Janosch! Der Name riecht nach Bananen.

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Mit allergrösster Wahrscheinlich sind Sie, die Sie das lesen, Teil der »Oh, wie schön ist Panama« und der Tigerentengemeinde, welche die ganze Welt umspannt. Sei es als ehemaliges Kind, Elternteil, Grossmutter oder Grossvater. Es wurde Ihnen vorgelesen, sie haben die Zeichnungen schmunzelnd oder laut lachend angeschaut, haben selbst gelesen, später selbst vorgelesen und irgendwo findet sich sicher noch ein zerfleddertes Kinderbuch, heissgeliebt und unvergessen.

Irgendwo in Oberschlesien, dort wo die Bewohner mal Deutsche, mal Polen sind, wo in tiefen Schächten die Kohle aus der Erde gekratzt wurde und die Bergmänner sich Armut und Elend mit scharfen Schnäpsen verschönern. Dort kommt er her. Im Zeichen der Fische am 11. März geboren. Der Janosch, der noch kein Janosch war, sondern Horst Eckert geheissen wurde. 1931. Aus Hindenburg, heute Zabrze, einer Kleinstadt, deutschpolnisches Ghetto, Arbeitersiedlung, eng die Wohnungen, weit die Herzen.  Ein kindliches und mit bösartiger Infantilität betriebenes ideologisches Gewusel. Mal Nazi, mal Kommunist, mal katholische Gründler und Antisemiten, individualistische Anarchisten und Kanonenfutter beider Weltkriege.

Nicht schön wars. Der Bub wurde geprügelt, gemobbt in der Hitlerjugend, und bei den Jesuiten streng gehalten

1944, die Welt stand in Flammen, lehrte Janosch in einer Schlosserei goldenes Handwerk. Saufen gehörte dazu. Sein Grossvater pflegte »jede halbe Stunde« einen kleinen Schluck aus der Schnapsflasche zu nehmen. »Das braucht der Mensch, um sich am Leben zu erhalten.«  Horst hiess der Enkel. Er war nach Horst Wessel, dem Nazimärtyrer getauft, weil sein Vater sich damit bei den kommenden braunen Herren ins richtige Licht setzen wollte.

Nach dem Krieg, dreiviertel erwachsen, ergriff Janosch die Flucht. Erst mal Bad Zwischenahn, Krefeld, Paris, München, wo er versuchte als Maler Fuss zu fassen. Die Kunstakademien bescheinigten ihm gar kein Talent und rieten zu anderen kreativen Aktivitäten. »Das wichtigste war für mich immer die Freiheit – soweit es möglich ist. Keinen Zwang.«

Ein Haus bedienen, nicht wegfahren können, weil der Hund Futter braucht. Schöne Blumen giessen zu müssen, ist mir zuviel Zwang

Janosch zeichnete, machte Textildesign, lebte als Bohème, trank mit Künstlern und Hippies und war beides nicht richtig. Ende 50er Jahre traf er seinen ersten Verleger. Man kam sich näher bei ein paar Cognacs und der Mann fragte, wie er denn heissen wolle:

 » … und ich sagte im seeligen Halbrausch: Janosch.«

Dabei blieb es.

Er schrieb. Sein erstes Buch: »Die Geschichte von Valek dem Pferd«, war zwar kein Publikumserfolg, aber sein erzählerisches, fabulierendes Talent wurde erkannt. Es folgten Geschichten um Geschichten. Er zeichnete, schrieb, trank. Man weiss es ja, Alkohol macht erst mal den Gedankenfluss flüssiger, den Strich kühner und stärkt das Selbstvertrauen.

Seine Welt, die Welt der Lügenbolde, der Schelmen, der Aussenseiter der Säufer und der Ganoven ist ein Teil seiner selbst. Sein erster Roman, wo er diesen Alltag seiner Jugend mit makaberen Scherzen und liebevoller Hingabe ausführlich beschreibt, heisst: »Cholonek oder Der liebe Gott aus Lehm«.

Er schrieb, getrieben und ungebremst, der Treibstoff war Alkohol.

»Für Cholonek brauchte ich 41 Flaschen Gordon’s Gin.«

»Sie standen vor dem Haus. Als das Buch fertig war, habe ich sie gezählt. Ich kam dann mit einer Lebervergiftung in die Klinik.« Die Erstausgabe erschien 1970, in ein altes Geschirrtuch gebunden, mit gestopftem Loch. Eine Art Autobiografie. Ein grosser, umstrittener Erfolg. Literatur? Zeitgeschichte? Janosch hatte sich einen eigenen Platz geschaffen. Sowas kannte man noch nicht. Mitte der siebziger Jahre kam dann …

… der panamesische Paukenschlag mit Tiger und Bär

Der Rest ist Geschichte.

Er zog in den frühen 80er Jahren nach Teneriffa, wo er heute noch lebt. Die Gesundheit – er litt sein ganzes Leben lang an den Spätfolgen einer im Teenageralter mit Schnaps behandelten Gelbsucht und schonte weder Leber noch Nieren – machte ihm zu schaffen.

Doch Janosch tanzte weiterhin auf vielen Hochzeiten. Illustrator, Zeichner, Kindergeschichtenerzähler. 1992 das Theaterstück »Zurück nach Uskow«, eine Abrechnung mit dem Katholizismus. Janosch, der sich selbst gern und mit Vehemenz als Ketzer bezeichnet, kämpft mit Worten gegen die verlogene, heuchlerische Moral, deren Opfer er einst gewesen war. Geld hat er verdient, ausgegeben, wurde darum betrogen und doch ist er kein verbitterter alter Mann.

Portrait Janosch; Quelle: Janosch film & medien AG

Er liebt seine Frau, seine Hängematte und geniesst das Leben

Trinken tut er nicht mehr. Oder kaum. Er mag Rotwein, hat es keinen, dann halt Weissen und wenn es auch den nicht mehr gibt, kann es auch Wasser sein. Seine wunderbar zu lesende Biografie trägt den Titel »Wer fast nichts braucht, hat alles«.

 

Angela Bajorek Janosch, Biografie

Wer fast nichts braucht, hat alles

Janosch, die Biographie

Ullstein Taschenbuch (14. Juli 2017)

Taschenbuch: 320 Seiten

ISBN-10: 354-837-70-25

 

 

Janosch Janosch. Cholonek oder Der liebe Gott aus Lehm

Cholonek oder Der liebe Gott aus Lehm.

Goldmann Verlag (1. Februar 1992)

Gebundene Ausgabe, 320 Seiten

ISBN 344-230-44-31.

 

 

 

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