Der ehrliche Gangster Meyer Lansky

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Ich bin die Art Gangster, die die kleinen Jungs gerne sein wollen 

Des Nachts auf den Knien spreche ich meine Gebete im Schein der Laternen 

Sie haben die meiste Zeit ihres Lebens in einem Paradies für Kriminelle verbracht 

Wir verbringen die meiste Zeit unseres Lebens in einem Paradies für Kriminelle 

Macht und Geld, Geld und Macht, Minute um Minute, Stunde um Stunde 

»Gangsta’s Paradise«, Coolio, 1995 

MEYERLAND

War man reicher Mann in den 50er Jahren in den USA – den Krieg gewonnen, die Wirtschaft boomt, das Leben ist schön – und suchte nach dem ultimativen Urlaubskick, so war die Frage nach dem Wohin schnell beantwortet: Kuba war es. Das Angebot war bestechend. Die tropische Insel mit Flair und Bohème, eleganten Casinos, Hotels auf dem neuesten Stand, hinreißenden und willigen Frauen, Daiquiris à gogo, Zigarren vom Feinsten. Gerade mal die Anreise musste der Lebemann bezahlen, danach standen dem Touristen die Bars, Hotelzimmer und Spieltische zur Verfügung. Am Flughafen von Havanna wartete die Limousine mit Chauffeur, das Bett im gut gelüfteten Zimmer des Hotels Nacional war aufgeschlagen. Der Croupier im Casino mischte Karten, drehte das Rouletterad, es klackten die Würfel auf dem grünen Filz. Weiße Jackets schwebten durch gedämpftes Licht. 

Jetzt brauchte es kleines und großes Geld, doch Spielen ist etwas anderes als Rechnungen bezahlen. Glück und Unglück liegen in den Händen Fortunas. Wer verliert, hofft auf das nächste Spiel, wer gewinnt, geht in den hauseigenen Nachtclub, ins Montmartre zum Beispiel, wo die Shows aufregend erotisch sind, nach dem Pariser Vorbild mit karibischer Hitze angereichert. Frank Sinatra mag sein Liedchen singen, Bola de Nieve spielt Klavier, am Nebentisch saufen sich die besten amerikanischen Literaten gegenseitig unter den Tisch. Dean Martin lacht und charmiert.

Vergnügt und verspielt

Wer nach dem Wirbel der parfümierten Federboas und zimtfarbener Haut, der Rhythmen von Son und Salsa noch besondere, männliche Gelüste verspürt, findet ein dazugehöriges Verzeichnis auf dem Beistelltisch im Hotelzimmer. Internationale Kurtisanen als kleine Aufmerksamkeit des Hauses. Sollte der Lebemann bereits in Begleitung angetanzt sein, so lässt der diskrete Zimmerkellner diesen Katalog natürlich weg, dafür wird ein mächtiges Blumengesteck aufgestellt. Vom Morgenmantel bis zur Unterhose, vom Rasierpinsel bis zum Eau de Cologne sind die nötigen Haus- und Wäscheutensilien bereits im Schrank. Natürlich auch Zigarren. Sollte der Energiepegel unter die Vergnügungsgrenze sinken, ist Kokain auf Abruf vorhanden, der Kater wird mit Hilfe von Alka Seltzer in Schach gehalten, das Frühstück aufs Zimmer gebracht.

Kuba außerhalb Havannas versinkt in Armut und Hunger, doch da muss man nicht hin. Gerade mal der Strand könnte locken, doch lockerer ist der Swimmingpool. Die Gastgeber, Köche, Kellner und bestens ausgebildetes Personal umsorgen den Gast ohne Ende. Männiglich strömt auf die Tabak- und Zuckerinsel. Verspielt und vergnügt und vergnügt und verspielt, und zurück im heimischen Büro schwingt der Traum vom süßen Leben nach. Erreichbar ohne großen Aufwand. 

LITTLE MAN MEYER

Damit dieses kräftezehrende Männerparadies auch reibungslos funktionierte, brauchte es eine ganz bestimmte Konstellation von politischen und sozialen Triebfedern. Eine verkörperte ein kleiner, fast schmächtiger Mann mit markanten Gesichtszügen. Tadellos gekleidet, eine Zigarette im Mundwinkel, war er für den swingenden Besucher der Vergnügungsindustrie der kubanischen Hauptstadt weder besonders sichtbar noch auffällig. Sein Name war Meyer, sein Vorname wohlverstanden, und bereits damit hob er sich heraus aus der weltweiten Meyer- und Meierschaft, wenn auch diese Besonderheit nur eine von vielen sein sollte, die aus einem gewöhnlichen Meyer den Meyer Lansky machten, der er war. Eigentlich hieß er Majer Suchowliński.

Geboren im Zeichen des Krebses, 1902, in dem Städtchen Grodno, dort, wo die Grenze zwischen Polen und Russland hin und her wanderte. Grodno hatte in jenen Jahren eine lebendige jüdische Gemeinschaft, knappe fünfzig Prozent der Einwohner gehörten dazu, und war weitgehend verschont geblieben von antisemitischen Pogromen. Doch den Vater, Max Suchowliński, zog es hinaus in die Welt. Er wanderte aus nach Amerika und fand in New York eine Stelle in einer Textilfabrik. 1911 war es soweit, er konnte seine Frau Yetta mit den Söhnen Jacow und Majer nachkommen lassen. Die Auswanderer waren eher arm, doch man hatte sein Auskommen.

Meyer-Siegel-Gang

Die jüdische, wenn auch nicht orthodoxe Familie lebte in Brooklyn, in einer jüdischen Nachbarschaft, umgeben von anderen Einwanderern, vornehmlich aus Italien. Die Legende erzählt, dass der wohlerzogene Bub Majer von seiner Mutter zum Bäcker geschickt wurde und sich auf dem Weg dahin auf ein Crabs genanntes Würfelspiel eingelassen hätte. Der Einkaufsbatzen ging verloren und, dementsprechend getadelt, beschloss er, sich nie wieder mehr als Spieler, sondern nur noch als Spielorganisator zu betätigen. Dem Krebs hatte das Crabs-Spiel gezeigt, worauf er seine intellektuelle Geschicklichkeit richten konnte. Bald organisierte er Turniere, verdiente dabei und teilte mit seinen Jugendfreunden. 

Bekannt und respektiert wurde er für sein rechnerisches Geschick und die faire Aufteilung der Gewinne. Das Ghetto war nicht harmlos, die Konkurrenz unter den Gruppen, die sich das Geschäft auf der Straße aufteilten, groß, die Pfründe umkämpft. So mussten die Aufgaben geteilt werden, der Organisator war nicht unbedingt der Straßenkämpfer. Als Freund fürs Grobe gesellte sich bald einer zur Bande, der später berühmt und berüchtigt werden sollte. Benjamin »Bugsy« Siegel verteilte die Schläge, wenn nötig.

Die Meyer-Siegel-Gang war entstanden. Zur Bande gehörten andere, neben dem Bruder Jacow, der sich jetzt Jake nannte, einige der heranwachsenden Juden des Viertels. Man geriet in Kontakt und Konflikt mit den Italienern. Dazu gehörten auch Charles Luciano, später als Lucky Luciano bekannt, und Frank Costello. Meyer war zwar klein, aber mutig. Er stellte sich den mächtigeren und gewalttätigeren Italienern entgegen und gewann so ihren Respekt und ihre Freundschaft. 

Meyer Meyer Lansky, 

tritt ihm not auf den Schwansky, 

sonst dreht er sich um, und bumm! 

Legt er dich um.

MEYERS AUFSTIEG

Die Jahre gehen ins Land. Meyer wird zwar nicht in die exklusiven Kreise der ständig wachsenden New Yorker Mafiafamilien aufgenommen – da musste man schon italienischer Herkunft sein – aber die von ihm und Bugsy geführte Gang schnappte sich einen guten Teil an den Gewinnen aus dem illegalen Handel mit Schnäpsen während der Prohibition. Es kam zu Schießereien, Bandenkriegen und heftigen Zusammenstößen mit rivalisierenden Gruppen, vor allem mit den Italienern, doch die Jugendfreundschaft mit Luciano und Costello konnte aufrechterhalten werden.

Meyers Anteil an den ganz düsteren Seiten des Gangstertums ist nie ganz geklärt worden. Sicher konnte er einen Revolver bedienen, einem Kampf nicht immer aus dem Weg gehen, doch seine Stärken lagen anderswo. In den Freundschaften, die er schloss. Zum Beispiel mit Dutch Schultz, dem wilden und kampffreudigen Bierkönig, oder dem Duzfreund des FBI-Direktors Hoover, Lewis Solon Rosenstiel, und anderen späteren Berühmtheiten aus den Kreisen der jüdischen Einwanderer der Bronx. Sie bildeten die Basis der später als »Kosher Nostra« bekannt gewordenen Organisation. Die nach dem Vorbild der »Cosa Nostra«, der amerikanischen Mafia, aufgebaut wurde.

Verräter wurden eliminiert, Gewinne geteilt, Reviere erobert. Ein Organisator, ein kluger Stratege war er, der Meyer, ein Menschenkenner mit Zahlen im Kopf. Er wusste, wer wem was schuldete, wer bestochen werden musste und mit welchen Mitteln. Er hielt seine Versprechen, in Mobsterkreisen nicht unbedingt das Übliche. Man verließ sich auf ihn, auf seine Worte und handelte danach. Aus dieser Zeit kommt auch sein Spitzname: »Honest Meyer«, der ehrliche Meyer. Er war zielstrebig, tüchtig und klug. Obwohl er nie in den innersten Kreis der Mafia aufgenommen wurde, kannte er sie alle, wurde als Berater hinzugezogen. Später war er derjenige, der mit den Gewinnen aus Prostitution, Glücksspielen und Drogenhandel legale Geschäfte aufbaute. 

Er schrieb nichts auf, hatte die Anlagen und Transaktionen im Kopf. Man bezeichnet ihn heute als den Erfinder der Geldwäsche, als Finanzgenie, als Bankier des organisierten Verbrechens. Er genoss das Vertrauen jener, die alles andere als vertrauenswürdig waren.

Meyer Meyer Lansky, 

shake mit ihm das Handsky,

kannst ihm in die Augen schauen und vertrauen,

auf ihn bauen.

MEYER WIRD GESCHÄFTSMANN

Meyer begann die Gelder der italienischen und jüdischen Kollegen in legale Geschäfte zu investieren. Da er seine Lektion zum Glücksspiel gelernt hatte, waren Spielcasinos seine große Leidenschaft. Bis in die frühen 50er Jahre wuchs sein Imperium, in welches das Geld von rund 300 namentlich bekannten Mobstern investiert wurde, stetig. Las Vegas und Havanna. Miami, New Orleans. Mehr als 30 Casinos, mit den dazugehörigen Hotels und Vergnügungsbetrieben, brachten ganz legal Gewinne. In Las Vegas sind die meisten der damals gegründeten Unternehmen nach wie vor in Betrieb.

Er gründete das berühmte Flamingo, mit dem eine tragische Geschichte verbunden wird: Der Jugendfreund Bugsy Siegel wurde dort als Geschäftsleiter eingesetzt. Doch er interessierte sich weniger für die legalen Geschäfte. Er lebte gut und besser, verschleuderte Gewinne und Investitionen, bis es seinen Geldgebern dann doch zu viel wurde. Nachdem er mehrmals verwarnt worden war, wurde er beim Zeitungslesen in seiner Wohnung in Beverly Hills am 20. Juni 1947 mit neun Schüssen ermordet. Der Auftrag dazu kam von ganz oben. Unter den Auftraggebern war auch Meyer, der später allerdings sagte: »Wenn es nach mir gegangen wäre, würde Bugsy noch leben.« 

Zwanzig Minuten nach dem Mord kamen zwei Vertreter der »Kosher Nostra« in die Lobby des Flamingo und übernahmen die Administration.

Meyer Meyer Lansky,

bringt Money zum Banksky,

nimmt’s aus deinen Taschen, 

tut es dann weißwaschen,

lass dich überraschen.

MEYER DER VISIONÄR

Bugsys Tod war knapp ein Jahr zuvor auf der berühmten Havanna-Konferenz im Dezember 1946 beschlossen worden. Diese einzigartige Versammlung der wichtigsten Capos der Mafia und der »Kosher Nostra« fand im Hotel Nacional statt. Gastgeber waren Lucky Luciano und der »kleine Mann«, wie Meyer Lansky auch genannt wurde. Eingeladen waren die Capos der amerikanischen »Cosa Nostra«-Familien. Lucky konnte zu dieser Zeit nicht mehr in die Staaten einreisen. Er war nach Italien verbannt worden. Ziel der Konferenz: Die Aufteilung der USA, die Geschäftsbereiche der einzelnen Familien. 23 Bosse, mit Entourage, trafen sich gutgelaunt und voller Ideen. Neu war vor allem das Engagement in Drogengeschäften.

Zudem wurden Verbindungen geknüpft, alte Freunde begrüßt, guter Bourbon getrunken und sicher auch das eine oder andere Spielchen gemacht. Gelder wurden überreicht, so soll Vito Genovese sein Anteil am amerikanischen Geschäft, rund zwei Millionen Dollar, in einem Köfferchen überreicht worden sein. Offiziell galt der Anlass als eine große Party. Mit einem Konzert von Frank Sinatra. In großer Runde wurden abends große Galadinners abgehalten, tagsüber traf man sich in kleineren Kreisen. Eine Woche lang dauerte das geschäftige Treiben. In irgendeiner der Sitzungen wurde dann, fast nebenbei, der Tod Bugsy Siegels beschlossen. 

Für Meyer war es bereits klar, dass er die geschäftlichen Aktivitäten seiner Leute in Havanna erweitern wollte. Dank seiner engen Beziehungen zu der regierenden korrupten Staatsmaschinerie Cubas konnte er auf der Zuckerinsel mehr oder weniger machen, was er wollte. Und Großes stand bevor. Gelder für Investitionen flossen großzügig und das FBI unter Hoover war nicht zuständig. Doch zuerst musste klar Schiff gemacht werden. Meyer reiste unermüdlich zwischen den USA und Havanna.

Goldene Zeiten

Nach und nach baute er nach der großen Konferenz die Vergnügungsindustrie auf Kuba aus. Neben dem erwähnten Hotel Nacional, welches von Meyers Bruder Jake geführt wurde, wurden Clubs und Casinos fast im Stundentakt eröffnet. Zwar musste Luciano 1947 auf Verlangen der USA Kuba verlassen, doch Meyer blieb und war rührig. Der Unteroffizier Fulgencio Batista, der bereits in den 30er Jahren einen Aufstand inszenierte, bekam eine Schlüsselposition. Fünf Jahre nach der Havanna-Konferenz machte er sich dank eines Militärputsches, an dem die Mafiagelder nicht ganz unschuldig waren, zum alleinigen Diktator der Insel.

Die goldenen Zeiten begannen. Meyer beschloss, sein Geld auch in Havanna zu investieren. Er baute 1957 in Havanna das Riviera, ein Superhotel mit 350 Zimmern und allem drum und dransky. Wie das Nacional existiert auch das Gran Caribe Riviera heute noch. Der Schriftzug, der das Gebäude ziert, soll von Meyer selbst stammen. 

Batista, der ehemalige Schreibstubensergeant, war allmächtig. Er bezog aus sämtlichen Aktivitäten der Gangster einen Anteil von zehn Prozent. Täglich ließ er sich seine Beteiligung auszahlen. Angeblich soll er bei seiner späteren Flucht aus dem Lande 40 Millionen US-Dollar mitgenommen haben. In bar. In Koffern.

Er verstarb friedlich in Marbella, 1973, im Alter von 72 Jahren. Während seiner Amtszeit ließen er und seine Geheimpolizisten bis zu 20.000 Menschen ermorden. Die genaue Zahl ist nicht bekannt.

MEYERS KURZES GLÜCK

Meyer wähnte sich im Paradies. Er plante, in einer Art imperialem Größenwahn, weitere Hotels und Ferienanlagen entlang der Westküste Cubas. Es sollten Pläne bleiben. Er verkannte die Situation. Die Batista-Diktatur vernachlässigte die Bevölkerung, vergab an Investoren Land und Reichtum Cubas. Die Bauern verhungerten, und wenn sie protestierten, wurden sie umgebracht. Die Insel wurde von den fremden Unternehmern abgezockt. Schulbildung, oder auch nur menschenwürdige Lebensbedingungen, waren für die meisten Bewohner nicht erreichbar. 

Ein junger Anwalt namens Fidel Castro und einige Freunde, unter ihnen Che Guevara, bauten eine Untergrundbewegung auf. Der bewaffnete Widerstand begann. Batista war zu gierig und offenbar zu dumm, diese Bewegung richtig einzuschätzen. Zur Jahreswende 1958 marschierten die Revolutionäre in Havanna ein. Mit einem Paukenschlag wurde das Gangster-Paradies zur sozialistischen Republik. Die Enteignungen der ergaunerten Besitze waren eine Frage von Tagen. 

Meyer musste gehen. Die Revolutionäre ließen sich nicht kaufen.

Meyer Meyer Lansky,

strolls there mit sein Hundsky.

Ein alter Mann vom Mafiaorden, tut nicht mehr morden,

ganz lieb geworden.

MEYERS ODYSEE UND RUHESTAND

Little Man kehrte in die USA zurück. Doch das Glück hatte ihn verlassen. Das FBI war auf seiner Spur, die Casinos wurden zum Teil von Staats wegen geschlossen, andere waren verkauft worden. Hatte er noch vor wenigen Jahren die Macht besessen, einen der Köpfe der New Yorker Mafia, Albert Anastasia, ermorden zu lassen, so waren seine alten Seilschaften jetzt brüchig geworden. Seine Aktivitäten in den 60er Jahren wurden zusehends krimineller. Er setzte auf Drogenhandel und Prostitution. Zwar baute er noch Golfplätze, doch seine glückliche Hand in Geschäften hatte ihn verlassen. Im März 1970 wurde er wegen Drogenbesitzes verhaftet. Zwar gelang es ihm, auf Kaution freizukommen, doch seine große Zeit war vorbei. 

Er flüchtete nach Israel und versuchte vergeblich, die dortige Staatsbürgerschaft zu erlangen. Nach vierzehnmonatigem Ringen wurde er ausgewiesen. Israel verdankt ihm ein Gesetz, welches kriminellen Juden das Recht auf die Staatsbürgerschaft verweigert. Eine unruhige Flucht begann, über die Schweiz, Argentinien, Brasilien und Paraguay, nirgends wurde er aufgenommen. Er landete schließlich in New York. Dort wurde er vor Gericht gestellt.

Steuerhinterziehung, der einzige Anklagepunkt, endete mit einem Freispruch. Es war ihm nichts nachzuweisen. 

Meyer war kaum mehr aktiv. Er lebte bescheiden in einer kleinen Wohnung in Miami Beach, ging täglich mit seinem Hündchen spazieren. An den Nachmittagen traf er sich mit Freunden in einer kleinen Bar. Abends ging er früh ins Bett. 1982 diagnostizierte man bei ihm Lungenkrebs – er war zeitlebens ein starker Raucher. Am 15. Januar 1983 starb er im Mount Sinai Hospital in Miami. Seine letzten Worte waren: »Let me go.«

Angel Meyer Lansky,

spielt soft auf seiner Harfsky,

von oben sieht er, welche Pracht, wie man heut’ Geschäfte macht.

Und er lacht.

BÜRGER MEYER

Meyer war belesen, gebildet und kultiviert. Er war Jude. Obwohl er den jüdischen Glauben nicht praktizierte und auch kein Zionist war, unterstützte er zeit seines Lebens jüdische Wohlfahrtseinrichtungen. Und Waffenkäufe der israelischen Widerstandsbewegungen der 40er und 50er Jahre. Er hielt nicht viel von der schillernden Halbwelt, in der die meisten seiner Geschäftsfreunde verkehrten.

Seine erste Frau, Anne, die er heiratete, war keine »Femme Fatale«, sondern eine kleinbürgerliche, jüdische Hausfrau aus der alten Nachbarschaft. Man sagt, Meyers Mutter hätte sie für ihn ausgesucht. Sie gebar ihm drei Kinder. Der eine Junge, Buddy, erkrankte an Kinderlähmung und blieb behindert, eine Tatsache, wofür Anne ihren Mann Meyer verantwortlich machte. Es sei eine Strafe Gottes dafür, dass er sich an dunklen Geschäften bereichere und mit den »ehrenwerten« Herren zusammen laufend gegen die Gesetze verstoße. Das ertrug die gute Anne nicht, 1947 ließ sie sich scheiden.

Meyers Sprösslinge

Meyer, der sein Familienleben nie an die große Glocke hing, heiratete später seine Fußpflegerin, Teddy Schwartz, aus Miami, mit der er bis zu seinem Tod zusammenblieb. Sie brachte ihren Sohn aus erster Ehe mit in die neue Verbindung. Dieser, sein Stiefsohn Richard, wurde 1977 bei einer Auseinandersetzung in einer Bar erschossen. Buddy starb 1989. Der andere Sohn, Paul, besuchte die Universität und arbeitete später für die US-Regierung. Sein Vater war stolz auf ihn.

Tochter Sandra veröffentlichte 2014 ihre Biografie, in der sie ihren Vater als ihren besten Freund lobt sowie ihre Jugend und ihr Leben als junge Frau unter Mobstern beschreibt. Sie war befreundet mit allen, heiratete später Vince Lombardo, selbst ein Herr der ehrenwerten Gesellschaft. Sandra lebt heute als 79-jährige, verwitwete Lady in Tampa, Florida. Sie gebar als sehr junge Frau ihren Sohn, Gary Rapoport, einen Enkel Meyers, der sich ebenfalls liebevoll an seinen Großvater erinnert. Er ist der jüngste aus der direkten Linie.

Je nach den Entwicklungen der neuen kubanisch-amerikanischen Beziehungen könnte Gary bald seine Ansprüche auf das Gran Caribe Riviera anmelden.

 

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