Irish Whiskey – Aufstieg, Fall und Wiedergeburt eines Kleinods

Von Markus Braun und Jürgen Deibel.

2,017

Wenn sich Historiker über eine Sache zum Thema Irish Whiskey sicher sind, dann darüber, dass seine Entstehung unklar ist. Glaubt man den Forschungen, gab es zwar Aqua Vitae in Irland früher als bei den benachbarten Schotten, doch dieses war wohl aus Wein und nicht aus Getreide gebrannt. Eine gemeinsame Erwähnung vom Wasser des Lebens und Malz in den schottischen »Exchecker Rolls« aus dem Jahre 1494 gilt bislang als der Ursprung für Whisk(e)y aus Gälisch sprechenden Gefilden. Die Wurzeln scheinen also eher blau-weiß statt weiß-orange-grün!

Am Ende zählt der Genuss

In Irland spricht man jedoch wohl bereits lange vor dem Jahr 1494 schon von aqua vitae, wie später aufgezeichnete Quellen vermuten lassen. 1170/2 und 1296 werden dafür gerne herangeführt und auch die Wahrscheinlichkeit, dass irische Mönche es waren, die den am südlichsten Punkt von Irland nur 22 Seemeilen entfernten Bewohnern der inneren und äußeren Hebriden ihr Wissen vermittelten, scheint heute fester Bestandteil des Wissens zu sein. Aber selbst, wenn der genaue Zeitpunkt und Ursprung seiner Entstehung bekannt wäre … hätte das Einfluss auf die genussvolle Freude, die er bereitet? Wohl kaum!

Single Irish Pot Still … weil Not erfinderisch macht!

Der Weg durch die Geschichte zu dem golden im Glas schimmernden Destillat, welches wir heute von der »Grünen Insel« kennen, war bewegt und schwierig. Die Freuden über das hochprozentige Getränk wurden, wie in zahlreichen anderen Staaten ebenso, erstmals durch die Erhebung einer Steuer geschmälert. Am 1. Weihnachtstag 1661 erlaubte sich die Regierung den Erlass einer Abgabe auf jede Gallone Whiskey – ein vermutlich wenig willkommenes Weihnachtsgeschenk. Die Angaben der offiziell produzierten und versteuerten Mengen waren jedoch weit entfernt von den in den Wäldern gebrannten. Weshalb die Steuer auch lange Zeit nur geringe Staatseinnahmen brachte.

Häufige Änderungen, neue Erlässe und ein großer Durst ließen die Zahl an Schwarzbrennereien stetig wachsen. Unter jenen, die sich für den offiziellen Weg entschieden, waren vier erfolgreiche Brenner aus Dublin: John Jameson, William Jameson, John Power und George Roe.

Sie trugen einen gewichtigen Anteil am Erfolg des Irish Whiskey und als 1874 in der Cognac-Region die Reblaus-Katastrophe ihren Lauf nahm, wurde das irische Lebenswasser zu einem international gefragten Exportschlager. Irischer Whiskey dieser Zeit war weicher und wesentlich angenehmer zu trinken als sein schottisches Pendant. Sicherlich auch dazu beigetragen hat die Entwicklung eines eigenen Whiskeystils.

Bedingt durch Steuergesetze der verhassten Engländer (sie haben in 1805 die Malzsteuer verdoppelt!) setzten die Iren für einen neuen Whiskeystil auf die Verwendung gemälzter und ungemälzter Gerste. Bei dreifacher Destillation und anschließender Reifung entstand ein sehr angenehmer Stil: der Pure Pot Still Whiskey, heute bekannt als Single Pot Still Whiskey.

Geschmacksdogmatiker und Abstinenz – Die Henker des Irish Whiskey

Trotz des fulminanten Aufstiegs sorgten einige Ereignisse für schwierige Zeiten für den irischen Whiskey und verursachten zu guter Letzt nahezu das jähe Ende des flüssigen Goldes. Den Beginn machte die bereits 1838 von einem Kapuzinermönch (Father Matthew) losgetretene Abstinenzbewegung, der ein bedeutender Anteil der Ausschankbetriebe zum Opfer fiel und somit auch zahlreiche kleine Destillationsbetriebe mit sich riss.

Kapuzinermönch (Father Matthew); Von Thomas Kelly (fl. 1871-1874) - Dieses Bild ist unter der digitalen ID pga.01772 in der Abteilung für Drucke und Fotografien der US-amerikanischen Library of Congress abrufbar.Diese Markierung zeigt nicht den Urheberrechtsstatus des zugehörigen Werks an. Es ist in jedem Falle zusätzlich eine normale Lizenzvorlage erforderlich. Siehe Commons:Lizenzen für weitere Informationen.العربية | čeština | Deutsch | English | español | فارسی | suomi | français | עברית | magyar | italiano | македонски | മലയാളം | Nederlands | polski | português | русский | slovenčina | slovenščina | Türkçe | українська | 中文 | 中文(简体)‎ | 中文(繁體)‎ | +/−, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=2936580
Father Matthew war ein irischer katholischer Geistlicher. Er gründete 1838 den Verein der Abstinenzler (Knights of Father Mathew) und wurde damit zum Vorkämpfer der Bewegung für Alkoholabstinenz.

 

Wenige Jahre danach folgte die Weiterentwicklung der später als Coffey-Still bekannt werdenden Anlage zur kontinuierlichen Destillation durch den ehemaligen Steuerbeamten Aeneas Coffey. Die mit seiner Apparatur günstiger und effizienter hergestellten Getreide-Destillate fanden aufgrund ihrer geringeren Aromaintensität keinen Gefallen bei den irischen Whiskey-Freunden, die ihn aufgrund seines milden Charakters als »Silent Spirit« bezeichneten. Sie mochten es gerne leicht, aber mit vollem Geschmack.

Aeneas Coffey; Von <a href="//commons.wikimedia.org/w/index.php?title=User:Masterofmalt&action=edit&redlink=1" class="new" title="User:Masterofmalt (page does not exist)">Masterofmalt</a> - <span class="int-own-work" lang="de">Eigenes Werk</span>, <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0" title="Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0">CC BY-SA 4.0</a>, <a href="https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=54407759">Link</a>
Aeneas Coffey, irischer Ingenieur und Erfinder des Coffey-Still, einer Anlage zur kontinuierlichen Destillation

 

Schottische und englische Kaufleute, darunter der Schotte Andrew Usher, erkannten jedoch das Potenzial der neuen Technologie. Er entwickelte wenig später (1856) den ersten Blended Whiskey nach dem heute bekannten Prinzip aus einer Mischung kräftiger Malt Whiskys und leichteren Getreide-Whiskys aus der Coffey-Still.

Der Druck auf die Irish-Whiskey-Industrie wurde langsam größer, aber noch immer gab es starke Exportmärkte im British Empire und den auch von irischen Auswanderern besiedelten Vereinigten Staaten.

Doch durch die Prohibition (1920-1933) brach der Absatz in den neuen Ländern schlagartig zusammen.

Dies bedeutete das Ende vieler Destillerien und schwächte die gesamte irische Whiskyproduktion. Durch die Wirren der Osteraufstände, der großen Landflucht, des ersten und später zweiten Weltkriegs wurde die irische Whiskeyindustrie weiter benachteiligt. Dazu kamen wirtschaftliche und politische Fehlentscheidungen. So unter anderem die, keinen Whiskey an Commonwealth Staaten zu verkaufen. Ein Desaster für die verbliebenen Whiskeybrenner Irlands.

Rettung durch die letzten Überlebenden

Von den Tiefschlägen der Geschichte getroffen, aber mit einem nicht auszulöschenden Überlebenswillen, schlossen sich 1966 von den insgesamt nur 5 verbliebenen Brennereien drei zusammen – Jameson, Power’s und Cork Distilleries. Anfang der 1970er Jahre wurde jede Irish Whiskey Marke durch diese »Irish Distillers Group«, später umbenannt in »Irish Distillers Limited« (kurz IDL) vermarktet.

Das Überleben des Irish Whiskey schien vorerst gesichert, doch die Durststrecke hielt noch weiter an. Erst 1984 gab es endlich wieder mehr Licht am Horizont. Mit John Teeling erschien ein Entrepreneur am Firmament, der mit der Gründung der Cooley Distillery in Riverstown den Kampf gegen das Verblassen des irischen Whiskey aufnimmt und neuen Wind mitbringt.

Seit den 1990er Jahren nimmt die Zahl der irischen Destillerien sowie die Vielfalt an Produkten wieder zu und ein Juwel der Whiskey-Welt gewinnt erneut an Bedeutung. Heute sind bereits wieder über 30 Destillerien in Irland tätig. Viele davon werden erst in den kommenden Jahren eigene Destillate haben, doch schon heute vermarkten sie ihre Whiskeys unter Namen, die noch aus den alten Destillerien, insbesondere Cooley und Bushmills stammen, und denen oftmals mit Finishes zu einem eigenständigen Charakter verholfen wird.

Individualismus und Tradition – Die Stile des Irish Whiskey

 

a. Irish Single Pot Still Whiskey (früher Pure Pot Still Whiskey) – gemälzte und ungemälzte Gerste, ausschließlich in Pot Stills 3-fach destilliert; die traditionellste Form der irischen Whiskeyherstellung

b. Irish Single Malt Whiskey – gemälzte Gerste (Malt), destilliert in Pot Stills

c. Irish Single Grain Whiskey – Getreide; destilliert in Pot und Patent Stills

Aus diesen drei Stilen resultieren 4 verschiedene Blended-Irish-Whiskey-Typen:

Whiskey math

 

Irish Whiskey Destillerien – ein flüssiger Streifzug

Im Co. Antrim erhielt Sir Thomas Phillips im Jahre 1608 seine erste Lizenz für eine Brennerei zur Herstellung von Aquavite, Usquabagh und Aqua Composita. Heute ist diese Destille unter dem Namen Bushmills wohlbekannt. 2008 wurde an dieser Stelle eine bereits 400 Jahre dauernde Whiskey-Geschichte gefeiert und die Produkte erfreuen sich weiterhin großer Beliebtheit.

Michael Molloy gründete 1829 im Städtchen Tullamore, Co. Offaly, eine der größten irischen Brennereien seiner Zeit. Es dauerte jedoch noch einige Jahrzehnte bis Ende des 19. Jahrhunderts Daniel E. Williams die Führung des Betriebs übernahm und das heute nicht mehr wegzudenkende D.E.W. hinter den bestehenden Namen der Marke setzte. 1954 wurde die Destille geschlossen und die Markerechte an John Power & Son verkauft wodurch die Produktion in den 1970er Jahren nach Midleton kam. Im Jahr 2014 kehrt die heute zu William Grant & Sons gehörende Ikone zurück in ihre Heimat und feiert nach 60 Jahren in der neu errichteten Brennerei ihr »Return back to Tullamore!«.

In den späten 1980ern betrat ein Unternehmer das Whiskey-Spielfeld, dessen Familie bereits seit 1872 im Whiskey Business aktiv war und der seither einen gewichtigen Beitrag an der Vielfalt und Entwicklung des Irish Whiskey geleistet hat. John Teeling kaufte eine stillgelegte Kartoffel- und Ethanolbrennerei und ließ daraus die Cooley Destillerie erwachsen. Teeling begann 2-fach zu destillieren, verwendete torfgeräuchertes Malz und füllte Grain Whiskey als eigenes Produkt ab.

Der Erfolg seiner kreativen Sortimentserweiterung gab ihm Recht und er verkaufte Cooley wenig später an Beam Suntory.

Das Unternehmen wird heute von John Teelings Söhnen Jack und Stephen geführt, die zu ihren familiären Ursprüngen in die Marebowlane nach Dublin zurückgekehrt sind. Nur einen Steinwurf von dem Ort entfernt, an welchem Walter Teeling 1872 seine Destille betrieben hatte.

Im idyllischen Royal Oak in Carlow legte das Ehepaar Bernhard und Rosemary Walsh 1999 den Grundstein für ein weiteres Stück irischer Whiskey Geschichte. Dort ist die Walsh Whiskey Distillery beheimatet, die neben Midleton die einzige Brennerei ist, in der alle drei irischen Whiskey-Stile hergestellt werden. Von hier stammen die zwei in kurzer Zeit zu großer Bekanntheit gekommen Marken The Irishman und Writer’s Tears.

Was geschieht, wenn drei irische Freunde mit einer Vorliebe für das Craft-Bier-Brauen erwachsen werden? Sie machen Whiskey!

2012 gründeten Oliver Hughes, Liam LaHart und Peter Mosley ihre Dingle Brennerei im Co. Kerry und befüllten am 18. Dezember desselben Jahres die ersten Fässer. Drei Jahre und einen Tag später brachten sie den ersten Dingle Irish Whiskey zur Welt. Geschmackvolle, von Hand produzierte Qualität prägt den Anspruch und die Produkte der drei Freunde die sich selbst zum Ziel gesetzt haben den »ultimativen« Irish Whiskey herzustellen.

Die am südlichsten gelegene Destille der Grünen Insel ist die 2003 von Denis McCarthy, Ger McCarthy und John O’Connell in Union Hall gegründete West Cork Brennerei. Inspiriert von den Traditionen der Regionen haben die Freunde eine auf Nachhaltigkeit ausgerichtete Manufaktur für hochwertige Spirituosen ins Leben gerufen. Für ihren Whiskey nutzen sie das besondere Mikroklima in diesem Gebiet des Atlantikarchipels welches einen besonderen Einfluss bei der Reifung ihrer Destillate haben soll.

Von vielen Krisen gebeutelt doch von willensstarken Persönlichkeiten bewahrt und geprägt zeigt sich der Irish Whiskey heute wieder in einer variantenreichen Vielfalt und aromatischer Ausdruckskraft, die an seine besten Zeiten erinnert. Egal ob erfahrener Connaisseur oder interessierter Entdecker – das irische Lebenswasser bietet für jeden Geschmack den richtigen Tropfen.

 

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