Der Tod tanzt in Mexiko

By Luisroj96 (Own work), via Wikimedia Commons
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Oh ihr Prinzen der Chichimecas!

Fürchte dich nicht, mein Herz!

In all der Fülle

will mein Herz den Tod mit der Schneide des Obsidians.

AUS EINEM SCHLACHTGEDICHT DER AZTEKEN

 

»Die Mexikaner sind anders«, denke ich, als ich gegen Mittag ins Hotel Isabel la Católica im historischen Zentrum komme, die alte schwere Holztür öffne und mir ein fröhliches Skelett aus Pappmaché entgegenspringt. Ich checke ein. Beim Öffnen der Toilettentür geht ein Sargdeckel auf und ein anderes Skelett setzt sich freundlich grinsend auf.

Ich bin hier, weil ich etwas lernen will über den Umgang mit dem Tod. »Memento mori« – gedenke des Todes – hieß es im Mittelalter, und aus dieser Zeit gibt es auch in unserer Kultur Bilder von tanzenden Skeletten und Totenschädeln. Aber die Stimmung ist meist düster – nicht zu vergleichen mit den koketten Skeletten, die mir hier überall begegnen.

Meine Schwester starb. Sie war einfach weg – das ist bis heute für mich nicht fassbar. Hier bleibt man in Kontakt, die Welten sind nicht getrennt. Die Toten kommen einmal im Jahr zu Besuch und essen sich satt. Und die Heilige Frau Tod wird angebetet wie die Jungfrau Maria. Das will ich erleben.

1. Tag: Hotel

Ich schrecke hoch in der Abenddämmerung. Kurz weiß ich nicht, wo ich bin – ach ja, in einem Hotelzimmer in Mexiko-Stadt.

Ich träumte: Mein Vater spielt das Gutenachtlied auf der Viola: »Morgen früh, wenn Gott will, wirst du wieder geweckt.« Ich weiß noch, dass mir das immer ein bisschen Angst gemacht hat. Wenn Gott will, was soll das heißen? »Klar werd ich wieder geweckt«, denke ich beim Einschlafen.

Es ist schon dunkel, als ich rausgehe. Ich genieße es sehr, durch die Masse zu treiben, nichts zu tun zu haben. Der Zócalo. Verkäufer schreien: »10 pesos«, »5 pesos«. Was sie verkaufen, weiß ich nicht. Die breite Ringstraße um den riesigen Platz ist gesperrt. Wie zu Halloween gekleidete Frauen mit Teufelshörnern. Geister. Ein junger Mann mit einem Messer im Kopf. Ein Mädchen wird im Kinderwagen geschoben, es schwenkt ein kleines Leuchtskelett, das mit den Zähnen klappert. Ein silberner Totenkopf mit roten glänzenden Zähnen und Kulleraugen. Eine riesige Leinwand, ich sehe den Todesbaum – ein Aztekenkrieger tritt heraus.

Farbige Totenköpfe. Mexiko, Tag der Toten.
By Luisroj96 – Own work, CC BY-SA 3.0, Wikimedia Commons

 

Ich gehe weiter, und die Trommeln werden lauter. Massen von Menschen defilieren über den Platz. In kleinen Zelten sind Ofrendas aufgebaut, Nahrung für die Toten. »Die scheinen hier ja ganz schön hungrig zu sein«, denke ich.

Eine Bettlerin in Grau mit ganz dünnen spinnigen Händen, an die Hauswand geschmiegt, ein Schatten. Überall die Drehorgeln aus dem alten Berlin, die heute aus dem letzten Loch pfeifen. Ich habe die Richtung verloren.

Als ich zurück ins Hotel gehe, sitzt die Bettlerin immer noch da, an die Wand gekauert, ganz in Grau. Über ihr im Schaufenster ein Mannequin, schwarz gekleidet auf einem roten Sofa, daneben rote Gladiolen. Die Hand der Bettlerin schaut weiß aus dem grauen Umhang, sie redet leise vor sich hin. Man sieht sie kaum, sie verschmilzt mit der Wand.

2. Tag: Park in Mexiko-Stadt

Am Morgen habe ich mir an einer Straßenecke einen Strauß Gladiolen gekauft. Es sind wilde, mit kleinen Blüten. Feuerrot. Explodiertes Leben in diesemsterilen Hotelzimmer. Jetzt sitze ich auf einer Bank in einem kleinen Park in der Nähe der Universität Sor Juana.

Der kleine Park ist mitten in der Altstadt. Ich schaue einem Mann zu, markantes Gesicht, Hut auf dem geschorenen Kopf – was für eine sexy Stimme. Er steht hinter einem Wägelchen mit einem Eisblock und Flaschen mit buntem Inhalt. Die Leute zeigen darauf, und dann schabt er Eis ab und schüttet diese Flüssigkeiten darüber – pink, giftgrün, knallgelb. Die Kinder haben Freude daran, auch die Erwachsenen, für jeden hat er einen Spruch.

»Raspado y granizado, guarita, pruébelo, venga, pásele por este lado«

… ruft er laut ohne Punkt und Komma. So kann ich es nicht verstehen.

Ich frage ihn: »Was machen Sie da?« – »Rasgo cielo – ich kratze am Himmel.« Ich, verwundert: »Was machen Sie?« Und dann verstehe ich: »Rasgo hielo – ich kratze Eis.« Cielo, hielo – er versteht, und wir lachen beide. »Und was machen Sie?« – »Busco la muerte – Ich suche den Tod«, antworte ich immer noch lachend, und bestelle ein Eis.

»Du suchst den Tod? Willst du sterben?« – »Nein. Hier in Mexiko, sagt man, spaziert der Tod durch die Straßen.« – »Du willst den Tod treffen?« – »¡Sí! – Ja.« – »Ich zeig ihn dir.«

Er bemerkt mein Zögern. »Hab keine Angst. Egal wohin du gehst, sterben wirst du da, wo es dir bestimmt ist«, sagt er so, dass ich nicht weiß, ob es ein Scherz ist. Wir reden noch eine Weile. Ich weiß nicht warum, aber ich traue ihm … Und so verabrede ich mich mit Pancho, dem Eiskratzer, für den kommenden Morgen, damit er mir die Santísima Muerte, die heilige Gevatterin Tod, zeigen kann.

3. Tag: Der Tod der Santísima Muerte in Tepito

Heute Morgen waren die untersten Blüten von meinen Gladiolen verwelkt. Ich habe sie abgezupft. Aber nach oben hin, da wo sie gestern noch geschlossen waren, sind andere wieder aufgeblüht. Etwas stirbt und etwas blüht auf.

Heute wird es heiß werden. Schon jetzt, am Morgen, kann man es spüren. Der Himmel über Mexiko ist strahlend blau. Als ich aus dem Hotel trete, ist Pancho wieder da. Pancho mit seinem verwegenen Hut und seinem Poncho.

Er fragt mich: »Willst du Doña Queta kennenlernen? Sie hat einen Altar der Santísima Muerte – den ersten öffentlichen Altar in Mexiko.« Natürlich will ich. Wir fahren in den Stadtteil Tepito. Das Barrio der Diebe. Früher, als es noch keine Handys gab, haben sich die Autoknacker untereinander mit Pfiffen verständigt, wenn Gefahr im Verzug war. »Te pito« – ich pfeife dir.

Tag der Toten, Mexiko
By Luisroj96 – Own work, CC BY-SA 3.0, Wikimedia Commons

 

Wir kommen an ein Schaufenster, darin ein Skelett im Brautgewand, lebensgroß. Der Altar. Davor liegen Früchte, Süßigkeiten, Zigaretten. Pancho erzählt: »Es heißt unter Mexikoforschern, die Santísima Muerte sei eine ›gebannte Heilige‹, der katholische Deckmantel für die aztekische Totengöttin Micteacacihuatl, die mit ihrem Mann in der Unterwelt regiert.«

Da kommt schon Doña Queta, die Hüterin des Altars. Sie ist eine kleine quirlige Frau um die sechzig, mit warmen Augen. Sie begrüßt mich, die Fremde, freundlich. Was ich denn hier wolle? Ob ich denn nicht wisse, dass der Stadtteil gefährlich sei für Ausländer? »Aber ich bin doch mit Pancho hier«, sage ich.

»Solange du bei Doña Queta bist, passiert dir nichts«, sagt sie. Dann bittet sie uns herein. Wir kommen in ein Zimmer, gedrängt voll mit Skeletten. In der Mitte thront die Todeskönigin in wunderschönen Ballkleidern, wie aus dem Mittelalter. Links von ihr ein über zwei Meter großes Skelett aus Holz, daneben einige mittlerer Größe aus Pappmaché. Andere Skelette sind nur wenige Zentimeter groß.

Ich: Da ist eine Heilige Gevatterin Tod hinter dem Sarg …

Queta: Ihr ist der Mann gestorben, sie ist Witwe, jetzt wird sie ihn begraben …

Ich: Aber sie ist ja selbst eine Tote.

Queta: Jaah, si …

Ich: Und alle um den Sarg sind Tote, ui, sie bewegen den Kopf.

Queta: Ja, sie sind zufrieden, meine Mädchen, in ihren Brautkleidern. Hier habe ich den Myrthenzweig, Schuhe, den Schleier, einen Hut und hier das Hochzeitskleid, hab ich genäht.

Ich: Sie machen die Kleider selbst?

Queta: Ja, schau, diese Flaquita, diese dünne Dame, wie elegant sie ist, wie schön.

Ich: Mir gefällt die, die Zigarre raucht, dort an der Seite, die ist ganz schön kokett.

Queta: Die dort hat einen Schirm, diese ein Handy, sehr elegant, und die da eine Handtasche.

Ich: Einige haben sogar Haare und Ohrringe.

Queta: Ja, ich mache sie hübsch. Schau, diese hier hat ein schulterfreies Kleid. Für mich ist das alles hier heilig, richtig chingón, stark.

Ich stehe da. Schaue. Um mich herum alles Skelette. Es verwirrt mich. Ich frage sie nach ihrem Mann. »Bist Du verheiratet?« Queta meint: »Ach, sieh mal einer an, du magst Klatsch.« – »Na klar«, sage ich, und wir lachen. Doña Queta erzählt, dass sie Witwe ist, aber seit 17 Jahren einen neuen Partner hat. Meine süße magere Freundin hat ihn mir geschenkt, und ich passe auf ihn auf.«

Aber was ist denn der Unterschied zwischen Gott und Tod, will ich wissen. Doña Queta schaut mich verschmitzt an: »Gott wirkt Wunder, aber große Wunder gibt es höchst selten im Leben. Die heilige Frau Tod tut dir einen Gefallen, und das jeden Tag. Wenn du den Tod um etwas bittest, musst du ihm immer etwas zurückgeben. Sonst rächt er sich grausam an dir.«

Wir treten aus dem Haus. Unter dem Schutz von Doña Queta traue ich mich, Fragen zu stellen. Es heißt, die Santísima Muerte, die Heilige Frau Tod, sei die Schutzpatronin der Drogenmafiosos, der Auftragsmörder und Kriminellen. »Ich hatte sogar Angst, mich dem Altar zu nähern, ich habe gehört, die Drogenmafia hat sich dem Kult des Todes gewidmet, und man würde sogar getötet, wenn man nur fragt.«

Queta schaut mir in die Augen. Ein Augenblick der Stille. »Camina sin miedo«, sagt sie, »gehe deinen Weg ohne Angst. Du wirst da sterben, wo es sein soll. Gott ist groß, er schützt uns.«

Jetzt sind schon die ersten Geburtstagsgäste da: Die Straße vor Doña Quetas Altar füllt sich mit Menschen, die alle ein Idol des Todes tragen oder vor sich stehen haben, in allen Größen und Ausführungen. Jetzt kommen die Mariachi und bauen sich auf. Doña Queta organisiert alles. Das Hündchen unter dem Stuhl neben dem Altar singt mit.

Doña Queta eilt davon, jetzt hat sich herrumgesprochen, dass wir zu ihr gehören, und so sind wir sicher. Pancho und ich gehen durch die wachsende Menge, schauen, und immer wieder werden uns Süßigkeiten angeboten. Eine Frau besprüht mit Duftspray das Idol des Nachbarn, um es zu segnen, und der Besitzer des Idols wiederum schenkt der Segnenden einen Lutscher.

Überall sind Altäre aufgestellt, auf jedem eine heilige Frau Tod. In allen Formen, mit Perücke, mit Muscheln, mit Krone. Ein junges Paar nähert sich auf den Knien dem Altar von Doña Queta.

Hier eine Piedad.

Der Todesengel trägt einen männlichen Leichnam, grausig ist er anzusehen.

Der Tod ist eine Dame mit Sonnenhut und Luftballon, sie hält die Weltkugel in der Hand.

Der Tod ist eine Dame mit Perücke auf dem Schädel mit schwarz-rotem Umhang. Der Tod ist eine Dämonin. Am Handgelenk hängt eine kleine Leiche.

Der Tod ist ein winziges Püppchen.

Der Tod ist ein übermenschengroßes Holzskelett.

An dem Altar mit dem dämonischen Tod steht ein kleiner Junge. Er schaut sich das alles ganz genau an.

Wieder rutscht jemand auf Knien vorbei. Es kommt schon die ganze Straße herunter immer auf Knien. Sieht anstrengend aus. Die Menge ist jetzt so dicht, dass wir uns kaum noch bewegen können. Doña Queta teilt Essen aus, Hühnchen mit Mole für alle. Und zum Nachtisch Kuchen, auf die mit knallbunten Farben aus Zuckerguss die unterschiedlichsten Todesengel aufgespritzt sind. Ununterbrochen defilieren Menschen am Altar vorbei, beten, verbeugen sich vor der Santísima Muerte, der Heiligen Frau Tod.

Ein junger Mann hat drei riesige Tattoos mit der Santísima Muerte: auf dem Bauch, auf dem Rücken, auf der Brust. Er sagt, Frau Tod habe ihm drei Mal das Leben gerettet, und so hat er ihr drei Tattoos gewidmet. Dann erzählt er uns:

»Die Tattoos zeigen, dass ich mein Leben, mein Herz und meine Seele hingebe an die Santísima Muerte.«

Ich habe drei Attentate überlebt. Einmal hat man mir eine Pistole an den Kopf gehalten – und der Schuß ging an der Seite vorbei. Es hat mir nur das Trommelfell zerrissen. Dann wurde ich mit einem Messer mehrmals in die Brust gestochen, ein andermal in den Rücken, in die Lungen. Ich habe sie angefleht, und sie war für mich da, hat mir ihre Arme geöffnet. Mit viel Liebe und Zärtlichkeit werde ich mit ihr gehen, an dem Tag, an dem sie mich bittet zu kommen. «

Plötzlich, auf ein geheimes Zeichen hin, das mir entgangen ist, heben alle im gleichen Moment ihre Idole gen Himmel – Menschen und Totenfiguren, soweit das Auge reicht. Sie beginnen zu beten, es klingt wie eine katholische Litanei: »Geliebte Gevatterin Tod, ich bitte dich vom ganzen Herzen, da Gott dich unsterblich gemacht hat als machtvolle Königin des Zwielichtes der Unterwelt, dass du mit dieser großen Macht mir Sieg schenkst über meine Feinde und mich beschützt. Schenke mir himmlische Tage ohne Dunkelheit. Ich bitte dich, erhör mein Gebet.«

Als das Gebet zu Ende ist, sagt Doña Queta drängend zu Pancho: »Ihr müsst jetzt sofort hier weg.« Pancho nickt, packt mich am Arm und lotst mich durch die Menge. Während des Geburtstages der Frau Tod herrscht Waffenruhe im Stadtteil Tepito, aber nach dem Gebet geht alles wieder seinen gewohnten Gang.

Tag der Toten, Mexiko
© Tomas Castelazo, tomascastelazo.com / Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0

Während wir an einer Straßenecke Tacos essen und ein Bier trinken, sagt Pancho plötzlich:

»Ich möchte dahin kommen, dass ich gut sterben kann …

Ich lebe heute, ob auch morgen noch, das weiß ich nicht.

Also muss ich aus der Fülle leben, da ich nicht weiß, ob ich morgen früh wieder erwache.«

Wir gehen weiter. In einer leeren Kirche singt eine Frau. »Wir werden jetzt Don Fernando besuchen«, sagt er. Wir kommen an einen Stand mit Büchern.

Pancho begrüßt einen Indígena und erzählt, ich sei auf den Spuren des Todes.

Don Fernando spricht ein Gedicht auf Nahuatl. Es berührt mich tief, ohne dass ich es verstehe.

Dann erzählt er: »Das Gedicht kommt aus der Zeit der Conquista. Früher haben wir unsere Toten unter dem Küchenfeuer begraben. Das wurde von den Priestern unter Todesstrafe verboten. Wir mussten die Toten auf den Friedhof bringen. Nur so kamen wir auch in die Kirche – wir mussten sie ja besuchen.«

Pancho nickt, dankt Don Fernando, und wir gehen weiter. Seine Anwesenheit, einfach so, tut mir gut. Gleichzeitig kreise ich über uns wie ein Habicht und beobachte. Es kann doch nicht sein, dass er sich aus purer Menschenfreundlichkeit so viel Zeit für mich nimmt.

»Mama,

wenn ich sterbe, begrabe mich unter der Feuerstelle in der Küche.

Und wenn du Tortillas machst,

wein um mich.

Und wenn dich jemand fragt, Mama,

warum weinst du,

sag:

Das Holz ist grün, und der Rauch macht mich weinen.«

Alles ist so einfach und selbstverständlich, aber ich kann es nicht lassen – ich muss immer und alles in etwas Altbekanntes einordnen. Ich frage ihn, warum er sich so viel Zeit für mich nimmt. Ich habe ihm schon Geld angeboten, aber das will er nicht. Das verunsichert mich noch mehr.

»Ich tue es nicht für dich«, sagt er. »Der Tod – das interessiert mich auch. Und es ist gut, in diesen Totentagen auf Spurensuche zu gehen.« Dann frage ich Pancho: »Es gibt einen Bruch in deinem Leben, oder? Du warst doch nicht immer Eisverkäufer?«

»Nein. Na gut, ich habe vieles getan in meinem Leben. Ich war Radiomacher, habe dann Piratensender für die Zapatistas eingerichtet, später war ich Fischer, dann Friedensarbeiter, und jetzt mache ich Eis.« Und dann sagt er, ganz selbstbewusst: »Ich verdiene genug, kann hingehen, wohin ich will, und frei über meine Zeit bestimmen. Das ist Luxus in den heutigen Zeiten. Ich bin ein freier Mann.«

Am Nachmittag fahren wir zwei Stunden lang mit dem Bus in ein Städtchen in der Nähe von Mexiko-Stadt, Tlayacapan. Vorbei an den Ruinen der Pyramiden, wo noch vor fünfhundert Jahren die Jaguarpriester der Azteken herrschten.

Pancho erzählt: »Die Azteken rissen den in den Blumenkriegen gefangenen Kriegern auf dem Gipfel der Pyramide die Brust auf. Hielten die zuckenden Herzen in die Sonne, den Göttern entgegen – Leben pur –, damit sie den Lebenden gnädig gestimmt blieben. Es wird berichtet, dass die Opfer fröhlich und gelassen waren, denn, so sagt der Aztek zu den fassungslosen Spaniern: ›Dafür sind wir geboren, dafür ziehen wir ins Feld, und das ist der glückselige Tod, den uns unsere Ahnen kündeten und priesen.‹«

Und dann reden wir über den Krieg als rituelles Töten bei den Azteken und die Massaker, die in der modernen Gesellschaft als »zivilisierter« Krieg verkauft werden – während es in Wirklichkeit nur um Bodenschätze und andere weltliche Interessen geht.

Tag der Toten, Mexiko
By Luisroj96 – Own work, CC BY-SA 3.0, Wikimedia Commons

 

Dann kommen wir in Tlayacapan an. Wir laufen über den Friedhof in der Dämmerung. Im Hintergrund grüne steile Berge, dahinter geht die Sonne unter, der Himmel leuchtet rot. Es kommt ein Mann mit einer Tuba, setzt sich auf ein Grab. Wartet. Es kommt eine kleine Gruppe junger Männer mit Trompeten, sie setzen sich auf ein Grab, warten. Dann ein Mann mit einer Posaune. Langsam füllt sich der Friedhof mit immer mehr Musikern. Dann beginnen sie zu spielen. Magie. Die Töne lassen mich weinen.

»Warum spielen Sie auf einem leeren Friedhof ohne Publikum?«, frage ich einen der Bläser. – »Seit ich mich erinnern kann, sind wir mit meinem Vater an diesem Tag hierher gekommen, um zu spielen. Mein Vater sagte immer, wir spielen diese Musik für die Toten, nicht für die Lebenden, wir tun es, um die Verstorbenen in der Erinnerung zu ehren.« – »Und jetzt machen die Söhne weiter«, stelle ich fest. »Ja«, antwortet er, »die Söhne der Söhne der Söhne … so ist das.«

4. Tag: 1. November, Tlayacapan

Pancho stellt mir eine Frau vor, Doña Ana, die auf den Boden vor ihrem Haus einen Weg aus gelben Blütenblättern streut, bis zur Tür und hinaus auf die Straße. Der Geruch dieser Totenblumen weist den Toten den Weg vom Friedhof nach Hause.

Im Wohnzimmer ist eine dreistöckige Ofrenda aufgebaut, ein Altar mit Nahrung darauf, für die Toten, die zu Besuch kommen. Es gibt Photos der Verstorbenen und Wasser, damit sie nach dem langen Weg aus dem Totenreich ihren Durst stillen können.

Doña Ana sagt: »Ich will ein wenig mit meiner Mama meditieren, ich fühle mich ihr dann nahe. Ich spüre ihre Gegenwart.« – »Nehmen Sie ihre Präsenz wahr, wenn sie kommt?«, frage ich sie. – »Ja, natürlich, es ist ein ganz eigenes Gefühl für jeden, der kommt.« Der Altar wächst, Doña Ana packt Früchte, Süßigkeiten und Kerzen aus. »Und die Verstorbenen, denen niemand Essen gibt, die bekommen bei uns Wasser gegen ihren brennenden Durst sowie Früchte und eine Kerze«, fügt Doña Ana hinzu. Ich sehe Mais, Früchte, Brot, Apfelsinen, Pudding, gelbe Blumen, Wein, Wasser, Kuchen, Hühnchen, Zuckertotenköpfchen, Bananen, Schokolade, Bier, Tamales, Räucherwerk, Schnaps, Zuckerrohr und Cigaretten.

Die Tochter, eine kräftige junge Frau, zeigt auf den Gabentisch: »Das ist eine Kerze für ein Seelchen, auf das niemand wartet, und die anderen sind für unsere Kinder, sechs Kleine, die gestorben sind – meine Geschwister. Wir glauben, sie kommen und nehmen die Essenz von allem mit.«

Ich bin erstaunt – die Tassen hier waren doch vorhin noch voll. Ana nickt, und meint, die Toten trinken das Wasser nach ihrem langen Weg – das scheint einfach selbstverständlich zu sein.

Dann betet sie laut – so, als wäre sie alleine:

»Ich, die Herrin des Hauses,

ich hoffe, dass ihr mit Freuden kommt,

meine Kinder, Eltern, Schwiegereltern und Geschwister.

Hier seid ihr willkommen.

Ihr seid Teil unserer Familie, auch als Tote.

Ihr lebt in unserem Herzen,

wir würden euch gerne sehen, das geht nicht.

Aber wir können euch fühlen, das ist möglich.

Ihr seid immer bei uns,

so, als ob ihr noch leben würdet.«

Ich sehe mich im Bestattungsinstitut, als meine Schwester starb. Sie liegt da aufgebahrt. Keine Zeit zu trauern. Tod – ein Störfaktor, den wir versuchen wegzuorganisieren.

»Wie heißen die Süßigkeiten dort, Doña Ana?« frage ich. – »Das sind Totenköpfchen aus Zucker.« Doña Ana ist stolz auf ihr Leben, sie hat sich mit ihrem Mann zusammen einen bescheidenen Wohlstand erarbeitet. Sie sagt: »Heute alle hier zu haben, da weiß mach doch, wofür wir so viel gearbeitet haben, es ist so schön, die Toten und die lebenden Kinder, alle sind hier.«

Draußen hören wir laute schräge Tanzmusik. Kinder kommen an die Tür und wollen das Obst von der Ofrenda oder Süßigkeiten … Es treibt uns aus dem Haus.

Ein jugendliches Blasorchester mit wilden Masken von Skeletten tanzt mit einem Sarg durch die Straßen. Viele junge Menschen tanzen hinter dem Sarg her. Vor jedem Geschäft, vor jedem Eingang klappt ein schauriges Gespenst einen Sarg auf und bittet darum, ihn mit milden Gaben zu füllen. Auch eine Flasche Rum wird dabei nicht verschmäht.

Wir tanzen mit, ich fühle mich meiner Schwester nahe. Ich sage zu Pancho: »Mir fällt auf, dass ich den Tod nicht wahrnehme, ich habe das Gefühl, er passiert nur anderen, ich werde ewig leben.« Er grinst: »Und dann ist er plötzlich da, plaff, wie ein Blitz. Du gehst auf die Straße, ein Auto, putsch, überfährt dich und adios.« Wir lachen.

5. Tag: 2. November,

die Toten gehen zurück nach Hause

»Doña Queta hat etwas Schönes gesagt:

›Heute bin ich wach geworden,

ich lebte, und das macht mich glücklich.

Das ist meine Disziplin.

Die Augen öffnen, oh, ich lebe, wie schön,

und dann glücklich sein. Wie gut.

Oder: Ich öffne die Augen, ich bin gestorben,

aber auch glücklich –

das meine ich mit Disziplin.‹«

Tag der Toten, Mexiko
By Luisroj96 – Own work, CC BY-SA 3.0, Wikimedia Commons

Es ist Abend. Ich sitze auf einem der Gräber. Doña Ana stellt die Kerzen auf, zündet sie an, für jeden ihrer Toten eine. Und für die Seele, die niemanden mehr hat unter den Lebenden. Ich stelle mir vor, diese Kerze ist für dich, meine kleine Schwester.

Pancho und ich sehen, wie sich der Friedhof füllt, hunderte von Familien sind um die Gräber. Er sagt leise: »Doña Queta hat was Schönes gesagt: ›Heute bin ich wach geworden, ich lebte, und das macht mich glücklich. Das ist meine Disziplin. Die Augen öffnen, oh, ich lebe, wie schön, und dann glücklich sein. Wie gut.

Oder: Ich öffne die Augen, ich bin gestorben, aber auch glücklich – das meine ich mit Disziplin.‹«

Der Friedhof – ein Meer aus gelben Blumen und Kerzen. Die Dunkelheit senkt sich herab, eine mystische Stimmung. Doña Ana ruft einer Nachbarin zu, ob sie sich noch daran erinnert, wie ihre Grossmutter in die Hochzeitstorte ihrer Tochter gestolpert ist. Alle lachen. Kinder klettern über die Grabsteine, spielen Fangen. An einem anderen Grab wird gebetet, eine Frau weint alleine, an einen Stein gelehnt.

Es ist wie ein Abbild vom Leben und es erfüllt mich mit einer wilden Zärtlichkeit für alles Menschliche. Ruhe im Trubel, alles ist jetzt im Licht der tausend Kerzen.

Der Tod wird durchscheinend, gewinnt an Tiefe, alles ist in Veränderung, im Zentrum Frieden.

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