Jack London: 1876 -1916

Zündende Flammen des Rausches

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»I would rather be ashes than dust!
I would rather, that my spark should burn out in a brilliant blaze, than it should be stifled by dryrot.
I would rather be a superb meteor, every atom of me in magificent glow, than a sleepy and permanent planet.«

Lebe wild und gefährlich

Sie waren einer der literarischen Schätz meiner Adoleszenz. Die Bücher von Jack London. Erschienen im Universitas Verlag Berlin. 30er Jahre. Aus der Bibliothek meines Grossvaters, keineswegs als Jugendbücher deklariert. In tieforanges Leinen gebunden, geheimnissvolle goldgeprägte Verzierungen auf dem Buchrücken, wie ein Tribal Tatoo von 2015.  Ein handliches Format, etwas grösser als A5, gerade richtig, um unter den Arm zu klemmen. Das Schriftbild auf den hellbeigen Seiten etwa so wie die Plantagenet Cherokee, der Schrift in der ich diesen Text schreibe. Der erste Buchstabe jedes Kapitels war hervorgehoben, wie der scharfe Knall zum Start, zum Wettkampf des Lebens, der Anfang einer Schussfahrt.

Es waren die kleinen Erzählungen, die sich auf ewig in mein Bubengedächtnis einprägten. Etwa die Geschichte des ledrigen, sonnenverbrannten Kapitän des Handelschoners in der Südsee, der die Malaria mit Rum bekämpfte. Er war der Meinung, dass die Krankheitserreger zu Schlacke verbrannten, wenn sie mit seinem promillegesättigten Blut in Berührung kamen.

Oder die schreckliche Erfahrung des armen Südseeinsulaners auf Fitu Iva, der von seinem Herrn mit einem Handschuh aus Haifischhaut geschlagen wurde. Das rauhe, getrocknete Fischleder verursachte grobe Schürfungen. Der Handelsverteter pflegte die Züchtigung mit den Worten einzuleiten: »Komm her, ich will Dir die Glocken läuten!« Ihm wurden, während ein mächtiger Taifun die Insel verwüstete, von seinem misshandelten Hausburschen mit dem eigenen Handschuh geradezu biblisch »die Glocken geläutet« und er verstarb im heulenden Wind am Strand als »schreckliches, hautloses Ungeheuer« während die tobenden Windstösse 15 Meter hohe Kokospalmen knickten wie Strohhalme. »Was trinkt man auf Fitu Iva zwischen zwei Gläsern? Man trinkt ein Drittes!« Sein Leichnam wurde, damit er unterwegs nicht verkam, in einem mit Rum gefüllten Fass zurück nach San Francisco geschickt. Ja ja, Jack London. Schaurig, aber gerecht!

Die Augen weit geöffnet

Das Leben des Vielschreibers war alles andere als schreibstubentrocken. Goldsucher im eisigen Klondyke, rasender Reporter, Skypper und Schmuggler in der Bucht von San Francisco, in der Südsee, Kriegsberichterstatter, Abenteurer, Schweine- und Pferdezüchter, Biolandwirt als es noch nicht mal ein entsprechendes Wort dafür gab. Und er schrieb und ass dicke Steaks oder Schuhsohlen, je nach Lust und Lage.

Und er trank Wiskey, Rum und Bier, bis Nieren und Leber erschöpft den Dienst aufgaben. Mit 40 Jahren starb er – er, der soviel erlebte, dass es für drei Hundertjährige gereicht hätte.

Seine Geschichten strotzen vor Abenteuer und sind weder politisch korrekt noch zeigefingrig belehrend. Menschen stemmen sich gegen die übermächtige Natur. Männerfreundschaften werden zelebriert: »Kameradschaft und Alkohol waren siamesische Zwillinge. Sie waren unzertrennlich.

Treue Hunde, wilde Indianer, Gold und Stürme, eine tollkühne Lebensfahrt. Und immer wieder schildert er mit treffenden Worten die Klippen, die umschifft werden müssen. Er betrachtete die Gesellschaft mit kritischen Augen: »In einer Zivilisation, die aus ihrem Materialismus keinen Hehl macht und die materiellen Werte höher schätzt als die seelischen, ist es unvermeidlich, dass ein Vergehen gegen Eigentum und Besitz strenger bestraft wird als ein Vergehen gegen den Menschen.« Modern genug?

Zündende Flammen des Rausches

Gesellschaftskritik von einem Getriebenen, einem, der den Hunger nach Freiheit kaum zu stillen vermochte, obwohl er sich grosse Happen dieser Freiheit und der dazugehörenden Träume einverleibte. Er war bereits zu Lebzeiten der meist gelesene Schriftsteller seiner Zeit. Doch das war es nicht, was ihn am meisten beschäftigte. »Ich stehe am Rand einer Welt, die so neu, so schrecklich, so wunderbar ist, dass ich fast schon Angst habe, sie zu betrachten.«

Ich war bereits etwas älter als ich dann Londons König Alkohol, seine autobiografische Auseinandersetzung mit dem stetigen Begleiter seines Daseins entdeckte. Spannend wie all seine Texte. Da weiss einer, wovon er spricht. Er verteufelt die Trinkerei nicht, warnt aber trotzdem. Die Hauptthese des Buches ist, dass Alkohol ein Dämon ist, der qua Konvention Männern erlaubt, gesellig zu sein, sie letztlich aber in die Sucht führt und vernichtet. Von den Frauen hingegen erhoffte sich London mittels des Frauenwahlrechts ein Verbot des Alkohols und neue Formen der suchtfreien Geselligkeit. London jedenfalls war seit dieser Zeit und bis zu seinem Lebensende ein Befürworter der Prohibition, die landesweit in den USA erst nach seinem Tod politisch verwirklicht wurde.

Es lohnt sich allemal, den lebenshungrigen jungen Mann auf einen guten Schluck Bourbon in die eigene Phantasie einzuladen.


Jack London, König Alkohol

Jack London

König Alkohol

Deutscher Taschenbuch Verlag DTV

ISBN-10: 3423008997

Oder antiquarisch:

Universitas Deutsche Verlags-Aktiengesellschaft, 1926 – 1938. Berlin. Wer das Glück hat, die gesamte Ausgabe, 35 Bände, zu finden, kann sein Bücheregal mit einem absoluten Schmuckstück aufwerten. Alles lesbar!

Ansonsten wird man fündig bei den üblichen Anbietern.

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