Leben in meinem Herzen drei tote Freunde

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Heute ist der Tag der Toten. Der 2. November. Auf meinem alten Reisekoffer, der mir als Tisch dient, steht ein großer Blumenstrauß mit weißen Blumen, darin drei strahlend gelbe Sonnenblumen: eine für Vlado Kristl, eine für Etienne de Graffenried und eine für Octavio de Barros.

Drei leidenschaftliche Künstler. Drei platonische Lieben. Sie gaben mir das Gefühl, dass Kunst kein »Hüdeldüdel« ist, wie mein Vater meint, sondern eine Form radikalen Lebens. Sie akzeptierten meine Arbeit, und das tat mir gut. Drei unangepasste Einzelgänger.

1982. Ich war 26 Jahre alt und kämpfte mit meinem ersten Theatersolo Die Hure und die Lebedame. Ich wollte wissen, ob ich als Schauspielerin einen unabhängigen Beruf habe, unabhängig von Regisseuren und Stadttheatern, unabhängig vom »Genommenwerden«. Kann ich eine Geschichte so erzählen, dass das Publikum mich bezahlt und ich davon leben kann? »Wenn nicht, ändere ich meinen Beruf«, hatte ich mich entschlossen.

VLADO KRISTL

Vlado Kristl, Illustration Simon Baumann
Illustrationen: Simon Baumann

Ich höre Dino Saluzzi, trinke ein Glas Whisky und erinnere mich. Die getigerte Katze springt auf meinen Schoss, und der weiße Wolfshund stößt sie mit seinem Kopf weg.

Ich wollte 14 Tage in den französischen Alpen laufen, alleine. Schweigen, fasten. Ich hatte nur eine kleine Tasche dabei, mit Kleidern zum Wechseln. Im letzten Dorf vor dem Aufstieg in die Alpeneinsamkeit kaufte ich eine Flasche Wasser. Ich traf zwei ältere Männer.

Es stellte sich heraus, dass der eine Maler war, ein altes Steinhaus eine Straße weiter besaß und an dem Tag Geburtstag hatte. Ich auch. Wir lachten, und die beiden luden mich ein, den Tag mit ihnen zu verbringen. Ich verneinte – ich wollte in die Berge. Der Begleiter des Malers deutete auf meine billigen Turnschuhe aus Stoff und meinte: »Damit schaffst Du es nie.« Dann sah er auf meine kleine Tasche: »Und ist dir klar, dass es oben kalt werden kann? Du bist verrückt. Komm mit uns, wir essen und feiern zusammen.«

»Frettchengebiss«. Ich mochte ihn nicht. »Das ist Vlado Kristl, ein experimenteller Filmemacher«, stellte mir der nette Maler seinen Freund vor. Ich bedankte mich und zog von dannen.

Schon nach 3 Stunden Aufstieg verlor ich den Weg und fand mich in einem scharfkantigen Steinfeld wieder. Wie Messer zerschnitten die scharfen Steine die Sohlen meiner billigen Turnschuhe. Und so wanderte ich barfuß zurück und kaufte mir trotzig neue billige Leinenturnschuhe im Dorf. Jetzt war es später Nachmittag, und so schellte ich bei dem alten Maler. Vlado war auch da, und die Männer freuten sich.

Wir redeten, tranken guten Wein. Das Abendessen war endlos, köstlich, französisch.

Der nette Maler ging schlafen, und Vlado und ich, wir tranken, redeten, redeten und tranken, bis der Morgen graute. Vlado erzählte, dass er in Zagreb bis 1945 Partisanenkämpfer gegen die Nazis gewesen sei, später aber auch mit seinem Film »General und der ernste Mensch« gegen Tito rebelliert habe. Der Film wurde zensiert, er floh vor Folter und Geheimpolizei aus Jugoslawien. So sei er nach München gekommen.

Er erklärte mir, dass Kunst, die Erfolg hat, keine Kunst mehr ist, sondern angepasste Scheiße. Dass das Schlimmste, das einem Künstler passieren kann, der Erfolg sei – dann sei er schon korrumpiert, auf der falschen Seite.

Ich fand, er spinnt. »Wenn ein Theaterstück keinen Erfolg hat, kommt einfach keiner«, meinte ich. »Nein, Du musst es so machen, dass alle sich aufregen, nicht erklären können, was du da machst«, meinte er.

Er erzählte mir, dass er es mit einer Karikatur geschafft habe, dass das Münchner Stadtmagazin Das Blatt wegen staatsfeindlicher Umtriebe angezeigt worden war. Von einem Skandal mit seinem Bild bei einer Gruppenausstellung, aus der man ihn dann rausgeschmissen habe. Von seinen Filmen, die zwar als avantgardistisch gepriesen würden, die aber keiner sehen wolle: »Nur das Münchner Filmmuseum hat alle aufgekauft, schließlich mache ich ja Kunst«, sagte er, und dann kriegte er sich nicht mehr ein vor Lachen.

Vlado fand es toll, dass ich mein Solo alleine produzierte und erarbeitete. Ich fühlte mich verstanden. Er erzählte mir von einer Achternbusch-Aufführung, die er 1987 in München gemacht hatte, die sehr umstritten gewesen sei.

Es sei nicht leicht, Kunst so zu machen, dass die Menschen sich empören: »Gutes Theater dient niemandem. Im Sinne eines Straßentheaters, das nicht auf den Säulen der Gesellschaft gebaut ist. Klamotte und Klamauk der Clowns, wilder Rhythmus, wenn sich der Körper löst von der Seele.«

Das entsprach so gar nicht meiner Theaterauffassung, und so redeten wir uns die Köpfe heiß. Ich fand sein Gesicht jetzt spannend, und in den Augen war die uralte Einsamkeit eines Kämpfers.

Er faszinierte mich. Ich hatte noch nie einen Künstler getroffen, der so konsequent Kunst als radikalen Ausdruck gegen jede Art von Angepasstheit lebte.

Später merkte ich bei den Proben, dass Vlado in dieser Nacht einen riesigen Druck von mir genommen hatte. Ich musste nicht mehr perfekt sein, nur noch mir selbst treu.

Wir trafen uns in Hamburg wieder, Jahre später. Ich inszenierte für das Sommertheater Kampnagel die deutsche Uraufführung von Pasolinis »Orgia«. Bei der Premiere wurde das Stück gespalten aufgenommen. Ein Teil der Zuschauer verließ Türen schlagend den Raum, beim Endapplaus wurde gejubelt und gebuht. Ich stand da, verbeugte mich, und wusste nicht, was ich fühlen sollte. Da kam wie aus dem Nichts Vlado auf die Bühne, sagte nur knapp »Gut gemacht! « und verschwand.

Wieder Jahre später besuchte ich ihn in seinem Atelier in Hamburg. Er hatte es gerade geschafft, nach einem Jahr Professur von der Kunstakademie zu fliegen, da er die Studenten beschimpft hatte. Vlado erzählte mir von seinem neuen Film Tod dem Zuschauer und freute sich. Er hatte hundert Minuten einen Schauspieler in immer andersfarbigen alten Anzügen vor ein Auto gestellt und ihn gefilmt, während die Passanten vorbeigingen. Ab und zu ein Zwischentitel: »Der Mond ist ein Franzose«, »Wie ’ne Bombe aufs Auge« und »Schlagen wir den Zuschauer tot, dann haben wir Kultur«.

Die Presse regte sich auf, dass das ein Nicht-Film sei, dass so Filmgelder verschleudert würden – dieser Film sei eine Verarschung der Kulturbehörde. Vlado meinte trocken, dass das stimme, aber Künstler müssten eben auch leben. Und dann: »Ich muss höllisch aufpassen, dass mir nicht wieder ein Film gelingt.«

Er zeigte mir ein Interview zum Film, das mit dem Schauspieler gemacht worden war: »Alles geht an dir vorbei«, sagt mir Kristl, »niemand merkt es. Niemand interessiert es. Es gibt keine Freundschaft. Keiner hat Zeit. Es ist fast schlimmer als im Krieg.« Ich interpretiere das Ganze im Sinne von »Die Utopie hat ausgedient« etc. pp. Kristl ist entrüstet: »Ich will nicht überzeugen. Ich will den Menschen nicht überfallen.«

Das Was-will-der-Autor-damit-sagen ist für ihn der bequeme Rückzug von den Fakten; was pädagogisch ist, ist für ihn auch schon demagogisch.

An diesem Nachmittag zeichnete mich Vlado mit schnellen Strichen. Ich schlief ein, und als ich wieder wach wurde, war es schon dunkel und ich musste schnell weg. Es war das letzte Mal, dass ich ihn sah. Aber immer wieder im Leben, wenn das System drückt und ich mit meiner Kunst nicht weiter weiß, stärken mich Sätze, die er irgendwann mal zu mir gesagt hat. 2004 hatte ich plötzlich den starken Impuls, ich müsse ihn unbedingt sehen. Ich rief im Filmmuseum München an, ob jemand wisse, wo er sei. »Er ist vor Kurzem verstorben«, war die lakonische Auskunft.

Eine der drei Kerzen ist verloschen. 

ETIENNE de GRAFFENRIED

Etienne de Graffenried, Illustration Simon Baumann

Ich lege »Luna« von Piazolla auf. Der Hund heult einmal wölfisch auf und verlässt den Raum. Und in den herzziehenden Tönen des Bandoneons taucht Etiennes spöttisches Lächeln auf.

Zürich, Theaterspektakel. Vor bald dreißig Jahren. Ich kam ins Zelt, in dem ich in ein paar Stunden mein Solo »Die Hure und die Lebedame« aufführen sollte. Es war noch nichts eingerichtet. Ich meine, ich brauchte nicht viel, nur einen Tisch, zwei Stühle, eine Weinbrandflasche mit Apfelsaft. Aber Licht brauchte ich – wo blieb nur der Techniker? Ich war etwas aufgeregt. Da schlurfte ein ungepflegter, etwas dicker Mann mit einem Hut auf mich zu. Er sah verkatert aus, fragte schlecht gelaunt, was ich denn so bräuchte an Licht.

»Das fängt ja gut an hier«, dachte ich und fragte mich, wie er es wohl auf eine Leiter schaffen würde. Angestrengt blieb ich freundlich – und war verblüfft, als er in kurzer Zeit ein tolles Licht zauberte: die beste Beleuchtung, die ich bisher auf den vielen Festivals gehabt hatte. Wow, Respekt. Ich wusste, ich hatte einen Meister vor mir, und das sagte ich ihm. Er lud mich am nächsten Tag zu einem Glas Wein in der Altstadt ein.

Ich komme, und finde einen Mann mit einem Haifischkopf. Richtig. Ein Haifischgesicht grinst mich an. Um den Haimann eine Gruppe von fröhlichen Zechern – die meisten Künstler. Die Vorübereilenden schauen irritiert. Etienne zieht die dünne Ganzkopfgummimaske ab, kratzt sich den Kopf mit der roten Narbe und den wenigen Haaren und begrüßt mich.

Ich lerne, dass er bildender Künstler und Bühnenbildner war. Einer, der sich mit den Herrschenden des Kunstbetriebes anlegt. Ein Bürgerschreck. Ein begnadeter Mitarbeiter, wenn ihm ein Theaterprojekt gefällt. »Er hat gesungen: ›Stiefeli muss sterben‹, und dann den Intendanten vom Stuhl geworfen«, erzählt einer. »Er hat mich in seine Tasche fassen lassen, ich habe aufgeschrien, so was Ekliges war drin – rohe Leber«, lacht ein anderer. »Und die tollen Sprühbilder an den Wänden in der Altstadt …«

Und ich merke: Da habe ich den König der Züricher Bohème vor mir. »Er hat eine wunderschöne Ägypterin geheiratet, um sie vor ihren Brüdern zu retten.« Er hat dieses getan, jenes gemacht …

Etienne ist gelassen und ruft nach einem anderen Glas Roten. Jeden Tag residiere er hier, in der Malatesta Bar, oder einer anderen gleich um die Ecke. Wenn er nicht auf dem Lindenhof hoch über der Limmat mit seinen Freunden Boccia spielt. Die Sonne scheint, es ist ein milder Tag, und ich fühle mich wohl. Etienne und ich schauen uns an, und haben das Gefühl, wir erkennen uns. Ich freue mich, dass ich seine verrückte Kraft unter seiner Pennermaske wahrgenommen habe.

»Der Zuschauer ist immer klüger als du, denk daran!« Dass man sich dem Kulturbetrieb nicht anpassen dürfe, sagt er. Und: »Kunst muss anarchisch sein, wild, nicht erklärbar.« Er schimpft auf die Schleimer und Wichser, diese Schafseckel aus den Kunstinstitutionen, die nur lauwarmen Mist fördern.

Er erzählt begeistert vom »Tangopalace«, einem Tangotheaterstück frei nach Borges mit Touren in ganz Europa und vom Kampftheater mit Schauspielern und Catchern. Bei beiden Stücken hatte er zusammen mit dem Autor, Regisseur und Tangotänzer David Höner gearbeitet. Da wusste ich noch nicht, dass genau dieser irgendwann mal mein Mann werden würde.

Jahre später, Theater am Halleschen Ufer in Berlin. Ich spiele abends um zwanzig Uhr meine Musikperformance »Piraten der Stimme«, und um Mitternacht beginnt Etienne mit seinem wunderbar skurrilen verrückten Stück. Auf der Bühne steht er mit Franz, dem sehr eigenen hinkenden punkigen Taxifahrer Franz, und einem Hamster. Die Bühne ist voll mit seltsamem Ramsch – man wird immer aufs Neue von absurden Wahnsinnseinfällen überrascht.

Tagsüber ziehen wir durch Berlin, machen Straßenmusik in der U-Bahn und was uns sonst noch so einfällt – das Leben ist schön. In einer Bar beim Roten sagt Etienne so ganz aus dem Zusammenhang: »Ich werde nicht älter als fünfzig – das habe ich mir versprochen.« – »Na, da fehlt ja nicht viel, aber du siehst noch ganz fit aus, wenn ich dich so auf der Bühne sehe«, sage ich lachend.

Jahre später, Etienne ist 58 Jahre alt. Mein damals zwölfjähriger Sohn ist mit Etienne befreundet. Sie haben beide am selben Tag Geburtstag – Wind am 1. März, Etienne am 29. Februar. »Mich gibt es nur alle vier Jahre«, sagt Etienne zu Wind und grinst schief.

Ein lauer Sommertag, wir sitzen unter Bäumen vor einem Wohnwagen und trinken den berühmten Roten. Wind flitzt mit dem Skateboard um uns rum. Etienne ist mager geworden. Er steht auf, verabschiedet sich von uns, und Wind will ihm noch einen bestimmten Sprung zeigen. Die beiden reden. Dann geht Etienne langsam weg mit seinem komischen Hut, wir schauen ihm nach. Wind kommt ganz aufgeregt: »Er hat mir dreihundert Franken geschenkt – da kann ich mir endlich ein besseres Skateboard kaufen.« Wenige Wochen später stirbt Etienne.

Ich zünde mir eine Zigarre an, noch ein Glas Whisky. Prost Etienne. Die Katze macht einen Buckel, streckt sich und streicht davon. 

OCTAVIO de BARROS

Drei tote Freunde. Illustration: Simon Baumann

Dann schaue ich auf das Bild, das mich in Cuenca auf dem Filmfestival mit meinem Produzenten Octavio de Barros zeigt. Ich lege die erste CD von Putomayo auf, Latin Groove, tanze einen Moment alleine im Raum.

Quito, die Hauptstadt von Ecuador. Ich kannte Octavio schon seit vielen Jahren. Er war einer der Stammkunden in Davids Kunst-Bar, der »Estación«. Strahlende Augen in einem schmalen Gesicht mit einer geraden Nase. Eine schlanke große Gestalt. Er bewegt sich elegant. Kuscheliger weißer Bart, wirres halblanges Haar. Eine noble Erscheinung, egal, wie abgewrackt er gerade ist. Als junger Mann muss er wie Adonis ausgesehen haben.

Er ist immer begeistert von irgendeinem Projekt, an dem er gerade arbeitet – einem Musikstudio für junge Künstler, als Produzent für den einen oder andern Film, als Schauspieler. Zeigt mir die Verfilmung einer Geschichte von Edgar Alan Poe, wo er als Protagonist einen Mann spielt, der nicht sterben kann. Er spielt gruselig gut, und der Film wird prämiert.

Er hat wunderbare Geschichten auf Lager, aber sie klingen meist unwahrscheinlich. Einige meinen, das seien alles Lügengeschichten. Das ist mir egal – er erzählt gut und spannend. Seine Augen haben etwas Kindliches, wenn er sich begeistert:

»Ich war ein berühmter Musiker in Brasilien, ich habe einen Hit geschrieben. Davor hatte ich klassische Musik in Italien studiert, Geige, bis ich was an der Hand bekam und nicht weitermachen konnte. Ich war ein Baby, das letzte von elf Geschwistern, als meine Eltern bei einem Autounfall ums Leben kamen. Mein Großvater war reich, er hatte eine riesige Hacienda in Bahia. Dort wuchsen wir auf, aber als ich sieben Jahre alt war, hat er mich in ein kirchliches Internat gesteckt. Als ich in Frankreich lebte … in Kuba … in Deutschland … «

Octavio ist ein Mann von Welt, gebildet, besser gesagt, ein wandelndes Lexikon. Er spricht fließend Französisch, Englisch, Italienisch, Spanisch und Portugiesisch und kann zack von einer in die andere Sprache schalten. Weiß viel über internationale Politik.

Außerdem passieren ihm ständig irgendwelche Unglücke. Bei einer Busfahrt von Guayaquil nach Quito hält man ihm eine Pistole an die Schläfe, er wird ausgeraubt und kriegt noch einen Schlag auf den Kopf, so dass eine Gehirnerschütterung zurückbleibt. Er zerstreitet sich mit dem Filmregisseur, für den er ein Jahr lang auf Provisionsbasis produziert, und wird nie bezahlt.

Ein Münchhausen, ein Frauenheld, ein Trinker. Sex and Drugs and Art.

Er kennt alle, alle kennen Octavio. Sein soziales Netzwerk ist wirklich unglaublich. Er ist mit allen gleich freundlich – vom Straßenkehrer, der morgens seiner Arbeit nachgeht, wenn er betrunken, aber mit Haltung aus der Bar kommt, bis zum Anwalt oder Minister. Octavio ist großzügig, wenn er Geld hat – aber meist hat er keins.

Er war eine beeindruckende Persönlichkeit – aber unsere Begegnungen blieben oberflächlich. Ich fand, das alles klang höchst anstrengend, trotz der strahlenden Augen, und blieb freundlich abweisend bei allen Angeboten, doch mal zusammen zu arbeiten.

Eines Tages traf ich ihn zufällig auf der Straße. Mein erster Spielfilm »Siguiendo las Estrellas« war abgedreht, und ich war noch nicht Teil der Filmszene in Quito. Wo sollte ich also einen guten Cutter, einen Musiker, einen Tonmann für die Postproduktion hernehmen? Octavio strahlte: »Du brauchst mich. Ich kann dir ein super Team zusammenstellen.«

So fing unsere Zusammenarbeit an. Es lief gut, der Film wurde fertig, und dank Octavios begeisternder Public-Relation-Arbeit besuchte mich der Chef des internationalen Filmfestivals in Cuenca im Schnittraum – der Film wurde in den Wettbewerb aufgenommen, obwohl er noch nicht ganz fertig war.

Der Tonmann, ein Kubaner, war Musikliebhaber und erzählte, dass Octavio wirklich in jungen Jahren ein bekannter Musiker in Brasilien gewesen war. Auch die anderen unwahrscheinlichen Geschichten wurden immer wieder von jemandem bestätigt. Das war erstaunlich. In Cuenca war unser Film in allen Zeitungen, und die Hauptdarstellerinnen wurden aus Panama eingeflogen. Irgendwie kriegte Octavio das hin.

Octavio wurde immer dünner, er löste sich auf. Sagte, es würde ihm schwer fallen, zu essen. Ich fühlte den Schatten des Todes. Als er endlich zum Arzt ging, hieß es, sein Magen müsse entfernt werden. Ein Tumor. Octavio hatte kein Geld, keine Versicherung. Ich werde nie vergessen, wie er mit drei Bildern, die ihm bekannte Maler geschenkt hatten, um seine Krankenhausrechnung zu zahlen, mit dem Chefarzt handelte:

»Ich will dich mit Bildern bezahlen, ich hab kein Geld und keine Zeit mehr, sie zu verkaufen.« Das verblüffte Gesicht des Arztes, der dann akzeptierte.

Im Krankenhaus residierte Octavio; keiner hatte soviel Besuch wie er, und das tat ihm gut. Er befreundete sich mit dem Chefarzt. Als die Krankenschwester ihn würdelos behandelte, wurde sie auf sein Verlangen hin ausgewechselt – und das in einem ekuadorianischen »Armenkrankenhaus«. Seine erwachsene Tochter, zu der er vor vielen Jahren den Kontakt verloren hatte, kam aus Kolumbien. Er war glücklich. »Vielleicht bin ich nur krank geworden, um sie wieder zu sehen«, strahlte er.

Nach der Operation wurde der mittellose Künstler nach wenigen Tagen entlassen – aber wohin? So landete er in unserem Gästezimmer. Wir kamen uns nahe, wurden jetzt wirklich zu Freunden, es war eine intensive Zeit. Der brasilianische Botschafter ließ ihn nach drei Monaten in ein neues Krebskrankenhaus in Brasilien schicken. Einen Tag vor dem Abflug lud Octavio mich ein: »Komm, besuch mich in Brasilien. In Bahia habe ich noch eine alte Villa am Strand. In ein paar Wochen bin ich wieder fit, und wir proben dann Ionescos Stück ›Delirium zu zweit‹. Ich umarmte ihn lachend und weinend.

Wenige Tage später starb er beim Zeitunglesen, schrieb uns ein junger Pfleger traurig: »Er war ein toller Mann.« Octavios Kinderaugen und seine Begeisterung für unsere Arbeit fehlen mir immer wieder. Sein Glaube, dass wir zusammen ganz groß rauskommen. Er wohnt in meinem Herzen.

Jetzt ist es weit nach Mitternacht, und so sind meine Gäste aus der Anderswelt wieder zurückgekehrt. Möge ihre Sonne nie untergehen. Die Kerzen sind erloschen. Der weiße Wolfshund und die getigerte Katze schlafen aneinander geschmiegt. Die Zigarre ist ausgegangen. Vor dem Fenster geht der fast volle Mond unter. Es ist schön zu leben. 


 

Max, seine Tante, der Reiher und die Kunst

Kleine Berliner Nachtgeschichte

 

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