Gurus am St. Patricks Day

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Ich habe den letzten St. Patricks Day in Irland gefeiert, an dem man noch in den Pubs rauchen durfte. Um diese Erinnerung zu wecken, brauchte ich irische Musik, einen Whiskey und eine Zigarre. Drink und Smoke waren schnell ausgesucht, aber die Musik … Als erstes versuchte ich es mit The Dubliners, Folkbarden mit Hits wie »The Wild Rover« und »Whiskey in the Jar«. Nette Herren, mit Bärten und Hüten, aber nicht mein Fall. »Oh Danny Boy« war mein zweiter Gedanke, das bekannteste irische Volkslied. Die beste Version hat Johnny Cash aufgenommen, mein Countrykontingent für diese Kolumne ist aber leider höchst chefredaktionell limitiert, und Cash wird verwendet wie Goldstaub.

»The Tipperary Song«, am besten in der Version aus dem Film Das Boot, war der dritte Gedanke. Zu weit vom Thema weg und irgendwie auch zu viel Gepfeife. Weltkrieg II? Nope, Sir, Irland ist gerade so schön modern und griffig. Also ging ich tiefer ins digitale Plattenregal zum Stöbern und schaffte es auch wirklich, ohne Spinnweben im Haar wieder aufzutauchen. Ich hatte eine irische Band gefunden, die Kíla heisst, mit einen wunderbaren Song namens »An Tiománaí«. Einmal gehört, zweimal gehört und beschlossen, Fan zu sein. Ich bin grad so im Irlandfieber, das passte alles gut zusammen. Basta. Im Glas funkelte schon seit ein paar Minuten ein 8 Jahre Single Cask von The Quiet Man und ich erinnerte mich jetzt genau an meinen letzten Irlandaufenthalt, während ich mir eine handfeste Cazadores aus dem Jahre 2010 anzündete.

 

 

Buailfidh tú le daoine ‘dhéanfaidh iarracht tú a dhíruí

treo amháin gan oíche agus treo eile gan lá.

You will meet with people who will try to direct you,

one way has no night the other has no day.

Ich war vor 15 Jahren das letzte Mal in Irland, zufällig zum St. Patricks Day, ein Jahr vor dem Rauchverbot. Eine große deutsche Company hatte mich für eine Incentive-Strecke für die Mitarbeiter des mittleren Managements angeheuert und wir waren für 12 Tage in einem konzerneigenen Hotel untergebracht.

Neben mir gab es einen Work-Life-Balance-Guru, einen Teambuilding-Guru, einen Humor-Guru einen Golf-Guru, einen Yoga-Guru, einen Wein-Guru und einen Guru, bei dem man alles aufschreiben musste und man dafür seinen Teamcharakter nach Farben und Nummern gerastert mitgeteilt bekam.

Danach freundeten sich Gina Rot-Sieben und Peter Rot-Fünf an, die sich vorher nicht besonders mochten. Ich war der Zigarren-Guru und verstand mich prächtig mit dem Wein-Guru und dem Humor-Guru. Der Yoga-Guru war eine Frau, mit der ich mich auch gerne gut verstanden hätte, die aber Zigarren und somit auch mich sehr scheußlich fand. Alle Gurus waren angehalten, auch die Vorträge und Sitzungen der anderen Gurus zu besuchen, damit wir auch Teil vom Team würden. Die Manager wechselten alle 3 Tage durch, also hatten wir Gurus jeweils 4 Mal das Vergnügen miteinander. Frau Yoga-Guru schwänzte zwar Zigarre und Wein, dafür ließ ich geflissentlich mehrere Male Golf und Work-Life-Balance ausfallen, und die letzten zwei Mal Yoga …

‘S beidh dóchas i chuile éirí na gréine

ó ach é a roinnt, ó ach é a roinnt,

And there is hope in every rising sun,

oh but to share it, oh but to share.

Ansonsten war die Zeit recht entspannt, alle 3 Tage hatte ich einen Zigarrenabend zu organisieren, konnte ansonsten über die frühlingshafte Insel joggen, abends am Guru-Tisch speisen und später noch manchmal ins Dorf zum Dartspielen. Dort traf man für meinen Geschmack deutlich zu viele der Menschen, die man den ganzen Tag zwischen Golfplatz und Lunchbuffet, zwischen Weinprobe und Witzeerzähler hin- und herswitchen sah, immer bemüht die Teambuilding-Balance zu wahren.

Ich hätte mir mehr vom Schlag der Dubliners gewünscht, oder einen Typen wie Cillian Murphy, mit dem man ein-zwei Guinness schlürfen hätte können, bis man vielleicht ein klein wenig dieses wunderbar archaischen gälischen Akzents übernommen hätte, zumindest bis zum nächsten Morgen.Oder eine Lady vom Kaliber einer Sirsha Ronan, in Sommersprossen, grünen Augen und rotem, nach Moos und Whiskey duftendem Haar versinken, zumindest bis zum nächsten Morgen.

Aber nein, kaum hatte man den Pub betreten, kam Stefan Grün-Vier und fragte, welche Farbe ich beim Aufschreib-Guru bekommen hätte. Weil ich jedes Mal eine andere Kombination bekam, musste ich improvisieren und versuchte, mit einer Runde Whiskey abzulenken. Jede ordentliche Pubschlägerei wäre mir lieber gewesen, mit Cillian und Sirsha an meiner Seite.

Dóchas i chuile casadh sa bóthar

ó ach é a roinnt, ó ach é a roinnt.

And there is hope in every turn on the road,

oh but to share it, oh but to share

Und dann kam St. Patricks Day, der letzte, an dem man in den Pubs noch rauchen dürfen sollte. Ein paar Schwänzer und ich brachen nach dem Frühstück auf ins Dorf, wo schon alle Pubtüren offen waren und die Menschen auf der Straße Bier und Whiskey tranken. Dudelsackmusik, Pfeifen und Trommeln, viele Leute trugen große grüne Hüte, die jüngeren hatten sich mit orangenen Perücken und Riesenstiefeln als Leprechauns verkleidet.

Im Pub nahm uns der Wirt in Empfang, drückte uns Gläser voll Whiskey in die Hand und zwang uns zum Mouthwash. Das bedeutet, den Mund voll Whiskey zu nehmen und ihn eine ganze Weile statt zu schlucken im Mund zu behalten und darauf herum zu kauen. Ein Riesenvergnügen nach dem Frühstück, es treibt einem erst die Tränen in die Augen, dann spürt man, wie der Alkohol über die Schleimhäute in den Kopf steigt und dann schluckt man final viel zu viel Whiskey auf einmal.

Aber wir waren sensorisch wach. Das meinte zumindest der Wein-Guru mit roten Bäckchen und zog an einer meiner mitgebrachten Zigarren. Wir feierten noch ein wenig weiter und trollten uns leicht betrunken zu einem späten Mittagessen wieder ins Hotel. Ich verschlief den Yogakurs und die Golfstunde und nahm mir vor, eines Tages wieder nach Irland zu kommen, zum St. Patricks Day. Ohne Gurus und Manager, nur mit ein, zwei guten Freunden, vielleicht mit roten Haaren und Sommersprossen.

 

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