen Zigarre in Betracht ziehen, wie es beispielsweise die Marken Bolívar, Partagás und Montecristo bereithalten.

Die Begleiter

Um den emotionalen und physiologischen »Angriff« der Zigarre zu mildern, sollte sie möglichst nach dem Mittag-, besser noch dem Abendessen geraucht werden. Ein sehr guter Zeitpunkt für die Zigarre ist dann gegeben, wenn der Digestif gereicht wird. Ebenso wie Alkohol (ein übrigens unentbehrlicher »Zigarrengehilfe«) mildert, nivelliert Essen die Wahrnehmungen. Den Alkohol zur ersten Zigarre sollten Sie allerdings sorgfältig auswählen. Am besten eignen sich süßliche Getränke, da sie die Rezeptoren abkühlen und die Einwirkung des Rauchs auf sie ausgleichen. Beispiele hierfür wären Madeira, Portwein, Sherry, auch starke Fruchtweine und kräftige Liköre. Stärkerer Alkohol – Armagnac, Cognac, Whisk(e)y – hingegen potenziert die aromatischen Komponenten der Zigarre (was erfahrene Raucher durchaus begrüßen).

Für Menschen, die grundsätzlich keinen Alkohol zu sich nehmen, empfiehlt sich ein Dessert. Gesüßter Kaffee, Schokolade und Obstkuchen sind hervorragend geeignet, Kraft und Stärke einer Zigarre zu lindern. Das Dessert sollte keinesfalls säuerlich sein, eher Karamel oder Schokolade enthalten und möglichst ohne Beeren und rote Früchte zubereitet sein.

Empfehlungen

 

Zigarre abschneiden

 

Wie bei einer Prüfung, so sollten Sie beim Rauchen der ersten Zigarre mit äußerster Vorsicht vorgehen und versuchen, mögliche Fehler im Vorfeld auszuschließen, um den Genuss auch tatsächlich erleben, ja erfahren zu können. Aus diesem Grund ist der Hinweis, seine erste Zigarre in Gesellschaft erfahrener Connaisseure zu rauchen, ein gutgemeinter Hinweis. Es sind nicht nur deren praktische Ratschläge, die Sie weiterbringen, sondern auch die verschiedenartigsten Anekdoten und Erzählungen rund um das Zigarrenrauchen, die zusätzlich Ihr Interesse wecken werden.

  • Wichtig ist es, den Zigarrenkopf richtig an- bzw. abzuschneiden. Je größer der Schnittdurchmesser, desto besser der Zug. Aber seien Sie nicht übereifrig: Falls Sie den Kopf komplett abschneiden, wird sich das Deckblatt ablösen. Bei einer Figurado hingegen ist es geraten, den Kopf maximal ab- bzw. zu beschneiden. Beachten Sie in diesem Zusammenhang auf jeden Fall: Bei »ungeraden« Formaten, besonders bei solchen mit kleinem Durchmesser, werden Sie die Zigarre stärker wahrnehmen, als sie es in Wirklichkeit ist.
  • Streifen Sie nicht zu oft die Asche ab. Asche kühlt den Rauch, wodurch sich das Rauchen angenehmer gestaltet.
  • Halten Sie die Zigarre nicht zu lange im Mund, und befeuchten Sie die Schnittfläche nicht zu sehr mit Speichel. Nikotin löst sich gut im Speichel auf, und zuviel davon könnte unangenehme Empfindungen auslösen.
  • Rauchen Sie langsam. Machen Sie drei bis vier Züge, behalten Sie den Rauch im Mund, lassen Sie ihn wieder heraus, und versuchen Sie, mit der Nase die Aromanuancen zu erspüren. Das zweite Zigarrendrittel sollte noch langsamer geraucht werden: Die Zigarre ist schon heiß, und vormals versteckte Aromen treten zutage.
  • Probieren Sie, Ihre Wahrnehmungen zu analysieren, Töne und Nuancen aus dem Gesamtbouquet herauszuspüren. Vielleicht gelingt das nicht sofort, aber solch ein Analyseversuch hilft Ihnen, Ihre Wahrnehmungen zu ordnen.
  • Beim ersten Mal sollten Sie nicht mehr als zwei Drittel (maximal drei Viertel) der Zigarre rauchen. Das letzte Drittel, in dem sich Teer und Äther konzentrieren, mag erfahrenen Rauchern Vergnügen bereiten – ein unerfahrener jedoch wird ihren Geschmack wohl kaum mit Genuss gleichsetzen.
  • Hat Ihnen die erste Zigarre gefallen und haben Sie nur gute Eindrücke zurückbehalten, warten Sie noch eine Weile, ehe Sie sich die nächste Zigarre anzünden. Machen Sie eine Pause von ein paar Tagen, ja Wochen. Lassen Sie die Erlebnisse und Wahrnehmungen auf Ihr Gedächtnis wirken, sodass sie tief ins Bewusstsein eindringen.

Weitere Ratschläge

Ein Mensch, der zum ersten Mal eine Zigarre raucht, ist praktisch ein Kundschafter. Seine unmittelbaren Entdeckungen haben Einfluss auf seine gesamten künftigen Beziehungen zur Zigarre. Deshalb sollten Sie sich von allen Nebensächlichkeiten freimachen …

  • Halten Sie sich beim Alkohol zurück. Spätestens nach drei doppelten Gläsern starken Alkohols verlieren Ihre Rezeptoren an Sensibilität, sodass die Zigarre Ihnen weder psychologisches noch organoleptisches Vergnügen bereiten wird.
  • Rauchen Sie nicht auf nüchternen Magen.
  • Rauchen Sie nicht in der Küche, wenn dort gerade Essen zubereitet wird. Düfte von außen stören die Wahrnehmung einer Zigarre.
  • Kosmetikduft überlagert selbst das widerstandsfähigste Aroma einer Zigarre. Deshalb sollten Frauen beim Rauchen einer Zigarre auf Lippenstift verzichten.
  • Kaugummi und Bonbons sollten beim Anzünden einer Zigarre tabu sein – schließlich möchten Sie Ihre erste Zigarre auch »erspüren«.
  • Es empfiehlt sich nicht, beim Rauchen in unmittelbarer Nähe von Pflanzen zu sitzen, besonders dann nicht, wenn diese Pflanzen einen starken Duft verströmen.
  • Rauchen Sie nicht an der frischen Luft, vor allem nicht im Winter. Der Wind stört Sie bei der Wahrnehmung der Aromen, die eine Zigarre freigibt.
  • Es hat keinen Wert, eine Zigarre an einem lauten Ort zu rauchen (etwa in einer Diskothek). Für Ihre erste Zigarre sollten Sie sich ein stilvolles Ambiente suchen, eines, das Ihnen die Möglichkeit bietet, sich auf Ihr »Genussobjekt« zu konzentrieren.
  • Für Zigarettenraucher ein zusätzlicher Rat: Gewöhnen Sie sich das Inhalieren ab. Vermeiden Sie daher Zigarillos, denn diese »Minis« verführen geradezu zum Inhalieren.
  • Ganz wichtig: Die Zigarre, die Sie rauchen, sollte zu 100 % aus Tabak gefertigt sein.

… und dann kommt jene Zeit, in der alles von vorne beginnt. Eigentlich ist jede Zigarre wie die erste zu rauchen: Nur mit sorgfältiger Vorbereitung wird jener vollkommene sinnliche Genuss erlebt werden können, den eine Zigarre bietet …

 

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