Irish Coffee

Totgesagte leben länger

Die Stimmung ist ein wenig gedrückt in der Wartehalle des kleinen Flughafens in Foynes im County Limerick im Westen von Irland. Es ist Anfang der 40er Jahre und eine Gruppe Passagiere wartet auf ihren Weiterflug in die Vereinigten Staaten. Es handelt sich erkennbar um Amerikaner, die Herren im Anzug und mit Gary Cooper Hüten, die Damen tragen Pelzkrägen und Spitzenhandschuhe. Draußen tobt der Zweite Weltkrieg und die Zeiten sind ohnehin unsicher. Regentropfen prasseln auf das Wellblechdach der Baracke. Der Weiterflug hat sich schon zweimal verschoben, man reist mit einer kleinen Propellermaschine und die Wetterlage über dem Atlantik ist kompliziert.

No, Sir, it’s Irish!

Die Gesellschaft steht an der Kaffeebar und raucht, macht Konversation und die Gentlemen versuchen die Damen mit Scherzen aufzuheitern. Die Zeit wird lang, die Aschenbecher sind voll und die Tageszeitungen sind längst gelesen. Barkeeper Joe Sheridan nimmt sich ein Herz und bereitet ein Tablett voll Kaffee für seine Gäste, in das Heißgetränk gibt er jeweils einen guten Schuss Whiskey, um die Stimmung etwas zu verbessern. Um den Geruch zu kaschieren lässt er halb geschlagene Sahne auf den Kaffee laufen. Die Passagiere greifen dankend zu, nur einer wundert sich über den intensiven Geschmack des gereichten Getränks und fragt den Barkeeper: »Is this coffee from Brasil?« Sheridan antwortet schmunzelnd »No, Sir, it’s Irish.«

So oder so ähnlich kann man sich die Entstehungsgeschichte des heutigen Kaffeeklassikers Irish Coffee vorstellen, der allerdings erst etwa 10 Jahre später wirklich bekannt wurde, als das Café Buena Vista in San Francisco das Getränk auf die Barkarte nahm. Der Chef des Cafés Jack Koeppler hatte die Geschichte um den Irish Coffee vom Journalisten Stanton Delaplane erzählt bekommen, der damals einer der wartenden Fluggäste in der Abflughalle von Foynes war. Laut Gerüchten soll Koeppler extra eine Irlandreise gemacht haben, um sich die Originalzutaten des ersten Irish Coffee zu besorgen. Von San Francisco aus ging also der eigentliche Siegeszug des Irish Coffee um die Welt, aber entstanden ist der Klassiker in einer regnerischen Nacht an einem Flughafen in Irland.

Ein Klassiker, der nur fast verschwunden war …

Irish Coffee war nicht nur in Irland und Amerika, sondern weltweit ein beliebtes Getränk seit den 50er Jahren. In den ausgehenden 80er Jahren allerdings wurden die Cocktails bunter, die Schirmchen größer und die Dekorationen der Getränke exotischer. Die Cocktailklassiker wie Martini und Manhattan kamen unter Druck und wurden seltener, weil zu puristisch. Auch der Irish Coffee wurde für zwei bis drei Jahrzehnte wahrscheinlich öfter bei Hotelfachschulprüfungen gemacht als am Bartresen und in den Caféhäusern.

 

Irish coffee Gliss

 

Trotzdem hat der Klassiker überlebt, an seltenen, fast geheimen und vor allem an zeitlosen Orten. Er wurde in den großen Kaffeehäusern in Wien, Budapest und Prags und in den illustren Hotelzügen die nach Süden oder nach Osten fahren zubereitet. Und auf den Kreuzfahrtschiffen der traditionellen Reedereien, unterwegs auf allen Weltmeeren wurde Irish Coffee schon nachmittags gereicht. Warum? Weil er nach wie vor gut schmeckt und belebt und weil er eine Geschichte hat. Und um heute, im Aufwind des irischen Whiskeys wieder entdeckt zu werden.

 

Michael Gliss; Foto: Dominik Ketz

Kaffeesommelier Michael Gliss ist einer, der sich nicht nur in seinem Spezialgebiet Kaffee besonders gut auskennt, sondern auch an Bord der klassischen Ozeanriesen. Er berät unter anderem die MS Amadea, das deutsche Traumschiff, beliefert und schult die Mannschaft, wenn es um Kaffeezubereitung und Rezepte geht. Auf dem Traumschiff wird Irish Coffee nach dem ursprünglichen Rezept gemacht und hilft gegen kalte Hände und Hälse im Nordmeer und grundsätzlich gegen Seekrankheit von der Karibik bis in die Biscaya.

Irish Coffee Traumschiff:

4cl Tullamore Dew Irish Whiskey

30cl starker Filterkaffee

2EL brauner Zucker

2EL halbgeschlagene Sahne

Den Whisky im Glas anwärmen und den Zucker darin auflösen, dann den Kaffee zugeben.

Die halbgeschlagene Sahne über einen Löffel auf das Getränk laufen lassen und mit Schokoladenraspeln verzieren. Den heißen Kaffee durch die kalte Sahne schlürfen.

… und trotzdem heute gerne neu erfunden wird

 

Irish coffee, Alena Schön

 

Irish Coffe ist ein Heißgetränk, eigentlich. Allerdings erfinden sich Klassiker gerne neu. Eine kleine Clique junger Leute ist noch weiter gegangen und hat Kaffee an und für sich neu erfunden. Aus Übersee kommt ein Trend, der dem deutschen Filterkaffeetrinker ebenso ungewohnt erscheinen mag wie dem Espressofreund an der edelstahlglänzenden Siebrägermaschine. Kalt, besonders langsam und schonend filtrierter Kaffee. Neudeutsch Cold Brew. Das Unternehmen Philosoffee aus Berlin macht kalten Kaffee jetzt unter der Marke KoldBrew bekannt.

 

Alena Schön, Irish Coffee

Der Kaffee kommt aus fair gehandelten Rohstoffen aus Ecuador und wird unter Biozertifizierung hergestellt, abgefüllt und vermarktet. Was verrückt klingt, macht sensorisch Sinn, der kalte Kaffee erobert gerade mit über 800 Aromen auf der Geschmackspalette die Hipstercafés der Hauptstadt und macht auch als Zutat für Cocktails an der Bar und in den Shakern der Mixologen Furore. Alena Schön, Barkeeperin und Brandambassadorin für KoldBrew, hat schon viele Cocktails mit KoldBrew und KoldBrewTonic entworfen. Für Shmckr.com im Irischen Monat hat sie einen kalten Irish Coffee für den – hoffentlich warmen Sommer 2018 – kreiert.

Irish Manhatten Koldbrew Coffee:

6cl Philosoffee KoldBrew Pure

4cl Tullamore Dew Irish Whiskey

2cl Wermuth Antica Formula

2cl Wildpreiselbeersirup

4cl Sahne

4 Dash Chocolate Bitter

Alle Zutaten – außer der Sahne und dem Bitter – auf Eis im Shaker vermengen, dann ohne Eis ins Glas abgiessen. Sahne mit Bitter versetzen und leicht anschlagen, dann vorsichtig auf den Cocktail floaten, mit Kakaostaub und Preisebeere garnieren.

 

Kommentare sind geschlossen, abertrackbacks und Pingbacks sind offen.