Harmonie aus Holz und Tabak

884

Wenn ein Humidor, dann ein Exemplar, das als Möbelstück etwas hergibt. Schön sollte es aussehen, das Zigarrenbehältnis. Aber es sollte auch seinen Zweck erfüllen: Zigarren richtig zu lagern – und dabei kommt es vor allem auf das Innenleben des Humidors an.

So verschieden Farben, Formen und Ober flächen marktüblicher Humidore sind, so verschieden ist auch deren Innenleben gestaltet. Neben Spanischem Zedernholz finden sich Auskleidungen aus Gabun oder Okkumé, aus Kanadischer Zeder, Kenia Zeder oder Libanon Zeder, aus Mahagoni, Meranti oder Western Red Cedar. Die Oberfläche besteht entweder aus rohem oder behandeltem Holz, wobei man in letzterem Fall nicht selten gewachste oder geölte Exemplare antrifft, hin und wieder auch solche, die lackiert sind.

In der Diskussion um das optimale Holz imInneren eines Humidors kommen immer wie der die folgenden Fragen auf:

  • Sollte ein Humidor im Inneren möglichst neutral sein, also geruchlos, um das Tabakaroma nicht zu beeinflussen?
  • Sollte ein Humidor ausschließlich mit der tradierten Spanischen Zeder ausgekleidet
  • sein?
  • Sollte die Oberfläche im Inneren eines Humidors offenporig oder sollte sie versiegelt sein?
  • Darf ein Humidor im Inneren auch mit anderen aromatischen Hölzern ausgekleidet sein, zum Beispiel mit Kanadischer Zeder?

Würden alle Fragen mit einem »Ja« beantwortet, so hätten wir es, bezogen auf das Innenleben eines Humidors, mit vier verschiedenen Varianten zu tun. Sie alle (und noch mehr) sind am Markt erhältlich. Ist es dem nach gar nicht von Belang, wie sich besagtes Inneres ausnimmt? Oder gibt es eine eindeutig zu präferierende Variante?

Des Humidors Zweck

Ein Humidor soll Zigarren bei einer relativen Luftfeuchte von circa 70 % beherbergen, soll witterungsbedingte Feuchteschwankungen der Umgebung möglichst gut kompensieren, und er soll die Zigarren in ihrem Reifungsprozess unterstützen – die Aromen des Tabaks sollen also mit Hilfe des Humidors möglichst lange erhalten bleiben, mehr noch, der Aromenumbau von einfacheren in komplexere Aromen soll unterstützt respektive nicht gefährdet oder verändert werden.

Letztere Anforderung lässt den Schluss plausibel erscheinen, ein Humidor solle im Inneren möglichst neutral und frei von jeglichen Fremdaromen sein. Das ist für sich genommen auch durchaus richtig. Aus diesem Grund versiegeln manche Hersteller die Innenholzverkleidung ihrer Humidore mit geruchlosem Wachs oder neutralem Lack. Allerdings kann dann das Behältnis keinerlei Feuchtigkeit puffern. Das aber ist vor allem im Sommer wichtig, wenn der Humidor tagsüber in einer wärmeren Umgebung steht als des Nachts. Kühlt die Luft im Humidor ab, so steigt zwangsläufig die relative Luftfeuchte im Behältnis an. Wenn diese »überschüssige« Feuchtigkeit nun nicht durch das Holz im Humidor gepuffert werden kann, dann übernehmen die Zigarren diese Aufgabe.

Zeder

Aber genau das widerspricht dem Prinzip einer Lagerung bei möglichst konstanter relativer Luftfeuchte.

Was geschieht unter solchen Bedingungen? Die Zigarren beginnen zu »arbeiten«, indem sie sich bei höherer Feuchte ausdehnen und bei geringerer Feuchte zusammenziehen. Letztlich ist es nur eine Frage der Zeit, bis die Zigarre den Spannungen nicht mehr standhält. Aufgeplatzte Brandenden und beschädigte Deckblätter sind die Folge. Aus diesem Grund muss ein Humidor unbedingt in der Lage sein, Feuchtigkeit zu puffern – er sollte also möglichst mit rohem, unbehandeltem Holz ausgekleidet sein.

Der Baum: Spanische Zeder

Jetzt stellt sich die Frage nach dem richtigen Holz. Jedes Material, welches das Aroma des Tabaks beeinflusst, ist nicht wünschenswert. Tabak nimmt Fremdaromen unglaublich schnell auf – und gibt sie nur sehr langsam wieder ab. Wer einmal an einer Zigarre gerochen hat, die in der Umgebung eines aromatischen Holzes gelegen hat, der kann leicht nachvollziehen, welch starken Einfluss dominante Fremdaromen auf eine Zigarre haben.

Kanadische Zeder, Libanon Zeder und Western Red Cedar gehören zu den Hölzern, die geradezu dafür prädestiniert sind, feine Tabakaromen gänzlich zu überdecken.

Legen wir die Zigarren in einen Humidor, der mit Spanischer Zeder ausgekleidet ist, dann beobachten wir etwas sehr Interessantes: Trotz des Aromenreichtums der Spanischen Zeder bewahren die Zigarren auch noch nach Jahren denselben Duft wie zum Zeitpunkt der Einlagerung – und: die Tabakaromen bleiben sämtlich erhalten, ja, sie entfalten sich sogar noch. Um diesen Sachverhalt verständlich zu machen, wollen wir nun die besonderen Eigenschaften der Spanischen Zeder genauer beleuchten, und wir werden sehen, weshalb eine Humidorauskleidung sinnvollerweise aus ebenjenem Holz bestehen sollte.

Die Spanische Zeder

Spanische Zeder ist der populäre Handels name der sogenannten Cedrela odorata. Interessant ist hierbei: Obwohl eine Zeder eigentlich ein Nadelbaum ist, handelt es sich bei der Cedrela odorata um eine Laubbaumart aus der Familie der Meliaceae. Der Grund für die verwirrende Namensgebung liegt in der Vergangenheit: Um die vorletzte Jahrhundertwende (19./20. Jh.) wurden Hölzer nicht nach ihrer botanischen Zugehörigkeit benannt, sondern nach ihrem optischen Erscheinungsbild. Deshalb tragen noch heute Laubbäume die Namen von Nadelbäumen und umgekehrt.

Eine Cedrela wird bis zu 35 m hoch und erreicht einen Stammdurchmesser von bis zu 300 cm. Der etwa 20 m lange astfreie Schaft weist, ähnlich wie bei einem Mammutbaum, hohe Wurzelanläufe auf, die bis zu 3 m betragen können. Die Cedrela wächst auf kalkhaltigen, silikatreichen und lehmigen Böden des Regenwalds und stellt hohe Ansprüche an den Boden.

Für weitere Verwirrung sorgen die unterschiedlichen Namen der Cedrela. Je nach Provenienz ist sie bekannt als Honduras Zeder, Nicaragua Zeder oder Tabasco Zeder, und neben vielen anderen Bezeichnungen sorgen weitere lateinische Namen wie Calicedro oder Cedro amargo für ein zusätzliches Durcheinander. Die Cedrela odorata stammt meist aus Mittel und Südamerika, ist aber auch außerhalb ihres natürlichen Verbreitungsgebiets anzutreffen, so etwa auf Plantagen, die in Tansania und Ghana bewirtschaftet werden.

Da westafrikanisches Cedro Holz sehr begehrt ist, zudem ein Exportverbot für Rundholz dieser Gattung besteht und es auf dem freien Markt praktisch nicht zu bekommen ist, sind auch die Preise für Cedrela odorata aus den anderen afrikanischen Regionen enorm angestiegen. Zudem hat die hohe Nachfrage zu einer allgemeinen Verschlechterung der Qualität geführt, weshalb es nicht leicht ist, Holz guter Qualität zu einem akzeptablen Preis zu beschaffen.

Interessante Eigenschaften

Das Holz der Spanischen Zeder ist mittelrotbraun und dunkelt an der Luft leicht nach, während die Textur grob und nadelrissig ist. Betrachtet man das Holz unter dem Mikroskop, so erkennt man in den Gefäßrillen dunkle Einlagerungen und rotbraune Inhaltsstoffe. Entgegen oftmals geäußerter Vermutungen haben wir es hier jedoch nicht mit Harzgallen zu tun. Bei den winzigen Kristallen, die in bestimmten Holzzellen auszumachen sind, handelt es sich höchstwahrscheinlich um Silikatverbindungen. Erfreulich für den Humidorbauer: Spanisches Zedernholz arbeitet sehr wenig und schwindet auch nur in geringem Maße, und der relativ hohe Porenanteil (70 %) des mittelschweren Holzes sorgt für eine starke Resorptionsfähigkeit von vorhandener Feuchtigkeit.

Spanischen Zeder

Von Harzaustritten, Inhaltsstoffen und Gerüchen

Entgegen weitverbreiteter Meinung weist das Holz der Spanischen Zeder durchaus Harzkanäle auf. Die darin befindlichen, dunkel gefärbten Inhaltsstoffe wirken nachweisbar insektizid, wobei es sich bei diesen Stoffen zugleich um die aromenwirksamen Komponenten des Holzes handelt.

Mitunter kann es an der Auskleidung des Humidors zu »Ausblutungen« kommen: Das Holz verfärbt sich dunkel, und es entstehen unregelmäßig angeordnete, klebrige Flecken. Der Grund für diese, als »Ausharzen« bezeichnete Erscheinung ist nicht etwa das Austreten von Harz aus vorhandenen Harzgallen. Anders als beispielsweise bei einer heimischen Kiefer, bei der die Harzgallen im Holz liegen und es beim Aufsägen einer solchen Stelle augenblicklich zum Harzaustritt kommt, treten die »Harzflecken« bei der Spanischen Zeder ausschließlich nur an der Holzoberfläche auf.

Genaugenommen handelt es sich dabei noch nicht einmal um Harz, sondern um eine kautschukartige Substanz, die größtenteils aus Arabinose, Galaktose und Xylose besteht. Der Austritt dieser harzartigen Inhaltsstoffe kann sofort beim Aufschneiden des Holzes beginnen, manchmal aber auch erst nach Jahrzehnten. Kommt es bei der thermischen Holztrocknung nicht zum Harzaustritt, so kann man relativ sicher sein, dass dieser Vorgang später, im Humidor, nur äußerst selten zu beobachten sein wird.

Völlig ausschließen läßt sich das nämlich nicht. Nach meiner eigenen Erfahrung harzt Holz aus Südamerika am stärksten aus, weniger das aus Mittelamerika, während das harzärmste aus Westafrika stammt. Auch wenn die Möglichkeit des Ausharzens immer latent gegeben ist: In 95 % der Fälle wird der Humidor nicht oder nur ganz wenig ausharzen. Geschieht es dennoch, lassen sich die Flecken problemlos mit Alkohol entfernen (wofür sich am besten Isopropyl Alkohol aus der Apotheke eignet).

Falls allerdings ein Humidor nicht in Benutzung ist, er also nicht befeuchtet wird und somit, weil über längere Zeit geschlossen, austrocknet, dann ist die Luft in einem solchen Humidor über die Maßen mit »Harz« gesättigt – und unter diesen Umständen kann es zu ganz unglaublichen Verklebungen kommen.

Dem genauen Grund für den Austritt dieser harzartigen Substanz, wie er bei der Spanischen Zeder vorkommen kann, ist man wissenschaftlich noch nicht auf die Spur gekommen. Man weiß weder, aus welchen anatomischen Elementen des Holzes das Harz stammt (Fasern, Gefäße, Harzkanäle), noch hat man herausgefunden, ob die Inhaltsstoffe der austretenden klebrigen Substanz die gleiche stoffliche Zusammensetzung aufweisen wie die Inhaltsstoffe in den Gefäßen des Holzes selbst. Eines ist jedoch sicher: Die Ausharzung tritt ausschließlich an der Holzoberfläche auf und wird durch Wärme begünstigt. Zudem harzt gut aus bzw. durch gelüftetes Holz relativ selten aus.

Anders verhält es sich dagegen mit zwei Brettern, die in einem Stapel direkt aufeinandergelegen haben. Und in einem Schrankhumidor, in dem die Befeuchtung elektronisch geregelt ist und die Luft zur Befeuchtung durch eine Filtermatte gedrückt wird, weist das Holz praktisch keinerlei Harzflecken auf, wohingegen sich die Filtermatte mit der Zeit bräunlich färbt und intensiv nach Spanischer Zeder riecht.

Seltene Extremausharzung

Diese Beobachtungen lassen folgenden Schluß zu: Eine »Ausharzung« tritt dann verstärkt auf, wenn die Luft, die das Holz umgibt, mit den Aromen des Holzes gesättigt ist und diese Sättigung nicht reduziert wird. Das »Harz« setzt sich dann irgendwo im Humidor ab, und das nicht etwa nur auf Flächen, die aus Spanischer Zeder bestehen, sondern auch auf Befeuchtern und Hygrometern, auf Papier und Scharnieren, praktisch überall. Weshalb sich das »Harz« genau dort ablagert, wo es sich ablagert, und nicht etwa 2 cm weiter rechts oder links, konnte bislang nicht aufgeklärt werden.

Speziell in US-amerikanischen Publikationenzum Thema Humidor ist immer wieder zu lesen, man solle nicht die Cedrela odorata, sondern die Cedrela mexicana zum Humidorbau verwenden, da dieses Holz weniger »ausharze«. Das ist allerdings Unsinn, denn bei der Cedrela mexicana handelt es sich wiederum nur um eine andere Bezeichnung für die Cedrela odorata.

Ein Ergebnis meiner Beobachtungen ist jedoch höchst bemerkenswert: Die harzartige Substanz lagert sich nicht auf den Zigarren ab. Zwar habe ich schon Fälle gehabt, bei denen die Bauchbinden vollkommen verklebt waren, doch niemals habe ich auch nur den Hauch eines »Harzflecks« auf dem Deckblatt einer Zigarre gefunden. Offensichtlich verfügt die Zigarre über Inhaltsstoffe, die das Anlagern jenes »Harzes« verhindern, den das Spanische Zedernholz produziert.

Ein weiterer auffälliger Aspekt: In einem stark ausharzenden Humidor verschimmeln Zigarren selbst dann nicht, wenn die relative Feuchte bis auf 85 % ansteigt. Offensichtlich verfügen die aromatischen Inhaltsstoffe des Holzes über Substanzen, die jegliche Pilzbildung hemmen.

Eine aromatische Symbiose

Heute ist es möglich, mittels elektronischer Sensoren schwer unterscheidbare Holzarten aufgrund ihres artspezifischen Geruchs zu bestimmen. Dabei erfassen ca. 15 Sensoren die beim Erhitzen des Holzes frei gesetzten Gase. Dieses Aromenspektrum kann als Kurve dargestellt werden, die dann einen eindeutigen »Aromenfingerabdruck« des jeweiligen Holzes liefert.

Genau das gleiche Verfahren lässt sich auch auf Tabak anwenden. Die zahlreichen Testergebnisse sind eindeutig: Die aromatisch wirksamen Geruchskomponenten der Spanischen Zeder sind denen des Tabaks verblüffend ähnlich.

Im Detail handelt es sich hierbei um Aromadendrene, Cadinol, Calacorene, Farnesane, Kadalene, Kalamenene und Kopaene. Aufgrund der großen Ähnlichkeit der im Spanischen Zedernholz und im Tabak vorhandenen Aromen ist es nachzuvollziehen, weshalb Zigarren in der Umgebung von Spanischem Zedernholz ihr Aroma behalten und im Reifungsprozess unterstützt werden, aber nicht das Aroma des Holzes selbst annehmen. Das Aromenspektrum des Tabaks bleibt gänzlich bestehen – und das ist es doch, was sich jeder Zigarrenliebhaber wünscht …

Sie haben eine Frage an Marc André zum Thema »Zigarrenlagerung«? Schreiben Sie eine E-Mail an info@shmckr.com mit dem Stichwort »Humidor« und wir leiten Ihre Frage sofort weiter.

Kommentare sind geschlossen, abertrackbacks und Pingbacks sind offen.