List und Hinterlist – Ein Blick hinter die Kulissen großer Zigarrenmarken

Große Zigarrenmarken sind vielen Zigarrenliebhabern ein Begriff. Dass die Marken zu dem wurden, was sie darstellen, verdanken sie guten Ideen und der Umtriebigkeit ihrer Protagonisten. Manchmal stecken dahinter aber auch unsaubere Machenschaften und Betrug. Begeben wir uns also auf Spurensuche …

Eine andere Perspektive

Zigarren sind zunächst einmal einfach Zigarren. Sie unterscheiden sich vielleicht im Aussehen voneinander, indem sie sich mal heller oder dunkler, mal dicker oder dünner, mal länger oder kürzer präsentieren. Auch lassen sich die vielfältigsten Geschmacksrichtungen in ihnen erkennen. Dennoch ist ihnen eines gemeinsam: Zigarren bestehen aus Tabak, und so sollten wir es wie die Kubaner halten, die ganz banal meinen, eine Zigarre schmecke nach ebendiesem Tabak. Das ist die eine, die gemeinsame Seite.

Was vor allem jedoch eine Zigarre von einer anderen unterscheidet, das ist die Marke, die sie repräsentiert. Nicht selten ist sie es, welche der Zigarre die Aura verleiht, von der sie umgeben ist. Diesen Umstand vorausgesetzt, reicht es somit nicht aus, ein überaus gutes Produkt zu haben. Nein, es muss sich auch verkaufen. Deshalb genügt es nicht, vom eigenen Produkt überzeugt zu sein, sondern es gilt, auch andere für das Produkt zu gewinnen. Womit wir beim Thema wären: Die Aura einer jeden großen Zigarrenmarke wurde und wird nicht mit der Kreation der Zigarre selbst geboren, sondern musste und muss zusätzlich geschaffen werden. Das war und ist mitunter ein recht langer Weg …

Die Geschichte der Zigarre ist nicht zuletzt eine Geschichte innovativer Ideen. Menschen stecken dahinter, Menschen mit Zielen, welche die Vorstellung von einer Marke im Kopf hatten und diese Vorstellung letztendlich auch umgesetzt haben.

Nicht selten liest man von innovativen Begebenheiten, die vieles auf dem Zigarrenmarkt verändert haben, etwa davon, wer erstmals seine Zigarren in Kisten zu 25 Stück packte, wer die Bauchbinde erfand und wer die Lithographien. Die Bedeutung dieser Neuerungen soll nicht in Abrede gestellt werden – nur soll die Perspektive diesmal eine andere, aufschlussreichere sein: Was haben sich die Gründer von Zigarrenmarken beispielsweise bei der Namensfindung gedacht? Was haben sie getan, um ihre Marken zu etwas Besonderem werden zu lassen – und wozu waren sie unter Umständen bereit, um erfolgreich zu sein?

Die Kraft der Markennamen

oder

Nomen est omen

ROMEO Y JULIETA

»Nomen est omen.« Das wussten schon die alten Römer. Sicherlich nicht umsonst haben manche Zigarrenmarken bedeutende, wohlklingende und die Phantasie anregende Namen, so beispielsweise ›Romeo y Julieta‹. Namenspate dieser berühmten Havanna-Marke ist Shakespeares großes Drama Romeo und Julia. Liebe, Haß, Leidenschaft enden hier mit dem Tod. Das verkauft sich immer, dachten sich wohl die beiden Gründer der Marke, Inocencio Álvarez Rodríguez und José »Manin« García, als sie im Jahre 1873 diesen Namen für ihre Zigarren auswählten. Wobei die beiden Gründer den Überlieferungen zufolge sehr konservative und seriöse Geschäftsleute waren, ganz ohne Kalkül, das sie womöglich zu der Absicht verleitet haben könnte, auf triviale, plumpe, gar billige Weise ihre Zigarren ins rechte Licht zu rücken.

Im Gegenteil. Als Inocencio Álvarez den Entwurf für die Lithographie seiner Marke sah, jene, auf der Romeo den Balkon Julias mit Hilfe einer Leiter erklimmt, um ihr seine Liebe zu beteuern, echauffierte er sich über das Aussehen des Romeoschen »Hinterteils« und bezeichnete es als zu dick und als zu unanständig geraten: Romeo würde aussehen wie ein Homosexueller. Wobei er in seiner Wortwahl wohl eher auf einen Begriff zurückgegriffen hat, der in dieser Zeit üblich gewesen ist.

Vista der Zigarrenmarke Romeo y Julieta

Drei Jahrzehnte später, 1903, übernahm Don Pepin, mit bürgerlichem Namen José Rodríguez Fernández, die Marke ›Romeo y Julieta‹. Unter seiner Führung erlangte sie wirkliche Berühmtheit, denn er hatte die Zugkraft des Markennamens erkannt. Während eines Empfangs der ›Sociedad de Arquitectos‹ (›Gesellschaft der Architekten‹) im freizügigen Havanna dieser Zeit erklärte Don Pepin: »Man darf nicht außer Acht lassen, wie berühmt und bekannt diese Figuren von Shakespeare sind. Die Qualität des Theaterstücks zwingt mich, bei meinen Habanos ebenso erfolgreich und gut zu sein. Wie sagte schon der ›Barde von Avon‹ [gemeint ist Shakespeare]: Es gibt keine Geschichte der Liebe, die trauriger ist als die von Romeo und Julia.«

MONTECRISTO

Zu den überaus bekannten Havanna-Marken gehört zweifellos auch die ›Montecristo‹. Die Erwähnung dieses Markennamens ruft bei zahlreichen Zigarrenrauchern Assoziationen hervor. Einmal an einen der berühmtesten Abenteuerromane der Weltliteratur, verfasst von Alexandre Dumas dem Älteren, zum anderen an eine der zahlreichen Verfilmungen des Stoffs, beispielsweise mit Jean Marais, später auch mit Gérard Depardieu, beide jeweils in der Hauptrolle. Der Graf von Monte Christo: Die Vorlage ist ja auch dazu angetan, sie eindrucksvoll auf die Leinwand zu bannen, ja, fordert eine Verfilmung geradezu heraus. Auch dies eine Geschichte voller Liebe und Leidenschaft, dazu noch von Intrige und Verrat, von Grausamkeit und mörderischer Rache, schließlich vom Triumph des Guten.

Was hat wohl Alonso Menéndez, den Gründer der Marke, und Pepe García, seinen engsten Mitarbeiter, dazu bewogen, gerade diesen Namen zu wählen? Einer Version zufolge soll ebenjener Roman beim Vorlesen in den Fabriken eine wahre Begeisterung unter den Torcedores, den Zigarrenrollern, hervorgerufen haben, weshalb Menéndez und García den Namen des Romans als geeignet empfanden, um die neue Marke nach dem Werk des französischen Schriftstellers zu benennen.

Pepe García und Alonso Menéndez
Pepe García (links außen) und Alonso Menéndez (rechts außen)

 

Der Name könnte sich aber auch rein zufällig ergeben haben. Einer zweiten Version zufolge bestieg die Familie Menéndez während einer Reise einen Berg namens ›Altube‹ – und genoss von da aus einen wunderbaren Ausblick sowie ein aromatisches Getränk namens ›Lácrima Christi‹ (zu deutsch »Träne Christi«). Als Pepe García, der mitgereist war, laut »Lácrima Christi!« ausrief, warf das Echo seinen Ausspruch vielfach zurück. Aus »Lácrima Christi« wurde schnell »Monte Christi« (»Berg Christi«), schließlich ›Montecristo‹.

SANCHO PANZA

Dass ein »Nomen« offensichtlich wirklich ein »Omen« sein kann, zeigt sich sehr eindrucksvoll bei der Marke ›Sancho Panza‹. Es kann einem nämlich so ergehen wie dem treuen Begleiter des Don Quijote, der in dem weltbekannten Roman Der sinnreiche Junker Don Quijote von La Mancha  des Spaniers Miguel de Cervantes so manche labyrinthische Situation an der Seite seines Herrn zu bestehen hat. Man könnte mit viel Phantasie einige Parallelen zwischen dem Roman und dem Erfolg der Marke herstellen, wobei die Kongruenzen natürlich rein zufällig wären.

Der Name ›Sancho Panza‹ jedenfalls schien in der Tat ein schlechtes Omen für die Zigarren zu sein. Emilio Ohmstedt, der Gründer, hatte sich bestimmt nichts Schlechtes bei der Namenswahl gedacht. Doch schon dem ihm nachfolgenden Besitzer, Salvador Perito, widerfuhr mit seiner Marke ein Malheur nach dem anderen – und diese Missgeschicke müssen weitreichend gewesen sein: Der gebürtige Katalane ruinierte sich im Jahre 1898 vollständig, die Produktion der Zigarren wurde sogar eingestellt und die Marke schließlich für »fast nichts« an ›Muñozo, Alonso y Cia.‹ veräußert.

Sancho Panza, Zigarrenmarke, Vista

Auch ihnen war das Glück nicht hold: 1920 ging die Firma bankrott, und die britische Fondsgesellschaft ›Allones Limited‹ übernahm die ›Sancho Panza‹. Die Engländer allerdings schafften sich das »Pech von Sancho«, wie mittlerweile die Marke in Fachkreisen recht despektierlich genannt wurde, möglichst schnell vom Hals und verkauften sie an die angesehene Familie Cifuentes. Aber auch im Portfolio der ausgewiesenen Zigarren-Dynastie war der Marke kein Glück beschieden.

Erst an der Seite einer anderen großen Marke, der ›El Rey del Mundo‹, ging es für die ›Sancho Panza‹ wieder bergauf. Wie schon gesagt: Parallelen zwischen Marke und Romangestalten sind rein zufällig …

Im Bann der Liebenden

ROMEO Y JULIETA

Ein Name allein ist noch lange nicht alles. Was es heißt, eine Idee zu haben und sie konsequent umzusetzen, sie quasi »zu leben«, zeigte Don Pepin. Wir sind wieder bei den Liebenden, bei Romeo und Julia, genauer gesagt bei der Marke ›Romeo y Julieta‹.

Don Pepins Charakter war geprägt von einer gewissen arglosen Kühnheit. Fast wie ein Kind, das eine bestimmte Sache unbedingt haben will, verwendete er all seine Sturheit und Vorstellungskraft darauf, seinen Willen stets durchzusetzen. Seine Konkurrenten nannten ihn zuweilen »Shakesperito«, »Kleiner Shakespeare«, schätzten ihn einerseits als Geschäftsmann mit weitreichenden Verbindungen innerhalb und außerhalb Kubas, bezeichneten ihn aber auch als romantischen Träumer.

Mit seiner entwaffnenden Naivität machte er sich auf zu einer Reise nach Italien. Sein Ziel war die Stadt Verona. Hier angekommen, traf er sich mit dem Bürgermeister Veronas sowie Mitgliedern der Stadtverwaltung, um mit ihnen seinen Unternehmenstraum zu besprechen. »Ich komme«, fing er an, »um Ihnen eine Menge Geld anzubieten und um Sie zu bitten, mir zu gestatten, den ›Palazzo Capuleto‹ zu kaufen. Jenen Palazzo, welcher den schönen Balkon hat, auf dem sich Romeo und Julia heimlich getroffen haben.«

Der Balkon Romeos und Julias in Verona
Der Balkon Romeos und Julias in Verona

 

Welches Ziel verfolgte Don Pepin mit solch einem »verrückten« Unternehmen? Er beabsichtigte nichts weniger als die Einrichtung eines Geschäfts, in welchem er seine ›Romeos y Julieta‹ anbieten und verkaufen wollte.

Don Pepin, der vor Millionen strotzende Mann aus Kuba, war aber noch nicht fertig: »Stellen Sie sich vor, was das für einen Raucher bedeutet, in den Räumen rauchen zu dürfen, in denen sich die jungen Verliebten getroffen haben! Es wäre das größte, eine junge Signorina, schön wie Julia, auf den Balkon hinaustreten zu lassen, gemeinsam mit meinen Kunden, die meine Zigarren rauchen.«

Die verblüfft dreinschauenden Honoratioren der Stadt mochten sich noch nicht einmal mit dem Gedanken anfreunden, sich das skizzierte Szenario auch nur vage vorzustellen. Sie lehnten das Begehren Don Pepins rundweg ab, obwohl finanzielle Mittel zur Restaurierung des Palazzo dringend notwendig gewesen wären. Dieser historische Ort sei nicht geeignet für ein Geschäft, in dem Tabakprodukte verkauft würden, und noch weniger für eine Clownerie wie jene, die der Millionär im Sinn habe, begründeten sie Don Pepin gegenüber ihre Entscheidung.

Aber nein, Don Pepin war wegen der Zurückweisung und der Ablehnung der Veronesen nicht deprimiert … ein bisschen vielleicht, nicht mehr. Denn: Jeder Besucher, der in Verona weilte und die ›Casa Giulietta‹ in der Via Capello № 23 aufsuchte, um das ›Haus der Julia‹ mit dem berühmten Balkon zu besichtigen – wirklich jeder Besucher, der es wünschte, erhielt auf Geheiß des Multimillionärs eine Havanna der Marke ›Romeo y Julieta‹ überreicht. Letzteres war dem Inhaber (und zugleich größten Verehrer) der Marke von den Veroneser Stadtvätern gestattet worden, wohl als Trost für die Ablehnung, das Anwesen in der Altstadt käuflich zu erwerben. Somit konnte so mancher Besucher der nord­italienischen Stadt nicht nur Eindrücke vom Schauplatz des Shakespeareschen Dramas, sondern auch eine kubanische ›Romeo y Julieta‹ mit nach Hause nehmen.

Nachdem der Erwerb des Palazzo gescheitert war, begab sich Don Pepin kurz darauf nach Frankreich. Dort nahm seine Stute ›Julia‹, ein feuriges Exemplar, an einem Galopprennen teil. Der spleenige Multimillionär ließ die schnelle Pferdedame auf allen großen europäischen Bahnen des Turfsports – im nahe London gelegenen Ascot ebenso wie im Pariser Bois de Boulogne – gegen die besten Galopper der Welt antreten. Auch die vierbeinige ›Julia‹ trug sonach zur dynamischen Steigerung des Bekanntheitsgrads bei, den die kubanische Marke in den Jahren bis zum Zweiten Weltkrieg erwarb.

Trotz andersartiger Erfolge mochte sich Don Pepin dennoch nicht mit dem verhinderten Kauf des Palazzo anfreunden. Die Entscheidung der »blinden« Italiener nagte an ihm. Der Verehrer des berühmtesten Liebespaares der Weltgeschichte kompensierte das Ganze auf seine Art: Er ließ eine exakte Kopie des »Balkons der Liebenden« in den Innenhof seiner Fabrik bauen, die sich in der Calle Belascoin in Havanna befand. Dieses Haus, heute fast eine Ruine, wurde in den zurückliegenden Jahren vor allem als Wohnhaus genutzt, zum Teil auch als Parkhaus. Es grenzt an ein Wunder … aber der steil aufragende Balkon der Julieta war bis vor kurzem noch erhalten. Erst jetzt ist er dem Abriss anheimgefallen; nur noch die Fassade dieser ehemals wunderschönen Fabrik und ein Mittelteil des Gebäudes stehen noch. Den Anwohnern ringsum ist dieser einzigartige Balkon noch immer gut in Erinnerung.

Überaus charmant und mit Brillanten im Gepäck

MARÍA GUERRERO

Don Pepin … weder ruhte noch rastete er. Neben den Anstrengungen für seine ›Romeo y Julieta‹ widmete er sich auch der Kreation weiterer Marken. Während einer Schiffsüberfahrt beispielsweise traf er die damals berühmte Schauspielerin María Guerrero, unübertroffen in ihrer Darstellung der »Kameliendame«.

Mit Tausenden von Schmeicheleien und einer Brillantbrosche im Gepäck bat er sie, ihren Namen für eine seiner Marken verwenden zu dürfen. Irgendwann gab sie seinem Ansinnen nach, wobei nicht bekannt ist, ob es die charmanten Worte waren, welche die Mimin erweichten, oder ob die wertvolle Brosche das brillantere Argument lieferte.

María Guerrero; Von http://www.educa.madrid.org/web/ies.mariaguerrero.colladovillalba/inicio/biografia.html, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=2747339
María Guerrero
Vista der Marke María Guerrero
Vista der Marke ›María Guerrero‹

CAROLINA OTÉRO

Auf einer anderen Reise, nach einer Atlantik-Überquerung, traf José Rodríguez Fernández, den die meisten nach wie vor unter dem Namen »Don Pepin« kannten, in Frankreich auf den Vamp Carolina Otéro. Bis dato hatte die verführerische Dame mehr als einen Bankier ruiniert und mehr als ein gekröntes Haupt der europäi­schen Monarchie liebesverrückt gemacht.

Als nun der Kubaner José Rodríguez Fernández auf die Spanierin Carolina Otéro traf, war das für ihn das Signal, erneut tief in seine Kiste mit den vielgestaltigsten Schmeicheleien zu greifen: »Señorita Otéro, stellen Sie sich vor: Sie auf einer meiner Lithographien! Welche Wirkung für die Kunst, wenn Sie in einer Reihe mit Persönlichkeiten wie Marc Antonio und Cleopatra, dem König von England und Victor Hugo stünden!«

Carolina Otéro; By Léopold-Émile Reutlinger - Transferred from de.wikipedia to Commons. (Original uploader was HelenaL at de.wikipedia), Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=2190946
Carolina Otéro

 

Die so Umschmeichelte war für den kreolischen Charme des Don Pepin anscheinend nicht so empfänglich wie María Guerrero. Ungerührt erwiderte sie: »Erstens: Ich bin schon seit langer Zeit keine Señorita mehr. Und zweitens: Ich bin ich, und ich allein zähle. Ich mache für Sie, was Sie wollen – wenn der Preis stimmt.« Das war eine klare Aussage.

Die Bezahlung scheint generös gewesen zu sein, denn die »Schöne« (gemeint ist die Otéro) findet sich auf einer Reihe wundervoller Lithographien inmitten von Engelsdarstellungen, umrahmt von goldenen Medaillen und von Rosen, flankiert von den wohlbekannten Indianern mit ihren Federbuschhelmen.

… mit Bauchbinden aus massivem Gold …

auf einem Tablett aus Jade

RAMÓN ALLONES

Auch Ramón Allones zählt zu denjenigen Menschen in der Zigarrengeschichte, die unsere Aufmerksamkeit verdienen, weil sie mit Entschlusskraft und Kreativität beinahe aus dem Nichts heraus etwas Großes geschaffen haben.

Allones kam im Jahre 1830 als galizischer Einwanderer auf Kuba an. Er entstieg dem Teil des Schiffs, in dem die Armen reisten. In seinem Besitz befand sich nur das, was er am Leibe trug: eine Cordhose, eine Filzmütze sowie abgelaufene Leinenschuhe, deren bessere Tage schon lange hinter ihnen lagen. Geradezu mit dem Nimbus der Legende behaftet erscheint die Geschichte, die über Allones erzählt wird: Kaum hatte er kubanischen Boden betreten, sah er eine Goldmünze vor sich auf der Erde liegen. Mit einem Fußtritt schleuderte er sie voller Verachtung mit den Worten ins Wasser: »Schon jetzt fangen sie an, mich zu verfolgen. Aber wartet, bald werde ich sehr viele von euch [Münzen] haben.«

Vielleicht weil er selbst aus recht armen Verhältnissen stammte, war bei ihm ein gewisser Hang zum Luxus zu erkennen. Aber dieser Umstand fand nicht, wie eventuell zu vermuten, Ausdruck in seinem Habitus. Nein, luxuriös sollten ausschließlich seine Zigarren sein – und deren Präsentation. Allones ist beispielsweise nachweislich der erste (um an dieser Stelle doch einmal einen »Meilenstein« in der Zigarrengeschichte zu erwähnen), der seine Zigarrenkisten mit vielfarbigen Lithographien verzierte. Schauen wir uns diese Lithographien an: Es sind wahre Kunstwerke, üppig, beinahe überladen, mit goldenen Medaillen und Schleifen. Seine Form der Präsentation hatte Erfolg: Sie fand großen Zuspruch bei den Rauchern auf der ganzen Welt … und schnell Nachahmer bei den Herstellern anderer Zigarrenmarken.

Vista der Zigarrenmarke Sancho Panza

Vista der Zigarrenmarke Sancho Panza

Vista der Zigarrenmarke Sancho Panza

Angeregt durch seinen Erfolg, warb Allones mit einer nicht gerade alltäglichen »Auszeichnung«, die da lautete: »Hoflieferant Seiner Königlichen Hoheit von Spanien«. Das auf den Kisten der Marke abgebildete Wappen ist denn auch das des spanischen Königshauses. Ramón Allones bezeichnete sich, so wird berichtet, daneben als »Hoflieferant des Khedive von Ägypten«. ›Khedive‹ – so lautete der Titel der osmanischen Vizekönige von Ägypten (der ab November 1914, nach der Ausrufung des britischen Protektorats über das Land der Pyramiden, in ›Sultan‹ umgewandelt wurde).

»Hoflieferant des Khedive von Ägypten« – das klingt sehr nach Prahlerei, entspricht aber den Tatsachen: Zur Eröffnung des Suezkanals im Jahre 1869 gab der Khedive von Ägypten beim gebürtigen Galizier eine Sonderserie in Auftrag. Die mit Bauchbinden aus massivem Gold umzierten Zigarren wurden den anwesenden Gästen, unter ihnen Ramón Allones, auf einem Tablett aus Jade dargeboten. Unter den Gästen befand sich auch Giuseppe Verdi, dessen Oper Aida – das monumentale Musikstück spielt zur Zeit der Pharaonen – zwei Jahre später in Kairo uraufgeführt wurde.

Sechs gekreuzte Degen und eine Lilie: Schlicht und elegant

MONTECRISTO

Ganz im Gegensatz zur prunkvollen Darstellung vieler anderer Zigarrenmarken besticht das Layout der Marke ›Montecristo‹ durch schlichte Eleganz. Für den Markengründer Alonso Menéndez und seinen engsten Mitarbeiter Pepe García (der ein Jahr nach Erscheinen der ›Montecristo‹ sein Partner wurde) gab es nur ein Ziel: eine Zigarre zu schaffen von ausgesuchter Qualität und vollendeter Perfektion. Auch der Auftritt sollte etwas Besonderes sein – was er denn auch war: Die Aufmachung präsentiert sich zurückhaltend und dennoch edel.

Zigarrenmarke Montecristo,

Bei der Gestaltung des Logos gingen die beiden völlig neue Wege: keine verspielten Details, keine Engelchen, keine Frauen, keine Medaillen, auch keine Rosen. Das Logo zeigt sechs gekreuzte Degen und in der Mitte eine Lilie. Schlichtheit und Purismus in der schönsten Form. Kritiker bemerkten schnell, so etwas würde sich nicht verkaufen, denn die Raucher auf der ganzen Welt wären an üppige, mit Gold und Schmuckwerk überladene Darstellungen gewöhnt. Die Beckmesser sollten sich irren.

Betrügerisch und ohne jeden Skrupel

JOSÉ GENER

Die Geschichte der Zigarre ist aber nicht nur eine Geschichte guter Ideen, sie ist auch eine Geschichte des Betrugs und der unlauteren Mittel …

Viele katalanische Emigranten brachten neben ihrem Fleiß ihr Genie mit nach Kuba, und viele Bankiers, Musiker und Wissenschaftler, die ebenfalls auf Kuba ein neues Zuhause gefunden hatten, beeinflußten den Geist der Einwanderer. Eine Familie unter ihnen genoss für ihre Arbeit und ihre Rechtschaffenheit den besonderen Respekt der Einheimischen. Der Name dieser Familie: Gener.

Nahezu jede Familie hat ihr schwarzes Schaf. Manchmal versagen in der Natur die Gene, und wenn sie es tun, dann oftmals richtig. So auch hier: Ein Mann vereinte all jene schlechten, abstoßenden, unangenehmen Eigenschaften, die den übrigen Familienmitgliedern unbekannt waren, in seiner Person. Der Name dieses Mannes: José Gener.

Er kam in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts nach Kuba. Dieser Mann, beinahe Analphabet, aber mit dem Auftreten eines Herrschers, hatte anderen Menschen gegenüber weder Respekt noch Skrupel – selbst die Angehörigen seiner Familie bildeten da keine Ausnahme.

Im Jahre 1851 nahm er Geld von seinem Onkel an, der eine Zigarrenfabrik besaß – angeblich, um seine erste eigene Fabrik zu gründen. So jedenfalls wurde es sich in Havanna erzählt. Kurz darauf kaufte José Gener mit hinterlistigen Methoden Plantagen in der Vuelta Abajo auf – ungeklärte »Geldabzweigungen« sollen hierfür die finanzielle Grundlage geschaffen haben. Unter den Plantagen waren so bedeutende wie die Vega ›La Majagua‹ und die Vega ›Hoyo de Monterrey‹ in San Juan y Martinez. Noch heute findet der Besucher in diesem verschlafenen Ort ein handgearbeitetes Gitter, das seinen Namen trägt. Es befindet sich am Eingang zu besagter Plantage.

Vista von Hoyo de Monterrey, José Gener

Mit dem Instinkt eines Spürhunds hatte José Gener recht schnell eines begriffen: Es war lohnender, Zigarren herzustellen, als Rohtabak zu verkaufen. Um sein Ziel relativ problemlos zu erreichen, brauchte er »nur« das gesamte Familiengeschäft in seine Hand zu bringen. Der erste (und wichtigste) Schritt hierzu war derjenige, seinen Onkel aus dem Geschäft zu drängen. Diese Arbeit war bald getan: Im Jahre 1867 warf er ihn regelrecht auf die Straße. Drei Jahre darauf fälschte er dann nachweislich Papiere und ließ damit seine perfide Vorstellung Realität werden: Sämtliche seiner Verwandten, also alle Familienangehörigen, waren zu einfachen Angestellten degradiert worden.

Mit dem Geld seiner Ehefrau – sie stammte, so heißt es, aus wohlhabendem Hause – gründete er die Marke ›La Escepción‹, geschrieben mit einem »s« statt mit einem »x«. Als ein Angestellter ihn unter Aufbietung sämtlicher Entschuldigungen auf diese Schreibweise und einen möglichen Fehler hinwies, antwortete er wutentbrannt, dabei den armen Kerl bösartig beschimpfend: »Ich nenne meine Zigarren so, wie es mir gefällt!« Dann schlug er dem Angestellten, der von Kopf bis Fuß zitterte, die Tür ungemein heftig vor der Nase zu, worauf dem Schild, das über der Tür hing und die spanische Krone zeigte, gar nichts anderes übrigblieb, als das Gesetz der Erdanziehungskraft in die Praxis umzusetzen und zu Boden zu fallen.

Die Grobheit des José Gener seinen Arbeitern gegenüber bekam jeder in der Fabrik ›La Escepción‹ zu spüren. Am schlimmsten erging es den Lehrlingen. Diejenigen, die ihre Arbeit nicht zu seiner vollkommenen Zufriedenheit verrichteten, wurden bis zum folgenden Tag in einen hierfür vorgesehenen Fabrikraum gesperrt. Damit nicht genug: Darüber hinaus wurden sie auch noch gefesselt! Einmal, eines Morgens in der Frühe, brach in diesem Raum ein Feuer aus, und zwei Jugendliche verbrannten lebendigen Leibes.

José Gener war nicht nur skrupellos, sondern auch zeit seines Lebens geprägt von tiefsitzendem Haß, mit dem er die Bestrebungen der kreolischen Einheimischen nach Freiheit und Selbstbestimmung verfolgte. So forderte er einmal vom Kommandanten der Kolonialregierung, einen Erschießungstrupp für jene acht Medizinstudenten aufzustellen, die ungerechterweise angeklagt waren, das Grab eines spanischen Journalisten – sein Name war Gonzalo Castañon – geschändet zu haben.

Wie dem auch sei: Trotz seiner rüden Verhaltensweisen hatte José Gener Erfolg. Nach 30 Jahren des Hasses auf jeden und alles wuchs sein Stolz in dem Maße, in dem seine Marken ›Gener‹, ›Hoyo de Monterrey‹ und ›La Escepción‹ durch ihre überragende Qualität weltweite Anerkennung erfuhren.

Die Unabhängigkeit Kubas rückte immer näher, und mit Anbruch des Jahres 1900 wurde José Gener ganz plötzlich von einem heftigen Fieber und seltsamen Schmerzen befallen. Dem folgten verschiedene Leiden, und bald erwarteten viele mit Ungeduld (und Vorfreude) seinen Tod. Einige behaupteten, er habe beschlossen zu sterben, weil er aus Stolz das ablehne, was nun ganz offensichtlich unausweichlich sei: die Ausrufung Kubas zur Republik.

Es gibt eine einzige Version, derzufolge José Gener bereits im Jahre 1895 Kuba mit den Worten verlassen haben soll: »Diese Insel der Indios hat mir nichts mehr zu geben.« Danach soll er 1900 in seiner Geburtsstadt Tarragona gestorben und auch dort begraben worden sein.

Andererseits existiert ein geradezu absurd anmutender Bericht über sein Begräbnis auf Kuba, erstmals erschienen in damaliger Zeit, nochmals publiziert in einem Bericht über Havanna aus dem Jahre 1943: »Beim Begräbnis des Habanero José Gener y Batet, ein vermögender Mann des Tabakhandels, waren zahlreiche Trauergäste anwesend sowie eine Vielzahl seiner Angestellten. Im folgenden kam es zu einem ungesitteten Akt, welcher die Disziplinlosigkeit zeigt, die von dieser Insel Besitz ergriffen hatte. Die Trauernden liefen in die neben dem Friedhof liegenden Wohnviertel, um dort Zuflucht zu suchen, während die gottlosen Kreolen einen Steinregen veranstalteten und Säcke voller Ratten, Katzen und Hunde bis hin zu Krebsen auf die Trauernden warfen, was von den verschiedenen Dachterrassen aus kinderleicht war.« Die Sitten im Kuba der vorletzten Jahrhundertwende scheinen doch recht roh gewesen zu sein.

Wie auch immer Gevatter Tod den José Gener heimgesucht hat: Weder Angehörige noch Mitarbeiter werden zahlreiche Tränen tiefer Trauer vergossen haben …


Seltsam also so manche Handlung, die mit der Geburt einer Zigarrenmarke einhergeht, skurril auch diverse Begleitumstände, die mit dem Aufstieg bestimmter Marken verbunden sind – und hin und wieder, wie bei der letzten Geschichte, mehr als bizarr der Abschied eines der Apologeten von der Bühne, die sie sich selbst gezimmert haben. 

 

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