Hasta siempre, comandante!

Seltene Briefe des Che Guevara.

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Nach der Hinrichtung des legendären Kommandanten Che, des argentinischen Aristokraten Ernesto Guevara de la Serna, haben sich die Bauern des bolivianischen Dorfes Cochabamba eine Art Litanei ausgedacht: »Armer Che, erbarme Dich, vollbringe ein Wunder und mache meine Kuh wieder gesund. Erfülle meine Bitte, armer Che!« Die Militärs, die den Kommandanten töteten, haben einen ernsthaften Fehler begangen, in der Hoffnung auf diese Weise den Geist von Che zu vertreiben. In den ersten Tagen nach dem Tod des Revolutionärs versuchten sie Ches Tod nachzuweisen, indem sie erschreckende Bilder der Leiche um die Welt gehen ließen. Entsprechend der christlichen Tradition der Verehrung des leidenden Christus rief dieses Foto eine Reihe bestimmter Assoziationen hervor: der Märtyrertod, die Sühne und die Auferstehung. So begann das zweite Leben des legendären Revolutionärs. Das Leben nach dem Tod.

Den Namen Che Guevaras kennen alle. Sobald es aber um seine Biografie und um reelle Tatsachen geht, verzeichnet das Gedächtnis eine Störung und lehnt es ab, in der Geschichte zu wühlen. Im Endeffekt kennen nur die großen Verehrer biografische Einzelheiten über Che, und nur wenige können sich die Legende als eine echte Persönlichkeit vorstellen. Was nicht verwunderlich ist. Kuba ist zweifelsohne gleich nebenan, aber das Havanna-Centrum der Erforschung des Lebens und der Tätigkeit Che Guevaras (heute von der Witwe des Revolutionärs geleitet) befindet sich in weiter Ferne.

Bei dem Entwurf der Publikation war es nicht geplant, die Biografie des Revolutionärs zu beleuchten oder sie in einem neuen Licht darzustellen. Vor allem wurde kein Anspruch an die Einzigartigkeit des Beitrags erhoben. Wir haben uns diesem Thema nicht nur deshalb zugewandt, weil Che Guevara eine große historische Persönlichkeit und der charismatischste Revolutionär des Planeten war, sondern weil die Menschen ein halbes Jahrhundert nach seinem Tod in der ganzen Welt noch immer an ihn denken, über ihn sprechen und streiten.

Wie und zu welchem Zeitpunkt im Kopf des argentinischen Aristokraten der Gedanke geboren wurde, dass das Leben eine permanente Revolution und »eine Revolutionen ohne Schießerei undenkbar sei«, ist nicht bekannt.

Aller Wahrscheinlichkeit nach war er genau wie sein Lieblingsheld Don Quijote von der Idee der Gerechtigkeit besessen. Das bezeugen seine Taten und davon berichten seine Abschiedsbriefe, in denen die Bitternis der Enttäuschung durchschimmert. Aber keine Niederlagen. Er hat sich nie ergeben.

Brief an Fidel Castro

Che Guevara und Fidel Castro

Brief von Che Guevara an Fidel CastroBrief von CHE an Fidel Castro

Fidel,

ich erinnere mich in dieser Stunde an viele Dinge, als ich Dich im Haus von Maria Antonia kennenlernte, als Du mir vorschlugst zu kommen, an die ganze Spannung der Vorbereitungen.

Eines Tages kamen sie vorbei und fragten, wen man im Todesfalle benachrichtigen solle, und die echte Möglichkeit der Tatsache bestürzte uns alle. Danach erfuhren wir, dass es wahr war, dass man in einer Revolution triumphiert oder stirbt (wenn es eine richtige ist). Viele Genossen blieben auf dem Weg zum Sieg zurück.

Heute hat alles einen weniger dramatischen Ton, weil wir reifer sind, aber die Tatsache wiederholt sich. Ich fühle, dass ich den Teil meiner Pflicht erfüllt habe, der mich an die kubanische Revolution auf ihrem Gebiet band, und ich verabschiede mich von Dir, von den Genossen und von Deinem Volk, das auch meins ist.

Ich verzichte formell auf meine Ämter in der Parteiführung, auf meinen Ministerposten, auf meinen Rang als »Kommandante«, auf meine kubanische Staatsangehörigkeit. Kein Gesetz bindet mich an Kuba, nur Bindungen anderer Art, die man nicht wie Ernennungen brechen kann.

Wenn ich mein vergangenes Leben resümiere, glaube ich, mit genügend Ehrenhaftigkeit und Hingabe gearbeitet zu haben, um den revolutionären Triumph zu festigen. Mein einziger Fehler von einiger Schwere ist gewesen, Dir nicht noch mehr vom ersten Augenblick an in der Sierra Maestra vertraut zu haben und nicht schnell genug Deine Eigenschaften als Führer und Revolutionär verstanden zu haben.

Ich habe großartige Tage erlebt und fühlte an Deiner Seite den Stolz, in den glänzenden und traurigen Tagen der Karibikkrise zu unserem Volk zu gehören. Selten hat ein Staatsmann mehr als in jenen Tagen geglänzt, ich bin auch stolz darauf, Dir, ohne zu schwanken, gefolgt zu sein und mich mit Deiner Art zu denken, zu sehen und die Gefahren und Prinzipien zuwürdigen, identifiziert zu haben.

Andere Gegenden der Welt verlangen die Unterstützung meiner bescheidenen Kräfte. Ich kann tun, was Dir wegen Deiner Verantwortung gegenüber Kuba versagt ist, und die Stunde unserer Trennung ist gekommen. 

Sie sollten aber wissen, dass ich es mit einer Mischung aus Freude und Schmerz tue; hier lasse ich meine reinsten Hoffnungen als Erbauer und das Liebste meiner geliebten Wesen zurück… und ich lasse ein Volk zurück, das mich wie einen Sohn aufgenommen hat; das zerreißt einen Teil meines Geistes.

Auf die neuen Schlachtfelder werde ich den Glauben tragen, den Du mir beibrachtest, den revolutionären Geist meines Volkes, das Gefühl, die heiligste meiner Pflichten zu erfüllen: gegen den Imperialismus zu kämpfen, wo immer er sich befindet; das stärkt und heilt reichlich jede Zerrissenheit.

Ich sage noch einmal, dass ich Kuba von jeder Verantwortung freispreche, außer der, die aus seinem Beispiel kommt. Wenn für mich die endgültige Stunde unter anderem Himmel kommt, wird mein letzter Gedanke diesem Volk und besonders Dir gelten. Ich danke Dir für deine Lehren und Dein Beispiel, dem ich versuchen werde, treu zu sein bis zu den letzten Konsequenzen meiner Handlungen.

Ich habe mich immer mit der Außenpolitik unserer Revolution identifiziert und tue es auch weiterhin. Wo immer ich auch bin, werde ich die Verantwortung fühlen, ein kubanischer Revolutionär zu sein, und als solcher werde ich handeln.

Ich hinterlasse meinen Kindern und meiner Frau keine materiellen Güter, und das tut mir nicht leid: Es freut mich, dass es so ist. Und ich bitte um nichts für sie, denn der Staat wird ihnen genügend für ihr Leben und ihre Erziehung geben.

Ich müsste Dir und unserem Volk viele Dinge sagen, aber ich fühle, dass sie unnötig sind; die Worte können nicht das ausdrücken, was ich möchte, und es ist nicht der Mühe wert, Blätter vollzuschmieren.

Immer bis zum Sieg! Vaterland oder Tod!

Es umarmt Dich mit ganzer revolutionärer Hingabe, 

Che, 1. April 1965

Quelle


Brief an die Eltern

Che als Kind mit seinen Eltern und Geschwistern
Als Junge (links) mit seinen Eltern und Geschwistern, ca. 1942. Rechts von ihm: Celia (Mutter), Celia (Schwester), Roberto, Juan Martín, Ernesto (Vater) und Ana María.

Miene lieben Alten!

Wieder einmal fühle ich mit den Fersen die Rippen von Rosinante und in Rüstung gekleidet mache ich mich auf den Weg. Etwa vor 10 Jahren habe ich euch einen anderen Abschiedsbrief geschrieben. Soweit ich mich entsinne, bedauerte ich damals, dass ich kein guter Soldat und kein guter Arzt bin.

Das Zweite interessiert mich nicht mehr, aber als Soldat mache ich mich gar nicht so schlecht. Im Grunde hat sich seit dieser Zeit nichts verändert, wenn man nicht beachtet, dass ich pflichtbewusster geworden bin, mein Marxismus nun makelloser und fest in mir verankert ist. Ich denke, dass der gewappnete Kampf für Völker, die für ihre Freiheit kämpfen, der einzige Weg ist und ich bin konsequent in meinen Ansichten.

Viele werden mich einen Abenteurer nennen und so ist es. Aber ich bin ein Abenteurer der besonderen Art, einer, der Kopf und Kragen riskiert, um sein Recht geltend zu machen. Es ist gut möglich, dass es mein letzter Versuch sein wird. Ich sehne mir ein solches Ende nicht herbei, aber bei logischer Berechnung aller Möglichkeiten ist es gut denkbar. Und sollte das der Fall sein, nehmt bitte meine letzte Umarmung in Empfang.

Ich liebe Euch von ganzem Herzen, ich verstand es nur nicht, meiner Liebe Ausdruck zu verleihen. Ich bin in meinen Handlungen zu geradlinig und denke, dass ich manchmal nicht verstanden wurde. Außerdem war es auch schwierig, mich zu verstehen, aber glaubt mir dieses Mal. So wird die Entschlusskraft, die ich mit der Begeisterung eines Künstlers vervollkommnet habe, meine schwachen Beine und erschöpften Lungen zu Taten zwingen. Ich werde danach streben und es erreichen.

Gedenkt dann und wann des bescheidenen »Soldier of Fortune« des 20. Jahrhunderts. Küsst Celia, Roberto, Juan-Martin und Pototin, Beatriz, alle. 

Euer verlorener und unverbesserlicher Sohn Ernesto umarmt euch fest.

Ernesto, 1. April 1965


Meinen Kindern!

Che mit Tochter Celia aus der zweiten Ehe
Che mit Tochter Celia aus der zweiten Ehe
Aleida mit den Kindern. Außen links – Ildita, Tochter aus erster Ehe
Aleida mit den Kindern. Außen links – Ildita, Tochter aus erster Ehe
Che mit der zweiten Frau Aleida und ihren Kindern. Söhne: Camilo und Ernesto, Töchter: Aleida und Celia
Che mit der zweiten Frau Aleida und ihren Kindern. Söhne: Camilo und Ernesto, Töchter: Aleida und Celia

Liebe Ildita, Aleidita, Camilo, Celia und Ernesto!

Wenn Ihr irgendwann einmal diesen Brief lesen solltet, bedeutet es, dass ich nicht mehr unter Euch bin. Ihr Älteren werdet Euch kaum an mich erinnern, die Kleinen gar nicht. Euer Vater war ein Mensch, der seinen Ansichten entsprechend handelte und zweifellos nach seinen Überzeugungen lebte. Ihr sollt zu guten Revolutionären heranwachsen. Lernt fleißig, um die Technik, die die Natur bezwingen kann, zu beherrschen. Denkt daran, dass die Revolution das Wichtigste ist und dass jeder einzelne von uns bedeutungslos ist.

Hauptsache ist, dass Ihr tief im Inneren stets im Stande seid, jede Ungerechtigkeit zu erkennen, egal wo diese auf der Welt geschieht. Es ist der schönste Charakterzug eines Revolutionärs.

Auf Wiedersehen meine Kinder, ich hoffe, Euch nochmals zu sehen. Papa schickt Euch einen dicken Kuss und umarmt Euch ganz fest.

1. April 1965


 Briefe an seine Frau

Die Hochzeit von Ernesto Guevara und Aleida March
Die Hochzeit von Ernesto Guevara und Aleida March
Aleida March. Die Besetzung von Santa Clara.
Aleida March. Die Besetzung von Santa Clara.

Meine einzige!

Was hast Du nur mit meiner guten alten Rüstung gemacht, dass ich nur noch von Deinen Umarmungen, Deinem Geruch, Deinen schüchternen Liebkosungen und Deinen Streicheleinheiten träume? Hier ist es nicht wie in der Sierra Maestra: Ich habe nicht das Gefühl, etwas zu schaffen, und vor allem befriedigt mich das, was ich hier tue, nicht. Hier geschieht alles so langsam, als würde der Krieg in weiter Ferne liegen. Zurzeit ist deine Angst um mich so unbegründet wie deine Eifersucht. Meine ganze Beschäftigung beschränkt sich derzeit auf das Studieren von Französisch, Swahili und Medizin. 

Küss alle Kinder von mir (einschließlich Ildita). Fotografiere alle zusammen und schick mir das Foto. Und noch etwas an eines meiner Mädchen: Lern Französisch, beschäftige Dich mit Medizin und liebe mich. Ich küsse Dich lange, als wären wir beieinander,

Dein Dich liebender Tatu


Erpresse mich nicht. Du kannst weder jetzt noch in 3 Monaten hierherkommen. In einem Jahr wäre etwas anderes, wir werden sehen. Es ist ein ernster Schritt und entsprechend müssen wir uns verhalten. Hier wirst Du ein Kämpfer und ein Genosse, aber keine Frau sein und Du solltest Dich darauf vorbereiten, wenigstens indem Du Französisch lernst …

So verlief der Großteil meines Lebens: Ich war gezwungen, meine Gefühle und persönlichen Wünsche zu bändigen, dabei denken die Menschen um mich herum, dass sie es mit einer Maschine zu tun haben. Hilf mir jetzt Aleida, sei stark und schaffe keine Probleme, die einfachunmöglich zu lösen sind. Du wusstest, wen Du heiratest. Erfülle Deinen Teil unserer Pflicht, damit es leichter ist, alles zu bewältigen, was es zu bewältigen gibt.

Liebe mich, liebe mich leidenschaftlich, verstehe aber auch. Mein Weg ist unabänderlich und nichts außer dem Tod wird mich davon abhalten.

Bemitleide Dich nicht, kämpfe und siege und auf unserem Weg werden wir alle Hindernisse gemeinsam überwinden.

Zieh die Kinder groß. Verwöhn sie nicht übermäßig, besonders Camilo. Und denk nicht daran, sie zu verlassen. Das ist ungerecht. Sie sind ein Teil von uns.

Lange und zärtlich umarmt Dich

Dein Tatu.


Liebste!

Es ist mir gelungen, Dir noch einen Brief zu schreiben … Alles kam ganz anders als geplant. Über die Einzelheiten des Ausganges wird Dich Osmani (Cienfuegos) aufklären. Ich kann nur sagen, dass meine Armee, auf die ich zunächst sehr stolz und von der ich überzeugt war, allmählich zerstreut wurde, genauer gesagt ist sie wie Butter in einer heißen Pfanne zerschmolzen, bis sie im Endeffekt endgültig verschwand.

Ich bin auf dem Wege der Enttäuschungen mit einer ephemeren Armee zurückgekehrt … Die Trennung scheint lang zu werden. Ich habe gehofft, Dich während des Waffelstillstands zu sehen, da ein langwieriger Kampf bevorsteht, aber es hat sich nicht ergeben. Als ich mich in dieser Beamtenhöhle befand, träumte ich davon, das zu tun, was ich jetzt tue – Dich und die Kinder vermissen, die ohne mich aufwachsen. Welch eine seltsame Vorstellung sie von mir haben müssen und wie schwer wird es ihnen fallen, mich einmal wirklich lieben zu lernen, wie einen Vater, der lebendig und greifbar ist und nicht aus Pflicht wie einen weit entfernten und berühmten, den es zu achten gilt.

Jetzt, während ich hier wie in einem Verlies eingeschlossen bin, ringsum keine Feinde sind und nichts geschieht, ist mein Verlangen nach Dir sehr stark, unerträglich und sogar physisch, und weder Karl Marx noch Wladimir Lenin können dieses jetzt bändigen. Zieh die Kinder groß. Um die Jungs mache ich mir besonders viele Sorgen. Bitte überrede meine Alten, sie zu besuchen. Umarme Deine Alten von mir. Zieh die Kinder groß.

Und nimm zum Schluss den mit der ganzen verzweifelten Zärtlichkeit für Dich bestimmten Kuss an.

Ramon, 28. November 1965, Tansania


© Dieser Beitrag erschien im Original in der Zeitschrift »Cigar Clan«, 4-2010

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