Die 2. Leidenschaft der Madame Sand

Wir zelebrieren mit diesem Beitrag eine erstaunliche Frau: Amantine-Aurore-Lucile Dupin de Franceuil, besser bekannt als George Sand (1. Juli 1804 – 8. Juni 1876). Sie trug Männerkleidung, rauchte Zigarren, wechselte in aller Öffentlichkeit ihre Liebhaber, befasste sich mit Politik und bezeichnete sich selbst als Kommunistin. In ihrer Sippe sind Nachfahren französischer Könige und tingelnde Komödianten wild durcheinandergewürfelt. Ihre heute nur noch wenigen Kennern geläufigen Bücher erregten einst die Gemüter und begeisterten Tausende in der ganzen Welt.

 

Die zweite Leidenschaft von George Sand: die Liebe

»Werde ich Deine Freundin oder Deine Sklavin sein? Begehrst Du mich oder liebst Du mich? Wirst Du Dich erkenntlich zeigen, nachdem Du Deine Lust gestillt hast? Wenn ich Dich glücklich mache, wirst Du darüber reden können? Weisst Du, was ein Wunsch der Seele ist, den keine menschliche Zärtlichkeit imstande ist einzuschläfern oder zu schwächen?«

George Sand an Pietro Pagello, 1834

George Sand: ein Porträt

Angeblich soll George Sand mit jedem halbwegs bekannten Schriftsteller, Künstler und Musiker ihrer Zeit ein Verhältnis gehabt haben. Prosper Mérimée, Alfred de Musset und Frédéric Chopin sind die klingendsten Namen in dieser Liste.

Doch das, was viele Zeitgenossen für Liederlichkeit nahmen, war in Wirklichkeit das Bestreben, sich von schweren Komplexen zu befreien, die Sand seit ihrer Jugend quälten. Sie war keine Schönheit. Im Gegenteil, sie bezeichnete sich offen als Vogelscheuche. Ihre olivenfarbene Haut nahm mit dem Alter einen unschönen gelblichen Ton an, sie hatte große, aber meistens schläfrige Augen und nicht ein bißchen Eleganz, die, ihren eigenen Worten zufolge, bei anderen Frauen die Schönheit ersetzt hätte.

Sie war keine brillante Gesprächspartnerin, hörte lieber zu als selbst zu reden. Und zu guter Letzt war sie auch keine ausgezeichnete Liebhaberin, keine, die einem Mann Lust bereitete oder selbst welche durch seine Nähe empfand. Erzogen im Geiste von Rousseau, träumte Aurore seit ihrer Jugend von höherer platonischer Liebe und empfand zunächst kein Vergnügen in den groben Umarmungen des Baron Dudevant und später dann in den zwar feurigen, aber unerfahrenen Liebkosungen des jungen Sandeau.

 

George Sand
George Sand

Die idealistische Suche nach dem Mann ihrer Träume

Nicht nur einmal warf Alfred de Musset ihr im Zorn an den Kopf, dass es besser für sie wäre, Nonne zu werden. Sie antwortete ihm mit Beleidigungen und gab die Hoffnung nicht auf, eines Tages einen Mann zu treffen, der die wahre Frau in ihr erwecken würde. Jedes Mal, mit jedem neuen Liebhaber glaubte sie, dass dies die Liebe sei, die ihr das langerwartete Glück bringen würde.

Aber in Wirklichkeit beging sie jedes Mal denselben verhängnisvollen Fehler. In der Liebe folgte sie einem mütterlichen Instinkt und suchte sich stets Liebhaber, die schwächer und jünger waren als sie (Alfred de Musset und Frédéric Chopin etwa waren jeweils sechs Jahre jünger). Nur mit ihren großen »Kindern«, wie sie sie selbst nannte, konnte sie glücklich sein. Aber jedesmal nur für kurze Zeit.

Die Liebesaffäre mit Alfred de Musset

Die Liebesaffäre begann idyllisch. Aurore überwand sogar ihre sonstige Schamhaftigkeit und schrieb an Sainte-Beuve, ihren alten Freund und Lehrer, der sie mit dem jungen Dichter bekannt gemacht hatte: »Ich habe mich verliebt und diesmal ernsthaft, in Alfred de Musset. Ich hatte keine Ahnung, noch nicht einmal gehofft, es zu finden, schon gar nicht bei ihm. Am Anfang habe ich diese Liebe verleugnet, abgelehnt, mich vor ihr versperrt, dann habe ich mich ihr ergeben, und ich bin glücklich darüber.«

Aurores Befürchtungen waren mehr als begründet: Musset war ein verwöhnter junger Mann, der früh Ruhm und sinnliche Vergnügungen kennengelernt hatte. Bereits in jungen Jahren war er ständiger Besucher von Bordellen und Opiumhöhlen, ohne dabei seine angeborene Feinfühligkeit mit dem Hang zur Sentimentalität einzubüßen. Als er Aurore kennenlernte, war er dem Selbstmord nahe, physisch und moralisch am Boden.

Die langen Flitterwochen

Die ersten Monate ihrer Liebe in Aurores winziger Wohnung waren voller Sonnenschein. Wie Kinder amüsierten sie sich, machten Unsinn und dachten sich immer neue Späße aus. Einmal verkleidete sich Musset als Dienstmädchen mit kurzem Rock, Schürze und Kreuz um den Hals und bediente Aurores Gäste bei Tisch, wobei er es fertigbrachte, dem Philosophen Lerminier eine Karaffe Wasser über den Kopf zu schütten.

Da Alfred kein unbegabter Zeichner war, füllte er Aurores Album regelmäßig mit Karikaturen und Zeichnungen ihrer gemeinsamen Freunde und versah sie mit lustigen Unterschriften.

In diesem ganzen fröhlichen Durcheinander vergaß die tüchtige Aurore für keine Sekunde ihre Arbeit. Sie sprang mitten in der Nacht aus dem Bett auf, um pünktlich ihren nächsten Roman fertigstellen zu können, und las Alfred die Leviten, dem solcher Eifer fern war. Er tat dies nur mit einem Scherz ab: »Ich habe den ganzen Tag gearbeitet. Am Abend hatte ich zehn Verse gemacht und eine Flasche Schnaps getrunken. Sie hatte einen Liter Milch getrunken und ein halbes Buch geschrieben.«

Das Ende der Idylle

Das Ende kam unerwartet. Im Dezember 1833 reisten die Liebenden nach Venedig. Die Fahrt machte Musset schwer zu schaffen; er wurde seekrank und zitterte vor Wut und Schüttelfrost in der Kajüte, während Aurore mit einer Zigarre zwischen den Zähnen auf dem Oberdeck die Landschaft genoß. Sie fingen an, sich bis aufs Messer zu streiten: Musset warf ihr vor, dass sie zu männlich und niemals imstande gewesen sei, Liebeslust zu empfinden.

Die tief gekränkte Sand parierte: Um so besser! So würde er sich wenigstens nicht an sie erinnern, wenn er in den Armen einer anderen Frau läge!

In Italien erklärte Alfred seiner Weggefährtin, dass er sich geirrt und sie niemals wirklich geliebt habe, und stürzte sich von neuem in den »unheilvollen Taumel der Vergangenheit«. Er trank, verbrachte die Nächte in venezianischen Bordellen und lag schließlich mit Hirnhautentzündung danieder, kurz davor, in den Wahnsinn abzutauchen.

Aurore war zu Tode erschrocken. Dies wäre ein schreckliches Ende ihrer Liebe gewesen. Unverzüglich rief sie den jungen italienischen Arzt Pietro Pagello hinzu und pflegte Musset mehrere Wochen gemeinsam mit ihm.

Eine kurze Ablenkung: Pietro Pagello

Endlich wurde Alfred wieder gesund und entdeckte, dass seine ehemalige Geliebte Trost in den Armen seines italienischen Arztes gefunden hatte. Musset war wütend, aber was sollte er machen? Schließlich war er es, der ihr Handlungsfreiheit gewährt hatte.

Nach Paris kehrten sie getrennt zurück: Musset kurz nach seiner Genesung und George Sand fünf Monate später, zusammen mit Pagello, den ersten Lettres d’un voyageur, dem neuen Roman Jacques sowie Skizzen für eine italienische Novelle.

Erwähnt sei noch, dass der gute, aber naive Geliebte sie bald langweilte und sie sich nach einigen Monaten ohne Dramen und gegenseitige Vorwürfe trennten. Musset dagegen konnte seine untreue Geliebte nicht vergessen und forderte mit aller Kraft einen Neuanfang. Aurore war einverstanden, begriff jedoch fast im selben Moment, dass sie einen Fehler gemacht hatte. Sie trennten sich wieder, diesmal für immer.

Frédéric Chopin. Der Anfang einer langwierigen Beziehung

Eine andere, nicht weniger aufsehenerregende Liebesaffäre, nämlich die mit dem polnischen Komponisten und Pianisten Frédéric Chopin, war bedeutend langwieriger. Sie lebten fast zehn Jahre zusammen, aber auch Chopin konnte Aurore nicht das Ersehnte geben. Bei ihrer ersten Begegnung machte Aurore noch keinen besonderen Eindruck auf den jungen Star der Pariser Salons.

»Ist sie wirklich eine Frau?« fragte er seine Freunde. »Mir kommen da ernsthafte Zweifel.« Angetan mit einem Reisemantel, wie ihn Männer trugen, in Krawatte, hochhackigen Stiefeln und mit der unentbehrlichen Zigarre konnte George Sand wohl kaum dem romantischen Chopin gefallen, der gerade unter einer unglücklichen Liebe zu einer jungen blonden Polin litt.

Aber Aurore hatte kein Interesse an schnellen Siegen. Sie war bereit, die Festung, die sie einmal ins Auge gefasst hatte, so lange zu belagern, wie es nötig war. Die »Belagerung« dauerte ungefähr anderthalb Jahre und endete mit dem verblüffenden Sieg George Sands. Chopin war der »entzückenden Aurore« (er war der einzige Liebhaber, der sie stets mit ihrem richtigen Namen anredete) absolut ergeben.

Gesundheitliche Sorgen

Ihr sonniges Glück trübte einzig der nie aufhörende Husten Chopins, der seit seiner Kindheit eine schwache Gesundheit hatte. Auf Anraten des Arztes beschlossen sie, in eine wärmere Gegend zu reisen – nach Mallorca. Zunächst ging alles gut, aber den Sonnentagen folgten Regentage.

Das Dach des von Aurore gemieteten Hauses ähnelte eher einem Sieb. Alle Sachen und selbst die Wände wurden feucht. Vom Rauch der kleinen Kohlebecken, mit denen man den Raum beheizen musste, wurden Chopins Hustenanfälle wieder stärker. Das örtliche Ärztekonsilium diagnostizierte Schwindsucht.

Neben der Sorge um das Leben ihres Geliebten hatte Sand noch andere Nöte. Der Hausbesitzer war verschreckt durch die Krankheit des Fremden und forderte ihre unverzügliche Abreise. Unter den gegebenen Umständen war es unmöglich, nach Paris zurückzufahren. Der einzige Ort, an dem sie eine Zuflucht fanden, war die Klosterkartause von Valldemossa.

Die düstere Atmosphäre dort förderte die Genesung nicht, und kaum hatte sich Chopins Gesundheitszustand gebessert, rüsteten sie sich zur Abreise.

Die berühmten Pariser Salons

Nach ihrer Rückkehr verbrachten sie einige Monate auf Aurores Landsitz in Nohant, und die Landluft wirkte Wunder bei Chopin. Jetzt konnten sie den Winter ohne Angst in Paris verbringen, wo ihr Haus zu einem der faszinierendsten Salons wurde, in dem sich die Anhänger der neuen Musik Chopins und des literarischen Talents der George Sand versammelten.

Häufig zu Gast waren Heinrich Heine, Honoré de Balzac, Franz Liszt. Chopin berauschte sich am Erfolg, den ihm diese ausgesuchte Gesellschaft zuteil werden ließ, und Aurore war ernsthaft stolz auf ihren »Chipette« oder »Chopinsky«, wie sie ihn abwechselnd scherzhaft nannte.

Frédéric hörte stets aufmerksam auf die Ratschläge und die Meinung Aurores, die ein feines Gefühl für Musik und das Talent hatte, ihrem Genie das Thema der nächsten Komposition vorzugeben. Wer weiß, wie viele Werke er geschaffen hat, während sie hinter ihm stand und, die Hand auf seiner Schulter, flüsterte: »Kühner, ihr Samtfinger!«

Von Leidenschaft zur Mutterliebe

Künstlerisch gesehen war diese Verbindung eindeutig gelungen, doch zwischenmenschlich nur ein weiteres Fiasko für George Sand. Sie kam zu der Überzeugung, dass Chopin mit seiner zarten Gesundheit und seinem Hang zu Nervenzusammenbrüchen nicht für Liebesfreuden geschaffen war. Die Leidenschaft, mit der sie ihn anderthalb Jahre begehrt hatte, hatte sich nun in ruhige mütterliche Liebe verwandelt, die eher einem Verantwortungsgefühl für das Leben ihres »dritten Kindes« glich.

Er, der nie ein besonderes Interesse für die sinnliche Seite ihrer Beziehung bekundet hatte, war zunächst mit der »Heilung«, die ihm seine Geliebte verordnete, einverstanden. Gleichzeitig aber empörte ihn die von Aurore so geliebte Atmosphäre eines freien und lauten Salons, in dem die Gäste gern auch Witze zweideutiger Art erzählten.

Freizügigkeit des Salons wird der Beziehung zum Verhängnis

Eine Zeitgenossin George Sands zeichnete  in einem Brief an eine Bekannte folgendes Bild: »Unmengen unerzogener Männer erklärten ihr geifernd und tabakrauchend auf Knien ihre Liebe. Ein Grieche duzte sie und umarmte sie; irgendein ungewöhnlich vulgärer Theatermensch warf sich ihr zu Füßen und nannte sie erhaben. ›Freundschaftslaunen‹, sagte die verblüffende Frau daraufhin mit weicher und ruhiger Stimme geringschätzig …«

Schockiert von derartigen Szenen, machte ihr der sensible Chopin Eifersuchtsszenen, die ihn selbst in Verzweiflung stürzten. Verschärft wurde die Situation noch durch die Anwesenheit von Aurores Kindern, die zu diesem Zeitpunkt bereits so erwachsen waren, dass sie es nicht mehr duldeten, sich einen fremden Willen aufzwingen zu lassen.

Das endgültige Aus

Stück für Stück entfernte sich Chopin von dieser Familie. Ohne Szenen, ohne Skandale, denn die fürchtete Chopin wie das Feuer. Er hörte auf, bei ihr zu leben, dann hörte er auf, ihr zu schreiben. Das letzte Mal trafen sie sich im März 1848, im Salon einer gemeinsamen Bekannten. Aurore wollte mit Frédéric sprechen, doch er stürzte leichenblaß aus dem Zimmer. Danach sahen sie sich nie wieder.

Chopin starb am 17. Oktober 1849. Niemand teilte der ehemaligen Geliebten seinen Tod mit, so dass noch nicht einmal ein Blumenstrauß von ihr auf seinem Grab zu finden war.


Text: Yvette Krasnogorskaja

Vorbereitung des Arbeitsmaterials: Xenia Jakowlewa

Illustrationen: Maria Sosnina

 

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