Kater Karlo – vom Raubein zum feinen Mann

WOHER ICH KOMME

Ich bin in der Vorstadt aufgewachsen. Meinen Vater habe ich nicht gekannt, falls das jemand wissen will. Oder wahrscheinlich schon, denn auf dem Autofriedhof, wo meine Mutter und die anderen Katzen lebten, gab es mehr als einen Kater, der in Frage gekommen wäre, mein Erzeuger zu sein. Die Katzengemeinschaft war, weil wir von Natur aus Individualisten sind, mehr auf Zweck als auf Ideal gegründet. Die Gegend war mausarm, wenn ich das mal so sagen darf, und um jede Beute musste hart gekämpft werden. Kann also sein, dass ich im Adoleszentenalter mal einem zernarbten, schlitzohrigen alten Kater gegenüberstand und wir die Krallen kreuzten, ohne Rücksicht auf Verluste.

Mein Vater? Vielleicht. Es ging ums Fressen, nicht um die Familie. Meine Mutter starb früh. Sie war ständig umringt von neuer Nachkommenschaft. Das hat sie ausgezehrt. Ich verlor sie aus den Augen, erlebte ihren Tod nicht mit. Der Tod war unser ständiger Begleiter. Da kam es auf eine räudige, magere, schwarze Katzenmutter nicht an. Ich hätte ihre Augen, hat mir mal jemand gesagt. Ob ich eine Hauskatze bin? Ha! Da kann ich nur lachen. Meine »Häuser« waren Autowracks, mein Futternapf ein altes Scheinwerferglas, zerbrochen noch dazu. Hauskatze! Ein Raubtier bin ich. Deshalb wurde die Katzengruppe auf dem Autofriedhof überhaupt geduldet. Wir waren Kämpfer. Gegen Ratten und Mäuse. Und wenn es drauf ankam, auch gegeneinander.

Doch ich gebe zu, wir leben nahe bei den anderen Bewohnern von Entenhausen. Ich lernte die ganze Bagage schon früh kennen. Diesen unsäglichen Micky Maus und seine bescheuerten Kumpane, Enten und Mäuse, Vögel und Nager! Da fahre ich die Krallen aus.

Außer die Minnie Maus, die Mäusezicke, der hätte ich gerne mal im alten Schaumstoffpolster des grünen DeSoto oder im zerbeulten »Chevy Impala« ein bisschen das Mäusefell gezaust.

Doch die Zeiten sind vorbei. Ich habe mich hochgearbeitet. Durch alle Milieus und Klassen. Heute respektieren mich die wichtigsten Leute. Zuhause bin ich jetzt richtig bürgerlich, eine Respektsperson, und es gibt nichts Schöneres als auf dem Sofa zu liegen, eine gute Havanna zu schmauchen und dem Geruch des Eintopfes nachzuschnuppern, den Trudi gerade für mich kocht. Da bin ich friedlich. Und katerhaft anschmiegsam. Auf der Arbeit sieht es anders aus.

WO ICH HEUTE BIN

Ich bin im Herzen ein Nomade geblieben und trotz der kleinbürgerlichen Wohnzimmergemütlichkeit bei uns, bei Trudi und mir, bin ich gerne unterwegs. Da ist mir kein Berg zu hoch, kein Fluss zu reißend, kein Meer zu tief. Auch in Schnee und Eis oder in tropischen Sümpfen – ich bin überall zuhause. Wo andere jammern, zünde ich mir einen Stumpen an, stecke ihn mir fest zwischen die Zähne. Draufgebissen und durch.

Gemütlicher raucht es sich natürlich im Fond meiner Limousine. Kralle am Steuer chauffiert. Ich winke ab und zu aus dem Fenster. »Tagchen, Herr Polizeipräsident. Die Ehre, Herr Richter. Meine Verehrung, Madame Diva. Servus, Wachtmeister!« Mich mögen alle. Weil sie mich respektieren. Ich habe in Entenhausen den Tarif durchgegeben. Wer mir in die Quere kommt, bereut es. Und dieser Mäusewicht Micky versteckt sich hinter seinen Freunden, den Ducks und so. Da lach ich nur, und »Schnauz und Kralle« lachen mit.

Früher habe ich noch für andere gearbeitet, für Anwälte oder für andere ehrenwerte Leute. Heute bin ich selber ehrenwert und cruise durch die Straßen Entenhausens.

Wenn ich nicht auf Reisen bin. Der Autofriedhof gehört jetzt mir, den hab ich mir aus sentimentalen Gründen geleistet. Nachts pirsche ich dort manchmal zwischen den Wracks herum, schnappe mir eine kleine Mahlzeit und lege mich dann auf den Rücksitz des »Impala«, rauche eine Zigarre und lasse mir durch die zersplitterte Heckscheibe das Mondlicht auf den Pelz scheinen, während der Schwanz langsam hin und her schlägt, nach Katermanier. Zuhause.

WOVON ICH LEBE

Wenn ich nicht so ein netter Kerl wäre, würde ich diese Frage gar nicht beantworten. Was geht’s jemanden an. Einfach mal frisch von der Leber weg gesagt: Ich tue, was zu tun ist. Damit ich leben kann. Klar geht es auch um Geld. Aber nicht zuletzt tue ich das, wozu ich geboren bin. Und geboren bin ich als Raubtier. So, und jetzt Gegenfrage: Was macht ein Raubtier? Na? Groschen gefallen?

Diese Enten und Mäuse meinen, alles würde ihnen gehören und horten und hocken drauf und schnüffeln überall herum nach Schätzen und Plätzen, wo sie noch mehr horten und haben können. Dazu das blöde Grinsen, wenn sie wieder mal etwas »Gutes« getan haben. Meine Güte. Entengelump, Mäusepack! Außer vielleicht die kleine Fickmaus da … die Minnie.

Kurz und gut, ich, Kater Karlo, erlaube es mir, die selbstzufriedenen Geldsäcke ab und zu etwas zur Ader zu lassen. Und wenn ich dann ihr Geschrei höre, weil das Diamantencollier der dicken Millionärsgattin oder der Sack Dukaten vom Ober-Raffduck ihren Weg zu mir gefunden haben, dann lach ich und zünd mir eine »Romeo y Julietta« an. Weil’s mir bei ihrem Gejammer noch besser schmeckt.

Und wer meint, das sei ein einfacher Beruf, den ich da habe, der täuscht sich gewaltig. Da braucht es nicht nur Schlauheit und Mut, da braucht es auch eine harte Hand. Zupacken ist angesagt.

Vor allem, wenn dieser kleine Mistkerl, der Micky, mal wieder mit irgendwelchen Tricks versucht, sich die Sore in die eigene Tasche zu mogeln. Und dabei noch tut, wie wenn er im Recht wäre. Manchmal wird es mir auch zu bunt, und ich piesacke sie ein wenig. Zum Spaß halt. Oder weil mich die Wut packt.

WARUM ICH GERNE GELD HABE

Wer einmal so richtig arm gewesen ist, vergisst das nicht so schnell. Der Geruch, das Magenknurren, die verächtlichen Blicke der Anderen und was halt alles noch dazugehört. Da kann es schon passieren, dass man die gute Kinderstube, die man so oder so nie hatte, vergisst. Ich habe genug magere Autofriedhofmäuse geknackt, um deren bitteren Geschmack zu kennen. Ich will das nicht mehr.

Heute kleide ich mich gerne gut, setze mir eine fesche Melone auf und lasse mit Trudi die Korken knallen. Wenn wir uns dann im nächtlichen Katergerangel in der Satinbettwäsche umkringeln, und ich das teure Parfüm rieche, das ich ihr geschenkt habe, wenn ich dann im samtenen Morgenmantel am offenen Fenster stehe, die laue Sommernacht genieße, um mich nebelt feinster kubanischer Rauch, und meine Trudi sich im Hauch von Seide wohlig auf dem King-Size-Bett räkelt, dann bin ich zufrieden.

Sicher, nicht alles lässt sich mit Geld kaufen.

Ich habe die Daunen des Federbettes den Quaketieren eigenhändig ausgerupft. Um den Geschmack der Armut zu vergessen, eignet sich nichts so gut wie ein sanftes Ruhekissen. Überhaupt, Geld! Ich muss niemandem meinen Status beweisen, indem ich mit Vermögen prahle. Geld ist dazu da, ausgegeben zu werden, ob zum Luxus- oder zum Lotterleben oder am Spieltisch. Hau weg! Und wenn keines mehr da ist, bin ich der Beste, um für Nachschub zu sorgen. Sagt nicht nur meine Trudi, sage ich selbst.

Grips muss man haben, stark muss man sein!

WIE ICH MIR MEINE ZUKUNFT VORSTELLE

Manchmal, wenn ich so nachts zu den Sternen hinaufschaue und dabei ein schönes Katerlied singe, werde ich schon fast sentimental. Wie groß doch die Welt ist, wie viele Sterne. Sternschnuppen sausen durchs Firmament, der Mond versteckt sich hinter einer kleinen Wolke, die silbrig aufleuchtet. Entenhausen ist nichts als ein kleiner Ort, wo sich die Schicksale kreuzen. Dann bin ich dem Schicksal dankbar dafür, Kater Karlo zu sein. Nicht Micky, nicht Donald, nicht der dümmliche Glückspilz Gustav Gans. Im großen Buch, wo alle Geschichten stehen, steht auch meine.

Aber im Unterschied zu den anderen Witzfiguren erzähle ich sie selbst. Vielleicht etwas ungelenk, manchmal mit ein paar Tintenklecksen oder Fehlern. Schließlich ist weder die Schreib- noch die Zeichenfeder für die Katerkralle gemacht. Es ist meinem Katerkopf nicht bestimmt, die Zukunft zu kennen, aber mit scharfen Zähnen und flinken Gedanken werde ich mich noch lange auf dem Weg halten.

Das Hier und das Jetzt gilt es zu genießen und zwischen den Wegstrecken Pause zu machen.

Dann sich eine große »Cohiba Esplendidos« anzünden und dem blauen Dunst nachschauen. Wie es sich für einen feinen Mann gehört.

Kater Karlo

 

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