Das Orange-Blinddate auf der RAW WINE 2018

653

Ein Tag, um Helden zu zeugen – so könnte man den 13. Mai 2018 beschreiben. Oder, um gute Weine zu verkosten. Oder beides. Der Himmel über Berlin strahlend blau, ganz Kreuzberg aufgekratzt und leicht gekleidet. Die Straßencafés und Kioske sind gut besucht, es ist Sonntag, Muttertag am späten Vormittag. Manch Nachtschwärmer hat die Sonnenbrille auch im Schatten auf der Nase, die Muttis sind an ihrem Ehrentag auch noch etwas blass. Die alten Türken spielen mit den Perlenketten am Handgelenk, die Blumengeschäfte haben offen, die U-Bahnschächte atmen noch kühle Luft aus.

Wir sind verabredet in der Markthalle IX, wo die RAW WINE stattfindet, mit einer Frau, auf die wir sehr gespannt sind. Mit uns gespannt sind vier uns ebenfalls unbekannte Menschen, die Gewinner unseres RAW WINE Gewinnspiels. Vier Berliner Weinfreunde und die Grand Dame der Naturweinbewegung erwarten uns also zur gemeinsamen Weinprobe. Die Markthalle IX ist schon rege gefüllt, hauptsächlich junge Leute – das ist man gewohnt an diesem hippen Ort der Hauptstadt, wo zwischen Sauerteigbrot, Fair Trade Kaffee und Biogemüse Kinderwägen statt Einkaufswägen das Bild bestimmen. Die fehlen heute weitest gehend, es ist Weinmesse. Naturweinmesse. Nicht zu erkennen sind – zumindest auf den ersten Blick – die typischen »Schnassler«, in schlecht sitzenden Anzügen, die man in Berlin sonst auf jeder Weinveranstaltung sieht. Anzüge fehlen überhaupt, das ist schon mal begrüßenswert.

Die RAW WINE im Überblick

Die RAW WINE ist die weltweit größte Community für ökologisch, biologisch­dynamischen Wein.  Sie ist Master of Wine Isabelle Legeron’s zweitägiges Statement zum Thema Naturwein und Transparenz, die Klarheit für den Verbraucher schafft. Die RAW WINE soll für mehr Gespräch über den Inhalt des Weinglases sorgen. Die Messe findet zum 3. Mal in Berlin statt und bringt Produzenten, Köche, Sommeliers und Weinliebhaber zusammen, um zu zeigen, worum es beim »Natural Wine« geht.

Ziel ist es, neue Erzeuger dabei zu unterstützen, neue Märkte zu erschließen. Dabei gibt es auch für bestehende Weingüter die Chance, die sich immer weiterentwickelnde Szene des natürlichen Weines zu erreichen. Vier Mal im Jahr treffen sich die besten Natural Winemaker der Welt anlässlich dieser Weinmesse in London, Berlin, New York und Los Angeles. An jeweils zwei Messetagen nutzen Besucher die unvergleichliche Gelegenheit, die spannende Welt natürlich hergestellter Weine zu entdecken.

Die Verkostung

Wir treffen Verena, Anika, Sören und Mirco, unsere glücklichen Gewinner, am Pressecounter und werden mit je einem Glas und einer Verkostungsliste ausgestattet. Die Messe ist seit knapp 2 Stunden im Gange und man merkt, die Maschinerie im Hintergrund läuft auf Hochtouren, läuft rund.

Isabell Legeron, RAW WINE 2018, Berlin

Dann stellt man uns Isabell Legeron vor, kurze Haare, zitronenfaltergelber Pullover und wache, freundliche Augen. Sie begrüßt uns herzlich und schmettert voller Elan 4 Flaschen Wein auf den Tisch vor uns. Unsere Namen hat sie sich gemerkt, wer vom Magazin und wer Gewinner ist, interessiert sie erst später. Man merkt, sie hat einen Auftrag und der heißt Leidenschaft vermitteln. Die vier Winzer, von denen die 4 Weine kommen, nennt sie Freunde, das Herz jeder RAW WINE Messe. Alle seien natürlich wichtig und auch nur einen kleinsten Teil könne sie uns vorstellen, das sei klar, aber die 4 müssten es sein.

Und so geht unsere Reise los, ein Querschnitt durch die Naturweinlandschaft in 4 Akten.

 

2017 Pet Nat Rosé

2017 Pet Nat Rosé

Wir beginnen mit einem 2017 Pet Nat Rosé von der Domaine Jolly Ferrioll, Roussillon, Frankreich, einem schäumender Orangewein. Die Kohlensäure im Wein kann unterschiedlich intensiv ausfallen und entsteht auf Grund der Flaschengärung. Im Unterschied zur Sekt- oder Champagnerbereitung kann die Gärung eine einzige sein, außerhalb der Flasche beginnen und auf der Flasche fortgeführt werden. Mit so einem Wein aus dem Süden Frankreichs, intensiv roséfarben und trüb im Glas, beginnt Isabelle unsere Privatverkostung. Er besteht aus Carignantrauben und wurde erst einen Monat vor unserer Verkostung degorgiert. Die in der Flasche verbleibenden Hefen würden noch weiter gären, erzählt uns Isabelle, deshalb würde der Wein, der momentan noch nicht ganz trocken ausfällt, in ein paar Wochen komplett durchgegoren und knochentrocken sein. Dieser Schaumwein, der sehr lebendig und intensiv schmeckt, überzeugt die Verkostermannschaft schon mal.

2017 Baby Bandito keep on punching

2017 Baby Bandito keep on punching

Der zweite Wein mit dem lustigen Namen 2017 Baby Bandito keep on punching vom Weingut Testalonga, Swartland, Südafrika, ist ein Chenin blanc aus der etwas wärmeren Region um das Kap. Hier könnte man easy drinking oder overoaked und eine gewisse Uniformität erwarten, aber es überrascht uns ein Wein mit Frische und Gripp. Er riecht nach Quitte und etwas Feuerstein, am Gaumen gelbe Früchte, etwas nussig und resch. Isabelle erklärt, dass durch absichtliches Weglassen der Reberziehung, eine frühe Lese der Trauben sowie der Verzicht auf Fassausbau dieser untypische aber wunderbar lebendige und erfrischende Weinstil erzeugt wird, den man in einer Blindverkostung niemals in Südafrika vermuten würde.

2016/17 Assyrtiko

2016/17 Assyrtiko

Dann wird es wirklich orange und trüb im Glas, der 2016/17 Assyrtiko von der Domaine Ligas, Mazedonien, Griechenland, ist schon optisch das, was wir auf der Naturweinmesse erwarten. Die Rebsorte Assyrtiko ist autochton, ohnehin ein Zauberwort in der Naturweinbranche. Als Jahrgangsblend ungewöhnlich genug für den Freund herkömmlich produzierter Weine, riecht er auch noch sehr hefig und nach Gärkeller, aber auch apfelig und ein wenig nach Sauerteigbrot. Den Eindruck am Gaumen findet Isabelle für uns: Der Wein ist sehr intensiv, durch den langen Kontakt des Mostes mit den Schalen, kräuterig und süße Anisnoten, hefige, helle Fruchtnoten. Er bleibt lange präsent und fordert einen Begleiter wie kräftigen Rohmilchkäse oder Salami.

2016 Gut Oggau Rot

2016 Gut Oggau Rot

Der vierte und letzte Wein, den uns Isabelle serviert, ist rot. Und so heißt er auch: 2016 Gut Oggau Rot aus dem Burgenland, Österreich. Dieser Wein entstand unter den schwersten Bedingungen, die ein Winzer sich vorstellen kann. Nach einem annähernden Totalverlust durch Unwetterschäden war die Ertragsmenge auf dem Demeter-zertifizierten Gut Oggau so gering, das man sich entschloss, alle drei Rotweine des Gutes miteinander zu verschneiden und auf die Flasche zu ziehen. Der Geruch ist recht wildkirschig und würzig, am Gaumen zeigen Blaufränkisch und Zweigelt aus verschiedenen Lagen ihr Potential und ihre Kraft.

Fazit

Isabelle hat uns in weit unter einer Stunde in 4 Stationen und 4 komplett unterschiedlichen Weinen durch die Welt des Naturweins geführt. Nein, sie ist mit uns hindurchgaloppiert. Wir sind alle recht paralysiert, ob der Geschwindigkeit, dem Informationsgehalt und dem faszinierenden Enthusiasmus unserer Gastgeberin. Sie gibt uns noch ein paar Tips für die Messe, wünscht uns viel Spaß und verschwindet im Getümmel der Naturweinfreunde.

Die RAW WINE hat sich während unseres geführten Tastings noch mehr gefüllt und wir fühlen uns jetzt gewappnet, alleine loszuziehen und noch tiefer einzutauchen in die Welt der Orangewines, der individuellen Produzenten und der naturverliebten Winzer und Sommeliers. Nach wie vor sind kaum Anzugträger in Sicht, aber dafür viele sympathische und glückliche Gesichter und vor allem viele Gläser – gefüllt mit Wein, weiß, rot und natürlich orange.

 

Kommentare sind geschlossen, abertrackbacks und Pingbacks sind offen.