Gereifte Weine mit persönlichem Erinnerungswert

Rheingau und Jahrgang 1975

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Jede Menge Überraschungen: Weine, bei denen ich hätte schwören können, sie hätten das Zeitliche gesegnet. Viele dieser Momente fanden während meiner Zeit als Chefsommelier in der Wiesbadener Ente statt. 1979er Fürst Löwenstein Riesling Kabinett war eine dieser Überraschungen. Aus einem eher schwachen Jahr tanzte er 30 Jahre später vital durchs Glas und versprühte jede Menge Trinkfreude.

Wenig Hoffnung hatte ich beim 1988er Assmanshäuser Spätburgunder Spätlese trocken von Kloster Eberbach in der halben Flasche. Ein großer Irrtum, wie sich herausstellte. Der Wein war auf seinem absoluten Höhepunkt und das, obwohl 1988 ein schwaches Jahr war und Weine in halben Flaschen schneller reifen.

Die Liste ist endlos und ich wüsste nicht, wo ich anfangen sollte. Heute ärgere ich mich, dass ich nicht immer brav meine Verkostungsnotizen aufgehoben habe.

Rheingauer Erinnerungen

Über sechs Jahre lang habe ich im Rheingau gelebt, gearbeitet und genossen. Einige Weine werde ich wohl nie wieder verkosten, andere werden hoffentlich das ein oder andere Mal noch den Weg in mein Glas finden.

1909 Eltviller Taubenschlag Riesling Cabinet, Hessische Staatsweingüter Kloster Eberbach

Welch eine Überraschung im Glas, ein sattes Gelb mit leicht güldenen Reflexen! Und die Nase: Reife Äpfel paaren sich mit Rosinen und leicht gesalzenen Mandeln. Der Gaumen wird von einer lebhaften Säure umworben, welche die verhaltene, sich zur Ruhe gelegte Frucht nur anfänglich vermissen lässt. Der Abschied ist lang und von einer zarten Salzigkeit getragen. Die 100 Lenze schmeckt man nicht eine Sekunde!

1921 Hattenheimer Riesling, Hessische Staatsweingüter Kloster Eberbach

Funkelt golden im Glas, leicht verwirrender und das Alter verräterischer Duft: Champignons, feuchter Waldboden, ein wenig zu viel Petrol. Dennoch hat er noch nicht endgültig von seinem Charme eingebüßt, klare kräutrige Aromen bahnen sich den Weg. Noch immer mit einer prägnanten

Säure gesegnet und von einer feinen Bitternote getragen. Fast wirkte er ausgemergelt, würde nicht eine charmante Cremigkeit durchblitzen. So h.lt er wacker die Fackel hoch. Das Finish wird von der Säure und seiner Kräutrigkeit getragen.

1935 Hattenheimer Wisselbrunnen Riesling Spätlese Cabinet, Schloss Reinhartshausen

Das satte Gelb hat nur leichte bräunliche Akzente. Aus dem Glas strömen klare nebeneinander aufgereihte Aromen: Marzipan, Bittermandel und unverkennbares Orangeat. Ebenso sortiert präsentiert er sich am Gaumen! Finesse und Eleganz sind die ersten Schlagworte, die mir in den Sinn kommen. Das Ganze wird kunstvoll von einem sympathisch dominanten Säurespiel untermalt, das auch das Finale bestimmt – und jenes ist lang und herzhaft!

1997 Grünlack Riesling Spätlese, Schloss Johannisberg

Anfangs verschlossen und schüchtern. Dann heimisches Obst, Citrusaromen, zarte Mandelanklänge. Mineralisch, straff, knackige Säure und frisch, voller Spiel und Finesse flirtet er mit allen Papillaren auf der Zunge. Bei der ersten Verkostung vor fünf Jahren erschien er mir absolut auf seinem Höhepunkt, drei Jahre dachte ich das Gleiche und er schmeckte nochmals besser. Wie er wohl in 20 Jahren schmecken wird?

1975 – mein Geburtsjahr

1975 war in Deutschland ein guter Jahrgang mit einigen feinen edelsüßen Weinen. Der nachfolgende Jahrgang 1976 zählte dagegen zu einem der besten des 20. Jahrhunderts. Für mich, als zu früh geborener Spätschütze, ist das besonders ärgerlich.

In Bordeaux fiel 1975 besonders hart aus, zurückhaltende Frucht mit forschem Gerbstoff, der sich nur in den seltensten Fällen harmonisch eingefügt hat. Zum Glück wurde ich dennoch einige Male eines Besseren belehrt.

Im Sauternes war 1975 ein Jahrhundertjahrgang, und leider sind die Weine unerschwinglich. Zum Glück habe ich zwei herrliche Alternativen gefunden. Sherry und Portweine zählen zu der Gruppe der Südweine. Es sind Weine, die während beziehungsweise nach der Gärung mit Alkohol verstärkt werden. Beide Weine haben ein unglaubliches Alterungspotenzial und werden mich mit ihrer Frische und Lebendigkeit sicher überleben.

1975 Château Mouton Rothschild

 

1975 Château Mouton Rothschild

Der zuvor probierte 1975er Château Haut-Brion konnte wahrlich nicht begeistern und stellte die allgemeine Meinung über die 1975er bestens unter Beweis. Da erwies sich der 1975er Mouton als kleines Wunderkind. Das Rot ist an den Rändern blass – ein Zeichen für einen alternden Wein. Die Nase offenbart einen Hauch von Frucht, rote Waldbeeren, dann folgt ein generell für die Moutons aus den 1970ern typischer Duft: Grafit pur. Fast habe ich das Gefühl, die Bleistiftmine mutwillig zerdrückt zu haben, das Tannin ist da und will sich nicht verstecken. Bestimmt nicht der beste Mouton, den ich probiert habe, aber mit Abstand einer der besten Bordeaux aus meinem Jahrgang.

1975 Colheita Port, Kopke, Douro

 

1975 Colheita Port, Kopke, Douro

Blasses Rot mit bräunlichen Reflexen. Was für eine Nase! Schokolade, Rosinen, etwas Kaffee, Nugat, Feigen. Zeigt sich kraftvoll elegant, aber in keinem Moment prahlerisch. Der Alkohol ist perfekt ausbalanciert und der Port verabschiedet sich würdevoll mit einer saftigen Süße vom Gaumen. Schade, dass es nur eine Flasche war.

1975 Añada Oloroso Bodegas Tradición

1975 Añada Oloroso Bodegas Tradición

Jahrgangs-Sherrys sind rar und dann auch noch aus meinem Geburtsjahr. Komplexer Duft: Zedern- und Süßholz, grüne Walnüsse und Rosinen, ein Hauch Tabak, Mokkanoten, kandierte Orangen und Anklänge von Bergamotte. Am Gaumen maskulin und elegant, von sagenhafter Intensität und von einer herrlich jugendlichen Säure in Schwung gehalten. Schier endloses trockenes Finale. Ein Sherry in absoluter Perfektion. Gut zu wissen, dass es davon noch ein paar Fässer in der Bodega gibt.

 

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