Der Country Haiku

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Dreiminutenirgendwas.

Die Kolumne um Drinks und Musik, die sich ungefähr so lange liest, wie das Lied, um das es gerade geht.

Der Country Haiku

Ich, als der Dreiminutenirgendwas-Beauftragte, habe versprochen, mit Countrymusik in dieser Kolumne sparsam umzugehen. Und habe Wort gehalten für zwei Ausgaben. Dann ist etwas Eindrucksvolles passiert und ein Lied mit dem furchtbaren Titel »Here comes that rainbow again« trat in mein Leben. Ungefähr 100 Mal hintereinander. Schlimmer wars selten. Kürzer geht nicht. Schöner ist schwer. Eigentlich ein Haiku. Nicht nach Silben, sondern nach Art der Momentaufnahme. Geholfen hat ein kräftiger spanischer Wein, der bei Sommergewittern fantastisch schmeckt.

The scene was a small roadside café … the waitress was sweepin’ the floor, two truck drivers drinkin’ their coffee, two Okie kids by the door.

Gemalt hat die Szene Edward Hopper und wir Betrachter haben zu spät noch die Sonnenbrille auf. So wie ich gerade auf dem Balkon. Schwarze Wolken, bedrohliche Stimmung, ein in sich gekehrter Moment. Der Ort im Lied ist der selbe, an den es Bob Seeger in »Turn the page« verschlagen hat. Eine typische Fernfahrerkneipe an einem amerikanischen Highway. Allerdings mit sympathischerer Besetzung als bei Seeger. Ich öffne eine Flasche 4 kilos und gieße mir den schweren Roten ein. Bissfest und dunkel wie eine Gewitterwolke.

»How much are them candies?« they asked her…

«How much have you got?« she replied. »We’ve only a penny between us.« »Them’s two for a penny,« she lied.

Rote Beeren auf meiner Zunge und die Sehnsucht nach Entladung nach einem Sommerregen. Träumerische Bon-Bons im retro-olfaktorischen lassen mich schlucken. Gibt es noch solche, Boden wischende Kellnerinnen? Was kosten zwei candies heute? Refrain! Schnell! Noch ein Schluck vom Malloquiner, denn ich habe gerade verstanden, dass Kris Kristofferson hier sanft John Steinbecks traurige Wut aufnimmt.

One truck driver called to the waitress after the kids went outside

»Them candies ain’t two for a penny.« »So what’s it to you?« she replied.

Einfacher und eindrucksvoller geht es nicht, ich spüre die ersten Tropfen, groß wie Weintrauben, auf den nackten, staubigen Füßen der Kinder landen und den Widerwillen der Kellnerin, nett zu sein. Ich verstehe jeden Ton von Kris Kristoffersons Gitarrensaiten. C, G7, C, G7 … später F (!). Und ich bin erschüttert, wie gut sich »replied-lied-replied« reimt.

In silence they finished their coffee …

… got up and nodded goodbye. She called »Hey, you left too much money.« »So what’s it to you?« they replied.

Good-bye-nodden können die Trucker, und die Pennies für die Candies der Kids auf dem Tisch liegenlassen. Der Kellnerin bleibt allein zurück mit ihrer guten Tat, wie in einem provinziellen Bühnenstück. Sie blickt den Truckern einen Moment zu lange nach, sanfte Falten um die schönen Augen, dann pustet sie eine Locke aus der Stirn und feudelt weiter. Das Gewitter umschließt den Haiku und mich mit dem Geruch nach Regen und dem Wetterleuchten.

Here comes that rainbow again …

And the daylight was heavy with thunder,
With the smell of the rain on the wind.
Ain’t it just like a human?
Here comes that rainbow again.

Der Refrain bleibt wie er ist, kraftvoll und ein bisschen kitschig. Aber so sindse, die Countrymen, die Highwaymen – keine Angst vor Zeilen wie diesen. Sorgt für Missverständnisse, so bleibt das Haiku-Geheimnis halt unter uns. Nach dem Gewitter auf meinem Balkon taucht kein Regenbogen auf, es ist dampfig und schwül, aber ich kann auch nicht so weit sehen wie die Truckdriver und die Kellnerin in der Savanne von Oklahoma. Ich sehe die Skyline und höre weiterhin Kris Kristofferson, bis die Flasche leer ist und ich glaube, den rauen Ton in »Hey, you left too much money« drauf zu haben.


 

Ich lebe immer am Strand

Sensorik auf dem Prüfstand. Nicht immer eine reine Geschmackssache!

 

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