Der Zigarrenraucher: vom Industriebaron zum Genossen der Bosse

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Die Zigarre hat einen schillernden Ruf. Und dies nicht erst, seit die allgemeine Raucherhatz durch nationale Regierungen und die Europäische Kommission eingesetzt hat. Rauchverbote im öffentlichen Raum sind nur eine Facette dieser Entwicklung. Sie sind das i-Tüpfelchen einer langen Entwicklung, die ihren Anfang im 19. Jahrhundert nahm. Allerdings gab es auch schon früher vielfältige, widerstreitende und nicht nur negative Bilder vom Rauchen.

Das 19. Jahrhundert nimmt in der Bilderwelt des Rauchens aber natürlich eine herausragende Stellung ein. In diesem Jahrhundert wurden nicht nur die gesundheitlichen Gefahren des Rauchens erstmals medizinisch und öffentlich erörtert. Es war auch das Jahrhundert, in dem sich weitwirkende Klischees und Zerrbilder vom Zigarrenraucher herausbildeten und in der Presse und in der politischen Polemik Widerhall fanden. Und es war das Jahrhundert, in dem der große Konkurrent der Zigarre, die Zigarette, erfunden wurde.

Der Zigarre rauchende Kapitalist

Der Zigarren rauchende Kapitalist, Cover des Magazins "ULK"
Foto: Universitäts-Bibliothek Heidelberg

Eine der Klischeefiguren seit dem 19. Jahrhundert ist der Zigarre rauchende Kapitalist, den eine Aura dunstgeschwängerter Raffgier und glühender Korruption umgab. Die bildliche Zuspitzung des bösen Kapitalisten konnte mit demagogischer Raffinesse in dieser Zeit bis hin zum Verbrecher gehen. Die Vorstellung des wohlbeleibten, um nicht zu sagen dicken, Zigarre rauchenden Unternehmers im dreiteiligen Anzug mit Zylinder und goldener Taschenuhr gerann zu einem populären Feindbild in der gesellschaftlichen und politischen Auseinandersetzung um die Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung der modernen industriellen Welt. Es war ein Streit um Gut und Böse, um (linken) Fortschritt und (rechtes) Beharren.

In der politisch »unschuldigen« Ära des 19. Jahrhunderts, in welcher der politische Antisemitismus in Europa weit verbreitet war, aber noch nicht mit planmäßigem Völkermord assoziiert wurde, verband sich das Bild des Zigarre rauchenden Kapitalisten oft mit dem Klischee des Zigarre rauchenden »jüdischen Finanzkapitalisten«, wobei sich die gängigen bildlichen Stereotype der Zeit über Juden und Kapitalisten vermischten. Das genussvolle Rauchen erfuhr damit erstmals eine gänzlich negative Aufladung und Bebilderung. Allerdings galt dies nicht für das Rauchen generell, sondern vornehmlich für das Zigarrenrauchen. Das Pfeifen- und das Zigarettenrauchen produzierte zwar auch eindeutige klischeebehaftete öffentliche Bilder. Jedoch waren diese anders, weniger zugespitzt ausstaffiert.

Positive Assoziationen zum Rauchen gehen auf die Anfangszeit des Konsums von Tabak zurück, der im Laufe der kolonialen Expansion Europas nach Amerika in die alte Welt importiert wurde. Keinesfalls galt der Tabakkonsum damals als gesundheitsschädlich, ganz im Gegenteil.

Seit dem Ende des 16. Jahrhunderts hielt man Tabak für ein Medikament, das gegen zahlreiche körperliche Leiden Abhilfe schaffen könne, angefangen bei Kopf- und Zahnschmerzen über Vergiftungen bis hin zu Lungenleiden und Magen-Darm-Beschwerden.

Die Zigarre und der Tabak im Allgemeinen galten lange Zeit mehr als ein teures Heil- denn als Genussmittel. Das 19. Jahrhundert brachte eine Kehrtwende. Das einst positiv aufgeladene Zigarrenrauchen wurde zum Feindbild.

Die Pfeifenraucher

Dem Pfeifenrauchen hingegen wohnte auch im 19. Jahrhundert noch die hausväterliche Gemütlichkeit alter Herren und städtischer Honoratioren inne. Geprägt wurde dieses Bild wohl schon im 18. Jahrhundert in Preußen, als König Friedrich II., der »alte Fritz«, sich in seinem Tabakskollegium mit Männern umgab, mit denen er den durch Tabakqualm beförderten aufklärerischen geistigen Austausch und die männliche Geselligkeit – vielleicht auch mehr als nur Geselligkeit – pflegte. An weibliche Geselligkeit war in solch illustren Männerrunden nicht zu denken, geschweige denn an rauchende Frauen als alltägliche Erscheinung. Diese erblickten erst im 20. Jahrhundert das Licht der Öffentlichkeit, anfänglich noch Zigaretten mit Spitze, aber keinesfalls Zigarre rauchend.

Der gemütliche und etwas einfältige Pfeifenraucher fand seinen Weg auch in Bildergeschichten und Karikaturen des 19. Jahrhunderts. So verewigte der Maler, Zeichner und Satiriker Wilhelm Busch, der Autor von Max und Moritz, den Pfeife rauchenden Spießer und Kleinbürger in seinen zahlreichen Bildgeschichten. Am bekanntesten ist wohl der vierte Streich von Max und Moritz, als die Pfeife des Lehrers Lämpel von den beiden Übeltätern mit einer Ladung Schwarzpulver zu einer heftigen Explosion gebracht wird, die den Lehrer mit kahlgebranntem Kopf in seinem zertrümmerten Zuhause zurücklässt.

Zigarette gegen Zigarre – Arbeit gegen Kapital?

Alte Werbung der Zigarettenmarke Breiling
Foto: Rainer Ohliger

Und das Bild des Zigarettenrauchers? Dieses Bild ist viel jünger als jenes des Zigarren- und Pfeifenrauchers, da die Zigarette schlichtweg erst viel später erfunden und popularisiert wurde. Die Zigarette ist ein Kind der Industrialisierung. Dies gilt für ihre Produktion, die automatisiert am Fließband erfolgt, wie auch für ihren vergleichsweise kurzen Genuss. Die »Zigarettenpause« wurde sprichwörtlich für das moderne Arbeitsleben in der Fabrik und im Büro: ein nur kurzer Moment der körperlichen und seelischen Ruhe, frei von den stressigen Anforderungen der Arbeit, um sich dieser dann durch Nikotin berauscht umso effizienter wieder widmen zu können.

Zigaretten wurden erstmals in französischen und spanischen Zigarrenfabriken Mitte des 19. Jahrhunderts hergestellt. Und zwar aus den Tabakabfällen und -resten, die bei der Zigarrenproduktion anfielen. Damit war ein überaus erfolgreiches neues Produkt entwickelt worden, das nahezu perfekt die Bedürfnisse der industriellen Massengesellschaft erfüllte: schnell konsumierbar und aufputschend. Eine Zigarren- oder Pfeifenpause hingegen passte so ganz und gar nicht zum Leitbild des modernen Massenmenschen in der industriellen Welt.

Für die Zigarre bedurfte und bedarf es der Muße und eines Raums individueller Ruhe.

Eine solche Muße und Ruhe war nur den Wohlhabenden und Einflussreichen vergönnt, zumindest wenn man den populären Klischees der Zeit Glauben schenken will. Die Zigarre wurde zum Kontrapunkt der Zigarette, zum Symbol der herrschenden industriellen Elite, die das Kapital in den Händen hielt, um erst die einfachen und Zigarette rauchenden Menschen auszubeuten und dann die Früchte dieser Ausbeutung in Ruhe selbst zu genießen.

In den Tabakkonsum des 19. Jahrhunderts schrieb sich somit die Ideologie des Klassenkampfs jener Zeit ein, der in der Auseinandersetzung der politischen Ideen und Systeme bis zum Ende des 20. Jahrhunderts fortdauerte.

Historische Aficionados

Aber stimmt denn das karikierte Bild des ausbeuterischen, Zigarre rauchenden Unternehmers und Kapitalisten mit der historischen Wirklichkeit überein? Sicher, gute Zigarren wurden im 19. Jahrhundert zu einem Luxusprodukt für Kenner und Genießer, nicht zu einem Konsumartikel der Massen. Dafür waren sie schlichtweg zu teuer. Und ein ausgewähltes Produkt für den Aficionado sind sie bis heute geblieben.

Zu den historischen Aficionados gehörten aber auch die Helden der Arbeiterklasse und der Arbeiterkämpfe. Karl Marx? Er war ein leidenschaftlicher Zigarrenraucher, der sich für den Zigarrengenuss gar verschuldete. Oftmals konnte er aus Geldmangel nur minderwertige Produkte genießen. Wie hielt es sein Mitstreiter und Koautor Friedrich Engels? Engels war ein erfolgreicher Unternehmer, allerdings mit sozialistischen Ideen: auch er ein Zigarrenraucher. Der Revolutionär Lenin? Der Gründervater der Sowjetunion liebte den Genuss der Zigarre. Und die lateinamerikanischen Revolutionshelden Che Guevara und Fidel Castro sind ohne Zigarre ohnehin nicht denkbar.

Wie stand es mit dem revolutionär und kommunistisch gesonnenen Arbeiterdichter und Stückeschreiber Bert Brecht? Er, der Salonsozialist, war ebenfalls ein Verehrer guter Zigarren. Brecht war die betont linke und antikapitalistische Verkörperung des sozialistischen Zigarrenrauchers. Und auch der bislang letzte sozialdemokratische deutsche Kanzler, Gerhard Schröder, ist ein leidenschaftlicher Raucher guter Cohibas.

Hat vielleicht dieser »Genosse der Bosse«, wie der Altkanzler spöttisch betitelt wurde, gar den Gegensatz von Zigarre und Zigarette, den Gegensatz von Arbeit und Kapital dialektisch aufgehoben? War es womöglich dieser politische Führer der deutschen Sozialdemokratie, der das Zigarrenrauchen aus der Beletage des Kapitals herunterholte in die Freizeitoasen der zwar nicht klassenlosen, aber durchlässigen Dienstleistungsgesellschaft des 21. Jahrhunderts?

Zumindest liegt die Vermutung in der verrauchten Luft, dass es mit dem Beginn des 21. Jahrhunderts nicht nur zu einer Renaissance, sondern auch zu einer Demokratisierung des Zigarrenrauchens gekommen ist.

Fazit

Die Brandmarkung und die klischeehafte Wahrnehmung dieser schönen Freizeitbeschäftigung sind beendet. Ganz im Sinne des wunderbaren Slogans »Luxus für alle« beginnt damit womöglich eine neue Ära in der Geschichte des Images der Zigarre.

Die Gesellschaft der Gegenwart, eine Gesellschaft ungleicher Individualisten, verhilft damit einem alten Symbol des Individualismus und Erfolgs zu einem neuen verdienten Ort in der heutigen Symbol- und Vorstellungswelt. Die alten Feindbilder sind verraucht. Die Zigarre macht sich auf den Weg, ein weit verbreitetes demokratisches Freiheits- und Luxussymbol zu werden. Ist nicht der flüchtige und fliehende Genuss des Zigarrentabaks die passende Ergänzung zur flüssigen Demokratie des Internet- Zeitalters, der liquid democracy?

Mit oder ohne Zigarre: die großen gesellschaftspolitischen Auseinandersetzungen über eine richtige und gerechte Wirtschafts- und Sozialordnung bleiben der Welt erhalten. Die Zigarre taucht aber als Zeichen dieser Auseinandersetzung nicht mehr. Sie ist weder ein gutes noch ein schlechtes Symbol, sondern schlichtweg ein Genussmittel jenseits moralischer Kategorien. Die Kategorien »gut« oder »schlecht« sollten allenfalls auf die Qualität des Tabaks angewandt werden.


http://www.shmckr.com/ein-lesegenuss-wolfgang-schivelbuschs-klassiker/

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