Francis Scott Fitzgerald, 1896 – 1940:

Ein Tanz am Rande des Vulkans

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Ein Spiegel vor dem Zerspringen

»Es gibt nur die Gejagten, die Jäger, die Tätigen und die Müden«, schreibt er, und ist von all dem etwas. Der amerikanische Schriftsteller und Lebemann hetzte sich selbst zu Tode. Francis Scott Fitzgerald liebt verzweifelt, er trinkt maßlos, er reist von Grand Hotel zu Grand Hotel und kann sich doch selbst nicht entfliehen. Er lebt vom Vermögen seiner Familie, er schreibt sich noch eines dazu und verschwendet, verschleudert, verspielt und versäuft das Erworbene, taumelt von Rausch zu Rausch. Stürzt in die eigenen Abgründe, die er akribisch beschreiben kann, ohne dabei auch nur mit einem gesetzten Wort die Contenance zu verlieren. Treffend: »Kein Maß an Feuer oder Frische reicht aus, um es mit dem aufzunehmen, was ein Mann in seinem gespenstischen Herz bewahrt«. 

»Roaring Twenties«

Dieser Mann, einer der bedeutendsten Vertreter der amerikanischen, modernen Literatur, porträtiert seine Zeitgenossen. Er, der die »Roaring Twenties« öffentlich lebte wie kaum ein anderer, war Opfer und Täter zugleich. Seine Protagonisten destillieren sich aus seinem Leben heraus. Kristallklar – er ist, was er schreibt. Er heiratet, nach einer bewegten Vorgeschichte, seine Zelda. Um ihn herum flatterten die »Flappers« – wie man die emanzipierten, rauchenden, scharfe Schnäpse trinkenden Schönheiten der Oberschicht nannte. (Nein, die Hippster kamen später.) Die beiden inszenieren sich, wilde Partys und exzentrische Auftritte sind buchstäblich an der Tagesordnung. Ob Zelda in öffentlichen Brunnen herumplanscht oder ob Scott rasende Taxifahrten unternimmt, auf dem Dach des Taxis wohlgemerkt, es reicht nicht aus, um den Lebenshunger zu stillen.

Zelda Fitzgerald, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=3048741 Francis Scott Fitzgerald

»Beide […] waren sorglose Menschen – sie zerstörten Dinge und Lebewesen und zogen sich dann zurück in ihr Geld oder ihre unermessliche Sorglosigkeit oder was immer es war, das sie zusammenhielt, und liessen andere Leute das Chaos beseitigen, das sie angerichtet hatten«. 

So wunderschöne Hemden

Die Sorglosigkeit dürfte ein Euphemismus gewesen sein, denn Zeldas Nervenzusammenbrüche, Scotts Klinikaufenthalte, das rastlose, selbstzerstörerische Rasen der beiden erzählt vom Tanz am Rande des Vulkans – geradezu den Ausbruch herbei beschwörend, der endlich Feuer mit Feuer bekämpft und endlich Frieden schafft. Ach die Liebe. Gibt es einen rührenderen Ausbruch von längst gehegter und unbefriedigter Sehnsuch als Daysis Aufschluchzen, als Gatsby seine umfangreiche Hemdensammlung ihr hinwirft. Ein buntes Flattern edler Stoffe und Daisy den Kopf in den Hemden vergraben:

»Es sind so wunderschöne Hemden«, schluchzte sie mit von dicken Falten erstickter Stimme. »Das macht mich traurig, weil ich noch nie zuvor so wunderschöne Hemden gesehen habe«.

Armer, reicher Gatsby

Teufel nochmal, der Gatsby! Die protzigste Villa, das Wasserflugzeug, Geld ohne Ende und Partys, zu denen was Rang und Namen hat hinströmt, um Gin Rickey hinunterzustürzen. (Gin Rickey ist ein Gin Tonic ohne Tonic, darf auch noch ein Löffel Zucker dazu, viel Eis … wohl bekomms.) Der gleiche Gatsby ist einer, der Nachts auf der Terrasse sehnsüchtig die Arme den Lichtern des Hauses entgegenstreckt; der Frau entgegen, deren Leben er zerstören wird und seins gleich dazu. Am Ende ist er tot und an der Beerdigung herrscht einsame Trostlosigkeit. Armer, reicher Gatsby.

Francis Scott Fitzgerald, The Great Gatsby

Und niemanden kümmert es

Gerne werden dieser Tage die »goldenen Zwanziger Jahre« herbeizitiert. Ach was für ein Zeitalter, Sternjahre der Malerei, des Theaters, der Literatur und der Sinnlichkeit. Gleichzeitig bereitet sich das Grauen des 2. Weltkrieges vor. Und Scott säuft sich zu Tode. Ein guter Freund von Hemingway war er, da herrschte großes Gläserklirren und Frauenverschleißen. Ob an der französischen Riviera in England, Frankreich oder im New Yorkschen Long Island: Aus vollen Flaschen werden leere, aus schillernden Festen werden Höllen des egoistischen Nichtsnutzentums. Böse Bilder: »Im Vordergrund schreiten vier ernste Männer in Abendanzügen den Gehweg entlang und tragen eine Bahre, auf der eine betrunkene Frau in einem weißen Abendkleid liegt. Ihre Hand, die an der Seite herunterbaumelt, funkelt kalt vom Glanz der Brillanten. Würdevoll steuern die Männer auf ein Haus zu – das falsche Haus. Doch niemand kennt den Namen der Frau, und niemanden kümmert es«.

Wohlstandsverwahrlosung

Den grossen Gatsby nicht zu lesen, weil er bloß ein »Gesellschaftsroman« der Oberklasse sei, ist falsch gedacht. Die Parallelen zur Wohlstandverwahrlosung unserer »hippen« Zeit sind darin überdeutlich, und wer Ohren hat zu hören, hört darin bereits den gnadenlosen Marschtritt der Stiefel der Apokalypse. Francis Scott Fitzgerald ist ein Schriftsteller von höchstem Rang. Lesen! Dazu Gin Rickey trinken. Eine seiner schönsten Erzählungen: Der seltsame Fall des Benjamin Button, verfilmt von David Fincher, 2008, mit Brad Pitt und Cate Blanchett. Ich empfehle: Erst lesen und danach den Film anschauen.

F. S. und Zelda Fitzgeralds Grabstätte; By Jay Henry - https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=3575780

Scott stirbt 1940 nach zwei Herzinfarkten mit 44 Jahren. Seine große Liebe Zelda kommt 1948 bei einem Krankenhausbrand um. Beide waren körperlich und geistig buchstäblich zu Tode erschöpft. Scottie Fitzgerald Smith, die Tochter der beiden, stirbt 1986. Sie war Journalistin und Schriftstellerin und verlor nie ein schlechtes Wort über ihre Eltern.

 

Francis Scott Fitzgerald, Der Grosse Gatsby»Der Grosse Gatsby«

Francis Scott Fitzgerald

Verlag: Nikol, 2. Auflage (1. Januar 2011)

Sprache: Deutsch

ISBN-10: 3868200975

 

 

 

Francis Scott Fitzgerald, Der seltsame Fall des Benjamin Button»Der seltsame Fall des Benjamin Button«

Francis Scott Fitzgerald

Verlag: Anaconda Verlag (1. Februar 2016)

Sprache: Deutsch

ISBN-10: 3730603442

 

 

 

 

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