Entscheidung – Entschleunigung – Enthirnung

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Entscheidung stellt das sprachliche Gegenstück zur Scheidung dar. Vereinfacht gesagt einigt man sich bei der Auswahl zwischen mehreren Optionen auf eine, die einem zusagt, der man die größte Aussicht auf Erfolg beimisst oder zu der man sich inhaltlich oder emotional hingezogen fühlt. Das kennen wir alle. Das kann Kompromisse beinhalten, dem kann eine Diskussion vorausgehen oder sich eine anschließen. In letzter Konsequenz ist das gesamte Leben eine Aneinanderreihung von Entscheidungen. Große Teile des am Schreibtisch stattfindenden Arbeitslebens besteht aus dem Fällen von Entscheidungen und dem Tragen der daraus gewonnen Konsequenzen.

So weit so gut in der Theorie. In der Praxis ist das alles nicht ganz so trivial und stellt auch ausgewachsene Exemplare des homo sapiens, insbesondere die Spezialform dessen, den sogenannten homo politicus, vor größere Schwierigkeiten. Das ist oft mehr als trivial, das ist ein bisschen tiefgreifender als die Frage ober- oder untergärig, weiß oder rot, Kubanisch oder Dominikanisch. Aber gerade weil ein paar Menschen denken, sie hätten eine entsprechend rapide Festplatte und seien in der Lage, das alles für den Bürger zu lösen, stellen sie sich ja zur Wahl.

Nun ist es ja so, dass Kraft einer vom Bürger und seinen 81,9 Millionen Leidgenossen getroffenen Entscheidung eine kleine Truppe auserwählter Menschen damit betraut werden, einen Haufen Entscheidungen zu fällen. Dem voraus ging die Entscheidung dieser Sonderform des Menschen, sich der Aufgabe zu stellen, stellvertretend für das Land Entscheidungen zu erarbeiten, durchzusetzen und letztendlich durch die Legislative in die Tat umzusetzen. Sauber, das war heute viel Theorie, lieber Leser.

Das, was uns jetzt schwer fällt, ist es zu verstehen, warum sich die Gewählten so verdammt schwer tun, eine Entscheidung zu fällen. Noch schwerer scheint es zu sein, bei einer einmal getroffenen Entscheidung zu bleiben, also das zu leben, was der Volksmund Konsequenz nennt. Da werden am Wahlabend Aussagen getroffen, die werden dann Wochen und Monate posaunt in jeder Talkshow und vor jedem, der es hören will, oder eben auch nicht und dann werden sie nachdem die ersten Entscheider wieder auseinander geschieden sind, lautstark wiederholt. Und dann: dann kommt der süße Duft der Macht und die Aussicht auf Ämter, Posten und Kohle. Und dann sind wir so weit, dass aus der Scheidung wieder eine Entscheidung, also in diesem Falle eine Zusammenfassung wird. Eine Zusammenfassung auf den kleinsten gemeinsamen Nenner: Das »Ich will dabei sein«.

Nun, bei so viel Hin und Her, bei so viel zusammen, gegeneinander, miteinander und den dazugehörigen Entscheidungen, da wünschen wir der Mannschaft in Berlin ein frohes Händchen und eine baldige Entscheidung. Denn fast schon denkt man, und das nicht erst seit dem Berliner Flughafen, dass der Begriff Entscheidung sehr stark mit dem Begriff Entschleunigung verwandt zu sein scheint.

Wenn wir das auf die Zeit vorm Humidor oder im Weinkeller übertragen, dann ist es relativ simpel: das neudeutsche »Window of opportunity« schließt sich irgendwann und wer es dann nicht geschafft hat, sich zu einer Entscheidung durchzuringen, der raucht oder trinkt in dieser Runde nicht mit.

Zurück nach Berlin: der ein oder andere, der sich hier nicht entscheiden kann oder will, ist in dieser Runde nicht dabei. Der Trost für den Wähler: das Gros der Prokrastinatoren dieser Runde wird in der nächsten Runde gar nicht mehr zur Wahl stehen. Dann können wir in Deutschland endlich wieder auf Erneuerung hoffen. Bis dahin wünsche ich Ihnen einen kühlen Kopf und viel Vorfreude auf die nächste Legislaturperiode.

 

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