Die legendäre Brecht-Zigarre.

Zum 121. Geburtstag von Bertolt Brecht.

Als Eugen Berthold Friedrich Brecht am 10. Februar 1898 in der Fugger-Stadt Augsburg geboren, gilt Bertolt Brecht, Begründer des epischen bzw. dialektischen Theaters, als der wohl einflussreichste deutsche Dramatiker und Lyriker des 20. Jahrhunderts.

Thomas Irmer fokussiert seine Hommage an den bedeutenden Theatermann auf ein ganz bestimmtes Bild: Portrait eines Rastlosen mit Zigarre.

Accessoire und Produktionsmittel

Er war schon 50, und seine ganz große Zeit als Theatermann mit der Zigarre sollte erst noch kommen. Brecht hielt sich nach dem ungeliebten amerikanischen Exil ein Jahr in der Schweiz auf, um sich auf die Rückkehr nach Berlin vorzubereiten. In Basel traf er 1948 den Jungdramatiker Friedrich Dürrenmatt, der ihm eine tolle Havanna verehren wollte. Brecht lehnte sie ab mit dem Hinweis, er rauche nur Brasil, denn die seien stärker. Der erstaunte Dürrenmatt klärte ihn über den Irrtum auf, worauf Brecht nun nur noch über Zigarren reden wollte, sogar Bekannte herbeirief, die seine Auffassung bestätigen sollten – die Verwirrung war perfekt.

Soll man sich Brecht, der über vieles so gründlich Bescheid wusste, als Tobacco-Laien vorstellen? Auf Bildern sehen wir Brecht fast immer mit Zigarre. Sie ist sein Accessoire wie anfangs in den wilden Zwanzigern die Lederjacke und später die Proleten-Schiebermütze. Die Zigarre ist aber für ihn vor allem ein Produktionsmittel, und im Werk kommt sie immer wieder vor. Brecht hat das Zigarrenrauchen in der Theaterwelt zum Kult gemacht, dem heute noch gehuldigt wird. Die Zigarre in der Kantine kann dennoch Verschiedenes bedeuten: Stoische Gelassenheit in allen Dingen – denn man leistet sich dafür Ruhe und Hingabe.

Dann: Genusskennerschaft, die sich von aufgeregten Arbeitsrauchern überlegen abhebt. Aber eben auch zwangsläufig ein bisschen Brecht-Kult, zu dem allerdings ein entsprechendes Diskussionsniveau gehört. Mit der Zigarre zu sprechen, sie gestisch in der Unterhaltung einzusetzen für wirkungsvolle Pausen des Nachdenkens – das ist die Kunst der Brecht-Zigarre.

Bertold Brecht

Für den jungen Brecht gehört das Rauchen zu den Entdeckungen in der wilden Großstadtkultur. Der neunzehnjährige Abiturient listet auf der Einladung zu einer Winterausflugsause mit Freunden die Mitbringsel auf: »Trinkbecher. Schlitten. Holz (im Rucksack). Mundharmonika. Humor. Zigaretten. Wasserstiefel. Gefühl für Romantik und Ulk. Ziel: Nervenheil.«

Nach seiner ersten Begegnung mit dem eben noch halbromantischen ›Wandervogel‹ erinnerte sich der damals, 1922, vom Expressionismus glühende Arnolt Bronnen an eine Party in Berlin – und sorgte damit für die erste Erwähnung einer Brecht-Zigarre: »Irgendwer sang. Irgendwer hatte die kleine, feuchte Zigarre weggelegt, hatte die auf seinen Schenkeln liegende Gitarre gegen seinen hohlen Bauch gedrückt, hatte mit seiner krächzenden, konsonantischen Stimme zu intonieren begonnen.« Es war der Barde, der zu dieser Zeit auch auf der Bühne verkünden ließ: »Glotzt nicht so romantisch!«

Nur kurz später – Brecht ist bereits ein gefeierter Jungstar in der brodelnden Metropole – vermerkt er über die Arbeit an seinem schon vierten großen Stück, Mann ist Mann, in hochmoderner Kleinschreibung:

[bs-quote quote=”»es ist ein schwieriges stück gewesen und sogar das zusammenstellen des manuskriptes aus 20 pfund papier war schwerarbeit; ich benötigte dazu 2 tage, 1/2 flasche kognak, 4 flaschen selters, 8–10 zigarren und alle geduld.«” style=”style-17″ align=”center”][/bs-quote]

Hier wird die Zigarre erstmals als Produktionsinstrument benannt, und auf einem Bild mit der Mitarbeiterin Elisabeth Hauptmann, die für ihn eine Art künstlerische Sekretärin war und bald darauf auch die Vorarbeiten für die Dreigroschenoper lieferte, ist folgendes auszumachen: Brecht sitzt vor der schrägen Wand seines Dachateliers in schwarzer Lederjacke auf dem großen Schreibtisch, einen fast aufgerauchten Stumpen in der rechten Hand, die liebe »beß«, wie er die Hauptmann nannte, in Diktathaltung an der Schreibmaschine.

Die Zigarre ist – das wird sich bis zu seinem Tod 1956 nicht mehr ändern – zur Arbeit in der Hand. Schreiben ist für Brecht ein kollektiver Vorgang mit Mitarbeitern und Diskussionspartnern, mit denen man viel Zeit unmittelbar zusammen verbringt. Hier scheint für den gerade 27-jährigen Autor dieses »Zepter« des Großkapitals und der bürgerlichen Behaglichkeit nach der bedrückenden Inflationszeit schon vollkommen umcodiert: Die Zigarre ist wie der Stift in der Hand, während an der Schreibmaschine das endgültige Manuskript von anderen fertiggestellt wird.

Der Dichterfreund Arnolt Bronnen, noch immer mit Begeisterung: »Brecht spazierte, behaglich an seiner Zigarre schmauchend, durchs Zimmer, hörte sich dabei Argumente und Gegenargumente von Dutzenden von Leuten an, witzelte, zwinkerte und blieb dennoch unbeirrbar auf seiner Linie. Er ritt seinen Gedanken weiter, bis er ihn, großartig formuliert, gleich vor einem Miniaturpublikum einem seiner stets anwesenden dienstbaren Geister diktierte. Sein Hirn schien mir ein tintenfischähnliches Saugorgan, sich ständig mit Polypen-Armen Material zuwachelnd.«

Lyrisches Vehikel

In Brechts Lyrik dieser Jahre geht die Zigarre auf fulminante Weise ein. Die Hauspostille, die 1927 erscheint und dem Leser »Lektionen« über das Leben in einer zerrütteten Welt erteilt, endet mit den Zeilen:

»Bei den Erdbeben, die kommen werden, werde ich hoffentlich

Meine Virginia nicht ausgehen lassen durch Bitterkeit

Ich, Bertolt Brecht, in die Asphaltstädte verschlagen

Aus den schwarzen Wäldern in meiner Mutter in früher Zeit.«

Hier hält der Dichter natürlich eine amerikanische Zigarre in der Hand, denn die Vereinigten Staaten galten Brecht damals als die unglaublichste und zugleich beglaubigte Fortschrittszerrüttung des Menschen. Die »Virginia nicht ausgehen lassen durch Bitterkeit« – das ist nüchtern und sachlich eine Arbeitshaltung, die sich trotz allem Mut macht und gerade diese Eigenschaft vermitteln will.

Später, gegen Ende zu, wird er schreiben, nicht genug freundlich gewesen zu sein in einer unfreundlichen Welt. Die Zigarre ist jedenfalls kein Zepter, sondern Medium der Weltbetrachtung.

Illustration zu einem Gedicht von Bertolt Brecht an einer Giebelwand in Berlin-Weißensee, Berliner Allee 177
Illustration zu einem Gedicht von Brecht an einer Giebelwand in Berlin-Weißensee, Berliner Allee 177 © Von 44Pinguine – Selbst fotografiert, CC BY-SA 2.0 de

 

In den langen Jahren des Exils – Brecht hatte samt Familie Deutschland 1933 sofort verlassen und erst einmal bis 1939 Dänemark für den Aufenthalt gewählt – werden immer wieder Tabakhändler zu unbekannten Vertrauten in der Fremde. Mit ihnen kann er sich – die weiteren Stationen sind Schweden und Finnland, dann, nach einer langen Fahrt durch Stalins Sowjetunion, Santa Monica in Kalifornien – bei allen Sprachproblemen einigermaßen auf Alltagsart verständigen.

Noch in Dänemark schreibt er eines seiner besten, gerade heute auch wieder spannenden Parabelstücke: In »Der gute Mensch von Sezuan« geht es um eine junge Frau im fernen, aber doch nicht zeitfernen China, der drei Götter für ein Nachtlager Geld schenken. Shen-Te nimmt es, um einen Tabakladen zu eröffnen, von dem sie sich ihren Lebensunterhalt verspricht. Doch bald tauchen Bittsteller auf, derer sie sich nur erwehren kann, wenn sie sich in ihren erfundenen Onkel Shui-Ta verwandelt, einen Menschen, der hart gegen Armut und Solidarität ist.

Es scheint nicht von ungefähr, dass Brecht diese Fabel ausgerechnet auf einer Ökonomie des blauen Dunstes aufbaut – schließlich dürfte der Tabakladen für den inzwischen marxistisch argumentierenden Autor eigentlich keine zentrale Rolle in der alles bestimmenden Produktion und ihrer damals ausgreifenden Utopie spielen.

»Der gute Mensch von Sezuan«, in dem es, wenngleich nicht ausdrücklich um Zigarren, aber eben auch um Tabak als Droge in einer Wirtschaftswelt geht, in der jeglicher Genuss verarmt – Der gute Mensch von Sezuan ist vielleicht das beste Stück zum Thema. Und bis heute in diesem Zusammenhang nicht einmal richtig erkannt.

Uraufgeführt wird das Stück dann erst 1943 in Zürich, dessen ›Schauspielhaus‹ Brechts Arbeiten eine Art Schutzraum bietet. In den Staaten, wo Brecht vormals seine Virginia nicht ausgehen lassen wollte, interessiert es niemanden. Brecht steht auf der Schmalspur neben Broadway und Hollywood, wo man ihn höchstens als Kleinteilautor in den Mechanismus einfügen würde – und nicht als den Dirigentendichter, der er, der weltberühmte Autor der Dreigroschenoper, einmal war.

Auf dem Kontinent des Tabaks, dem einige seiner frühen Texte einen großartigen Boden boten, gedieh wenig. Am Ende, 1947, wurde er sogar von der Regierung vorgeladen, ob und mit wem er zusammen als schädlicher Hollywood-Kommunist gegen die USA gewirkt habe. Brecht stellte sich nicht nur dumm, sondern er spielte zugleich einen ahnungslos Wissenden – mit der Zigarre in der Hand.

Es ist die uns vertraute, aber so doch kaum bekannte Brecht-Zigarre:

[bs-quote quote=”»So schlecht waren sie nicht, die Nazis hätten mich niemals rauchen lassen. In Washington ließen sie mir meine Zigarre, und ich benutzte sie, um Pausen zwischen ihren Fragen und meinen Antworten zu produzieren.«
” style=”style-17″ align=”center”][/bs-quote]

Brecht, das ist dokumentiert, hat das Verhör, trotz einigen Jahren des Aufenthalts in Kalifornien, in schlechtem Schüler-Englisch mit schwerstem bayerischen Unterton an sich abperlen lassen. Und eben seine Zigarre nicht ausgehen lassen.

Zigarren-Gesten

Das war einer seiner listigsten Streiche, Till Eulenspiegel gleich. Ging sein Werk doch spätestens seit 1930, als mit der Oper Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny eine erhellend höhnische Bearbeitung der kapitalistischen Verderbung begann, tatsächlich eine Verbindung mit der kommunistischen Hoffnung ein.

Brecht unterschrieb für die eigene, schmerzende Zeitgeschichte des Kommunismus, also Stalin, jedoch nie einen Mitgliedsausweis. Seine Stalin-Kritik blieb in den Tagebüchern, und in der DDR wurden seine kritischen Worte für den Sozialismus von den Machthabern verstümmelt oder deren Publikation verzögert.

Als er gegen Dürrenmatt schmauchte, hat er sich noch wenig davon vorstellen können. Er hielt dennoch Ost-Berlin und sein dort gegründetes Theater, das 1954 als ›Dreigroschenoper-Theater‹ am Schiffbauerdamm sein ›Berliner Ensemble‹ wurde, mit aller Berechtigung für die größte Möglichkeit. Eine Karikatur zeigt folglich, wie dieses Theater mit seinem runden Signet am Turm aus seiner rauchenden Zigarre heraus erst entsteht.

Heiner Müller, vielleicht der einzige brechtmäßige Nachfolger des Werks und seiner Ideen, war gewiß auch der beste Nachfolger seiner Zigarren-Gesten.

»Gefällt mir« – Zigarre beiseite; »Da muss ich erst mal nachdenken« – große Pause mit großer Puste. Müller hielt Brecht – wegen Überanstrengung in der Arbeit vermutlich – jedoch nicht für einen Kenner:

»Ich fürchte, er hat sogar schlechte Zigarren geraucht, weil er nicht genügend Freizeit hatte, eine entsprechende Kennerschaft zu entwickeln.« Es ist schwer zu entscheiden, ob sich der Dichter der Virginia, der Kenner der Brasil und der Schriftsteller der Havannas grundlegend geirrt haben sollte.

Wie zum Spass schrieb er seinem ersten englischen Übersetzer Eric Bentley in den Vereinigten Staaten:

»Eines Tages kam ein Mann in einen Zigarrenladen und sagte zum Besitzer:

[bs-quote quote=”›Schenken Sie mir eine Zigarre.‹” style=”style-17″ align=”center”][/bs-quote]

Der Besitzer war zunächst sprachlos, lachte dann und reichte dem Mann die Zigarre. Am nächsten Tag kam der Mann wieder und sagte:

›Schenken Sie mir eine Zigarre.‹

Diesmal zögerte der Besitzer, doch dann gab er ihm die Zigarre. Doch als der Mann am dritten Tag wieder erschien und um eine Zigarre bat, blieb der Besitzer fest.

›Bitte! Aber können Sie mir einen Grund nennen, warum ich Ihnen eine Zigarre schenken sollte?‹

›Gewiss‹, sagte der Mann, ›weil ich der Mann bin, dem Sie jeden Tag eine Zigarre schenken.‹«.


Dieser Text ist im Original im Cigar-Clan-Magazin (Nr. 2-2008) erschienen.

 

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