Das Gläschen Wein und der Mondvogel

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Vollmond im Amazonasdschungel.

Das Moskitonetz mit Schlafsack ist auf einer Holzplattform, darüber das Palmdach. Vor mir glänzt der riesige Fluss, der Agua Rico. Der Mondvogel lässt seine Melodie ertönen – ein wehmütiges Lied, dass ans Herz geht.

Die Kichwa Indianer erzählen, dass dieser Vogel mal eine Frau war, die noch immer ihrem Geliebten nachweint, der an einer langen Ranke zum Mond hinauf geklettert ist. Sie wollte mit ihm gehen, hatte aber etwas vergessen, und als sie zurückkam, war die Ranke mit dem Geliebten verschwunden. Jetzt sitzt sie als Vogel jeden Vollmond auf einem trockenen Baumstumpf und singt und ruft ihn.

Ich dachte, ich hätte für so einen Moment eine Flasche Wein mitgenommen – aber im Rucksack ist sie nicht. Dafür aber mein Aufnahmegerät – ich mache hier ein Radiofeature über die Secoyas.

Ich stehe auf und folge Frau Mondvogel hinein in den Dschungel. Ich kenne den kleinen Pfad, der zu einem kleinen Sumpf führt. Die Blätter der Bäume und der Büsche, glänzen im Mondlicht. In der leichten Brise entsteht ein Tanz von Licht und Schatten. Das gibt dem Wald eine unendliche Tiefe. Ich höre die Frösche am Tümpel, die Grillen schreien, es ist unglaublich laut. All die unterschiedlichen Frequenzen der Symphonie des Dschungels lassen in meinem Kopf Muster und Farben entstehen. Ich pirsche mich an die Frösche an. Erst keckert einer, dann mehrere, bis eine Froschparty losbricht, alle auf einmal quaken und lachen – und dann plötzlich Stille.

Auch die Grillen scheinen kurz Atem zu holen.

Es ist als hätte sich mein Tonband abgeschaltet – ich nehme die Kopfhörer ab. Die aufkeimende Angst überschwemmt mich, die Magie der Nacht geht darin unter – ich bin nur noch gespannte Aufmerksamkeit. Geschichten von Affen, die nächtens die Jäger angreifen, vom sich anschleichenden Jaguar, von der würgenden Anakonda und der giftigen haarigen Riesentarantel fallen über mich her, mein Herz klopft so laut, es übertönt jetzt alles. Ich drehe um, lasse den glitzernden Schlammtümpel hinter mir, und suche den Pfad zurück, gehe ein paar Schritte.

Da raschelt es vor mir. Ich zucke zurück – hinter mir, ich dreh mich blitzschnell.. da steht ein Stachelschwein mit aufgestellten Borsten hinter mir … und ein zweites vor mir. Beide haben weiße Hauer, die ich in der nächtlichen Helligkeit gut sehen kann. Im ersten Moment bin ich erleichtert – ach, das sind ja die Wachschweinchen vom Sekoyaschamanen Don Cesario, der mir meine Wohnplattform zur Verfügung gestellt hat.

Ich grüße sie höflich »Hola, schön, dass ihr da seid, kann ich jetzt weitergehen?», aber sie kommen näher mit aufgestellten Borsten. Da fällt mir ein: kein Indígena verlässt sein Kanu, wenn er zu Besuch kommt, sie rufen den Schamanen … weil sie Angst vor den Wildschweinen haben. »Das sind bessere Wächter als jeder Hund, sie reißen Dir die Schlagader auf mit ihren Hauern, und sie sind intelligent«, hatte der Schamane gemeint.

Mir erschienen sie eher harmlos, sie sind auch nicht sehr groß … »Der hat noch keine europäischen Wildschweine kennengelernt« … bis mein weißer Labrador, der Freude hatte, sie zu jagen, zu mir gelaufen kam, das Blut pochte aus der Halsschlagader heraus, rot gefärbt sein helles Fell … Die Schweinchen hatten ihm aufgelauert. Ich hatte den Finger auf die Stelle gedrückt, das Bluten hörte auf, dann den Schamanen gerufen, und der hatte eine Rinde irgendwo hergeholt und Flüssigkeit herausgedrückt. Der Saft hatte die Ader zusammengezogen. Mein Hund hatte überlebt, ein Wunder.

Ich rede respektvoll mit ihnen: »Bitte lasst mich durch«.

Sie ziehen sich zurück, verschwinden im Dickicht. Na also. Ich gehe ein paar Schritte… da stehen sie wieder vor mir. Dieses Spiel wiederholen wir dreimal … und plötzlich fällt mich ein Hund an von hinten, zwickt mich ins Bein, ich schreie, er bellt … Mein Herz macht einen Sprung. Dann leuchtet eine Taschenlampe mir direkt ins Gesicht.

»Was machst Du hier, díos mio santo« fragt der Schamane. »Bist Du verrückt, nachts im Dschungel herumzulaufen? Die Spirits, die Geister sind unterwegs.«

Mamamia, an die hatte ich nun überhaupt nicht gedacht – ich muss lachen. Er bringt mich zu meinem Moskitonetz und es ist klar, er hält mich für eine ziemlich zurückgebliebene dumme Ausländerin.

Ich sitze da, schaue auf den glänzenden Agua Rico, die Geliebte des Mondmannes ist zurück, singt mir ihr Lied – und ich wünsche mir nur eines: Ein Glas italienischen Rotwein, in dem ich das Mondlicht einfangen kann, rubinrotes Glitzern … jetzt.

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