Irmgard Keun, 1905 – 1982

Von den Schwierigkeiten, eine kluge, lebenslustige und kreative Frau zu sein.

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»Etwas Liebe muss dabei sein, wo blieben sonst die Ideale?«

Sie kommt aus grossbürgerlichen Haus und aus der Hauptstadt Berlin. Papa ist ein tüchtiger deutscher Industrieller im Raffineriegeschäft, von der Mutter weiss man nicht viel. Sie tut, was ein Mädchen aus besseren Kreisen tun muss. Besucht das Mädchengymnasium, das Lyzeum, dann die Handelsschule und dann wird frau Stenotypistin. In Köln lebt man nun und der Hafer sticht die schöne Irmgard, sie macht einen Sprung, springend absolviert sie die Schauspielschule und wird in Ensembles aufgenommen.

Doch die darstellenen Künste sind offenbar nicht Haupteigenschaft, offenbar liegt das Talent eher im Schreiben. Sie verkehrt in den Kreisen der Bohème – kein Wunder in den 20ern, anfangs 30er Jahren – und lernt sie alle kennen. Alfred Döblin ermuntert sie, ihre Texte zu Papier zu bringen, der famose Tucholsky auch. Mit ihrem ersten Roman gelingt ihr ein fantastisches Portrait einer jungen Frau, welches, jaja, man darf es so sagen, wie eine Bombe einschlägt.

»Gilgi, eine von uns« bricht aus und lebt fortan mit der Absicht, sich ihren eigenen Weg zu suchen, liebevoll, eigensinnig, wild und zielstrebig. Das ist nicht so einfach, da gibt es hohe Hürden zu überspringen. Sie verliebt sich natürlich, jung und ungestüm, doch der Galan ist nicht das, was sie sich erträumte:

»Überall fand er Freunde, Menschen, die ihn gern hatten, Frauen und Mädels, die sein erster Kuss froh, sein letzter traurig machte.«

Haarscharf der schiefen Bahn entlangschliddernd verliert sie jedoch weder Mut noch Selbstvertrauen, sondern glaubt weiterhin an sich und die Zukunft. Und doch:

»Da kann man Selbstsicherheit und Weltverachtung suppenterrinenweise gefressen haben – von Zeit zu Zeit braucht man eine Instanz – die Instanz, die das: »Du bist gut« oder »Du bist böse«, «du bist da oder du bist nicht da« – zu einem sagt.«

Als es dann schief läuft:

»Ich glaubte mich unendlich sicher und geborgen in meiner Liebe – jetzt hat sie mich wehrlos gemacht, vollkommen schutzlos – wie ist das möglich!«

Wie Gilgi zum Ende des Buches ungebrochen ein neues Kapitel ihres Lebens aufschlägt, hat sie sich eine Erfahrung herauskristallisiert, die ohne Zeigefingerstrecken, wohltuend mitgeteilt wird:

»Und weisst du, ein Mensch kann sich wohl von sich aus ändern – aber einen Anderen ändern wollen, heisst sich und ihm nur das Leben schwer machen.«

Der Roman erschien 1931 und ist ein Bestseller über Nacht. Irmgard schiebt nach und bereits im nächsten Jahr, 1932, erscheint »Das kunstseidene Mädchen«. Sie bleibt dabei hrem Thema treu. Die Frauen der Grosstadt.

Selten hat sich jemand der deutschen Sprache so unverfroren bedient:

»Fragt mich die Grossindustrie, ob ich auch ein Jude bin. Gott, ich bin’s nicht – aber ich dachte, wenn er das gerne will, tu ich ihm den Gefallen – und sag: »Natürlich – erst vorige Woche hat sich mein Vater in der Synagoge den Fuss verstaucht.«

Oder:

»… weil er leider so furchtbar schielt, dass ich mitschiele, wenn ich ihm gegenüber sitze und ihn lange ansehe – und dadurch verliere ich an Reiz, und das kann man nicht von mir verlangen.«

Ein Vergnügen ist es nicht nur zu lesen, ein Vergnügen ist es, mit Irmgard Keuns Augen die Welt anzuschauen. Der Alkohol meldet sich auch, mit verwegenen Beispielen:

»Ich war mächtig blau, wie achtzig nackte Wilde!«

Ihre Kritik an den politischen Zuständen und ihre unverhohlene Sympathie für die schwache, aber ums Überleben kämpfende Klasse der Verlierer, macht ihre beiden Romane Nationalsozialisten verdächtig:

»Er erzählte, dass er eben in einer Wirtschaft zum 17. Mal sein Eisernes Kreuz versetzt hat, um weiterzutrinken, und auf diese Weise machte sich eine lebensgefährliche Patrouille noch einigermassen schwach bezahlt.«

Nach der Machtübernahme werden ihre Bücher verboten und verbrannt. Ihr Name kommt auf Goebbels schwarze Liste. Sie flieht ins europäische Exil, trifft sich dort mit allen anderen verbannten deutschen Literaten und trifft auf Joseph Roth, mit dem sie umherzieht. Ewig auf der Flucht, auf der Suche nach einem neuen Zuhause.

Sie schreibt weiter, mehrere Romane erscheinen in kleinen Exilverlagen. Die Erfolge der ersten beiden Bücher wiederholen sich dabei nicht, sie gerät ins Abseits. Diese Reisen von Belgien in die Niederlande, über Wien nach Polen und zurück nach Paris, sind rastlos, sie trinkt mit dem Trinker Roth. Als der Krieg ausbricht, beschliesst sie, nach Deutschland zurückzukehren. Sie beschafft sich falsche Papiere, wobei ihr ein befreundeter SS-Mann hilft, und bleibt illegal und unerkannt verborgen bis zum Ende des Dritten Reiches im Haus ihrer Eltern.

Nach dem Krieg versucht sie an ihre früheren Erfolge anzuknüpfen. Auch das gelingt ihr nicht. Sie schreibt für kleinere Zeitungen, für das Radio, hält sich gerade mal so über Wasser. 1951 wird ihre Tochter Martina geboren. Den Namen des Vaters hält sie geheim. Die Kontakte zu den Schriftstellern der Vorkriegszeit sind abgebrochen, sie sucht neue Verbindungen. Mit Heinrich Böll verband sie eine Freundschaft.

Ihre Lebensumstände waren prekär, sie lebte als Alkoholikerin in ärmlichen Verhältnissen. Mitte der 60er Jahre wurde sie entmündigt und in eine psychiatrische Klinik verbracht, wo sie 7 Jahre lang blieb. Danach zog sie nach Bon, lebte zurückgezogen in einer kleinen Wohnung.

Durch verschiedene Publikationen über sie und mit Neuauflagen ihrer ersten Erfolgsromane verbesserte sich Ende der 70er Jahre ihre Situation. Endlich wurde sie als Schriftstellerin anerkannt und ihre Texte bekamen einen festen Platz in der modernen, zeitgenössischen deutschen Literatur. Insbesondere wurden ihre Romane von der feministischen Literaturkritik gewürdigt. Sie starb 1982 an Lungenkrebs.

 

Gilgi – eine von uns, Irmgard Keun

»Gilgi – eine von uns«

Irmgard Keun

1931

Verlag: Ullstein Taschenbuch (1. Januar 2018)

Sprache: Deutsch

ISBN-10: 354829149X

ISBN-13: 978-3548291499

 

Das kunstseidene Mädchen, Irmgard Keun

»Das kunstseidene Mädchen«

Irmgard Keun

1932

Verlag: Ullstein-Taschenbuch-Verlag (11. Oktober 2013)

Sprache: Deutsch

ISBN-13: 9783843707923

 

 

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