Kleine Meilensteine: Zigarren-Erfindungen

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Während der Zeit, in der die Zigarre existiert, hat sie es geschafft, eine große und unterhaltsame Mythologie, eine Vielzahl von angenehmen Traditionen und eine ganze Reihe der verschiedensten Objekte an sich zu binden, die sie immer begleiten. Hinter jedem dieser Objekte liegt eine echte Entdeckung – die wichtigste davon wird zu Recht Luiz de Torres und Rodrigo de Jerez zugeschrieben, den Gefährten von Christoph Kolumbus. Sie waren die ersten, die 1492 die Zigarre in die alte Welt brachten.

1844: ZIGARRENKISTEN

Erfinder: Gebrüder Hermann und August Upmann

 

Zigarren-Erfindungen: Zigarrenkiste

Die  Familie Upmann beschäftigte sich in erster Linie mit dem Bankwesen. Diese Beschäftigung konnte man weder erfolgreich noch erfolglos nennen. Alles, was die  Upmanns übernahmen, erledigten sie mit deutschem Fleiß und deutscher Sorgfalt und einem tadellosen Ergebnis.

Aber die  Hoffnung auf Erfolg im Zigarrengeschäft, das  sie nebenbei betreiben wollten, rief bei vielen Zweifel hervor. Die  Brüder selbst wünschten, im Zigarrengeschäft eine Möglichkeit der  emotionalen Entspannung vom harten Bankalltag zu finden. Vielleicht wird deshalb der  Name Upmann bis heute mit Zigarren in Verbindung gebracht, und nur Kenner wissen von der  Familienbank Upmann.

Selbst aus diesem Geschäft, das  Hermann und August zu ihrer Abwechslung begonnen hatten, versuchten sie innerhalb kürzester Zeit Gewinn zu schöpfen. Noch vor der  Eröffnung des ersten ›H.Upmann‹-Ladens im Jahre 1844 importierten die  Brüder kubanische Zigarren nach Deutschland, um sie ihren Bankklienten nach erfolgreicher Vertragsunterzeichnung zu überreichen.

Gewöhnlich wurden die  Zigarren in Fässern oder Ledersäcken nach Europa transportiert und dann stückweise verkauft. Es war jedoch unmöglich, einem wohlhabenden Klienten des Bankhauses Upmann nur eine Zigarre zu schenken. Ebenso unmöglich war es, ihm ein Papierpaket mit 10 Zigarren zu überreichen. Allenfalls ein gezwungenes Lächeln hätte solch ein Akt hervorgerufen. Schließlich wollten die  Upmanns mit den Zigarren einen guten Eindruck von ihrer Bank vermitteln. Die  Realisierung dieses Werbeprojekts erforderte jedoch umfangreiche Investitionen. Dennoch organisierten die  Upmanns eine Kistenproduktion für Zigarren.

Zigarren-Erfindungen: Familie Upmann

Die  Kisten wurden aus teurem Zedernholz gefertigt und mit ›H. Upmann‹ beschriftet. Als die  Bankklienten dieses Geschenk erhielten, lächelten sie erfreut, gingen nach Hause und erzählten ihren Freunden von dem erfolgreichen Geschäft und dem teuren Geschenk. Auf diese Weise tat sich eine zweite, viel folgenreichere Seite der  genial einfachen Idee der  Brüder Upmann auf. Ein reicher Klient öffnet nach dem Abendbrot die  Kiste und sieht die  Aufschrift ›H. Upmann‹, bietet dann seinem besten Freund eine Zigarre an,  der ebenfalls die  Aufschrift auf der  Kiste sieht. Als alle Zigarren geraucht sind, bewahrt er Zigarren anderer Marken darin auf.

Die  Kiste mit dem Firmenlogo half den Upmanns nicht nur dabei, ihren Klienten auf elegante Art Geschenke zu machen, sondern war gleichzeitig eine hervorragende Werbung für die  noch junge Zigarrenindustrie. Bald wurden alle in der  Upmann-Fabrik hergestellten Zigarren in Kisten verpackt. Jetzt standen die Zigarren der  Upmanns exponiert in den europäischen Tabakgeschäften. Die  Zigarren erregten Aufsehen durch ihre akkuraten Kisten mit der  Angabe der  Herstellermarke und des Formats, während alle anderen Zigarren stückweise neben den Fässern und Ledersäcken lagen. Schon bald begriffen die  Konkurrenten, worin das  Geheimnis des Erfolgs der  Upmanns lag.

1854: DIE BAUCHBINDE

Erfinder: Gustav Bock 

Zigarren-Erfindungen: Bauchbinde

Es gibt viele Versionen und Legenden, welche die  Erfindung der  Bauchbinde verschiedenen Menschen zuschreiben. Die  Basis für all diese Geschichten ist die  irrtümliche Annahme, dass die  Bauchbinde zunächst als Schutz für schöne Handschuhe vor Tabak- und Nikotinflecken diente. Einige Erforscher der Zigarrengeschichte schrieben die  Erfindung der  Bauchbinde Katharina der  Großen zu, die  sehr für Zigarren schwärmte. Um sich ihre weißen Handschuhe nicht zu verderben, wickelte sie diese mit einem Seidenband um.

Andere vergaben die ehrenvolle Rolle des Erfinders dieses Zigarrenattributs an  die Londoner Dandys, die  aus demselben Grund wie Katharina die  Große das  Ende ihrer Zigarren mit Papier umwickelten. In Wirklichkeit ist der  Grund für die  Erfindung der  Bauchbinde viel prosaischer, ja geradezu banal. In den 50er Jahren des 19. Jahrhunderts stieg in Europa die  Nachfrage nach importierten Zigarren. Es entstand eine scharfe Konkurrenz zwischen den Herstellern.

Zigarren-Erfindungen: Bauchbinde. Gustav Bock.

Es muss darauf hingewiesen werden, dass zu dieser Zeit den Zigarrenherstellern wenig effektive Möglichkeiten im Kampf gegen ihre Konkurrenten zur Verfügung standen. Die  Bauchbinde, die  1854 von Gustav Bock erfunden wurde, war dagegen eine der  effektivsten Marketing-Strategien ihrer Zeit. Bis zur Einführung der  Bauchbinde mit den Logos des Herstellers und der Zigarrenmarke gab es so gut wie keine Möglichkeit, die  Zigarren in den Kisten und aus den Ledersäcken zu identifizieren. Einzige Ausnahme bildeten die  Aufschriften auf der Kiste und auf dem Sack.

In den Läden wurde die Zigarre direkt aus dem Sack mit der  Aufschrift verkauft, und ab diesem Moment verlor sie eigentlich ihre Bezeichnung. Um beim Konsumenten den Geschmack für eine Lieblingsmarke zu entwickeln, erfand Gustav Bock die  Bauchbinde. Mit Hilfe der  Bauchbinde konnte der  Hersteller den Konsumenten an  den Namen seiner Zigarrenmarke gewöhnen und mit großer Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass er dieser fürderhin treu blieb.

1865: DAS ÖFFENTLICHE VORLESEN

Erfinder: Julian Rivero

Zigarren-Erfindungen: Vorleser

In der  Reihe der  großen »Zigarren-Erfinder«, unterscheidet sich Julian Rivero, der  Besitzer der Zigarrenfabrik El Figaro von den anderen in einem wesentlichen Punkt. Wahrscheinlich, weil seine Erfindung kein Produkt preist und weil man sie nicht verwenden konnte, um Verbindungen zu Zigarrenverkäufern zu knüpfen. Er brachte einen Redner in die  Zigarrenfabrik.

Lange Zeit schon hatten sich die  Arbeiter der  kubanischen Zigarrenfabriken, die  der Gewerkschaft angehörten, über die  Eintönigkeit ihrer Arbeit und die  daraus folgende Erschöpfung beschwert. 12 Stunden verbrachten sie am Arbeitsplatz ohne Erholung, ohne Möglichkeit zur Zerstreuung bei der  Arbeit. Ihre Unzufriedenheit war so groß, dass es fast zu Boykotts und Streiks gekommen wäre. Julian Rivero stellte einen Stuhl in die  Fabrikhalle und setzte einen Menschen darauf, der  laut vorlas. Laut und ausdrucksvoll las er aus interessanten Büchern vor, erzählte den Arbeitern die  neuesten Nachrichten, unterhielt und zerstreute die  Arbeiter. Ihr Arbeitstag gestaltete sich nun angenehmer und sie begehrten nicht mehr auf, obwohl ihr Lohn um keinen Centavo stieg. Nach einiger Zeit übernahmen auch die  anderen Besitzer und Leiter von Zigarrenfabriken diese Praxis.

Viele schreiben die  Erfindung des Vorlesens Jaime Partagás zu. Partagás hat aber diese Praxis erst ein Jahr später in seiner Fabrik eingeführt. Wahr ist, dass sein Vorleser nicht nur einen Stuhl bekam, sondern eine ganze Tribüne.

Das  kommunistische Regime Fidel Castros hat seiner Machtübernahme großen Einfluss auf die  Fabriklesungen. Statt schöne Literatur vorzulesen, halten die  Vorleser mehrstündige Propagandareden. Das  Gesetz über die  Notwendigkeit der  ideologischen Erziehung der  Massen in den Zigarrenfabriken wurde von Fidel Castro persönlich unterzeichnet.

DIE  GRAVIERUNG AUF DER  ZIGARRENKISTE

Erfinder: Ramón Allones, Ende des 19. Jahrhunderts

 

Zigarren-Erfindungen: Gravierung auf den Kisten

Als Ende des 19. Jahrhunderts alle Zigarrenhersteller anfingen, ihre Zigarren in Kisten zu verpacken, wurden die  Kisten ein gewohnter Anblick und hörten auf ein Mittel zu sein, um die  Aufmerksamkeit auf die  Marke zu lenken. Die  nächste Erfindung sowohl für die  Zigarren als auch für die  Werbung machte der  heute nicht unbekannte Hersteller Ramón Allones. Er war der  erste, der  seine Zigarrenkisten mit farbigen Gravierungen verzierte. Die  Produktion wurde teurer, aber die  leuchtende Farbe und die kunstvoll gestaltete Beschriftung blieben länger in Erinnerung, erhöhten die  Aufmerksamkeit. Das  Wappen von Kastilien und León und das  Wappen Havannas unter einer goldenen spanischen königlichen Krone. Umrahmt von eleganten Schnörkeln und den zwei Säulen des Herakles, auf denen stolz die  Aufschrift ›RAMÓN ALLONES‹ prangte. So sah die  erste Gravierung auf einer Zigarrenkiste aus.

DER HUMIDOR

Erfinder: Zino Davidoff, Mitte des 20. Jahrhunderts

 

Zigarren-Erfindungen: Humidor

Der  Humidor wurde Mitte des 20. Jahrhunderts erfunden, also vor relativ kurzer Zeit, wenn man die  lange Geschichte der  Zigarre selbst betrachtet. Wie sind die  Menschen bloß die ganze Zeit ohne dieses so wichtige Accessoire ausgekommen? Ganz einfach …

Das  feuchte tropische Klima Mittelamerikas, wo die  Zigarren herkommen, ist ideal für die  Aufbewahrung von Tabak. Unter diesen klimatischen Bedingungen wird er weder zu trocken noch zu feucht. Das  europäische Klima unterscheidet sich sehr vom tropischen, ist aber dennoch geeignet, der Zigarre die nötigen Bedingungen zum »Überleben« zu bieten. Insbesondere im Sommer ist es in einigen flachen Regionen Europas feucht und warm, und die  Zigarre fühlt sich wohl. Dafür fällt es ihr im Winter ungleich schwerer, ihre Eigenschaften zu bewahren. Kälte schadet dem wärmeliebenden Tabak.

In alten Zeiten, in einem Haus mit Kamin, wurden die  Zigarren in speziellen nicht beheizbaren Zimmern bei der für sie optimalen Feuchtigkeit und Temperatur aufbewahrt. Die  Steinwände, starke Eichentüren und die  Holzverschalung der  Innenwände in den  Kellerräumen der  europäischer Häuser und Schlösser bildeten ideale Bedingungen für ihre Aufbewahrung. Solche Zimmer wurden zu einem einzigen riesigen Humidor, in dem sich die  Zigarren, eingehüllt in warmen Stoff, ewig halten konnten.

Niemand wäre auf die  Idee gekommen, ein spezielles System zu erfinden, wenn nicht die  Zentralheizung Ende der  ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in vielen euro­päischen Ländern Einzug gehalten hätte, die  im Gegensatz zu den Kaminen die  Temperatur und Luftfeuchtigkeit in allen Räumen gleich hielt. Europa erwärmte sich und »trocknete« buchstäblich aus.

Es ist klar, dass sich die  allgemeine »Dürre« auf die  Qualität der  in Europa verkauften Zigarren auswirkte. Heute kann man sich das  schwer vorstellen, aber damals verdarben praktisch alle Zigarren, die  einige Tage in den europäischen Läden lagerten, und konnten dem Raucher nicht mehr das  erwartete Vergnügen bieten.

Zigarren-Erfindungen: Humidor. Zino Davidoff

Zino Davidoff war der  erste, der  kurz nach seiner Rückkehr von Kuba auf dieses ernsthafte Problem aufmerksam wurde. Für einen Menschen, der  alle Feinheiten der  Zigarren erlernt hat, ist der  Qualitätsunterschied ein und derselben Zigarren in ihrer Heimat und in Europa mehr als offensichtlich gewesen. Und genau von diesem Menschen, der  guten Tabak und gute Zigarren über alles liebte, stammt die  Idee eines speziellen Systems zur Wahrung der  für Zigarren idealen Luftfeuchtigkeit, unabhängig vom Mikroklima des Raumes.

Die  ersten Humidore waren gewöhnliche Schränke, in denen ein Gefäß mit Wasser stand oder kleine Holzschachteln mit einem Stück feuchten Stoff auf dem Boden. Die  Zigarren, die  Zino Davidoff in diesen Humidoren aufbewahrte, unterschieden sich erheblich in ihrer Qualität von denen, die  in den damaligen Läden verkauft wurden. Nachdem sich Zino Davidoff ausreichend vom Nutzen seiner Erfindung überzeugt hatte, beschloss er, diese nun auch im Kampf mit seinen Konkurrenten einzusetzen. Er verpflichtete alle Läden, in denen Davidoff-Zigarren verkauft wurden, seine Erfindung zu nutzen. Sollten sie sich weigern, drohte er, seine Lieferung einzustellen.

Obwohl die  Vorteile des Humidors offensichtlich waren, ließen sich nicht sofort alle auf diese Neuerung ein. Zum Beispiel produzierte die  Tochterfirma Monti erst 1968 die  ersten Davidoff-Humidore in Serie! In Frankreich und Spanien fanden sie 15 bis 20 Jahre später Verbreitung. Wie alles wirklich Große, wurde auch der  Humidor erst viele Jahre nach seiner Erfindung anerkannt und gewürdigt.


Dieser Artikel erschien im Original im © Cigar Clan Nr.2 ( 1-2006)

 

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