Ein Familienunternehmen weit weg von der Familie

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Im Südlibanon lebte ein Mann namens Muhieddine Abou Zahr. Er war Vater von 9 Kindern. Seinem viertältesten Sohn Hamed empfahl der weise Vater, sich zum Studieren nach Moskau zu begeben, wo es in jenen Tagen eine Universität gab, die den Namen »Russische Universität der Völkerfreundschaft« trug. So legte der Vater den Grundstein für den Erfolg eines international agierenden Familienunternehmens.

LEHRJAHRE

Hamed verließ die traditionsreiche und wunderbare Stadt Sidon, eine Wiege der Kultur am Mittelmeer, und begab sich nach Moskau, wo er den Untergang der Sowjetunion miterlebte. Die politischen Stürme jener Zeit konnten ihm nicht viel anhaben. Er schloss sein Studium der internationalen Rechte mit einem PhD ab. Er hatte Freundschaften mit Kommilitonen geschlossen und ein bis heute wirksames Netz von Verbindungen in aller Welt geknüpft. In jenen heute weit zurück liegenden Jahren – was hat die Welt seither nicht alles erlebt! – lernte er auch seine Frau Gloria kennen, eine peruanische Ingenieurin, die an der gleichen Universität ihre Ausbildung genoß. Die beiden zog es nach dem Abschluss der Universitätsjahre nach Kuba, wo sie sich der interessanten Erfahrung aussetzten, in einem der letzten Länder des real existierenden Sozialismus Unternehmer zu sein.

Weltbürger beide, vielsprachig und geschäftstüchtig, interessierten sie sich nicht zuletzt für den Tabak: die kubanische Kultur der Zigarre, deren Produktion und Herstellung, und dafür, warum dieses Exportprodukt von der Zuckerinsel in der Welt der Genießer und Kenner einen einzigartigen Ruf genoß. Ihr Interesse führte sie zusammen mit den Vertretern der legendären Habanos S.A., der Tochterfirma der staatlich-kubanischen Cubatabaco, welche den weltweiten Vertrieb der Zigarren aus Havanna organisiert und regelt. Sie wurden Freunde der Steuermänner dieser Institution, von Arturo Mendoza Gil, von Francisco Linares, von Oscar Basulto, die sie großzügig an ihrem Wissen teilhaben ließen und mit guten Ratschlägen den Weg vorbereiteten.

Die Zigarren-Gurus schlugen vor, eine exklusive Vertriebsfirma in Südamerika zu gründen, und beschenkten sie mit Vertrauen und einer Zusammenarbeit.

Gloria und Hamed ließen sich zur Jahrtausendwende im peruanischen Lima nieder. Sie nutzten ihre Ausbildung, wurden Mitglieder der Handelskammer, rauchten im exklusiven »Club de Puros«. Mit Hilfe der kubanischen Botschaft nahmen sie an der schrittweisen Entwicklung der Wirtschaft teil, indem sie, so Hamed, »ihr Sandkorn« dazu beitrugen. Sie gründeten eine Familienfirma. Als Name wurde »Vegas del Caribe« gewählt. Das Unternehmen sollte nicht zuletzt auch ein Bindeglied zwischen Peru und Kuba sein. Eine Firma libanesischer Immigranten in Südamerika. Bereits im Juni 2000 erhielt das frischgegründete Geschäft die Rechte für den Vertrieb von Habanos in den drei Ländern Bolivien, Peru und Ecuador.

Der Vater starb in den frühen 90ern, er erlebte den Erfolg seiner Söhne weit weg an den Ufern des Pazifiks, den er so wohlüberlegt vorbereitet hatte, nicht mehr mit. In Sidon lebte zusammen mit der Mutter von Hamed und den anderen Geschwistern die bildschöne Ekram Abou Zahr. Während ihr Bruder Hamed bereits auf dem internationalen Parkett beste Habanos rauchte, studierte sie englische Literatur. 2002 reiste sie zu einem Besuch der Brüder nach Lima. Da die Vegas del Caribe ein Familienbetrieb war und bleiben sollte, wurde ihr vor heute ziemlich genau 11 Jahren angeboten, das Unternehmen in Ecuador zu vertreten.

Obwohl das Angebot überraschend kam, nahm sie diesen Wink des Schicksals an. Sie zog in die Hafenstadt Guayaquil, um von dort aus den Markt des kleinen Andenlandes zu erobern. Mit im Bunde der angereiste Bruder Ali, der ebenfalls in Moskau seine Ausbildung als Kinderarzt abgeschlossen hatte. Ekram lebt seit jener Entscheidung in Ecuador als Geschäftsfrau und heute Mutter von 3 Kindern. Ihr Bruder blieb bei ihr bis 2008, dann reiste er zurück nach Lima, heiratete Ana-Cecilia, die Schwester der Frau seines Bruders Hamed, und führt nun von dort aus die Geschäfte der Vegas del Caribe in Bolivien.

DIE HERAUSFORDERUNG

»Wir waren Pioniere«, sagt sie zu mir in der kleinen, aber feinen Zigarrenlounge des Hotels Quito. »Es gab vor uns keinen Markt für kubanische Zigarren in Ecuador.« Das ist insofern verwunderlich, als dass Ecuador eines der bekanntesten tabakproduzierenden Länder der Welt ist. Hier werden in der Provinz Los Rios seit vielen Jahren edelste »Wrappers«, Deckblätter, angebaut und Firmen wie Davidoff und Villiger unterhalten eigens dafür Tabakplantagen. Tabak wird praktisch ausschließlich für den Export angebaut. Erst seit ein paar Jahren gibt es auch hier handgemachte Premium-Zigarren, meist in kleinen Fabriken von kubanischen Emigranten hergestellt. »Wir mussten den Markt erst schaffen.«

Gloria, Vegas del Caribe

Mit Hilfe der kubanischen Botschaft organisierte Ekram Veranstaltungen, bei denen geraucht werden konnte. Er brachte den Hedonisten des Landes die kubanischen Zigarren näher. »Wir haben viel mit den anderen Botschaften zusammengearbeitet. Unter den Diplomaten gab es immer Aficionados. Nach und nach kamen Unternehmer, Ärzte, Politiker und Anwälte dazu.« Bis heute ist das Rauchen von Zigarren in Quito ein exklusives Vergnügen. Ekram und Ali gründeten Zigarrenclubs, beliefern die wenigen Vertriebsstellen im Land und sind präsent.

»Es ist ein vertrauter Kreis von Freunden. Trotz der Clubs und der Raucherevents sind die meisten unserer Kunden Touristen.« Tatsächlich ist es für den Ortsunkundigen nicht einfach, in Quito eine gute Zigarre zu kaufen. An dieser Stelle sei die Lounge im Hotel Quito genannt, wo auch eine Casa del Habano ihren begehbaren Humidor aufgebaut hat. Auch diese Franchisefirma wird von der Vega del Caribe betrieben.

Die Verkaufspreise sind höher als anderswo, die Zigarre gilt in Ecuador als Luxusprodukt und wird entsprechend hoch besteuert.

Doch Vegas del Caribe floriert. In Zusammenarbeit mit Kuba wurden in den Andenländern Verkaufsstellen aufgebaut, Casas del Habano übernommen, exklusive Luxusprodukte sowie Raucherzubehör werden angeboten. Und zu guter Letzt engagiert sich das Familienunternehmen in Immobilien und Delikatessen. 2008 ersteigerte die Firma anlässlich des Abschlussbanketts in Havanna den Humidor von Cohiba. Für 200.000 Euro. Stehen tut das gute Stück immer noch in Havanna. In einer kommenden Auktion soll der Humidor wieder versteigert werden, wiederum zugunsten des kubanischen Gesundheitsministeriums.

2010 gründeten die Familienmitglieder des Vegas del Caribe die Arabisch-Peruanische Handelskammer, um arabische Investoren nach Peru zu holen. Eine Seltenheit unter den Zigarren sind die »Exclusivamente Andino B.P.E.« von Ramon Allones oder Por Larrañaga im Doble-Corona-Format. »B.P.E.« steht dabei für Bolivien, Peru und Ecuador. Vollmundige und klassisch kubanische Zigarrenschönheiten.

Exclusivamente Andino B.P.E.

Exclusivo-B.P.E.

Ekram Abou Zahr wird voraussichtlich in Ecuador bleiben. Ein bis zweimal im Jahr reist sie in den Libanon, besucht die Familie. Natürlich bereist sie immer wieder Kuba. Sie nimmt am Treffen der Interparlamentarischen Union in Quito teil. Oder steht Seite an Seite mit hohen Militärs aus Bahrein und Palästina beim internationalen Militärsporttreffen CISM. Wer Glück hat und im rechten Moment im Hotel Quito vorbeischaut – Donnerstagabend stehen die Chancen gut –, findet sie dort. Die Weltbürgerin.

 

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