Falls das Embargo beendet wird …

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Wir haben verschiedene Experten befragt, was sie über die Perspektiven einer möglichen Aufhebung des US-Embargos gegenüber Kuba denken. Sie skizzieren ihre Sicht der Dinge, was in der internationalen Zigarrenindustrie passieren könnte und wer in erster Linie die Gewinner und die Leidtragenden der daraus entstehenden Veränderungen sein würden.
Anmerkung: Dieser Artikel wurde vor der Verschärfung des Embargos und der Einführung des totalen Rauchverbots von kubanischen Zigarren durch die US-Administration vor­bereitet. Daher bleibt dieser Aspekt in den Antworten unberührt.

Robert Levin, ›Ashton‹ 🇺🇸

Falls das Embargo gegen Kuba aufgehoben werden sollte, werden alle Raucher in den Vereinigten Staaten bestimmt kubanische Zigarren probieren wollen. Dabei sollte man allerdings nicht vergessen, dass sich die Qualität der nichtkubanischen Zigarren in den letzten Jahren merklich verbessert und die der Havannas gleichzeitig nachgelassen hat. Ich meine, keine der Zigarren wird langfristig im Vorteil sein. Deshalb werden sich die nichtkubanischen Marken nach wie vor steter Nachfrage erfreuen, sobald die Neugier der Amerikaner gestillt worden ist – ich denke, dass das sogar recht schnell der Fall sein wird.

Die Amerikaner werden nicht lange brauchen, um Havannas auszuprobieren. Deswegen werden schnell Qualitätskriterien in den Vordergrund treten. Und da der allgemeine Wunsch, kubanische Zigarren zu rauchen, lediglich einige Monate anhalten wird, werden die nichtkubanischen Hersteller nicht lange zu leiden haben. Die Verkäufe meiner Firma ›Holt’s Cigar Company‹ werden sich durch die neuen Einzelkunden und die neuen Adressbestellungen nur erhöhen.

Im großen und ganzen wird die Zigarren­industrie so viel Aufmerksamkeit in der Presse und der Gesellschaft bekommen, daß sich der Konsum von Premium-Zigarren unweigerlich erhöhen wird. Sicherlich wird ›Ashton‹ eine kurze Zeit gewisse Schwierigkeiten haben, die aber auf keinen Fall lange anhalten werden. Mir scheint, dass die dominikanischen Zigarren heute aufgrund der Art des Rollens, der Qualität und der Lagerung des Tabaks den kubanischen überlegen sind – und Qualität gewinnt immer.

Dr. Ernst Schneider, ›Davidoff‹ 🇨🇭

Dass kubanische Zigarren heute in den Vereinigten Staaten verboten sind, ist einer der Hauptgründe, warum Amerikaner sie rauchen. Nimmt man den Amerikanern diesen Anreiz, verlieren die kubanischen Zigarren ihren Vorteil, zumal die meisten Amerikaner an einen anderen, an einen nichtkubanischen Zigarrengeschmack gewöhnt sind.

Ich denke, niemand wird unter der Aufhebung des Embargos leiden. Die Dominikanische Republik hat inzwischen Kuba in bezug auf die Qualität wie auch auf die Quantität der hergestellten Zigarren längst überrundet.

Das Ende der Sanktionen wäre eine ausschließlich positive Erscheinung: Kubas Volk hat schon zu lange unter dem Embargo gelitten. Man hätte schon vor etlichen Jahren mit der Liberalisierung der Kuba-Politik beginnen sollen.

Theo Rudman, Journalist 🇺🇸

Autor des Buches ›Rudman’s Complete Pocket Guide to Cigars‹

Ich glaube, dass ein merklicher, jedoch auch kurzer Boom um kubanische Zigarren entstehen wird, sobald das Embargo aufgehoben ist. All diejenigen, die noch nie eine Havanna probiert haben, werden dies so schnell wie möglich nachholen wollen. Dennoch darf man dabei nicht vergessen, dass die Amerikaner immer mildere Zigarren mochten. Ich habe mich mit Leuten unterhalten, die noch vor dem Embargo auf Kuba Zigarren hergestellt haben, und offensichtlich waren die kubanischen Zigarren damals milder als die heutigen. Kräftige Zigarren mit vollen geschmacklichen Eigenschaften waren immer eine Sache der Europäer. Und die amerikanischen Raucher, die kubanischen Tabak lieben, bekommen diesen auch heute schon auf illegalen Wegen. Ich vermute, wenn die Aura der »verbotenen Frucht« verflogen ist, werden nicht länger die »mythischen« Kriterien eine Rolle spielen, sondern die realen Eigenschaften einer Havanna, und jeder Raucher kann sich seine Zigarre ausschließlich nach seinem Gusto aussuchen.

Wahrscheinlich werden in der ersten Zeit die Hersteller aus der Dominikanischen Republik Verluste erleiden, aber sie haben sich sorgfältig vorbereitet. In den letzten Jahren ist eine ganze Generation neuer dominikanischer Zigarren entstanden, die kräftiger sind und einen ausgeprägteren Geschmack aufweisen als ihre Vorgängerinnen. Unmittelbar nach der Aufhebung des Embargos kann es zu einem Mangel an kubanischen Zigarren auf dem Weltmarkt kommen, aber dieser Mangel wird nach ein bis zwei Jahren gegen Null gehen, vor allem, wenn man bedenkt, dass der heutige kubanische Markt nicht sehr entwickelt ist.

Simon Chase, ›Hunters & Frankau‹ 🇬🇧

Das Ende der Blockade wird nicht bedeuten, dass alle Zigarren kubanischer Marken frei auf dem Territorium der Vereinigten Staaten verkauft werden können. Denn die diesbezüglichen Rechte am Vertrieb liegen entweder bei ›Swedish Match/General Cigar‹ oder bei ›Altadis USA‹. ›Swedish Match/General Cigar‹ besitzen zum Beispiel ›Bolívar‹, ›Hoyo de Monterrey‹, ›Partagás‹, ›Punch‹, ›Rafael González‹, ›Ramón Allones‹ und ›Sancho Panza‹, während die Rechte der Marken ›Gispert‹, ›H. Upmann‹, ›Montecristo‹, ›Por Larrañaga‹, ›Romeo y Julieta‹, ›Saint Luis Rey‹ und ›Trinidad‹ bei ›Altadis USA‹ liegen. Daher könnte der Versuch von ›Habanos S.A.‹, kubanische Marken auf den US-Markt zu bringen, zu rechtlichen Auseinandersetzungen führen.

Viele Einzelhändler in den Staaten haben langfristige Verträge mit gegenwärtigen Lieferanten abgeschlossen, darunter nicht nur ›Swedish Match/General Cigar‹ oder ›Altadis USA‹, sondern auch ›Fuente‹, ›Padron‹, ›Perdomo‹ und ›Toraño‹, die in der letzten Zeit erheblich die Qualität ihrer Erzeugnisse verbessert und das Vertrauen der amerikanischen Käufer gewonnen haben. Ich habe keinen Zweifel, dass die Verkäufer nur zu gern kubanische Zigarren in ihr Sortiment aufnehmen werden, aber schwerlich werden sie sich voller Vergnügen auf neue Marken wie ›Cuaba‹, ›Vegas Robaina‹ oder ›San Cristóbal de La Habana‹ stürzen.

Deshalb gehe ich davon aus, dass es ›Habanos S.A.‹ schwer haben wird, auf dem US-Binnenmarkt Fuss zu fassen. Die Hauptrolle kommt hierbei natürlich ›Altadis USA‹ zu. Da das Unternehmen an ›Habanos S.A.‹ zu 50% beteiligt ist, wird es diesbezüglich auch das letzte Wort haben, vor allem dann, wenn es um die beiden größten Marken geht, um ›Montecristo‹ und ›Romeo y Julieta‹. Ich weiß nicht, wie die Entscheidung von ›Altadis USA‹ aussehen wird, doch ist zu bedenken, dass ›Altadis USA‹ eine nicht ganz unerhebliche Summe in die Fabrik ›Tabacalera de García‹ in La Romana (Dominikanische Republik) investiert hat, in der ebenfalls Zigarren der oben erwähnten Marken hergestellt werden. Sollte sich ›Altadis USA‹ jedoch entschließen, sich weniger mit Erzeugnissen aus der Dominikanischen Republik zu befassen, um sich mehr auf kubanische zu konzentrieren, eventuell auch beide Provenienzen zu betreuen, hätten die Havannas eine reelle Chance, eine Nische auf dem US-Markt zu besetzen.

Erinnern wir uns an die Geschichte, stellen wir fest, dass die Vereinigten Staaten vor der Kubanischen Revolution bei weitem nicht der größte Importeur fertiger kubanischer Zigarren waren, einmal abgesehen von den Jahren 1958 und 1959, als eine fieberhafte Nachfrage nach Zigarren bestand. Statt dessen führten die Vereinigten Staaten in großem Umfang kubanische Tabakblätter ein, aus denen in Tampa (Florida) und Trenton (New Jersey) »Clear Havanas« gemacht wurden.

Den größten Gewinn aus der Beendigung der Blockade würde der kubanische Binnenmarkt davontragen. Sollten die Beschränkungen für die touristische Einreise US-amerikanischer Bürger in das Land aufgehoben werden und sich die Innenpolitik ändern, ist es durchaus möglich, dass viele Amerikaner gerne nach Havanna fahren werden, um dort Zigarren zu kaufen. Wie viele sie davon nach Hause mitnehmen können, hängt natürlich von den Zollbestimmungen der US-Behörden ab. Kanada und Mexiko werden ebenfalls ihren Nutzen daraus ziehen können.

Leider gibt es keine genauen Zahlen über den Umfang des weltweiten Marktes an handgerollten Premium-Zigarren, aber wahrscheinlich werden pro Jahr ungefähr 400 Mio. Stück verkauft. Davon konsumieren die US-amerikanischen Raucher ca. 65%, das heisst etwa 260 bis 270 Mio. Stück, und zwar ausschließlich nichtkubanische. ›Habanos S.A.‹ verfügt zur Zeit über 30% Marktanteil und verkauft ca. 120 Mio. Stück. Es ist anzunehmen, dass sich der Marktanteil von ›Habanos S.A.‹ erhöhen wird. Die Frage ist nur, um wieviel.

Es wäre ein Fehler, sich den US-Markt als ein von ›Habanos S.A.‹ unberührtes Territorium vorzustellen. Schon heute werden etliche Millionen Zigarren dieses Unternehmens über Drittländer in den Vereinigten Staaten verkauft, weshalb der direkte Zugang zu kubanischen Marken bedeutend weniger Veränderungen auf dem Markt auslösen wird als viele vermuten. Einige amerikanische Raucher haben sich jedoch mit dem strengen Embargo abgefunden und werden gerne kubanische Zigarren probieren, sobald die Havannas problemlos für sie zugänglich sind.

Embargo Cuba

Ich glaube, dass ›Habanos S.A.‹ nicht mehr als 10% Marktanteil hinzugewinnen kann, das heißt weitere 40 Mio. Zigarren – und selbst das wird Jahre brauchen. Da die kubanische Produktion mit diesem Zuwachs zurechtkommen würde, teile ich nicht die Meinung, dass die Aufhebung des Embargos zu einem jähen Preissprung für Rohmaterial und Zigarren führen wird.

Möglicherweise habe ich nicht alle Faktoren erwähnt. Alles, was ich hier gesagt habe, entspricht ausschließlich meiner persönlichen Meinung, und soweit ich weiss, wird diese Meinung weder von ›Habanos S.A.‹ noch von ›Hunters & Frankau‹ geteilt.

Dale Scott, Journalist, Autor des Buches ›How to Select & Enjoy Premium Cigars‹ 🇺🇸

Kubanische Zigarren sind verbotene Früchte für die Amerikaner, und diese sind bekanntermaßen süß. Deshalb wird es anfänglich eine fieberhafte Nachfrage geben. Gleichzeitig aber werden die Preise jäh nach oben schnellen. Erinnern Sie sich? Als die Prohibition aufgehoben wurde, haben die Amerikaner die alkoholischen Getränke im Sturm aus den Regalen gefegt.

Nach einem kostspieligen »Honeymoon« mit der kubanischen Zigarre werden die Amerikaner jedoch wieder vom Himmel zur Erde zurückkommen. Selbst die konsequentesten Modenarren werden nach einiger Zeit auf ihr Bankkonto schauen und verstehen, dass es so nicht weitergehen kann. Der Geiz wird die Leidenschaft besiegen. Hat man die Wahl zwischen einer kubanischen ›Romeo y Julieta‹ für 20 US-Dollar und einer nichtkubanischen ›Romeo y Julieta‹ für 6 US-Dollar, wird die Versuchung, Geld zu sparen, für viele Amerikaner zu groß sein. Nur diejenigen, die über genug Geschmacksempfinden verfügen, um eine echte Zigarre von einem Remake zu unterscheiden, werden qualitativ höherwertige Produkte kaufen. Meines Erachtens können die Kubaner jedoch nicht schnell genug auf Veränderungen des Weltmarkts für Zigarren reagieren und die Qualität ihrer Erzeugnisse verbessern, sodass in den Vereinigten Staaten die Marktführerschaft der nichtkubanischen Zigarren langfristig vorherrschen wird.


Dieser Artikel wurde im Original im Magazin »Cigar Clan«, Ausgabe 1-2/2007, veröffentlicht.

 

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