Die 1. Leidenschaft der Madame Sand

Wir zelebrieren mit diesem Beitrag eine erstaunliche Frau: Amantine-Aurore-Lucile Dupin de Franceuil, besser bekannt als George Sand (1. Juli 1804 – 8. Juni 1876). Sie trug Männerkleidung, rauchte Zigarren, wechselte in aller Öffentlichkeit ihre Liebhaber, befasste sich mit Politik und bezeichnete sich selbst als Kommunistin. In ihrer Sippe sind Nachfahren französischer Könige und tingelnde Komödianten wild durcheinandergewürfelt. Ihre heute nur noch wenigen Kennern geläufigen Bücher erregten einst die Gemüter und begeisterten Tausende in der ganzen Welt.

Die erste Leidenschaft von George Sand: Literatur

»Die hochheilige Literatur, wie Du sie nennst, steht für mich stets an zweiter Stelle. Ich hatte stets irgend jemanden lieber als sie und meine Familie lieber als irgend jemanden.«

George Sand an Gustave Flaubert

George Sand: Die Jugend

Bereits am Zenit ihres Ruhmes angelangt, sagte sie oft, dass sie »ihr Handwerk« hasse. In der Tat war Literatur wirklich nicht mehr als ein Handwerk für sie, das ihr die für sie so kostbare Freiheit ermöglichte. Weil sie frei sein wollte, gab sie ohne zu zögern ihr ruhiges Leben auf dem Lande mit zwei Kindern nebst Ehemann auf, mit dem sie fast zehn Jahre zusammengelebt hatte. Zugegebenermaßen fiel ihr das letzte Opfer nicht allzu schwer.

Bis zu ihrem 30. Lebensjahr hatte sie noch nicht einmal gewagt, an eine literarische Karriere zu denken. Kurz nachdem sie ein Mädchenkolleg in einem katholischen Kloster abgeschlossen hatte, heiratete sie achtzehnjährig den jungen Leutnant Casimir Dudevant.

Die 1. Ehe

George Sand lebte auf ihrem Gut in Nohant und brachte bald darauf ihren Erstgeborenen zur Welt. Die Ehe ging nicht gut. Er, ein naiver kleiner und typischer Militär, liebte einfache Zerstreuungen und grobe Scherze. Er schnarchte über den Büchern, die seine junge Frau ihm in der Hoffnung gegeben hatte, ihn damit begeistern zu können. Schalt sie erbarmungslos für die »romantischen Torheiten«, die man ihr im Kloster in den Kopf gesetzt hatte. Und im Bett war er nicht sehr aufmerksam zu ihr.

Ihre mädchenhaften Vorstellungen von höherer Liebe und absoluter Einheit zweier Liebender scheiterten an der profanen Realität. Immer öfter brach sie grundlos in Tränen aus, fühlte sich schlecht, hustete und vermutete, mal Schwindsucht, mal Cholera zu haben. Er unterstellte ihr Hypochondrie, und es verging kaum ein Tag ohne Streit im Haus.

Bruch und Aufbruch

George Sand

In dieser Form konnte das nicht ewig so weitergehen. Die Entscheidung fiel jedoch erst im Winter 1831, als Madame Dudevant ihre Sachen packte und sich von den bitterlich weinenden Kindern verabschiedete (sie hatte noch eine Tochter geboren), um nach Paris zu gehen.

Das als Verzweiflungstat zu bezeichnen, träfe nicht ganz die Wahrheit: In Paris erwartete sie ihr junger Geliebter, der Schriftsteller Jules Sandeau, den sie ein Jahr zuvor bei gemeinsamen Bekannten kennengelernt hatte. Mit seinen neunzehn Jahren hatte er kein Dach über dem Kopf und kein regelmäßiges Einkommen. Aurore, (George Sand) war jedoch bereit, mit ihm zusammen jede Entbehrung auf sich zu nehmen.

Das Leben voll auskosten

Gleich nach ihrer Ankunft in der Hauptstadt fand sie sich umringt von den jungen Freunden Sandeaus, die alle ein bisschen in sie verliebt waren. Euphorisch schrieb sie: »Leben! Wie wunderbar, wie gut! Trotz der Not, des Ehemanns, der Sorgen, der Schulden, der Verwandten, des Geredes, der tiefen Wehmut und der langweiligen Klatschereien! Leben ist ein Rausch! Ein Glück! Der Himmel!«

Dennoch mussten sie von etwas leben. Um die Kosten für teure Damengarderobe einzusparen und um nicht allzusehr aufzufallen, fing Aurore an, Männerkleider zu tragen. Hosen, weite Reitmäntel, Hüte mit Krempe und Stiefel, die nach den engen Damenpumps mehr als bequem waren.

Not macht erfinderisch

Sie malte nicht schlecht, aber konnte man existieren, wenn man Portraits für fünfzehn Francs malte? Es gab stets Leute, die noch ärmer waren als sie und bereit waren, dasselbe für fünf Francs zu tun. Schächtelchen mit Gouache bemalen? Dafür bekam man Groschen. Sie versuchte sich in einer Bibliothek, aber dort war es zu kalt, und sie fing wieder an zu husten.

Schreiben? Warum nicht? Bereits in Nohant hatte sie sich an einem ersten Roman versucht. Als ihr jedoch klar wurde, dass er nichts taugte, hatte sie ihn im Ofen verbrannt. Dennoch hatte ihr diese Tätigkeit stets Freude bereitet. Mit Wonne führte sie ihr Tagebuch und einen weitläufigen Briefwechsel.

»Ich habe mich vergewissert, dass ich schnell und leicht schreibe, viel schreiben kann ohne zu ermüden. Dass meine im Kopf noch trägen Gedanken lebendig werden, sich logisch miteinander verbinden…« Es war nur noch eine Kleinigkeit zu erreichen: Zugang zur literarischen Welt finden.

Erster Schritt in die richtige Richtung

Sie hatte Bekannte, die sie mit den dafür notwendigen Leuten zusammenbringen konnten. Schlussendlich wurde sie dem berühmten Literaturkritiker de Latouche vorgestellt, der ihr vorschlug, für den Figaro zu schreiben. Sie erklärte sich einverstanden und begann somit als Journalistin ihre literarische Karriere.

Der gemeinsam mit Sandeau geschriebene Roman Rose et Blanche wurde zu ihrer ersten eigenen literarischen Erfahrung. Noch vor Erscheinen des Romans traf sich Aurore (George Sand) in Paris mit der Stiefmutter ihres Mannes. Die Dame war schockiert von ihrem Auftreten und mehr noch von ihrer Absicht, Bücher zu schreiben. Sie fragte daher ihre Schwiegertochter, unter welchem Namen sie denn ihre Werke zu veröffentlichen gedenke. Lächelnd versicherte Aurore ihrer Schwiegermutter, dass der Name Dudevant nicht auf dem Umschlag ihres Buches auftauchen werde. Die Liebenden wählten die Umtaufe »G. Sandeau«.

Pseudonym George Sand, die Herkunft

Als sie 1832, zurückgekehrt von einer Reise nach Nohant, ihren zweiten eigenen Roman herausbrachte, Indiana, war die Frage noch offen, wie sie ihn unterzeichnen sollte. Jules, der nichts mit dem Roman zu tun hatte, weigerte sich, seinen Namen dafür herzugeben, und ihr gemeinsames Pseudonym G. Sandeau hatte dank des Erfolgs mit Rose et Blanche bereits einen gewissen Bekanntheitsgrad erreicht. Gemeinsam mit dem Verleger fand Aurore einen Kompromiss: Sandeau wurde zu Sand und G. zu George.

Da Aurore fest davon überzeugt war, nur als männlicher Autor in der literarischen Welt Erfolg haben zu können, bestand sie auf einem männlichen Vornamen. So erblickte George Sand das Licht der Welt zusammen mit ihrem ersten wirklich erfolgreichen Roman. Ihm folgten ein weiterer, einige Erzählungen und unzählige Artikel.

Wie ein Skandal George Sand zum Ruhm verhalf

Sie wurde berühmt, der Besucherstrom erdrückte sie schier, so dass sie häufig erst nachts zum Schreiben kam, nachdem sie alle hinausgebeten hatte. Ihr Geliebter betrachtete seine Freundin, die inzwischen eine populäre Autorin geworden war, mit einer Mischung aus Bewunderung, Bitterkeit und schriftstellerischem Neid.

Er selbst war beim Publikum nicht so beliebt. Sie redete ihm häufig zu, zu arbeiten, doch er jammerte nur: »Du willst, dass ich arbeite, das würde ich auch gern, aber ich kann nicht! Im Gegensatz zu dir habe ich keine Stahlfeder im Kopf! Du musst nur einen Knopf drücken, und sofort funktioniert dein Wille…«

Leser und Kritiker nahmen ihre Bücher im allgemeinen wohlwollend auf, obwohl es auch Skandale gab. Am Ende der Epoche der Romantik waren ihre realistischen Beschreibungen, die schockierende Offenheit der Heldinnen, deren Lebensweise und ihr Freisinn nicht nach jedermanns Geschmack. Aber was kann besser für einen debütierenden Literaten sein als das Flair eines kleinen Skandals?

George Sand: ein neuer Typ Frau

Als sie 1833 mit Lelia ihren aufrichtigsten und, so seltsam es auch klingt, nicht gerade reifsten Roman veröffentlichte, war ihr Name beinahe über Nacht in Frankreich und weit über die Grenzen hinaus bekannt. In dem Roman beschrieb sie mit grosser Offenheit ihre eigene seelische Suche und ihre Sehnsüchte.

Man fing an, von ihr nicht nur als Schriftstellerin, sondern als Frau neuen Typs zu sprechen – einer Frau, die frei und unabhängig ist, ihr eigenes Geld verdient, die geltenden Konventionen und allgemein üblichen Verhaltensmassregeln negiert.

Die Konservativen überschütteten sie mit Spöttereien und Beleidigungen, die Saint-Simonisten träumten davon, sie zu ihrer Madonna machen zu können, und berühmte Literaten und Musiker suchten ihre Bekanntschaft. Der Ruhm, der über sie gekommen war, stieg ihr jedoch nicht zu Kopf, und sie bemühte sich, sie selbst zu bleiben.

Literarischer Nachlass

In ihrer langen literarischen Laufbahn versuchte sich George Sand nahezu in allen Genres: Sie schrieb Liebes- und psychologische Romane, religiöse Novellen, Geschichten über Geheimgesellschaften und ferne Länder, Pamphlete über korrupte Beamte sowie revolutionäre Denkschriften.

Der heutige Leser wird Schwierigkeiten beim Lesen der populärsten Romane George Sands haben, die ihre Zeitgenossen nur so verschlungen haben. Warum? Ihre Bücher entsprechen in der Tat nicht dem heutigen modernen Geschmack. Mitte des 19. Jahrhunderts indes war sie für ihre treuen Leser wie Dostojewskij und Walt Whitman in einem.

Der Umfang ihres literarischen Nachlasses übersteigt jegliche Vorstellung. Noch wenige Monate vor ihrem Tod im Jahre 1876 arbeitete sie an ihrem einundsiebzigsten Roman – rechnet man die von ihr selbst vernichteten Manuskripte hinzu, war es gar ihr einundneunzigstes Prosawerk… die unzähligen Erzählungen und Stücke, die zehn Bände Autobiographie, ferner Essays, Rezensionen, politische Pamphlete und die ca. 40.000 Briefe nicht mitgezählt.

Ein würdiger Spitzname

Die heutige vollständige Werkausgabe von George Sand umfaßt 123 Bände, aber selbst sie kann man nicht wirklich vollständig nennen. Nicht eingeflossen sind hier Hunderte Artikel, die sie für Zeitungen und Zeitschriften geschrieben hat, sowie siebzehntausend Briefe, die von ihren Adressaten aus Angst vor Kompromittierung vernichtet worden sind.

Man kann sich nur wundern. Diese Frau scheint vierundzwanzig Stunden des Tages ihrer Arbeit gewidmet zu haben. Außerdem schaffte sie es nebenbei, eine der berühmtesten Liebhaberinnen des 19. Jahrhunderts zu werden: ein Don Juan im Rock, wie Missgünstige sie nannten.


Text: Yvette Krasnogorskaja

Vorbereitung des Arbeitsmaterials: Xenia Jakowlewa

Illustrationen: Maria Sosnina

 

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